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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1926-01-01 · Heft 1 · p. Seite 564

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
29 (1926)
Issue
Heft 1
Date
1926-01-01
Page
Seite 564 (sequence 20)
Language
German
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564 MENORAH kürlich durch den bösen Blick zuschaden komme. Darum lobte auch Bileam das Volk Israel, um es dann mit dem bösen Blick vernichten zu können88). Und noch heute ist es, wie erwähnt, Sitte, wenn man ein Kind sieht oder überhaupt sich über etwas rühmend äußert, hinzuzufügen: kein ajin höre. Man soll aber dabei auch dreimal ausspeien; denn Speichel ist das beste Mittel gegen jeden Zauber. Ohne böse Absicht, nur aus Gewohnheit ruft der polnische Jude, wenn er einen großen Friedhof sieht, mit Begeisterung aus: On ajin höre bei ajch is a grojzer bajs almen89). Es ist verboten, vor dem Felde eines anderen stehen zu bleiben, wenn das Getreide noch am Halme ist, um es nicht mit dem bösen Blicke zu beschädigen. Wer mit Stöcken und Krügen handelt, wird niemals reich werden, weil die Ware einen großen Raum einnimmt und so dem bösen Blick ausgesetzt ist. Nicht besser ist der daran, der seine Ware auf dem Markt auskramt. Zum Schutze gegen den bösen Blick ließ man das Pferd einen Fuchsschwanz zwischen den Augen tragen90). Gewogene, gemessene und gezählte Dinge sind vom Segen ausgeschlossen; nur auf solchen Dingen ruht Segen, die dem Auge entzogen sind. Dies sagt die heilige Schrift ausdrücklich mit den Worten: „Gott befiehlt dir den Segen in deine Speicher" (Deut. 28, 8), das heißt dort, wo dein Gut nicht dem Blicke ausgesetzt ist. Willst oder mußt du es aber doch messen, so bitte zuvor um Gottes Segen, denn nachher ist das Gebet schon nutzlos91). Darum durfte auch Israel nicht gezählt werden, und weil es König David dennoch tat, beschwor er über das Volk ein großes Unglück herauf. Zwar hat auch Mose eine Volkszählung angeordnet, aber diese hatte sich als notwendig erwiesen, daher hatte sie keine bösen Folgen. Daß beim Zählen das Unglück durch den bösen Blick entsteht, ist über jeden Zweifel erhaben92). Auch der Verfasser des Sohar warnt mit Nachdruck davor, wertvolle Dinge zu zählen, weil sie dem bösen Blick ausgesetzt seien, und man dadurch den Segen sich verscherze; denn nur ungezählte, dem Auge entzogene Dinge brächten Segen. Und wenn das Silber der Gemusterten der Gemeinde (Ex. 38, 25) dennoch gezählt wurde, so ist dies eine Ausnahme, weil geheiligte Dinge dem bösen Blick überhaupt nicht unterworfen sind, da man ja den Zehnten auch nur vom gemessenen Getreide geben durfte. Warum die Volkszählung bei Mose ohne böse Folgen verlief, während die bei König David so übel ausging, erklärt sich aus dem Umstände, daß Mose die Zählung mit Lösegeld vollzog, und dieses war heilig, daher dem bösen Blick unzugänglich93). Mit Rücksicht auf den bösen Blick werden auch die zum öffentlichen Gottesdienste erforderlichen zehn Männer nicht gezählt, sondern ihre Anwesenheit wird mit Anwendung eines aus zehn Wörtern bestehenden Psalmverses (5,8 oder 28, 9) festgestellt. Letzterer endet mit dem Worte „olam", daher die gewöhnliche Formel: der ojlem is da94). Auch bei anderen Völkern ist es verboten, ein Kind zu wägen oder zu messen, das Obst am Baume zu zählen, damit es vom bösen Blick nicht beschädigt werde95). Da der Glaube an die schädliche Wirkung des Blickes kein

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