Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1902)
- Issue
- Heft 51 (19.12.1902)
- Date
- 1902-12-19
- Page
- Seite 95 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 61- JUdische Rundschau. Seite 95. noch einen Artikel zu dieser Frage, In welchem sie in den Kehassigsten Worten den Wert der Juden als Ackerbauer herabsetzt ond eine Gefahr schildert, welche dem russischen Volke aus der Schaffung eines Jüdischen Kleiugrundbesitzes in Russtand erwachsen würde. Der ״Nowoje Wrcmja״ eilte ein Redaktcur des in Kischincw erscheinenden Blattes ״Dessarabets" zuhilfe. um gleich dem Petersburger Organ der russischen Judenfeinde die Gefahren zu schildern, welche die Verwirk- Uchung des von der ״Nowosti“ publizierten Rcgierungsplancs den Russen bringen werde. Nunmehr aber dürfte sich die Aufregung unter den Russen legen, die Freude der jüdischen Assimilantcn in Russland aber vernichtet werden. Die ״Nowojc Wrcmja״ vom 27. November enthält an leitender Stelle folgende Erklärung: ״Um das von der ״Nowosti" lanzierte, von dem jüdischen ״Woscliod" gierig aufgegriffene Gerücht zu dementieren, sind wir in der Lage, aus völlig zuverlässiger Quelle, zur wahren Freude aller Russen, mitzutcilcn, dass im Ministcrium des Innern absolut keine Absichten bestehen, die Rechte der Juden auf dem Gebiete des Grundbesitzes zu erweitern." D.er ״Morning Leader" schreibt: Die Gesetze ״»»gen die Juden in Russland sind so drastisch geworden, dass eine Spczialverordnung ihnen den Besuch der Miucralbäder verbietet. Die jüdischen Kauilcutc erster Gilde, welchen das Reisen ausserhalb des Arsicdelungsbezirkes erlaubt ist, dürfen die Badeorte nur besuchen, wenn die Pässe den Vermerk tragen: ״Ohne das Recht, vom Mineralwasser zu trinken.“ Jaffa. Seit einer Reihe von Jahren waren die Templer bemüht. Grundstücke in Palästina für eine neue Kolonie, die fimftc im Heiligen Lande, zu erwerben. Da sich lange nichts Passendes bot,** so unterhandelten die Vorsteher der Templergemeinden auch in Cypern. gaben aber nach reiflicher Ucberiegung den Plan, auf dieser Insel zu kolonisieren, wieder aut. "Jetzt haben sic ein Terrain erworben, dessen einzelne Stücke zu drei verschiedenen Dörfern gehören, nämlich Hcndijc, Rantijc und f:t-Tire. Das neue Grundstück ist 6900 Dunam (ca. 900 ha) gross und 15 Kilometer von Jafia, nicht weit von unserer Kolonie Pethach Tikwah gelegen. Am 30. Juli fand der feierliche Akt^ der Uebergabe der Kuschänc (Kaufbriefc) unter grossen Festlichkeiten in Gegenwart des deutsehen Konsuls statt. Dieses Land wird in 50 Lose eingeteilt, so dass das einzelne Los im Durchschnitt nur zirka 190 Dunam beträgt, viel weniger als die jüdischen Kolonisten verlangen, die 300 Dunam als das allermindeste erklären, was sie zum Leben brauchen. Jedoch sind auf der neuen Kolonie Grundstücke zu 195 Dunam, ferner zu 97 und •19 Dunam vorgesehen, die einzeln verkauft werden, der Dunam ist zirka 22 Mark; Bauplätze jedoch um ein vielfaches höher. — Die Deutsche Weinbaugesellschaft Sarona-Jaffa hat im Jahre 1901—2 nur einen Reingewinn von 667,90 Francs erzielt und diesen Betrag dem Reservefonds überwiesen. Prospekt über Gründung einer Agentur- und Kommlssions« Kommanditgesellschaft für Export und Import von Produkten etc. im Orient, hauptsächlich fa Syrien und Palästina. Die