Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 9 (1923)
- Issue
- 47 (23.11.1923)
- Date
- 1923-11-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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(״JUOISCHE KORRESPONDENZ“) ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. mm Redaktion und Administration: Wien, H., Malzgasse 12a. — Telephon 49.054. Tschechoslowakei: Bratislava, Postfach 140. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschluss: Für Artikel Sonntag, für Nachrichten Montag. Abonnementspreise: Ganzjährig: Für Oesterreich, Deutschland, Polen öst. K 80.000, Tschechoslowakei Kö. 70, Schweiz Frcs. 10, Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 7 Shilling, Rumänien 200 Lei, Jugoslawien 70 Dinar. Einzelnummer öst. K 1.500. Zahlungen für Oesterreich: PostsparkassenamtWien, Konto Nr. 13.458; für Polen: Postsparkassenamt Warschau, Konto Nr. 190.409; für Ungarn: Postsparkassenamt Budapest, Konto Nr. 50.170; für Tschecho-Slowakei: Postsparkassenamt Prajr Konto Nr. 53.386; für Jugoslawien: Postsp.-AmL Agram, Ko. N 40.217; f.Rumänien: Banca Marmarosch Blanc & Co für Florenz & Co, Bukarest; für die Schweiz: Postscheckk. Luzern VII. 1470 Nr. 47 Wien-Bratislava, 23. November 1923 ,ב״ה ויענה־פרעססבויג ט״ו כסלו תי־ם״ד 9. Jahrg. Die Aufgabe der jüdischen Journalisten. Aus der ׳biblischen Erzählung, des Inhaltes, dass David einst dem Goliath seine Waffen abnahm, um ihn damit zu bekämpfen, wird häufig die Erkenntnis abgeleitet, dass man unter Umständen genötigt sei, in bezug auf die Methode den Gegner mit seinen Waffen zu bekämpfen. Als im 19. Jahrhundert die religionszerstörende Reform ihr Gift in die breiten jüdischen Massen in Form von populär gehaltenen Zeitschriften und Zeitungen zu streuen versuchte, erkannte man, dass auch im Lager der Orthodoxie man nicht länger zögern dürfe, seinen Anschauungen un!d Idealen in publizistischer und journalistischer Form Ausdruck zu vcrleihen. Es entstand der ״Jeschurum“ von Rabbiner Hirsch, der ״Israelit“ von Lehmann, die ״Jüdische Presse“ von Ennoch, später von Hildesheimer. Alle diese Männer opferten ihre Kraft und ihre Habe, und hn grossen und ganzen stand die Orthodoxie teilnahmslos beiseite. Das kann nur daher rühren, dass man in dieser Sphäre die Notwendigkeit und die Bedeutung einer Zeitung nicht richtig auffasste, denn dieselben Männer, deren Angedenken wir nicht genug segnen können, weil sie für die Gemeinde und Schuleinrichtungen sich aufopferten, verhielten sich dem Zeitungswesen gegenüber kalt. Wir glauben nicht fehlzugehen,‘wenn wir annehmen, dass dieses Verhältnis sich nicht wesentlich geändert hat. Gedankenmässig •lässt sich dieses sogar entchukligen; wenn man über die Inanspruchnahme durch die Sorge für die Reinheit seines Hauses andererseits wahrzunehmen glaubt, wie doch dieses oder jenes in seiner Auswirkung nicht unbedenkliche Wort durch diese oder jene Zeitung ins Haus getragen wird, so erhebt sich ein gewisses angstliches Misstrauen. Seltsam ist dabei, dass die Aengstlichkeit nicht vorherrscht in Hinsicht auf die Tagespresse, die man wahllos in jedem Haus den Kindern zugänglich macht, und wahrlich sehr oft ist das Misslingen der Erziehung und die Tatsache missratener Kinder auf diese trübe