Mannheim
Compact Memory

Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1917-01-01 · 1-2 (1917) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
18 (1917)
Issue
1-2 (1917)
Date
1917-01-01
Page
Seite 2 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2638044-2638073-2638074--1789-2639161
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

2 geren Bruder in den Schatten gestellt und waren ihm djarum neidisch. Auf ihre Beleidigungen antwortete er gewöhnlich mit Schimpfnamen, die das Wesen der Genannten derart trafen, daß sie dann zu bleibenden Spitznamen wurd|en. So soll er seinen nächstälteren Bruder, der ein etwas stürmisches und begehrliches Wesen zur Schau trug, „Loschek" (Hengst) genann. haben. Als der Bruder, merkte, daß dieser Spottnamen bereits stadtbekannt zu werden begann, beschwerte er sich darüber beim Vater, und Wölwel mußte nun heilig geloben, dieses kränkende Wort nie mehr auszusprechen. Als er aber von dem Bruder wieder einmal geärgert wurde, schrieb er den Schimpfnamen an die Wand ihrer Wohnung. Vom Vater darüber zur Rede gestellt, sagte er, das sei nicht seine Schuld, sondern der Brud'er sei ein solcher Narr, daß selbst die Wände des Hauses über ihn spotten müssen. Es steht doch ausdrücklich in der Bibel1: „Der Stein in djer W,and schreit, und der Balken aus dem Holze ruft es".1) Der Neid der Sölhne hinderte dien Vater doch nicht, seinen LWölwel in den tahnudischen Disziplinen weiter ausbilden zu lassen, und so schickte er ihn, nach Absolvierung der üblichen Talmudschuren (Chadorim), noch zum Rabbiner „lernen". In Ostgalizien wollte das Jeschiba-Wesen, wie es in Rußland und in Ungarn üblich war und teilweise iiioch üblich ist, nie recht gedeihen. Doch pflegten dort hervorragende Rabbiner begabte Jünglinge heranzuziehen, um deren Kenntnisse zu erweitern und zu vertiefen. Ein solcher Gelehrter war der damalige Rabbiner in Zbaraz Rabbi Josef Babad, dessen Werk „Minchäth Chinuch" in gelehrten jüdischen Kreisen hochgeschätzt wurde. Er war zuerst Rabbiner in Sniatyn, später in Zbaraz und zuletzt in Tarnopol1. Als Wölwel beim „Sniatyner" — so wurde dieser Rabbiner allgemein genannt — lernte, wurde er von allen als der gelehrteste Jüngling angesehen, und sein glücklicher Vater sah ihn in seiner Phantasie bereits als berühmten Rabbiner einer der größten jüdischen Gemeinden, an welchen aus allen Ländern in wichtigen religiösen Angelegenheiten Anfragen ergeben würden. Eine solche Stellung war damals das höchste Ziel des jüdischen Ehrgeizes in Gajlizien, darin bestand damals der Gipfel des Rühmes für einen galizischen Talmudjünger. Allein mit des Gesdhickes Mächten ist kein ewiger Bund zu flechten. Die von Moses Mendelssohn ausgegangene Bewegung pflanzte sich auch nach diesem vergessenen Erdenwinkel an der russischen Grenze fort. Der Umstand, daß Zbaraz mit dem bloß zwei Meilen entfernten Tarnopol1 einerseits und der etwa sieben Meilen entfernten freien Handels- Habaktik 2, 11.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.