Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 17 (1931)
- Issue
- 1 (2.1.1931)
- Date
- 1931-01-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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fitiait« tfpfAHr# 00 ׳t ofeei tftMt pott * NMUfü•♦ ' -T 7»«ייו«ו• m 4im*m4*. 1f?*fiittlet« p*f redltiti JÜDISCHE PRESSE OliOJtM FUN PIK INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Radaktlon a. AdmlnlilritlomWIen, II., Leopold!• taue 16,1* Stiege, i, Stock. ■־* Tfe!. H 45*406־. Tichechoilowakel! Britislat», Pöltfach 140, inchelat laden Freitig. ״־ Redaktloniichlüii; Mittwoch Mittag. AboDDcmentiprelic ו Oantjlhrlgt Für Oeiterreicb S 16 Tichodioslowkkel tieheeb. K. SO, Ülnzelnammer Ost. Or. 50, 1 du Übrige ANilind 3 Doll«. Zahlungen auf Konto .Jüdische Presse*, Wien für Oesterreich 1 Postsnarkassenkonto Nr. D-93614; Deutschlandt Post* Scheckkonto Berlin Nr. 123619; Jueoslawlen t Postspk.-AMt Zagreb Nr. 40217: Polen t Poslspk.-Amt Warschau Nr. 190409; Ungarn! 1«^.ז1?0818ק Budapest Nr,60170; Schweiz! Post* scheckk, Zürich VIII. 4117; für die Tschechoslowakei! *Jü* diSche Presse•, Biatlslava, P0Stspk.*Amt Prag Konto Nr. 53386 Nr. 1 Wien-Bratislava, 2. Jänner 1931 ב*ד. וינא־םרעסבורג י״ג טבת תיציא 17. Jahrg. Das wahre Gesicht Dichtung und Wahrheit. Die wirtschaftliche Lage der Juden in allen Ländern. Schulter an Schulter mit clen Arabern, also mit Semiten reinsten Wassers, kämpfen die bräunlichemdeten Scharen der Aut i s e in i t e n Deutschlands gegen das jüdische Volk. Aber in. diesem Kampfe*Iwird mehr noch als das unzerstörbare Judentum das Christentum selbst untergraben und in Wirklichkeit ist der ״Antisemit“ eigentlich der ״Antichrist“. Wohin dabei die auf die Spitze getriebene Rassenhetze führt, zeigt am cleutlichsten das Abenteuer eines katholischen Priesters, der vor kurzem erst in Berlin als ״Jude“..attackiert wiircle. Ja, man braucht eben heutzutage nurjfein wenig intelligent aussehen und allenfalls noch einen Bart tragen — und flugs ist man schon zum Juden gestempelt. In den südlichen Ländern dürfte es unseren ״Nazis“ wahrschein־ lieh, wenn sie sich einmal dorthin verirren, überhaupt von Juden zu wimmeln scheinen. Am sinnfälligsten dokumentiert sieh der Geist, der jetzt von Deutschland ausgeht, in einem der Anschlagkästen der Wiener Universität, der in weithin leuchtenden Lettern die Forderung noch Sterilisation erhebt. Nun. dieser Wunsch scheint den wackeren Recken, wenigstens in geistiger ׳Hinsicht, schon längst, ohne daß sie es erkennen, in Erfüllung gegangen zu sei tu Eines ihrer Kampfblättchen liefert clen Beweis dafür. Es tischt seinen Lesern unter dem Titel ״Die Sirene heulte“ ein Geschichtch'en auf, das wirklich zum Heulen ist. Der Autor .dieses, literarischen Produkts hält scheinbar alle Juden für Müßiggänger und Prasser, wobei er natürlich , uorh nie »'■pscüon haben dü’*ft° wie sich ,das .in ^]er. “Wirklichkeit axisnimmL Man wird zwar vielleicht *huf* •jüdischer" Seite einwenden, es verlohne sich nicht, mit :solchen Geistesprodukten zu polemisieren. Schweigen* von jüdischer, von wirklich informierter Seite, könnte aber nur zu leicht als Zustimmung gedeutet werden, und;deshalb ist es notwendig, immer wieder darauf hinzuweisen, daß alle diese Dinge oft wirklich geglaubt werden, da eine ganze Literatur die Vorstellung vom genießenden, mühelos verdienenden und ־— deutsche 'Mädchen schändenden Juden züchtet und pflegt. Gewiß kennt auch jeder Nichtjuclp, soweit er überhaupt Juden ‘kennt•, aus eigener Erfahrung den schwer arbeitenden, den; leidenden