Kolonisatioustragc der Juden in Palästina, die schon seit vielen Jahren erwogen und zu lösen versucht wird und bei allen grossen Opfern nur mühsam vorwärts schreitet, hat in letzter Zeit vollends alle aufrichtigen Freunde unserer alten Heimat Palästina grosse F.nttäusclumgen erleben lassen. Diese Frage harret immer noch einer vernünftigen und rationellen Lösung. Soviel aber ist bis heute genügend erkannt: Das alte Verfahren ist von Grund aus verfehlt; auf der Basis der Philanthropie allein kann eine Kolonisation nie gedeihen! In dieser Hinsicht hätten wir uns längst schon an andern Nationen ein Muster nehmen können. Jene kolonisieren nicht in der Hoffnung auf Almosen und Unterstützungen, sei es von seiten des Volkes, oder gar von seiten einiger grossmiitiger Phifanthropen, sie kolonisieren vielmehr im Vertrauen auf ihr eigenes Können und Wollen. Audi gehen sie nicht einseitig vor, wie wir es bis nun getan haben, sie verbinden vielmehr Ackerbau mit Handel, Handwerke und Gewerbe. So greift das Eine in das Andere ein. so ist ein natürlicher Zusammenhang zwisehen dem Kolonisationsgcbictc und den anderen Ländern hergesteilt, und so wird das Kolonisationswerk von selbst unterstützt, allerdings nicht durch Philanthropen, sondern durch Kaufleute. Es ist nun durchaus nicht ersichtlich, warum nicht dieses Verfahren auch bei der jüdischen Kolonisation Palästinas emilieh in Anwendung kommen sollte. Für den Handel ist In Palästina ein unübersehbares Feld vorhanden, das noch brach liegt und das zum Heile des Landes und des jüdischen Volkes urbar gemacht werden könnte. / ,' . Das Land liefert viele vortreffliche Produkte, welche in anderen Ländern einen glänzenden Absatz finden könnten; andererseits könnte man vieles aus Europa mit gutem Nutzen dahin importieren. Die Hausindustrie beispielsweise hat in Palästina fast noch gar keine Gegenwart, dafür aber eine umso grössere Zukunft. Oenug, es ist noch unendlich vieles zu beginnen, fortzusetzen und zu erreichen da, es fehlt nur an der nötigen Arbeitskraft, vor allem aber an dem Mute der Initiative. Und darum haben die Unterzeichneten den Entschluss gefasst, ein Organ zu schaffen, welches Europa mit dem Orient verbinden soll. Wir wollen deshalb eine Kommanditgesellschaft zu diesem Zwecke unter dom Namen ״Palästina" ins Leben rufen. Das Grundkapital im Betrage von 5000Ü Rubel wird in 200 Anteile a. R. 250 eingeteilt, wovon 20 Proz. bei der Sub-..... skription gezahlt werden und die restlichen 80 Proz, laut Be-י - Stimmung der Generalversammlung. Die Statuten sind im Sinne der Gesellschaft ״Karmel" aufzufassen. . Lodz, im Juni 1902. Dr. B. Wachs. H. Vogelsohn. D. Rosenblatt. Kleine Chronik. Berlin. Die letzten Skandalscencn im Reichstage haben der ״Staatsbürgerztg.", der ״Kreuzztg.", der ״Deutschen Tagesztg.", der ״Germania" und anderen Zentrumsblättern, wie der ״Hildesheimsehen Ztg." und dem ״Wcstfäl. Volksbl.