Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- Neue Folge. Dritter Jahrgang (1907)
- Issue
- 3 (1907)
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 85 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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— 85 — Vermutlich stammt auch er aus dem 1519 zerstörten jüdischen Friedhof, wie die sämtlichen hier an den Häusern noch vorhandenen Grabschriften. Der speziell von Ihnen erwähnte im Haus der Invaliden- Kasse ist von einem Wappen begleitet, mit der Jahreszahl 1531. Die in der Ulrichskirche in dem gleichen Schrank wie die Judenschädel verwahrten Gefässe wurden gefunden in den noch vorhandenen Keilerresten oder Versitzgruben von Häusern auf dem Neupfarrplatz, der bis 1519 die Judenstadt trug. Es sind mittelalterliche Krüge, viereckige Schüssel* und Leuchter oder Deckel." Viel mehr wusste mir der Synagogendiener vom Judenstein zu erzählen. Es soll der Grabstein (und Begräbnis ort?) des bekannten Regensburger Wundertäters Jehuda he-Chassid sein, dessen Leben und Wirken reichen Stoff zu vielen Legenden gegeben hat. Einst des Steines überdrüssig, entfernten ihn die Regensburger von seinem Platz in der Mitte der Stadt, fanden ihn aber am nächsten Morgen ganz unversehrt am ursprünglichen Orte wieder. Dadurch von der wundertätigen Kraft des Rabbi Jehuda auch nach seinem Tode überzeugt, Hessen seitdem die Regensburger den Stein in Ruhe. Grabsteine vom jüdischen Friedhofe in Regensburg wurden weithin verschleppt. So sollen nach Aussage desselben Synagogendieners zwei solcher Steine in die Rathausmauer von Cham eingelassen sein, auch sind Grabsteine an manchem Gebäude in Kehiheim zu finden. Leider konnte ich diese Angaben nicht kontrollieren, sowie auch die Aussage, dass in Burg Weinting sich Ruinen von einer alten Synagoge mit jüdischer Inschrift erhalten haben. Die Regensburger Synagoge wurde schon mehrmals beschrieben und abgebildet und ich würde sie nicht erwähnt haben, wenn im Hofe derselben nicht eine schöne, im gotischen Stil gehaltene grosse Menorah aufgestellt wäre, und zwar lediglich aus dem Grunde, weil in der Synagoge wegen Raummangels kein Platz für diese zu finden sei. Möchte sich doch irgend ein Museum erbarmen! Sie stammt aus dem Anfange des vorigen Jahrhunderts und wäre eine Zierde der oben geplanten jüdischen Abteilung des Nürnberger Museums. Das teutonische Gan-Eden, dift Walhalla, befindet sich bekanntlich bei Regensburg, und zwar oberirdisch und jedermann zugänglich. Vergebens sucht man aber dort nach jüdischen Teutonen, es fehlt sogar ein Mendelssohn, der den deutschen Juden die Bibel verdeutscht, für die Teutonisierung derselben überhaupt gewaltig gearbeitet hat, und ausserdem ein beredter Verfechter der Idee des Olam habba war. Die Walhalla war übrigens rein katholisch geplant, es gelang aber dem deutschen Kaiser, und zwar nicht ohne Mühe, den Ketzer Luther hineinzubringen. Obgleich die Nachkommen Mendelssohns gute Lutheraner sind, wird es doch niemandem einfallen, für ihren berühmten Vorfahren die Walhalla zu erobern. Einmal auf dein Assoziationswege bei Luther und Mendelssohn angelangt, ist vielleicht ein Bedauern erlaubt, dass Moses Mendelssohn durch seine Nach kommen verleugnet ward, während z. B. ein Anselm Rothschild, der seinen Nachkommen Treuhalten am jüdischen Banner einflössen konnte. Wie wäre es mit den Lutheranern, wenn Luthers Nachkommen katholisch würden? Das mustergültige bayerische Nationalmuseum in München birgt