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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1926-01-01 · Heft 1 · p. Seite 583

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
29 (1926)
Issue
Heft 1
Date
1926-01-01
Page
Seite 583 (sequence 45)
Language
German
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Aus dem ehemaligen Kurhessen Von Dr. Samuel Blach Gerade unsere Zeit mit ihren gewaltigen inneren und äußeren Umwälzungen hat auch im Leben und Wandern der Juden derartig einschneidende Veränderungen hervorgerufen, daß es höchste Zeit ist, das, was an volkskundlichem Material noch zu retten ist, schleunigst zu sammeln und zu sichten. Im Osten Deutschlands sind unzählige blühende Gemeinden mit ernstem jüdischen Eigenleben unter dem politischen Wandel der letzten Jahre zugrunde gegangen; ihre geistigen Führer, die Rabbiner, Lehrer, Vorsteher und Gabbae ha-chebroth sind sozusagen in eine neue Diaspora gegangen; das blühende und urwüchsige jüdische Lebendes Elsaß wird wohl bald einem uniformierenden Rationalismus verfallen. Was in Rußland unter den Schlägen des Krieges und noch mehr der Nachkriegszeit schon unwiderbringlich verloren ist, können wir in Deutschland kaum annähernd beurteilen. Da ist es höchste Zeit, zum Sammeln zu blasen; denn unter den alten Minhagim — und oft gerade unter manchem sogenannten Minhag Schtuss — birgt sich ureigenstes Volksgut, primitivster Glaube, oft freilich auch Entlehnung von anderen Völkern. Entlehnung jedoch, die uns über die Geistesverfassung der Juden und ihre Aufnahmefähigkeit interessanteste Aufschlüsse geben kann. Da gilt es, all die genannten Führer zu Aufzeichnungen zu veranlassen. Sie allein wissen — neben den bekannten „ältesten Leuten" — noch Bescheid über die Bräuche ihrer Heimat. Gar schnell aber vergißt sich, namentlich unter dem Eindruck des in den letzten Jahren Erlebten und noch mehr unter der überwältigenden, alles nivellierenden Einwirkung der Großstädte, in die die Überreste der vernichteten Gemeinden zumeist verschlagen sind. Aber auch im Innern Deutschlands verschwinden immer mehr alte Bräuche, und Aufzeichnungen aus diesen Gegenden dürften manchem Leser die Erinnerung an das in der verlorenen Heimat Gesehene neu auffrischen. Der folgende Überblick bezieht sich auf eine Gemeinde aus Mitteldeutschland, die sich der Anzahl ihrer jüdischen Familien nach (etwa 40) seit zirka fünf Jahrzehnten auf der alten Höhe durch Zugang und Wegzug erhalten hat. Was mir selbst aus der Kinderzeit her aus dem Gedächtnis geschwunden war, hat mir in liebenswürdigster Weise der jetzige Lehrer des Ortes, der nun auch über dreißig Jahre am Ort wirkt, ergänzt. Herr Lehrer Perlstein und Frau Perlstein gaben mir nicht nur die noch heute geltenden Bräuche von Gudensberg, sondern auch die ihrer Heimatsgemeinde Meimbressen (ebenfalls in Hessen- Nassau), so daß meine Darstellung reichlich vollständig sein dürfte. Das hessische Städtchen Gudensberg, dessen Bräuche ich kurz im folgenden ver zeichnen will, hat nur etwa 2300 Einwohner. Es nimmt aber insofern eine Sonderstellung ein, als es im Gegensatz zu anderen Orten Hessens bis 1876 einen Kreisrabbiner besessen hat, obwohl derOrt selbst nicht Kreisstadt war. Der letzte Kreisrabbiner jener Gegend, R. Mordechai Wetzlar, bat sich nämlich von der Regierung die Erlaubnis aus, in Gudensberg residieren zu dürfen, da die Kreisstadt schon zu liberal — „neu", wie man in der Gegend sagt — geworden war. Der Ort selbst hat wiederholt Gelehrte und Schriftsteller interessiert. Vom Direktor der Casseler Landesbiliothek, dem auch sonst bekannten Hugo Brunner, existiert eine Geschichte von Gudensberg, die auch Wichtiges über die jüdische Gemeinde bringt. Die Tochter des letzten Metropolitans, die Studienrätin a. D. Frau Martin, hat ebenfalls in ihren Erinnerungen („DeutschesHeimatglück") manches über die Juden erzählt; ferner von jüdischer Seite speziell ist das Leben beschrieben durch M. Elias in „Volk und Scholle", Darmstadt,

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