Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 7 (13.2.1903)
- Date
- 1903-02-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die folgenden Ausführungen kommen aus äusseren Gründen viel zu spät, als dass sie noch an die Polemik mit Dr. Jeremias und Schachtel (No. 3 der ״Welt“) ankniipfen könnten. Aber es ist sicher besser so; dann ist es das Richtigste, nachdem Rede und Gegenrede gewechselt worden sind, die Methode der Polemik möglichst fallen zu lassen und das Problem selbst einer sachlichen Betrachtung von neuem zu unterziehen. Denn über diese Fragen, unsere Stellung zu dem Volke, unter dem wir leben, müssen wir uns klar sein, da sie uns in der Agitation auf Schritt und Tritt begegnen. Grade, diese Klarheit und Geschlossenheit aber vermisse ich vor allem bei Schachtel; ich komme so wenig über die Widersprüche in seinen Anschauungen hinweg, dass Ich nicht einmal hcrausschälen kann, was als positives Ergebnis aus *seiner Kritik folgt, trotzdem diese kaum einen Punkt ungestraft passieren Hess. Jedoch wir wollen nicht die Worte, sondern die Sache kritisieren. Es handelt sich hier um eine Tatsachenfrage: Wie steht das Judentum, im besonderen das zionistische, zum Deutschtum? Das ist eine reale Frage, die nicht auf dem Wege noch so scharfsinniger Deduktion, sondern in enger Berührung mit der Geschichte und dem äugenblicklichen Zustand des deutschen Judentums zu entscheiden ist. Darum ist als oberster Grundsatz aufzustellen, was bisher viel zu wenig betont worden ist: Die Stellung des Judentums zum Deutschtum, des jüdischnationalen zum deutsch-nationalen Denken, ist in erster Linie abhängig von der Stellung de.־ Juden!!cit zum deutschen Volke. Zwar sind das Dinge, die logisch von einander unabhängig sind, aber faktisch sind sie nicht auseinanüerzurcissen. Dass ein unterdrücktes, in seinen vitalsten Bewegungen gehemmtes, vom Gesamtkörper seines Wirtsvolkes streng abgeschiedenes Ghettojudentum mit Inniger Liebe am Deutschtum und seiner Kultur hängt, vielleicht gar zu ihren Gunsten seine eigene aufgibt, das ist gedanklich vielleicht möglieh, in Wirklichkeit aber ein Unding, das die Oeschlchte noch nie gezeitigt hat. Nur in diesem Gedankengange finden wir eine objektive Grundlage, auf der wir unsere Frage weiter untersuchen können, nur so können wir sie zurückführen auf messbare und vergleichbare Grössen, die uns bekannt sind. Dem» das ist ja sicher, dass die Stellung des Juden den beherrschenden Einfluss ausüben muss auf die beiden Faktoren, die in 1111־ serem Problem die wichtigsten sind, die Erziehung und die Unigcbiing des einzelnen jüdischen Individuums. Unter diesem Gesichtswinkel erklärt sich überraschend einfach.die Erscheinung, dass die Juden, deren Deutschtum Üas jüngste ist, die energischste Neigung zur Betontmg eines deutschen Nationalismus haben, der durchaus keine Heuchelei zu sein braucht: Die plötzliche Aenderung ihrer Stellung zum deutschen Volke bedingt die gewaltige Verschiebung ihres jüdischen Stand- Punktes. Nehmen wir diesen Parallclismus zwischen innerer und äusserer Stellung des Judentums zum Deutschtum — der sicher kein vollständiger ist — als Massstab, so können wir allgemein, ohne Rücksicht auf die Einzel- Persönlichkeit, den Satz aussprechen, dass für grosse Teile der deutschen Juden, vor allem für die ostdeutschen und ihre Kolonisten im übrigen Deutschland, von einer kulturellen Anglctchung an das Deutschtum ebenso wenig die Rede sein, kann, wie von ihrem äusseren Aufgehen im deutschen Volke. Der Schwerpunkt der Frage liegt, wie schon angedeutet, in dem Einfluss der beiden Mächte, die hier wie-überal! den Ideengehalt des werdenden Individuums bestimmen, in Erziehung und Umgebung. Vergessen wir noch ein drittes nicht, das schwer quantitativ bcstimmbar, aber unzweifelhaft wirksam ist, die Vererbung, das ״jüdische Wesen“. Jedoch tun wir gut, diesen Begriff so viel wie möglich bei Seite zu lassen, denn ich getraue mich mit jüdischem ״Wesen“ und deutschem ״Wesen“ nicht so zu rechnen, wie J e r e m i a s und Schachtel. Doch davon später. Ob jemand deutschnational empfindet oder nicht, das ist nur zum allerkleinsten Teil in seine Macht gegeben. Es heisst die Entstcbungswcisc dieser Grundlagen unseres Denkens und Handelns grob verkennen, wenn man sich nicht dessen bewusst bleibt, dass sie fast ausschliesslich auf dem Gebiete des Gefühls liegen, 1 iss sie zwar gesetzmässige, notwendige Produkte von Vererbung. Erziehung und Umgebung sind, dass jedoch das verstandsmässige Denken an ihnen \vohl modulieren, ׳'nimmer aber rütteln kann. Darum kann wahrh a f t u n u i n n c r 1 i c h deutschnational 1iur der Jude empfinden, dessen Erziehung und Umgebung frei von jüdischem Ein»־ i l I 1 V l \ . ¥ * i 1 I 4