Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 9 (1938)
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 369 (sequence 373)
- Language
- German
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sein. Lichtenberg unterhielt mit Hilfe der jüdischen Fuhrleute regelmäßige Verbindung mit seinen Glaubensgenossen zu Prag.28 Lichtenberg wurde, wie wir noch an anderm Orte sehen werden, seitens der Ortsrabbiner, die nach dem Vorbild ihrer Prager Kollegen auf das entschiedenste gegen die irrigen und verworfenen Lehren von Frank und Genossen auftraten, scharf verfolgt. Wenn wir den Versuch wagen, unsere Kenntnisse über die böhmischen Frankisten zusammenzufassen, so können wir dies nur mit dem Vorbehalt einer gewissen Wahrscheinlichkeit tun. Sicher ist, daß ihr Zentrum in Prag lag, wo sich zu ihnen mehrere wohlhabende und auch recht gebildete Familien bekannten (z. B. die Wehles).29 Auf dem Lande waren die Frankisten nur sporadisch verstreut. In religiöser Beziehung nahmen die böhmischen Frankisten nicht alle Lehrsätze an, sie stellten sich kritisch dazu — wohl unter dem Einfluß ihrer verhältnismäßig höheren Bildung — ja sie widersetzten sich mitunter den Forderungen ihrer Offenbacher Herrscher, namentlich in Geldfragen. Das hauptsächlichste Unterscheidungsmerkmal der böhmischen Frankisten gegenüber den echten Frankschülern war, daß sie trotz ketzerischer Gesinnung formal rechtgläubige Juden blieben, ohne zum Katholizismus überzutreten, wie dies Frank selbst getan hatte und wie dazu das „rote Flugblatt44 vom Jahre 1800 aufforderte; sie wurden nicht Neophyten. Und weiter, in den Anschauungen der böhmischen Frankisten findet sich nicht bloß der mystische Einschlag der polnischen Antitalmudisten und Kabbalisten, sondern auch, wie wir noch an dem Beispiele Königsbergs und vielleicht auch Wehles sehen werden, Spuren von rationalistischer Religions- und Lebensauffassung, von Widerspruch gegen die religiöse Unduldsamkeit und geistige Vergewaltigung und übermäßige Autorität in Sachen des Gewissens, ganz wie dies im 18. Jahrhundert von den jüdischen Aufklärern in Deutschland mit dem berühmten Moses Mendelssohn an der Spitze gelehrt wurde. Wenn es dann in Böhmen im Jahre 1800 zu einem heftigen Zusammenstoß zwischen der orthodoxen Richtung und den Frankisten kam, so war dies nicht bloß ein Kampf gegen die verdammte Franksche Sektenlehre, sondern auch ein Sturm gegen die nach Böhmen vordringende Aufklärung, doch waren sich dessen die damaligen orthodoxen Rabbiner nicht einmal recht bewußt. Und wir werden nicht fehlen, wenn wir schon hier darauf aufmerksam machen, daß sich zugunsten des verfolgten Frankismus in Prag wieder die anonyme Stimme eines nicht näher bekannten jüdischen Aufklärers vernehmen ließ, der scharf alle Mittel verurteilte, deren sich die Rabbiner in ihrem Kampfe bedienten. Auch das kann einen gewissen Zusammenhang zwischen den Anschauungen der Prager Frankisten und der jüdischen Aufklärung anzeigen. 27 36<>