“ in Paderborn Stoff zu antisemitischen Ergüssen gegeben. Ihnen schliesst sich jetzt die ״Nationalliberale Korrespondenz" an. Wer hätte das bei dem offizieller. Organ der nationalliberalen Partei üir möglich gehalten? Schau, trau, wem. — Berlin. Der Verein zur Abwehr des Antisemitismus, der erst kürzlich den Tod seines eifrigsten Kämpfers, Heinrich Rickcrt, zu beklagen hatte, verlor jetzt durch den Tod sein langjähriges Vorstandsmitglied Ludwig Jordan. Ohne der Abwehr, wie sie durch den Verein betrieben wird, zugestehen zu können, dass sie Wirksames leisten kann, müssen wir doch unsere höchste Anerkctinung Männern zollen, die, wie Rickcrt und sein Freund Jordan, immer unerschrocken und ohne Interesse ihrerseits den Kampf für eine unterdrückte Minorität und ihr Recht geführt habein — Berlin. Grat Puckler, Klcin-Tschirne, hielt in Kellers Festsälen vor hunderten deutscher Mitbürger eine seiner fulminanten Brandreden gegen Juden und Judentum, oder, wie er diesmal sagte, .,gegen den roten Mn nasse". Eine Stelle mögen unsere Leser auch lesen; sie wird ihnen die Festfreude zum mindesten nicht stören: ״Zu den Waffen ihr Frauen und Jungfrauen von Berlin; ihr dürft nicht fehlen in unseren Reihen, wenn wir übergehen zum Sturm. Vergesst jetzt endlich einmal eure häuslichen Sorgen und lasst eure unge- 7. o g e n e 11 Kinder mal allein zu Hause, der Teufel wird sie nicht gleich holen (Heiterkeit) und zieht mit uns in den Kampf, in den heiligen Krieg: und wenn die hässlichen rot-schwarzen Ratten und Mäuse sich wieder nahen, wenn sie herunischlcichen in euren Häusern und wagen den ruhigen Frieden eurer Familien zu stören, dann nehmt den Kochlöffel zur Hand und haut damit den hässlichen Ratten um die Ohren, dass es bloss so knallt in den Strassen von Berlin. (Grosser Beifall.) Zu den Waffen rufe ich die ganze Stadt Berlin, alt und jung, gross und klein! Aui zum gewaltigen letzten Sturm gegen das internationale Judentum, zum Sturm gegen die Wucherer und Hai sab- Schneider, gegen Gauner und Betrüger aller Art, auf zum Sturm gegen das ganze Judengeschmeissl Doch gibt es noch heilige , Kriege, — Gott will's, und der Heiland gebent’s; — Wer j meldet zum Kampf sich, zum Siege, — Wo sind sie, die Ritter vom Kreuz?‘* — Wenn er die Juden Ratten nennt, so ist das so bildlich gemeint, wie wenn wir die Antisemiten Wanzen nennen würden. Wir tun das nicht. Die Geschmäcker sind eben verschieden. Unsere Hochachtung vor der Nation Goethes, soll durchaus noch wachsen. — Leipzig. In der sozialdemokratischen ״Leipziger Voiksztg." lesen wir; ״Heute schmiert der bekannte Herr Liman an leitender Stelle gegen die freisinnige Vereinigung, die er in dem in den ״Leipziger Neuest. Nachr." üblichen geschmackvollen Ton als ״Singers Büttel" bezeichnet. Herr Liman hält cs für notwendig, sie darauf hinzuweisen, dass sie keinen Vorteil von dem Bündnis mit der Sozialdemokratie haben würde. Wenn die Tage der Erfüllung kämen, heisst es in dem salbungsvollen Limanstilc, der sich namentlich in Weihnachtsartikeln so schön ausnimmt, dann würden ״die Herren vom Wadclstrumpf bekümmert mit dem leeren Sack davonziehen, mit dem sie ja allerdings auch zum guten Teil vor Jahr und Tag über die östlichen Grenzen zu uns kamen." Herr Liman muss es ja wissen, er ist ja damals dab־d gewesen, als gewisse Leute mit leerem Sack über die östlichen Grenzen kamen. Heute hat das Herr Liman nicht mehr nötig, heute verspottet er, ein vollendeter Schmock, seine Glaubensgenossen. Tiefster Abscheu und Ekel vor solchem Lohnschreibergeslndel muss jedem anständigen Menschen ankommen." Herr Dr. Paul Liman ist bekanntlich ,Jüdischer Abstammung". — Konltz. Die Staatsanwaltschaft hat ihr Aus-