Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 29 (21.7.1905)
- Date
- 1905-07-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 346 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 29 Halt gemacht wird. Zum ersten Male seit dem Bestehen des Kongrcsszionisnius soll das Baseler Programm — neben dem Kongresse die bedeutendste Schöpfung Herzls —in Frage gestellt werden, auf dem Kongresse, der nichts weiter sein soll, als der Weg, um das Programm in die Wirklichkeit umzusetzen. Es ist kein Zweifel, dass die weitaus grosse Mehrheit wie ein bronzener Block zusammenstehen •wird, um der Zerstörung!dieses Grund- Pfeilers unseres Parieibaues zu wehren; aber dass Oberhaupt ein solcher Antrag möglich sein wird, ist von grosser Bedeutung und zeigt, wie sehr der Mann fehlt, der diesen ersten Pfeiler eingesetzt hat für die öffentlieh-rechtlich gesicherte Heimstätte, die er für das Jüdische Volk in Palästina geschaffen wissen wollte. Die. Territorialistcngruppc, die sich hinter Dr. Mandel- Stamms und Rabbiner Reines’ politischer Partei zusammengefunde;!! hat, wiYd zwar keinen Erfolg auf dem Kongress haben, aber es ist nicht zu verkennen, dass der unverrückbare Angelpunkt des Zionismus ins Schwanken kommt, wcnVi man cs versuchen darf, das Programm in Frage zu stellen. Wieder steht das Organisationsstatut zur Beratung. Denn der Tod des einen Mannes, der in allen Lagen und Fährnissen die Organisation aufrecht zu erhalten wusste, macht die grundlegende Umgestaltung des Parteiorganfsmus zur Notwendigkeit. Auch dabei werden alle die divergierenden Richtungen zum Ausdruck komme.!, die nach vorn und nach hinten, nach rechts und nach links am Zionismus zerren, am allerwenigsten leider nach vorn. Man glaubte ein Dreimär.nerkollcgium zmn Ersätze des einen Führers ins Leben nifch zu können, 1r»d hat cs noch vor dem Kongresse wirklich erreicht, dem Zionismus diesen glückiichdn Notbehelf nach’ Herzte Tode zu zerstören. Dadurch hat man die böseste Situation vor sich, nämlich die 'der Ueberraschung. Und ob es rätlich ist, auf dem Kongresse unvorbereitet ein Partcäiaupt dem Zionismus zu setzen, mögen d i c entscheiden, die •es für geeignet erachteten, den Kongress in diese Lage kommen zu lassen. Aber c!> steht zu hoffen, dass die Besonnenheit der Mehrheit den Kongress davor bewahren wird, einen Beschluss zu fassen, den die Partei busseii müsste. Die wesentliche Unterlage der Kongressdiskussion bietetsonst der Bericht des Aktionskomitees. Die teilweise Lahmlegung dieser obersten Parteibchöfdc durch den Tod ihres Präsidenten wird in diesem Jahre den Bcrieht weniger bedeutungsvoll gestaltet sch! lassen, als das sonst der Fall war. Aber er wird in dem Bericht der ständigen Paiästinakommission eine nicht unbedeutende Ergänzung finden. Die Einsetzung ‘dieser Kommission mit - einem festen Etat war ein weiterer Schritt des Köln grosses auf dem Wege, den dTe Grühdimg der Argle-Palcstine Company inauguriert hat. Er kann den Anfang einer fruchtbaren Gcgcnwartsarhclt in Palästina bedeuten, ohr.o mit dem alten Herzlschcn Grundsatz zu brechen, kerie Infiltration von Juden nach Palästina zu veranlassen. In diesem Sinne müssen wir die Oegcnwartsarbcit tn Palästina wirksam fortzusetzen trachten, wirtschaftlich und wissenschaftlich Palästina fiir uns zu erschlossen, irden! wir die in dem Lande von uns Vorgefundenen Juden in eine sesshafte, sozial arbeitende eiiiheUHche Volksmasse umwandcln. Die Fortsetzung dieser bereits unter und von Herz] bcgennerxmf Oegcnwartsarbcit w ird die nächste Etappe auf unserem Wege sein, die keinen׳ Bruch mit Herzlsdier Politik bedeuten wird. Das wird auch denen die Fruchtlosigkeit de.s Ostafrikaproiektes geniessbar rhcLdl? bjs 