Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 4 (1927) (Neue Folge)
- Issue
- Heft 9-12
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 154 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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- 154 — Zar Oesdildife der jOdisdien Kolonisation in Rußland. Von Dr. MarkWischnitzer. Die Geschichte der jüdischen Landansiedlung in Rußland reicht bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts zurück. Sie zerfällt in drei Perioden. 1. DieAnsiedlung in zaristischer Zeit. Im ganzen sind im Laufe des 19. Jahrhunderts in Südrußland, u. zw. in den ehemaligen Gouvernements Cherson und Ekaterinoslaw, 38 Kolonien — im nachfolgenden als die alten Kolonien bezeichnet — entstanden. Die Entwicklung derselben ist in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus einer Reihe von Gründen, die hier nicht verfolgt werden können, zum Stillstand gekommen. 1913 bestanden in diesen Kolonien 6886 Wirtschaften mit 41962 Einwohnern. Außer diesen mehr oder weniger zusammenhängenden Kolonien, die bei Cherson, Ekaterinoslaw und Mariupol angelegt wurden, entstand im Laufe des 19. Jahrhunderts eine Anzahl kleinerer und größerer jüdischer Siedlungen in den litauischen und weißrussischen Gouvernements, im ehemaligen Kongreßpolen, in Wolhynien und Podolien, im Kiewer und Tschernigower Gouvernement und in Beßarabien. Im Jahre 1913 betrug die Zahl dieser Siedlungen 258 mit 5947 Wirtschaften und 36153 Einwohnern. In den Jahren vor dem Kriege war es die Jewish Colonization Association (Ica), — die sich für die jüdische Ackerbauwirtschaft in der ganzen Welt, in Argentinien, in Canada, in den Vereinigten Staaten einsetzte und auch die russischen Kolonien in ihr Arbeitsgebiet einbezog. 2. Nach der russischen Revolution vom Jahre 1917 hat eine spontane Abwanderung aufs Land eingesetzt, und es ist eine Reihe von jüdischen Siedlungen entstanden, bezw. haben viele Juden in der Umgegend von Städten Land- und Gartenwirtschaften gegründet. Ueber diesen unorganisierten Uebergang zur Landwirtschaft ist nur wenig zuverlässiges Material vorhanden. 3. Die planmäßige Kolonisierung erfolgte nach der Gründung des „Komitees der Landansiedlung der Juden" (Komset) beim Nationalitätenrate des Zentralexekutiv-Komitees (Zik) im August 1924. 1. Die alten Kolonien in Südrußland. Die Kolonien, deren sich die Ica annahm, und auch gegenwärtig annimmt, liegen in der heutigen Sowjetrepublik Ukraine, in den ehemaligen Gouvernements Cherson und Ekaterinoslaw (heute umgewandelt in Dnepropetrowsk). Die Ukraine hat die alte Einteilung in Gouvernements aufgehoben, an deren Stelle ist die Einteilung in Kreise, kleinere Verwaltungseinheiten, getreten. Die Kolonien verteilen sich auf folgende sechs Kreise: Cherson, Nikolajew, Sinowjewsk, Kriwoj Rog, Saporoschje, Mariupol. Der Weltkrieg, der Bürgerkrieg, Epidemien, Pogrome, Mißernte und Hungersnot in den Jahren 1921/22 haben die Kolonien schwer heimgesucht. Ende 1922 konnte festgestellt werden, daß die Baulichkeiten vielfach zerstört waren, daß es an Pferden und Kühen mangelte. Das junge Hornvieh blieb völlig aus. Die notwendigen Gerätschäften fehlten größten Teils oder waren gebrauchsunfähig geworden. Die Saat zum Sommergetreide fehlte. Die Kaufkraft war aufs tiefste gesunken. Die von der Ica gegründeten Spar- und Leihkassen waren im Jahre 1920 liquidiert worden. Sie wurden im Herbst 1923 durch die früheren Mit-