und — trotz Großstacltmilieu — sittlich zumindest nicht unter seiner Umgebung stehenden Juden, Sobald ihnen aber einmal solche geistige Kost vor gesetzt wird, vergessen die meisten Durchschnitts- ‘menschen alles, was sie vorher gewußt hatten, und {?lätiben;... ■־׳ •- י־ ■ג י י Darum ist kein Wort der Abwehr lind AuIV klärung von jüdischer Seite zuviel uncl. dar um. muß auch alles vermieden werden, was mißdeutet werden könnte. ׳Aus solchen Erwägungen heraus müßten Juden . und Juclenstäjnmlinge sich geflissentlich davor hüten, . die Wortführer sexueller, Reformbestrebungen zu seih, auch wenn das Sittengesetz der Thora den Juden׳nicht aller Zweifel' in diesen Dingen schon von vornherein entheben und an den Mann ebenso hohe Anforderungen stellen würde*wie an die Frau. Es könnte mancher Giftstoff der Schlange des Judenhasses entzogen werden, wenn nicht gerade der Jude Ellenbogen im Namen der sozialdemokratischen Partei den Kohgreß religiöser Sozialisten begrüßen und der Jude Max Winter in einem ^luvimftsbilcle die Stephanskirche, durch eine ״Viktor- Adler-Halle“ ersetzt sähe. Hier müßte der Takt die Taktik vorschreiben und die Erfahrung• lehrt, daßduch der Kommunistenherrschaft in Ungarn sicher kein so rasches Ende beschießen . gewesen wäre, wenn sie sich nicht durch Enteignung religiöser Gesellschaften unmög- •Reh• gemacht hätte. Schließlich dient es. auch durchaus nicht clem Abbau alfeingewurzeiter Gegensätze, wenn einem Stadtrat jüdischer Abkunft von ernster, deutschnationaler Seite erst jüngst vorgehalten werden konnte, er habe den Geburtenrückgang iin deutschen Wien bei!grüßt, . Leider ist dieser Rückgang aber nicht auf das deutsche Wien beschränkt; er läßt sich in noch höherem Maße auch am jüdischen Wien konstatieren. Schon Raschi zeigt in einer kurzen Notiz zu der Stelle der biblischen Erzählung, die berichtet, Josef seien Vor den Hungersjahreu zwei Söhne geboren worden, wo die gemeinsame Wurzel des Uebels liegt, und gerade die Frcuclentage des Chanukafestes mußten in diesem Jahre der Wiener ״Wahrheit“ den Anlaß bieten, ein erschütterndes Bild der jüdischen Not in Wien zu entwerfen. Diese jüdische Not hat wohl dieselbe Wurzel wie die allgemeine Wirtschaftsnot; in ihrer grauenhaften Steigerung aber, die man bei einiger Menschenkenntnis schon auf der Gasse den besorgten Gesichtern aller Juden ansieht, ist die jüdische Not eine Folge der offenen oder versteckten Feindschaft, die überall dem Juden auflauert. Diese spezifische Juclennot ist'nicht im geringsten lokal begrenzt; sie stand auch kürzlich erst im Mittelpunkt der Erörterungen cler Berliner jüdischen Gemeinderepräsentanz. Dort wurden Dringlichkeitsunträge zur Linderung cler Not der Erwerbslosen und des depossedierten Mittelstandes gestellt. Einem erhöhten Etat des Wohlfahrtsamtes steht eine Verschied!- terung cler Einnahmen cler Gemeinde gegenüber. In diesem Zusammenhang ist auch die Lektüre des von der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden hcransgegebenen Dezemberheftes der Zeitschrift ״Jüdisehe Wohlfahrtspflege uncl Sozialpolitik“ von Interesse. Namentlich der Beitrag ״Zur wirtschaftlichen Entwicklung der Berliner Juden“ von Alfred Marcus ist sehr informativ. Er zeigt an amtlich fcstgestellten Zahlen, auf wie schwachen. Füßen cfar; Großteil cler jüdischen große Labilität cler jüdischen Gründungen auf .allen Gebieten. Auch für den Berufszweig cler Versicherungsageuten zeigt Marcus, wie unerfreulich dieser vom Standpunkt jüdischer Wirtschaftspolitik ist, und so׳ läßt sich durch alle seine Darlegungen