Quelle zurückzuführen. Umso grösser ist die wirkliche Bedeutung der religionstreuen Presse. Es ist ihr leider nicht mehr, so wie früher, vergönnt, irgendein gutes Wort zu erklären und so die Heilige Schrift ihren Lesern zu vermitteln, das ist nicht mehr beliebt. Umso schwieriger ist die Aufgabe Ein Mortara-Fall im 18. Jahrhundert. (Fortsetzung.) In ׳diesem Schreiben wurde der Prager Oberrabbiner nach einer Darlegung des Sachverhaltes gebeten, mit Hilfe seiner weit verbreiteten Verbinclungen ein im Auslande, gelegenes Asyl für die bedrohten Kinder zu suchen, wo ihr Aufenthalt verborgen bliebe. Die Kinder sollen dann tatsächlich nach Breslau gebracht worden sein, wo ihre Sicherheit verbürgt war. Als in Pullitz die Entfernung der Kinder bekannt wurde, erfuhr die Erbitterung der in• ihrer frommen Hoffnung betrogenen Grössen eine masslose Steigerung, deren Folgen der unglückliche Vater gar bald zu fühlen bekam. Der Behörde wurde zunächst die Anzeige vo׳n der angeblich an dem kleinen Label, dem jüngsten Knaben Landesmanns, vollzogenen Taufe erstattet, und Isak Landesniann selbst wurde vorläufig ins PuIIitzer Schlossgeifängnis gebracht• Die Behandlung, die Isak Landesmann in diesem Gefängnis, sozusagen unter den Augen der zürnenden Gräfin erfuhr, scheint keineswegs von besonderer Milde beseelt gewesen zu sein. Dies ist nämlich mit grösster Wahrscheinlichkeit aus einer Bemerkung zu schliessen, die in einem Briefe Landesmanns vom 23. März 1768 an seine Gattin Esther enthalten war. Nach viermonatlichem Arrest in Pullitz war Isak Landesmann in das Gefängnis des Znaimer Stadtgerichtes überführt worden, wo er sich anfänglich besser gefühlt haben muss als in Pullitz, denn er schreibt, ״cs wäre ihm lieb gewesen, anstatt des PuIIitzer Arrestes hierher gekommen zu sein“. Die anfangs freundliche Behandlung in Znaim erweckte in dem Herzen des Armen auch die belebende Hoffnung, dass sein Schicksal bald eine günstige Wendung nehmen werde, und es scheint, dass er nicht nur seiner in der Beleuchtung der Tagesfragen, den Geist der Thora walten zu lassen. Da gilt es, verborgenen Zusammenhängen nachzusptiren und den Nachweis zu erbringen, dass das Wort der Heiligen Schrift und die z.rstreut vorhandenen Zeugnisse für die Anschauuügen unserer alten Weisen s. A. vollkommen ausreichend sind, auch in den scheinbar verwickelten politischen und wirtschaftlichen Dingen als Riehtschnür zu dienen. Die jüdische Journalistik darf niemals in den Wahn verfallen, dass sie auch nur im entferntesten einen Ersatz für das alte Beth Hamidrasch darzustellen berufen sei, aber der Geist dieses alten Beth Hamidrasch muss stets klar zum Ausdruck kommen. Diese Forderung gilt auch insbesondere für die Polemik. Jede Zeitung, die einer bestimmten An- Fortsetzung der Ausweisimgspolltik. München. Das Generalslaatskommissariat gibt bekannt, dass ״die Ausweisung lästiger Ausländer, insbesondere /bedenklicher ostjüdischer Elemente fortgesetzt wird“. Es siebt also nicht ■danach aus, als ob Herr v. Kahr aus den Erfahrungen der letzten Tage sehr viel Nutzen gezogen habe. Die englische Judenheit für Schutzmassnahmen zugunsten der bedrohten Juden Deutschlands. London. (J. P. Z.). Die .