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Jüdische Rundschau · 1903-07-24 · Heft 30 (24.7.1903) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VIII (1903)
Issue
Heft 30 (24.7.1903)
Date
1903-07-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
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So erzählen die Hellenen von Antaios, den Herakles nur dadurch bewältigen konnte, dass er ihn so hoch hob, dass er mit den Füssen nicht mehr den Hoden erreichte, der ihm die Kraft spendete. Ganz ähnlich erzählen die russischen Bulini von Ilja Muramets. der im Kampfe den ins Land getallencn chazarischen Riesen ShidowiiP) nur dadurch tiberwindet, dass er sich gegen den Hoden stemmt, durch den sich seine Kraft vervielfältigt. Es hängt dieser Zug der Sage mit dem Glauben an die Autotochtlionie zusammen, mit der Meinung, dass die Völker einmal aus dem Hoden Iiervorgew aehsen sein mögen, auf dem sie leben. Trotz der mythologische!» Entstehung und des mythischen Gewandes hat aber der Volksglaube insofern Recht, als der vaterländische Boden die Wurzel der Kraft einer Nation bleibt, und der Stamm, dem das teste Erdreich inner den Eiissen fehlt, dem der Boden unter den Sohlen schwankt, des besten und festesten Stützpunkts seiner Kraft entbehrt. Darin liegt die unverwiistliehe Kraft des Polentums, dass cs auf seinem eigenen, angestammten Boden sitzt, und dass cs dieselbe Scholle ist, die der späte Nachkomme heute bebaut, die einst sein Ahne in grauer Vorzeit in Besitz nahm. Und ebenso hängt das Armeniertum in der Luft, weil es kein Land Armenien gibt, weil cs nirgends einen Ort gibt, wo dies Volk in kompakter Masse sitzt, wo! es die Majorität oder auch nur eine achtunggebietende Minorität bildet. Mehr noch als die Armenier sind die Juden, die eine neuere Rassentheorie zu Stammverwandten der 1 Armenier machen will, aus dem heimatlichen Boden gerissen worden. Denn wenn die christlichen Armenier freiwillig um des gewinnbringenden Handels wegen der Heimat den Rücken gekehrt haben, so wurden die Juden durch die Gewalt der grössten Macht, die je auf dieser Erde in einer . Hand war, aus dem kleinen Heimatland• eben herausgerissen und seitdem durch die Völker christlicher Kultur mit unendlicher Grausamkeit von einem Lande zum andern gejagt. Hat doch der Christliehe Glaube nicht Anstand genommen, cs zu einem Postulat seiner eigenen Existenz zu erheben, dass das •) Etwa ״Judemann“ auf Deutsch. jüdische \o!k nicht eher wieder Ruhe nnden wurde u J dürfe, als bis die Welt sieh ihrem Ende nähere und der längst von dieser Erde abgeschiedene Siiiter des , Christentums zu einer Apokatästasis Pant״n w ieder- ן kehre. Und damit der Glaube an diese ewige Ruhe- I und Heimatlosigkeit nicht etwa trüge, hat man der Erj iüllung des Glaubenssatzes getreulich mit starken! Arme I nachgehclicn. So gingen denn auch die meisten Juden- I Verfolgungen und Judenvertreibungen teils direkt von j den Vertretern der Religion aus, die sich die Religion | der Liebe nennt, teils wurden sic von ihnen zum min- ן desten gut geheissen. Jedenfalls wird, soweit die curopäisch-diristliche Kultur gedrungen ist, es für eines ihrer vernehmlichsten Erfordernisse gehalten, dass die Juden in ihrem Bereiche als Menschen zweiter Klasse angesehen werden. Es ist dafür bezeichnend, dass in einem deutschen Buche, das auf seinem Titelbatte von einer 18. Auflage spricht, ein Abschnitt mit dem schönen Satze beginnt: ..Zugegeben, die Juden seien Menschen“. Wie entsetzlich schwach das Judentum in dieser Umgebung und infolge dieser Geschichte geworden ist, ist dem nicht verborgen, der auch nur ganz wenig von den heutigen Zuständen in der jüdischen Nation kennt, von der entsetzlichen Lage, in der sich mehr als ״/!.! unseres gesamten Stammes befinden und von der beispiellosen Fahnenflucht, die sich jener Kreise bemächtigt hat, die ein wenig irischere und freiere Luft geatmet haben, und reich geworden, ihrem Volke entschieden den Rücken kehren. Und in dem zerstreuten Volke kennt kaum einer die Lage des gesamten Volkes, und ein Teil weiss nichts vom andern. Der Boden schwankt unter den Füssen unserer Brüder auch in den w estlichen Ländern, und sie halten es für einen Tanz, den sie mit ihren Beinen machen. Wir sind ein Abbild des Riesen Antaios, den ein Herakles vom mütterlichen Boden fortgerissen hat. den er hoch oben emporhebt und in wilder Umarmung erdrückt. Man hat uns anstelle des Bodens ein geistiges Zentrum verheissen. Man hat von einer jüdischen Kultur gesprochen und hat die ersten Versuche einer neuen jüdischen Kunst glücklich geschaffen. Und wir, die wir im Nationalismus nicht die politische Macht, sondern die individuelle Geistesentwicklung der Nationen erblicken, müssen gestehn, dass diese Theorie etwas unendlich Bestechendes für uns hat. Müssen wir doch zugeben, dass das Endziel unserer Wicdcrgeburtsbeweg:::5g die Schaffung einer jüdischen Eigenart sein muss, die r t

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