Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 5 (1928)
- Issue
- Heft 9 (8.6.1928)
- Date
- 1928-06-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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ä****, *ttät B tf.b. b. «oa »Uli DER JÜDISCHE ARBEITER Organ der sozialdemokratischen Poaie Zion Deutschlands, Österreichs und der Tschechoslovakei Erscheint zweimal monatlich Redaktion und Administration: Wien, II., Blumauergasse l/II Postscheckkonto Nr. 38.042 Bezugspreis: vierteljährig. S 1.20 halbjährig , . , 2.40 Einzelne Nummer 20 Groschen Nr. 9. Wien, 8. Juni 1928. 5. Jahrgang. Der Parteitag in Brünn. Die Beratungen des ersten ordentlichen Parteitages der Poale-Zion in der tschechoslowakischen Republik haben die Hoffnungen und Erwartungen, die wir gehegt haben, bestätigt. Mit jugendlichem Mut und männlicher Entschlossenheit haben sich unsere Genossen an die Probleme, vor die sie das Leben gestellt, herangewagt. Die Lücke, die durch die Jahre der nicht zentralisierten Betätigung unserer Genossen in den einzelnen Ortschaften entstand, verschwand. Sie haben ohne besondere Schwierigkeiten den Anschluß' an die gegenwärtige Situation in der tschechoslowakischen Republik, in Palästina, in der zionistischen Bewegung gefunden. Das Bewußtsein, daß die Partei in der Tschechoslowakei ein Teil der Weltbewegung Poale-Zion und der Sozialistischen Arbeiter-Internationale ist, hat die Orientierung in allen schwierigen Fragen wesentlich erleichtert, die Erfahrungen, die unsere Mandatare und führenden Genossen in den letzten Jahren machten, haben hiczu ebenfalls viel,beigetragen.. Der Parteitag hat die Forderungen und Parolen für die nächste Zeit formuliert, es ist eine Leitung gewählt worden, von der man mit-Bestimmtheit erwarten darf, daß sie in der Lage sein wird, alle für msere Bewegung vorhandenen Möglichkeiten auszunützen. Der Parteitag bedeutet die Beendigung des Stillstandes in der Entwicklung des Poalezionismus in der Tschechoslowakei und den Anfang des Aufstieges unserer Bewegung in dem Lande, in welchem wir nach' Kriegsende eine große Machtentfaltung bekundeten. Schwierige Aufgaben auf politischem und organisatorischem Gebiete harren der' Poale-Zion in der Tschechoslowakei. Der erste ordentliche Parteitagberechtigt die Hoffnung, daß sich die Partei diesen Aufgaben gewachsen zeigen wird. >. Remes (Tel-Aviv): Unsere Bilanz. (Auszug aus einer Rede in der Festversarnmlung am 1. Mai in Tel-Aviv.) ... Heute gibt der Arbeiter seinem Volke und seinem Lande Rechenschaft. Und gerade heuer sind mch wir in der Lage, klar und deutlich unsere Bianz zu ziehen. In Palästina und in der Bewegung, die sich mit dem Aufbau des Landes befaßt, haben wir den Zeitabschnitt jener Beziehungen, die unser verstorbener Genosse Nachmann Syrkin als „Klassen-Brojges" (Klassenboykott) bezeichnet hat, bereits hinter uns. Wir befinden uns im Zeitabschnitte des offenen Ringens. Dieses Ringen kann man zwar noch nicht als Krieg bezeichnen, aber ein Schwert schwebt über unser System des nationalen Aufbaus. Das Schwert bedroht den Gedanken des nationalen Bodens, die Arbeiterkolonisation; eine Gefahr droht der Anleihe, weil sie für Arbeiterkolonisation bestimmt ist. Das Schwert bedroht „Nir", den „Solel-Boneh", die Arbeiterinstitution „Ewen". Und dieses Schwert, dem die „Konsolidierung" bloß als Scheide dient, schneidet rechts und links. Es entreißt — zum Ergötzen für den Kulturreferenten der Regierung - dem Schuldiener ein halbes Pfund monatlich von