■drohende Gefahr für die Juden Deutschlands weckt •In deii jüdischen Kreisen■ Englands grosse Besorgnis. Besonders sind es -die jüdischen Organisationen der Boiartd 0/f De/puties und die AJA, die reges Interesse an den Schutzmassna'himen für die deutschen Juden nehmen. Das ״Joint Foreign Comitee“ diskutierte di׳e Frage •mit leitenden Persönlichkeiten der •briiaschen Regierung. Eine /ausserordentliche Sitzung des Komitees wurde einberufen. M'an ist hier der Ueherzeugung, dass gewisse •kontinentale Staaten, deren Bürger die Aus- Weisungen aus Bayern betraten, die Angelegenheit vor den Völkerbund bringen werden. Die Intervention der polnischen Regierung gegen die Judenausweisung aus München. Warschau. Auf eine Anfrage I׳m Sejm, betreffend der Stellungnahme deT ׳polnischen Regierung zu den Massregelunigen von Juden ■polnischer Staatsbürgerschaft Gattin Trost und Beruhigung spenden wollte, sondern seiner eigenen Zuversicht Ausdruck verlieh, wenn er in diesem Briefe schreibt, er ’hoffe, ״dass diese Komögdie bald ein Ende finden“ und seine gerechte Sache noch vor den jüdischen Ostern in befriedigender Weise geschlichtet sein werde. Ach, der Unglückliehe ahnte damals nicht, dass er nicht berufen sei, vorübergehend eine Rolle in einer traurigen Komödie £u spielen, sondern zunächst der duldende Märtyrer einer — wenn auch versöhnlich endenden — Tragödie zu werden. Nur zu bald sollte die Milde der Behandlung, deren sich der Gefangene erfreute, einer wesentlich anderen- Behandlungsmethode Platz machen. An das Znaimer k. k. Kreisamt war nämlich der Auftrag gekommen, ״dass der Vater Isak Landesmann eingesperrt bleibe, bis der Knabe wieder zurückgekehrt ist. Ueberdies solle man ihn, um ihn cinzuschüchtern, mit dem Verluste des Vermögens und empfindlichen Strafen bedrohen.“ Der hohe Befehl wurde getreulich befolgt. Wir erfahren dies aus dem vom 22. April an seine verzweifelte Gattin gerichteten Briefe, in welchem er ihr mitteilt, dass er vom Stadtgericht in das k. k. Kreisamt überführt twurde. Dann heisst es im weiteren: ״Bei meiner *Dahinkunft sagt mir der Herr Kreishauptmann, es ist ein hoher Befehl gekommen, mich auf das allerschärfste anzugreifen; in Eisen und Band zu schliessen, in harten Arrest zu geben und unser weniges Vermögen wegzunehmen wegen dessen, weil wir unser Kindlein ausser Landes geschickt; und so es nicht bald ins Land kommt, es üibler noch folgen wird. Ich habe wehmütig gebeten, etwas gnädiger mit mir zu verfahren, was auch der Herr Kreishaupt־ mann mich versichert. Sonntag darauf kam aber der Gerichtsdiener und legt mir zw ei starke Eisen schauung dient, ist verpflichtet, ihren Lesern die geistige Möglichkeit zu geben, sich mit den Anschauungen der Gegenseite auseinanderzusetzen. Aber die oft beliebte Methode, eine Sache dadurch minderwertig erscheinen zu lassen, dass man ihre Vertreter als geistig minderwertige Menschen charakterisiert, entspricht nicht dem Geiste des Beth Hamidrasch, wohl aber erfordert e׳s dieser Geist, dass man Unklarheiten, Zwiespältigkeiten und bewusste Täuschungen als solche kennzeichnet. Die höchste Aufgabe besteht darin, durch genaue Prüfung der jeweiligen Entwicklungen die Möglichkeit anzubahnen, dass alles, was wahrhaft jüdisch ist, auf Verständnis stösst und dadurch eine Atmo- Sphäre bereitet wird, in