eine deutliche Parallele mit unseren Wiener Verhältnissen feststellen. Wenn er aber die zunehmende Proletarisierung der jüdischen Masse konstatiert, so ist das eine Phase, über die wir in Wien schon hinaus •sind, da wir schon längst das Stadium des Luftmenschen erreicht haben. ,;.; Damit aber unsere Kenntnis cler :•jüdisdien Wir.tsdiaftslage nicht einseitig auf mitteleuropäische Groß- Städte beschränkt bleibe,־ ist es notwendig, einmal auch einen Blick in die jüdische Zeitschrift ״Wirtschaft und Leben“ zu werfen, die, vom ״Ort“-Verband in Berlin •herausgbgeben, ausgezeichnet über clie' j üclische Wirtschaft ini Nordosten Europas unterrichtet. Wir folgen jakob Lescinski bei seihen Untersuchungen über ״Die ökonomische Lage,der Juden in Polen“' in das Stübchen eines jüdisdien Heimarbeiters in Bialystök. Ei* sitzt am TiSclie Und liest׳ Sienkiewicz in. ’einer jiddischen Ausr gäbe. Er sitzt -in ״einem kleinen : Zimmer. Im: Hinter-, 'gründe stellt eiti Oefchen, um den :Tisch;vier einfache lange Bänke; ־An1 der: Wand hängen zwei' Bilder: Theodor Herzl und Wladimir־ Medern, am Fenster ein Paar Tefillio, •Ini zweiten Zimmer stehen nur zwei Betten, die den ganzen R'aiirn ausfüllen;. Uni in das. zweite Bett zu ■gelängen, muß mau über das erste ,klettern, das bei cler Türe oder vielmehr hin Loche Steht, 'denneine ■Tür kanii man diesen'Eingang׳ kaum nennen; Der Weber ist jetzt 57 Jahre alt;die EUern hatten in einem Dorfe gewohnt, eine Schenke und einen Getreidehandel; betrieben, und ihn in einer Jeschiwa lernen fassen. Er *hätte,ganz gut clie Gemora gekonnt* allein nach dem Ruin seines Vaters‘, den! die Schenke weggenommen worden war, war ei* gezwungen, gleich vielen anderen .jüdischen jungen Leuten zur Weberei.zu greifen. Er arbeitete sich empor und beschäftigte vor dein Kriege bereits drei Hilfskräfte. •Der Krieg; hat ihn 1• diniert,: Einriiekung zum Militär, Leiden aller Art uncl —. nachdem er endlich wieder neu beginueii',־Iconnte, hatte . ei*, iii. den Jahren 1925 bis 1929 durchschnittlich vier Monate inT Jahre Arbeit. Ini Jahre 1930• aller war e'r .sechs Monate läng* arbeitslos u״nd eine Erkrankung seiner Frau hat die letzten ersparten Groschen aufgezehrt.;' . . , : T!m Zimmer ist, es feucht und kalt..,Wehn der Mann Arbeit hat, verdient er 42 Zloty wöchentlich, während der י Arbeitslosigkeit aber erhält er 12 Zloty wöchentlich an Unterstützung. Schließlich wurde ihm aber, da er erwerbende Kinder hat, clie Unterstützung entzogen. Einer seiner Söhne ist hebräischer Lehrer, cler in Palästina war uncl enttäuscht zurückkam. Der zweite ist Tischler und Kommunist, der dritte Handelsaftgeteilter uncl cler vierte Lehrling. So und an noch vielen anderen Bildern wird hier das jüdische Leben, w־i e es wirklich i st, geschildert uncl man möchte nur wünschen, daß dieses w a 11 r e Gesicht des jüdischen Lebens alle Judenfeinde kennenlernen. Allerdings liest cler Antisemit jüdische Blätter meist nicht, um sich zu informieren, sondern um aus ihnen eine Infamie herauszuschlagen. Aber wenn es schon nicht in unserer Macht stellt, den Gegner zu überzeugen, so sollte wenigstens jeder Jude dieses ״Min hamezar“ ׳unserer Zeit •kennen unlcl ׳um diese Dinge, die nicht, nur in Polen uncl nicht nur in Berlin, sondern überall, wo Juden leben, so oder ähnlich ausseheh, wissen. Wisse, was du dem Epiküräer antworten Sollst, forciert die Mischna; wisse, was du clem Feinde antwortest, — so lautet die Forcierung der Stundei Izaak Bauminger s. A. Eine markante Persönlichkeit des gesellschaft- Lichen und politischen Lebens der Juden in Polen, Senator Izaak B a u m i n g* e r in Krakau, ist am 15. Kislew cl. J. im 63. Lebensjahre in Krakau verschieden. Als Enkel des Krakauer Raw ״Toklotli Jizchok“ ,und •direkter Nachkomme des wegen, seiner Gelehrsamkeit und Teilnähme an! ״Wand arba Haarazoth“ weltberühmten ״Rebbe Rab Heschel“, ferner als Schwiegersohn des Brodyer Raw Rabbi Itzdiok Chajes s. A., war er schon <• vluvcl). ,Ab^.t:!min’4ug..