7"hty:t vcrswMich darauf hofften, dass die entsat'idtc Kommission einen! günstigen Bericht heimbringen werde. Vielleicht hat schon dex Ostafrikastreit die glückliche Geburt der Palästinakoinmissidn, die sonst vielleicht schwieriger geworden wäre, auf dem sechsten Kongresse in günstigem Steine beeinflusst. Jetzt möge nun auch bei allen denen, düe mit aufrichtiger und (ehrlicher Gesinnung in dem Britischen Angebot eine Hilfe für unsere Unglücklichen zu sehen glaubten, die intensive Palästinaarbeit der Eckstein werden, auf dem der politische Zionismus weiter baut. Denn dariibcr müssen wir uns alle klar sein, dass auch letzt nur insoweit die Arbeit in Palästina fortgesetzt werden soll, als sie zweckdienlich ist für die künftige Erreichung einer öffentlichen-rechtlichen Sicherung. Aber in diesem Rahmen können! wir schon heute unendlich1 viel In Palästina tun. Wie die Palästinaarbeit, die trotz efyes Warbiirg in unserer P.-K., doch nur erst Anfänge zu zeitigen vermochte, neue Bahnen eh!schlagen muss, die nicht eben bloss landwirtschaftlicher uhd kolonisatorischer Art bleibei! 'dürfen, so muss auch die Propaganda neu belebt werden, die unter dem lähmenden Banne des schweren Unglücks, das uns betroffen., einzusclilafcn droht׳?. Dazu kommen die ganz neuen Verhältnisse, die eine völlig andere Art der Arbeit grade in dem Lande erheischen, in dem die grosse Mehrzahl unserer Bruder uhd GesinnnYigsgenossen wohnt. Aber wenn wir auch der gegenwärtigen Lage daselbst sehr wohl Beachtung schenken, wenn wir auch auf die zukünftige Gestaltung diese•־ Vcrhältnisse ein wachsames Auge haben müssen, so dürfen wir doch keinen Augenblick vergessen, dass der Kongress keine landsmaanschaftlichc Versammlung ist, und muss־?!! m’t aller Entschiedenheit jeden Versuch zurückweisen, auf dem Kongresse für eibc bestimmte politische Richtung oder gegen eine bestimmte Rcgierudgsform in irgciU cLien! Lande Stellung zu nehmen. Und viel mehr als in sonstigen Jahren und mit weit mehr Aussichten auf Oelöigerj werden solche Versuche und Versuchungen an 1111s he ran treten, die wir im Interesse der Gesamt- Partei zu rück weisen müssen ubd werden; Denn wir wollen das Jüdische Volk vertreten und ־nicht eine bcstimmte Landsmannschaft und sei cs auch die grösste. Von der weitaus grössten Wichtigkeit wird cs auch sein, dass auf 'diesem Kongress das Bankstatut geändert werden, d. h.. dass cs zu seiner rechtlichen Grundlage wieder zu rückgeführt werdch muss, die auf dem III. Kon- *ress zu Unrecht verlassen wurde. Dabei muss es der Bnnk gestattet bleiben, im ganzen Orient Filialen zu erfinden und kaufmännische Geschäfte zu treiben, denn eine Bank würde schweren Schaden lefddi. wenn sie *Hi von vornherein auf ein engbegrenztes Gebiet festleeen wollte, ehe dieses wirtschaftlich entwickelt wäre. Aher etwas ganz anderes ist cs natürlich, wenn wir wünschen, dass die Bank die Geschäftsmöglichkeit ln! va'nzen vorderen Orient hat. m»d wenn wir ausdrücklich Ihre Kolonisationstätigkeit auf Palästina allein beschräuken müssen, wobei wir hier nicht darüber streiten• wollen, mo die historische Südgrenze Palästinas zu suchen Nt. Dassdaeegcnder Natioualfond ausschlieslich fiir Palästina inbetracht kommt, ׳dass er nirgends dazu dienen darf, «'־׳gend welcher versteckten oder offene•! Landspekula- »•n״ nahe oder fern voi! Palästina als Mittel zu dienen «^t selbstverständlich. Bei .,der Legalisierung des Natioiialfoilds wird es daher nicht überflüssig sein, ausdrucklich festzustcllcn, dass er nicht fiir ausser palästi- Hsclic Länder, auch nlkcht für Nachbar!-! und Nebenlänocr irgendwelcher Art benutzt werden darf. Seine geringe Höhe verbietet das ja ohnehin in den! Augen jedes Einsichtigen.