der alles zueinander strebt. durch deutsche Behörden, erklärte Vlzeministe Seyda, die polnische Regierung 'halbe /in Berlin u׳nd München energlsehe Vorstellungen erhoben und ׳werde im Fialle uihgenagender ■Antwort -zur Anwendung ,identischer Gegenimassnahmen gegen die auf /polnischem Gebiete lebenden Deutschen schreiten. Die Ausschreitungen und der Ab wehr verein. Berlin. Der Vorstand des Vereines /zur Abwehr de« Antisemitismus erlässt einen Aufruf, worin er auf den Zu- Sammenihang der. äntisemftischen Hetze mit den ׳Plündenungen jüdischer Geschäfte und der Misshandlung jüdfscher Bürger hinweist und betont, dass die Not des deutschen Voltes nicht gelindert/, sondern verschärft wird, wenn diie geordnete Versorgung mit Lebensmitteln, Kleidern unld Hausbedarf •durch Plünderungen und Verfoigumgen aufs schwerste gestört wird. ,Er weist ferner auf die Schädigung des deutschen Ansehens .im Ausland hin, die eintrete, wenn es nicht gelinge, Sn dieser Zeit dem Auslainlde •die ■Uoberzeugung beilzubringen׳, dass es noch das alte Kulturvolk vo׳n hoher Sittlichkeit sei. ״Wem Ehre und Zukunft •de's deutschen Volkes ernsthaft am Herzen legt, der trete ein mit uns gegen Wucher und• Verschwendung, Ausbeutung der Not des Volkes, aber auch gegen: jede blindwütige Hetze 'durch welche die Ehre des deutschen Namens besudelt/ wild. Jedermann trete ein für wahre Sittlichkeit, auf der die Zukunft des u ׳n d K e 11 e n an die Füsse und tut mich in ein Zimmer hinein, allwo kein Ofen ist'und von aussen gesperrt. So bring ich mein Bissei Leben zu.“ Man sieht, der hohe Befehl wurde trotz der Versicherung des Kreishauptmanes, ״etwas gnädiger“ zu sein, befolgt, wobei allerdings zur Ehre dieses Beamten noch angenommen werden kann, dass ohne seine ״gnädige“ Gesinnung Isak Landesmann noch schärferen Peinigungen unterworfen worden wäre. Isak Landesmann hatte während der viele Monate langen Haft, einem Gelübde getreu, das er sich auferlegt hatte, ausser am Sabbat, keine Suppe und überhaupt keine gekochte Speise zu sich genommen und sich nur vor! Brot und Käse genährt, die ihm seine Frau schickte. Aber der fromme Mann verlor in dieser traurigen Lage sein Gottvertrauen nicht. Er beruhigt noch seine Frau mit den rührenden Worten: ״Liebes Weib, lass Dich trösten und nimm nur alles gütlich von Gott an. Der höchste Gott wird unser Elend vor sich nehmen, dieweil wir doch sind ein paar ehrliche Eheleute und ehrlich uns geplagt haben Tag und Nacht. Der höchste Gott lässt den Menschen nur sinken, aber nicht ertrinken und man ruft seinen heiligen Namen nicht eher an, bis die grösste Not da ist.“ Die gottergebene Gesinnung des Mannes zeigt sich auch darin, dass er zwar wehmütig darüber klagt, sein Geschäft, dass schon seit fünf Monaten gesperrt ist, sei in seinem Bestände bedroht, aber er vergisst nicht schmerzbewegt hinzuzufügen, dass sein Ruin auch die ganze Gemeinde Pullitz zugrunde richten würde. Aber er trägt Hunger und Sorge, körperliche Qualen und Seelenschmerz mit demütiger Ergeöbnheit in den Willen Gottes. Aus dem Herzen des für seinen Glauben leidenden Mannes ringt sich der ergreifende Ruf: ״Gott zu lieb und meinen treuen lieben Kindlein nehme ich alles geduldig an.“ (Fortsetzung folgt.) Die Not der deutschen luden.