^tutlveben.lüir,tige Verbinduugeii ״ziv׳, einem prominenten ‘ Maniie größeren Formats '.prä-fa•' destilliert. Dazu gesellte sich noch sein reiches talmuclisches Wissen, gepaart mit allgemeiner Bildung und profaiier Kultur, eine für die religiös-polnischen Verhältnisse seltene Erscheinung. Sein tiefer Opfersinn und .seine Milde, nie versagende Hilfsbereitschaft, ־ 'ferner ׳.die unendliche Liebe zur Thora und ihren Bekennern, trugen das Ihrige b,ei, um Senator Bauminger in seinem Lande und außerhalb, :desselben zu einer populären Gestalt zu erheben, uncl sein vornehmes Haus zu einem Mittelpunkt der rabbinischen, gesellschaftlichen und politischcn, Welt des jüclisdi-ortliadqxen Polens zu machen. •Sclion zur.Zeit.dcr altöstevreichisclien Monarchie hat sich Senator• Baiuninger. große Verdienste erworbeifaSeit mehr als zwanzig . Jahren stand. er an der Spifae; Aoinfer Gemeinde, ־immer, wirkend '־und■kämpfend für fdie Rechte der. Orthodoxie, stets helfeiKlund. stiitzän^^Alß Haniclclskammerrat hat er sich unvergängliche VfercHeiiltfe um. die. jüdische.-Kaufmannschaft erworben, indem Ler immer wieder;für die Berück,sichtigung, der besondirs schwierigen LägP V der ortliöcloxeii '׳;Krä!1fle.u|e treten war. Als Präsident vieler■ humanitärer,׳;IcultürfeLlei? und ׳religiöser Vereine Wirkte' er unermildet'ise.it, mein* als drei Dezennien auf allen Gebieten des jüdischen Lebens in vorbildlicher Weise,, stets helfencl mit Rnk und Tat; mit seiner reichen Erfahrung( wie mit seiner milden Hand. Daß die;־a-ltelirNvitixlagoi.' Gemeinde Krakau, die infolge in11 erpo litis eher Reibungen seit mehr als zwanzig Jahren vakant igowesene' Stelle eirteS' Öberrabbifims, mit dem!Enkel : des. ' alten Rabfaners* und JReicEstEgsabgUoixlhcfen ,Rabbi.. Simon. Schreibor־ 's. :• A., ־ H'errn Necheihfas Kornitzer,׳ einem ungarischeä Rabbiner,;trotz aller •Widerstände’ der - polnischen .Regierungsstellen 1uid der liberalen Quertreiberoien; besetzen . konnte, war einzig und alleihjseinerii . Einfluß zu;vefda'nkon. ־, . . ־: Durch die Algucla ins polnische ׳Herrenhaus putsendet, eutlältöte Senator Bäumiiiger eine rege Tätigt keit für die Rechte der Orthodoxie; tincl'stelifö sich“glmch in die; vordersten. Reihen in X1.&#.;׳'Kspaßl.: alle Fronten, seien es jüdische, oder nicht jüdische«! Iiisbesondere aber kämpfte er unermitdet. um die Reclvte der' orthodoxen Rabbiner iin der jetzt auf Grund des sogenannten PilsudskbDekrcts in Uinorganisieriuig/Be, griffeneu jüdischen Gemeinde. 1 ־”’;' .' ־ -- Senator Bauminger. war auch als.Teiin'elimerder Gründuiigsversammlung elfer Agudas Jisroel‘ in Kattowitz einer der ersten Pioniere des Agucfagedä1|kens;AA11f Was die ßhrena& in mar I, Kärntnerring 6 (gegenüber Motel Bristol) m 1. Modprnsfa und individuellste Ausführung. Tadellosen, mustergültigen Sitz. 3, Nur erste Qualität in Material und Arbeit zu mäßigen Preisen. Die Firma OTHMAR SCHIFF legt allergrößten’Wert darauf, jede Kunde unter allen Umständen zufriedenzustellen. SeWen Sie sich daher, bevör SIq qIhq PerUcke kaufen! in Ihrem ureigensten Interesse mlt der'jFirma * ' OTHMAR SCHIFF i» ye^I^u^l '11