Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 3 (1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 430)
- Language
- German
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Schlußwort. Diese Arbeit wurde mit einer Behauptung Werner Sombarts eingeleitet, die besagt, daß die Juden als Schöpfer der Konfektionsindustrie anzusehen seien; sie sollen, vom Altkleiderhandel ausgehend, über den Handel mit neuen Kleidungsstücken diesen Industriezweig geschaffen haben. Welche Erkenntnisse liefert uns nun die vorliegende Arbeit? Der Handel mit alten Kleidungsstücken, schon sehr früh nachweisbar, wird erst im 16. Jahrhundert unbestrittenes Monopol der mährischen Juden. Immer weiter ausgebaut, erreicht er im 18., besonders aber in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Entwicklungsstufe (wir sind berechtigt, von einer Entwicklung des Altkleiderhandels zu sprechen), die naturnotwendig zu einer höheren Form hindrängt. Dem Handel mit neuen Kleidern begegnen wir in den mährischen Ghetti bereits im 17. Jahrhundert. Er ist bei seinem ersten Auftreten schon voll entwickelt und nimmt in den folgenden Zeitabschnitten nur noch an Intensität zu. Ob er aus dem früher dagewesenen Altkleiderhandel hervorgegangen ist, ließ sich nicht nachweisen. Während zwei und einem halben Jahrhundert bestanden beide Kategorien gleich kräftig nebeneinander. Auch der Neukleiderhandel war um die Mitte des 19. Jahrhunderts so weit erblüht, daß es zur Gründung einer organisierten Massenerzeugung nur noch eines Schrittes bedurfte. Mayer Mandl, dessen Vorfahren durch zwei Generationen nachweisbar Altkleiderhändler waren, durchlief, gleichsam nach dem Prinzip des biogenetischen Grundgesetzes, in einem knappen Zeitraum von fünfzehn Jahren die nacheinander und nebeneinander bestandenen Stadien des mährisch-jüdischen Kleiderhandels und wurde so, gestützt auf jahrhundertealte Tradition, der Gründer der österreichischen Konfektionsindustrie. Sowohl der ganze dargelegte Entwicklungsgang, als auch das Beispiel Mayer Mandls, der vom Altkleiderhandel zum Handel mit alten und neuen Kleidern, dann zu demjenigen mit neuen allein und schließlich zur Gründung einer mächtigen Kleiderfabrik überging, beweist die Richtigkeit der Sombart'schen These. Gilt der geglückte Beweis auch keiner Hauptthese des „Judenbuchs", so zeigt m. E. schon dieses bescheidene Beispiel, daß es produktiver und förderlicher ist, die vielumstrittenen und bekämpften Behauptungen Sombarts einer unvoreingenommenen Untersuchung zu unterziehen, als sie so ahnungslos abtun zu wollen, wie es u. v. a. M. Steckelmacher in seinen „Randbemerkungen zu Werner Sombarts »Die Juden und das Wirtschaftsleben«44 (Berlin 1912), getan hatte. 426