seinem Gehalt, das vier bis fünf Pfund ausmacht und nähert sein Gehalt dem des arabischen Schuldieners an. Dasselbe Schwert amputiert jeden Monat hundert Pfund vom Budget, um einen aus Amerika eingeladenen Leiter (der soll der Fachmann für jüdische Erziehung in Palästina sein) zu honorieren. Dieses flinke Schwert haben wir bis vor einigen Monaten durch' die bescheidene Scheide nicht erkannt. Wir haben in der Einschätzung unserer Gegner geirrt, aber auch unsere Gegner irrten, als sie uns eingeschätzt hatten. Das Schwert ist auf einen Fels gestoßen. Der Fels ist unbeweglich. Der Hunger konnte ihn nicht niederringen, das Schwert wird es auch nicht vermögen. Die Versammlung der Zehntausend hier in Tel- Aviv, die heutigen Versammlungen unserer Genossen im ganzen Lande führen eine deutliche Sprache, sie besagen, daß wir für dieses Land und für die Regeneration dieses Volkes etwas bedeuten. Und sollte es zu einer offenen Schlacht kommen, müssen — wir sind bereit. Auch unsere einheimischen Gegner des jüdischen Arbeiters und seiner Methode irrten in ihrer Einschätzung. Das Schwert, das das Bürgertum gegen die Verwaltung von Tel-Aviv gerichtet, das Schwert der Heuchler gegen die Institution unserer Autonomie („Kneseth jisrael"), das Schwert der jüdischen Effeudi gegen die jüdische Arbeit in der privaten Kolonie — alle werden stumpf 'in ihre Scheiden zurückkehren; manche sind sogar schon eingezogen worden.Auch die Prügel, die man in Industrie und Handwerk der organisierten Arbeiterschaft unter die Füße wirft, werden ihre Wirkung verfehlen. Das Land muß eine Arbeiterordnung, die auf menschliche Arbeitsbedingungen und auf geordnete Beziehungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer basieren, erhalten. Wir werden uns nicht mit dem Minimalen, das wir durch unsere politische Macht, durch unsere Organisation erreicht haben, begnügen. In brüderlicher Kampfgemeinschaft mit dem arabischen Arbeiter werden wir das begonnene Werk vollenden. Wir werden nicht locker lassen, bis wir die billige Arbeit, die den Menschen zu einem Vieh degradiert, ausgemerzt haben werden. Ein normaler Arbeitstag, Lohnminimum für den Arbeiter, Schutz für die Arbeiterfrau und die Arbeiterjugend, wie er in den meisten Kulturländern eingeführt ist — das sind die wichtigsten Forderungen, die wir am internationalen Feiertage an die Regierung, die beauftragt ist, für die Entwicklung des Landes unserer Kolonisation zu wirken, stellen. Es gibt keine Bewegung, die au Bedürfnissen so reich wäre, wie die unserige. Es gibt kein Volk, das so bedürfnisreich wäre, wie unser Volk. Wenn wir aber unsere Hauptwünsche zum Ausdruck bringen sollen, tuen wir es in folgenden Worten: Wir sind mit unserer Arbeit ins Land gekommen, um unsere Wiederauferstehuug herbeizuführen und wir wollen die Arbeit im Lande auf ein menschliches Niveau bringen, weil bei intensiver Entwicklung in unserem Lande Raum genug sowohl für uns als für das hier ansässige Volk vorhanden ist. Die Basis, auf die das brüderliche Bündnis zwischen dem jüdischen und arabischen Arbeiter aufgebaut werden soll., ist nicht die Selbstverleugnung der Juden, das Negieren der eigenen Forderungen, das Sichanpassen an die Fremden. Diesem Bündnis tritt der jüdische Arbeiter als Arbeiter, Jude und Zionist bei. Dieses Bündnis werden wir nicht erreichen durch heuchlerisches Gerede, sondern durch das lebendige Beispiel unserer selbständigen wirtschaftlichen Arbeit in der Landwirtschaft, im Handwerke, durch das konkrete Beispiel