Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1919)
- Date
- 1919-01-02
- Page
- Seite 5-6 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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5 VOLK UND LAND 6 GRUNDLAGEN JUEDISCHER WELTGELTUNG. Von Davis Tr lieber 15 Millionen zählt gegenwärtig die jüdische Gesamtheit. Im Jahre 1880 waren es erst sieben. Innerhalb des letzten Menschenalters hat die Zahl der Juden sich verdoppelt Dieses Wachstum ist erheblich schneller vor sich gegangen als zu irgendeiner anderen Zeit, für die wir Unterlagen haben. Es besteht auch kein Anlaß, für absehbare Zukunft mit einem wesentlich geringeren Zuwachs zu rechnen. Zwar zeigt die deutsche Judenheit Tendenzen der Abnahme. und dasselbe mag für gewisse Teile der länger eingesessenen Judenschaft mancher anderen Westländer gelten. Aber die Ostjuden und deren neue Konzentrationen in den westlichen Einwanderungsgebieten zeigen noch keine derartigen Erscheinungen, und selbst eine geringe Abnahme ihrer Geburtenziffern kann noch auf lange hinaus durch verminderte Sterblichkeit ausgeglichen werden, wie wir es beispielsweise lange Zeit an den Gesamtziffern für Deutschland sahen. Es bleibt also als wichtigstes Faktum der jüdischen Existenz bestehen, daß: wir innerhalb eines Menschenalters von sieben auf fünfzehn Millionen angewachsen sind, und daß die voraussichtliche Weiterentwicklung für absehbare Zeit in einem ähnlichen Tempo vor sich gehen dürfte. Hierauf kann nicht nachdrücklich genug hingewieseu werden, wenn wir versuchen wollen, ein Bild von der gegenwärtigen und voraussichtlichen weiteren Geltung der Juden in der Welt z!u entwerfen. Auch deshalb ist es notwendig, hierauf besonderen Nachdruck zu legen, weil diese Tatsachen nicht nur unzureichend bekannt sind, sondern auch weil aus den maßgeblichsten bisherigen Veröffentlichungen und Arbeiten über das jüdische Problem ganz andere Dinge hervorzugehen schienen oder geschlossen werden konnten. Die meisten statistischen Uebersichten rechnen nur mit etwa zwölf Millionen Juden. Dies rührt daher, daß sie die jüdische Hauptziffer, nämlich die der russischen Judenheit, immer noch nach dem Stande der russischen Volkszählung von 1897 mit wenig über fünf Millionen annehmen. Erst neuerdings sind von amtlicher russischer Seite die Schätzungen veröffentlicht worden, aut Grund deren wir trotz der starken seitherigen Auswanderung mit einem jährlichen Zuwachs der russischen Judenheit um hunderttausend zu rechnen haben. Außerdem aber sind die meisten Autoren so sehr von ihrem westeuropäischen Milieu beeinflußt, daß sie nur allzu geneigt sind, die Erscheinungen; innerhalb der westlichen Judenschaft als für die jüdische Gesamtheit maßgebend zu betrachten. Es ist klar, daß diese Verschiedenheit der Ziffern einen sehr weitgehenden Einfluß auf die Beurteilung der ganzen jüdischen Frage haben muß. Jedenfalls hat sie ihn gehabt. Diejenigen, die aus dem Stillstand der Statistik (aus dpn angegebenen Gründen) auf einen Stillstand in der jüdischen Welt geschlossen haben, neigen leicht dazu, in diesem Stillstand den Uebergang zu einem Rückschritt zu erblicken, und unter solchen Voraussetzungen verschiebt sich selbstverständlich das Bild der jüdischen Zukunft. Stillstand und Rückschritt sind der Assimilation und der Massentaufe günstig, pnd so lag es — besonders, wie erwähnt, für westeuropäische Beobiet sch (Berlin). achter — nahe, an eine Auflösung der Judenheit zu, glauben, während ohne Rücksicht auf die veralteten amtlichen Ziffern das jüdische Leben diejenigen Tatsachen gezeitigt hat, die — ganz im Gegenteil — in einer Kurve nach vorwärts weisen wie niemals zuvor! In Wirklichkeit haben sich die Juden gerade in der letzten Zeit außerordentlich stark vermehrt fand bilden auch einen politischen Faktor von schnell zunehmender Geltung. Vor allem auch, weil nicht nur ihre Ziffern gewachsen sind, sondern auch ihre „.Qualitäten“ — d. h. im Sinne europäischer Kulturentwicklung. An Bildung, an Besitz, am Anteil an der wirtschaftlichen Entwicklung ihrer Wohnländer wie auch hinsichtlich der Lebenshaltung ihrer breiten Unterschichten sind die Juden vielleicht noch stärker vorangekommen als an Zahl. Auch da, wo große Massen der Juden scheinbar einer zunehmenden Verelendung anheimgefallen sind, trifft dies zu. Gegenwärtiges Elend drückt mehr als die Erinnerung an Vergangenes und wird daher ganz allgemein überschätzt. Aber auch wo tatsächlich — durch Regicrungsmaßnahmen oder andere Umstände — eine Verschlechterung in den äußeren Lebensumständen größerer Judehgruppen stattgefunden hat, sind doch gleichzeitig Entwicklungen im Gange gewesen, die es auch diesen Judengruppen ermöglichen, im Augenblick des Fallens der äußeren Beschränkungen sich schneller zu entfalten als es früher möglich gewesen wäre. So bietet die jüdische Welt — trotz allem — das Bild eines starken Auftriebs, und es erscheint am Platze, die Völker der Erde auf diese tatsächlichen Entwicklungen hinzuweisen und ihnen zu zeigen, was von der verstärkten Anteilnahme der Juden ,an der Weltentwicklung ziu erwarten ist. Wir haben von Zahl und Qualität der Juden gesprochen. Diese kürzen Angaben bedürfen einer wenigstens etwas ausführlicheren Darstellung. Diese sei im folgenden gegeben. Zunächst die Zahl. Wir stellen hierfür die jüdischen Ziffern der Jahre 1880 und 1914 (mit Ergänzungen bis Anfang ,1919) zusammen. Weitaus die wichtigsten Ziffern sind amtlich. Dies gilt für die russischen Angaben von 1897 und die Zuwachsrate bis 1905, aus der man auf die weitere Zunahme schließen Jkann. Für die zweitgrößte Ziffer — die der Vereinigten Staaten — haben wir die des American Jewish Year-Book. Bei den weiter folgenden Ziffern des bisherigen Oesterreich-Ungarns und Deutschlands betreten wir ebenfalls sicheren statistischen Boden. Dasselbe gilt für die meisten anderen Länder auch, doch sei bemerkt, daß wir da, wo die letzten Zählungen und offiziellen Schätzungen längere Zeit z!urückliegen. feine Fortschreibung der Ziffern auf Grund der bekannten früheren Zuwachsrate und anderer Erscheinungen vorgenommen haben. Hier kann das Resultat nur in seltenen Fällen von der nächsten Zählung wesentlich richtiggfestellt werden. Es ist keinesfalls lanzunehmen, daß die Gesamtziffer in irgendwie pennenswerter Weise Korrekturen erfahren wird. Im übrigen wächst die jüdische Welt jährlich um dreihundert bis dreihundertfünfzigtausend Seelen, so daß eine einzige Jahresfrist Raum genug bietet, um auch ziemlich weitgehende Unterschiede auszugleichfen.