Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1903)
- Date
- 1903-05-15
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 196. JUdigche Rundsciiau. No, 20.. Ein schweres Unglück hat unser Volk bctrofien! Eine blühende jüdische Gemeinde ist vernichtet worden. Tausende unserer Brüder und Schwestern, Greise und Kinder, Männer und Frauen, sind ohne 1Obdach und ohne den Bissen Brot, um ihren Hunger zu stillen. Mit unmenscliliclier Grausamkeit hat man in Kischinew den Juden mit roher Gewalt die Liebe ins Gesicht geschrieben, in deren Namen man uns seit zwei Jahrtausenden verfolgt. Man hat nicht Alter und Geschlecht verschont, und hat sich mit dem Mute, der unsern Verfolgern eigen ist, die Wehrlosesten ausgesucht, um sic zu ermorden und unter Qualen abzuschlachten, die wir nur vom Hörensagen zu kennen glaubten an den finstersten Zeiten mittelalterlicher Verfolgung. Die spanische Inquisition ist übertroffen. . Tausende armer Waisenkinder, denen man den Vater und Ernährer ermordet hat, liegen auf der Strasse hilflos und müssen verhungern, wenn ihnen nicht durch die Hand der jüdischen Brüder und Schwestern geholien wird. Tausende von Familien sind um Hab und Gut gebracht, sind bettelarm geworden und wisset: nicht, womit sic den Hunger ihrer Kinder stillen, und womit sie die Blössc ihres Leibes decken sollen. Und warum dies Elend? eil sie Juden sind! Wenige Tropfen Wasser und wenige billige Heuchelei genügt, tun sich von den Verfolgten loszusagen und in die Reihen der Verfolger cinzutreten. Aber ein Schurke ist, der diesen Weg betritt, um lieber zu der. Verfolgern zti gehören denn zu den Verfolgten! Mit unendlicher Zähigkeit und Liebe hängen wir alle an iiiiserin Judentum, und je mehr inan uns verfolgt und schlägt, umsomehr werden wir an unserm angestammten Volke hängen. Und wir werden cs unserit Brüdern in Kischinew gedenken, dass die Veriolgtuig, die sic trifft, nur weil sic Juden sind, uns nicht minder gilt. Der Mordstahl, der ihre Brust träf, war und ist nicht minder gegen unsere eigene Brust gezückt. Das Blut, das man vergossen, ist für unser Judentum geflossen. Unsere Feinde würden, wenn sie könnten, nicht anders mit uns umgehen, wie es unsern Brüdern von ihnen geschehen ist. Brüder und Schwestern! Viele Tausende Juden sind durch die Kischinewer Verfolgung der bittersten Not hingeworfen, viele hunderte liegen schwerverwundet teils in Spitälern, teils auch aut Stroh und auf blosser Erde — und sic alle hungern! Die Kot ist unbcschreiblicli, und nur das Eine ist ab* solut sicher, dass der Staat, unter dessen obrigkeitlichem Schutze •die Plünderung und Mordtaten veriitu wurden, seinerseits nichts beitragen wird, dass die Kot gelindert und der Schaden auch nur cinigermassen ersetzt wird. Wir können den Kindern, mit denen ein roher Volkshaufcn, unter dem auch Studenten und Gymnasiasten sich befanden, so lange Fangeball spielte, bis sie zu Tode gequält waren, nicht das Leben wiedergeben, wir köiincp der schwangeren Frau, aus deren Leib man das Kind herausschnitt, um ihn mit den Federn ihres Bettes zu füllen, oder dem jüdischen Gymnasiasten, dem man die Zunge lierausriss, nicht helfen, wir können die Schinderei nicht rückgängig machen, die mau an wehrlosen Frauen verübte, indem man ihnen die Brüste abschnilt, wir können den Gemordeten nicht zeigen, dass wir verstehen, dass sie n u r um unseres Judentums willen als Märtyrer ihrer Nation geblutet haben. Aber wenn wir den Toten nicht helfen können, den Lebenden, den entsetzlich unglücklichen Ucbcrlcbendcn zu helfen ist Juden- Pflicht! Uns galt die Verfolgung, die unsere Brüder traf, um unscretwillen wollen wir ihnen helfen. Unserem Judentum galt der Versuch der Ausrottung, der unsere Brüder trifft, um unseres Judentums willen müssen wir ihnen beispringen. Wir wollen nicht an das Menschentum appellieren, denn wir können keinen Glauben an die Menschheit haben, wenn beinahe zwei Jahrtausende lang die Lehre vom Gott der Liebe den Siegeszug durch die Kulturwelt angetreten hat, und dieselbe Kulturwelt seit ebenfalls zwei Jahrtausenden verschworen zu sein scheint, alles zu unterdrücken, was Jude heisst. Wir wenden uns an Euch, jüdische Brüder, zu helfen und zu spenden, keiner soll Zurückbleiben, wo cs heisst, namenloses Unglück ein wenig zu mildern, ein Unglück, das schlimmer als alles ist, was Menschemmglück sich nennt, denn es Ist Jndcnungliick! Weil wir von andern keine Barmherzigkeit für Juden erwarten dürfen, ist es umsomehr Pflicht tmd Notwendigkeit, dass jeder Jude dazu beiträgt, das Elend der Elendesten unseres Volkes zu mildern. Spendet für die armen Witwen, für die verlassenen Waisen, für die beraubten Familien, gebt von Eurem U eher floss und von Eurer Armut fiir die, die seit wenigen Tagen ärmer tmd cntblösstcr sind als die Aermsten von uns. Zeigt ihnen durch die Tat das Mitgefühl, das in. unsern Herzen aufflammt, und helft Ihnen, helft, helft!! Die Redaktion der ״Jüdischen Rundschau“. Spenden nimmt die Jüdische Rundschau, Berlin C. 22, Auguststrasse •19a, entgegen und wird sie Woche für Woche ausweisen. 1 ♦1 * Verantwortlicheriiodaktear:Dr.HoinriohLo0we,BerlinÜW.TÖ.'Le&teöretr. 14/15. *VerlagJüdischeltündkhan, E.G:üub.H. Berlin 0. 22. Asgnatstr. 49a, Druck: F. Lenz & Comp., G. m, b. B. Berlin 0. 27, Holzmarktetr. 4.