unserer organisierten Lohnarbeit in der Industrie und durch die innere Wahrheit, die uns innewohnt. Wir, die kleine westliche Familie, die sich hier im Osten ein Nest baut, die das Vaterland durch ihre Arbeit, ihren Schweiß beleben will, muß einen wichtigen Imperativ befolgen: Arbeiter dieses kleinen Volkes in diesem kleinen Lande — vereinigt euch! Ich sagte bereits, daß am ersten Mai der Arbeiter mit seinem Lande und seinem Volke Bilanz macht. Wenn wir jüdischen Arbeiter, die in der ganzen Welt zerstreut sind, richtig Bilanz machen wollten, müßte sie die ganze Welt umfassen. Wessen Nachbarn sind wir nicht? Wer legte auf uns nicht seine Hand, um uns, die schwache, bodenlose Minderheit zu unterdrücken? Ja, die Bilanz ist zu umfangreich und wir können uns mit ihr hier nicht befassen. Aber einer Faust, die auf uns niedergesaust ist, um. nicht nur unsere Gegenwart, sondern auch unsere Zukunft, unser Recht auf die Regeneration zu rauben, müssen wir hier gedenken. Wir können es nicht verschweigen, weil wir nicht sehen können, noch wollen, daß diese Faust gleich vielen anderen unsere nationale Auflebung unterdrücke. Uns allen wohnt ein Gefühl der Unruhe über das Schicksal der russischen Revolution und ihres Weges in der Zukunft inne, aber diese Unruhe ist gepaart mit einem,,, brennenden Schmerz, einem flammenden Protest gegen die brutale Faust, die auf unsere Jugend niedergesaust, die Faust, die den „Hechaluz" zerstört und seine Mitglieder verbannt. Wir werden nicht schweigen, bis die kommunistische Welt genau so wie die sozialistische Welt die Gerechtigkeit unserer Bestrebungen und unserer Bewegung anerkennen wird. Dieser Tag wird kommen, wir werden auf ihn nicht lange warten müssen. Hoch die Flagge der Erlösung des Volkes, der Arbeiter und der Welt! Kritik am bürgerlichen Zionismus in Deutschland. Wenn diese Zeilen in Druck erscheinen, wird der Delegierteutag der bürgerlichen Zionisten in Breslau bereits zu Ende sein. Welche Marschroute der bürgerliche Zionismus künftig einschlagen wird, können wir heute noch nicht sagen. Es ist aber immer und immer wieder wichtig, diesem bürgerlichen Zionismus mit der nötigen Distanz und der nötigen Kritik gegenüberzustehen, um die vorhandenen Gegensätze zwischen ihm und uns nicht aus einer falschen Burgfriedenspolitik heraus zu beurteilen. Nachdem der allgemeine Zionismus in Deutschland lange Jahre hindurch dem prahlerischen Treiben des „stolzesten Bundes" zum Opfer gefallen war, ist die Z. V. F. D. heute in ein Stadium gelangt, wo jedes theoretische Wollen ausgemerzt ist, jeder geistige Elan fehlt und die „Organisation", nicht die Bewegung, von braven Apparatsehiki geleitet wird. Die Kritik, die der Z. V. F. D. aus ihren eigenen Reihen zuteil wird, erschöpft und verliert sich in organisatorischem Kleinkram und geht an den entscheidenden Dingen vorbei. Der Kontakt mit der Wirklichkeit fehlt. Wie ärmlich war Blumenfelds Analyse der jüdischen Situation in Deutschland! Sah er etwas von dem großen Verarmungsprozeß im deutschen Judentum, der von der Poale-Zion-Beweguug bemerkt wurde, reagierte er auf die Tatsache, daß lausende und Abertausende von jüdischen Menschen ins Augestelltenproletariat hinabgestoßen wurden, berichtete er uns von dem durch den Wirtschaftsantisemitismus bestimmten Verdrängungsprozeß aus der Wirtschaft, wußte er uns über die „rote Assimilation" etwas zu sagen? Nichts von alledem. Widerstandslos überließ, der allgemeine Zionismus den Kampf gegen den Antisemitismus der Zentral-