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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1926-01-01 · Heft 1 · p. Seite 557

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
29 (1926)
Issue
Heft 1
Date
1926-01-01
Page
Seite 557 (sequence 13)
Language
German
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DER BÖSE BLICK 557 der böse Geist an. Sobald er erwacht und die Seele ihren gewohnten Sitz einnimmt, wird dieser Geist verdrängt, er setzt sich auf die Finger. Daher muß er von dort mit Wasser abgewaschen werden." Nicht nur bei den Arabern, sondern auch bei anderen Völkern werden die Augen besonders kinderloser Frauen und bartloser Männer als die gefährlichsten, gefürchtet29). Von den biblischen Personen ist Kain der erste, dessen böses Auge aus Neid seinen Bruder getroffen hat, seinen Tod aber hat er mit anderen bisher noch nicht ermittelten Waffen herbeigeführt30). Viel gefährlicher war das böse Auge unserer Stammutter Sarah, die mit ihrem bösen Blicke das Kind ihrer Sklavin Hagar im Mutterleibe tötete, aus Neid, weil sie selbst unfruchtbar war31). Aber nicht nur dies unschuldige Wesen, sondern auch den glücklich zur Welt gebrachten Ismael traf sie mit dem bösen Blicke, und es ist nur der göttlichen Vorsehung zu verdanken, daß nicht auch er frühzeitig ins Grab sank. Als er in der Wüste mit seiner Mutter umherirrte (Gen. 21), überfiel ihn hohes Fieber, so daß er fortwährend Wasser trinken mußte. Daher ging der Vorrat so rasch aus (21, 95). Dies ist auch der Grund, weshalb Ismael, der bei dieser Vertreibung schon siebenundzwanzig Jahre zählte, auf der Schulter seiner Mutter getragen werden mußte. Er war eben durch den bösen Blick Sarahs so schwer erkrankt, schwach und mager geworden, daß er einerseits nicht auf den Füßen stehen konnte, anderseits keine große Last bildete32). Der Chetiter Efron traf das Geld Abrahams mit dem bösen Blicke; denn er ließ sich für die Grabstätte eine so hohe Summe bezahlen, daß er mancher modernen Ghewra Kadischa Ehre machen würde33). Laban bedroht seinen Neffen Jakob mit dem bösen Blicke, indem er sagt: „Ich habe die Macht in der Hand, mit euch übel zu verf ahren<<34). Als Josef seinen Brüdern seinen Traum erzählte, da betrachteten sie ihn mit dem bösen Auge; daher stammen von ihm gottlose Könige ab, wie Jerobeam und Ahab35). Und als Jakob vor Pharao stand, war auch Og, König von Baschan, zugegen. „Nun," höhnt ihn Pharao an, „du sagtest ja von Abraham, er sei ein unfruchtbares Maultier, und da steht sein Enkel mit siebzig Personen." Statt zu antworten, traf er Jakob mit dem bösen Blicke36). Von den Ägyptern heißt es (Gen. 43, 32), sie konnten mit den Hebräern kein Brot essen, denn die Ägypter hatten ein böses Auge. Und wenn Israel nicht vom Brote der Ägypter gegessen hätte, so wäre es nicht in Ägypten unterdrückt worden, sondern hätte die Knechtschaft in einem anderen Lande abgebüßt37). Das größte Unheil wollte Bileam mit dem bösen Blicke anstiften. Drei schlechte Eigenschaften charakterisieren diesen Erzfeind Israels, darunter ist das böse Auge38). Anlaß zum Neide fand er schon beim Auszuge Israels aus Ägypten. Bis dahin wandten sich alle Völker der Welt um Rat an ihn, aber nach dem Exodus war ihm eine jüdische Sklavin an Weisheit überlegen. Da begann er ein böses Auge auf Israel zu werfen39). Und als er seine Augen erhob und Israel nach seinen Stämmen lagern sah (Nu. 24, 2), da hatte er zweifellos keine andere Absicht, als Israel mit dem bösen Blick zu treffen. Als er sich überzeugt hatte, daß sein Fluch dem Volke nicht schaden könne, da wollte er zum bösen Blick greifen, Gott kam ihm aber auch zuvor

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