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Jüdische Volksstimme · 1917-12-24 · Heft 19 (24.12.1917) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVIII (1917)
Issue
Heft 19 (24.12.1917)
Date
1917-12-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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xvi», Nummer 19. Wjshe Mksjtmm. Redaktion: Wie« VIII. Lerchengaffe 6 a. Redaktion und Administration: Brün«, Adlergasis k Buchhändlerische Vertretung: Otto Sie««» 5??Lpzik Inserate: die 6-spaltige Petitzeile 60 h. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht ipno riert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. --- Bezng»preise: Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 6-20 ®eut$mtbf ganzjährig . . , , . —׳12 Kronen . -12 Mark . Rußland, ganzjährig ...... —׳16 Rubel . Balkan, Frankreich , Frank» 4 — Wien—Brünn. 24. Dezember 1917. 9. Tebeth 5677. Prag—Lemberg. KnegskM-erü Hickls Jüdischer »s - Mmki 16. Jahrg. Preis K 3-50. Aus dem Inhalt«ג Brod Max. In der Fabrik. Benedikt Clotilde: Aus der weibl. Armenpflege Ben Josef: Kriegswaisen. Cohn Dr. Carl Altona: Judentum und Freiheit . Feuchtwang Dr.: Brüder ganz Israel Färber Dr. R.: Unsere Israel. Militärseelsorge GUnzlg Dr. I.: Die Philosophie des Rabbi Beer Mezeritsch . . ... Iniber 8. J.: Frihling 1915 . . . , Der kommende Frieden und die Judensrage. Das jüdische Pressbureiau in Stockholm berichtet:^ Angesichts der großen Aktualität, die die Judenfmgo m letzterer Zeit gewonnen ha>t, befragte das Jüdische Preßburoau in Stockholm eine Reihe miajßgebender sozialistischem Persönlichkeiten über ihre Stellung zu den jüdischen Forderungen in bezug auf den kommenden Frieden. Mir beginnen mit ,der Publizierung! der Antworten: Camille Huysmans,Sekretär des Interna-- tionalen Sozialistischen Bureaus und des Holländisch-Skandinavischen Komitees, formulierte seine Stellung, zur Judenfrage wie folgt: ״Ich teile voll und ganz den Standpunkt, den die neutralen Delegationen zur Stockholmer Konferenz in ihrem Friedensmanifest zur Judenfrage eingenomjmen haben. Der internationale Charakter der Judenfrage ist so Handarei!f>lich, daß man Wfüt: gar Leine Beweise!cmzuführen ,braucht. Die Existenz einer Judenfrage in vielen Ländern kann nicht geleugnet werden. Sie tritt schon negativ durch die Tatsache der Judenverfolgungen zutage. Wenn manche Juden die Existenz der׳ Judensrage leugnen, so beweist das nur, daß sie selbst assimiliert und dem Judentum und seinen Problemen entfremdet sind. Die Assimilation ist keine bloß jüdische Erscheinung. Von ihr sind auch Flämen, Russen und Angehörige vieler anderer Völker ergriffen. Die Assimilation ist eine allgemeine Erscheinung in Grenzgebieten. Daß die Assimilation unter den Juden stärker hervortritt, erklärt sicheben dadurch,!daß die Juden im sozialen Sinne ein Grenzvolk bilden. Nicht der Assimilations-- Prozeß, der,einen Bruchteil der Juiden erfaßt hat, ist das, was mich in Staunen versetzt, sondern, die Tatsache, daß es von! d!er Assimilation nicht, umgekehrtdie phenomeinale Wiederstandskraft, die das jüdische Volk immer entfaltete und ontfaltet, viel stärker mitgenommen ist. Das friedliche Nebeneinanderl^en von zwei oder mehr gleichberechtigten Völkern in einem Lande, die sich gegenseitig geistig beeinflussen, kann gewiß in hohem Maße kulturfördernd sein, aber was man gemeinhin Assimilation nennte wirkt keineswegs kulturfördernd, soinidern uwjgekehrt überaus kulturhemmend. Die Assimilation, Welche die Minderwertigkeit eines gegebenen Volkes zum Vorwand hat, hindert die Entwicklung eben desselben Volkes und erzeugt in jeder Hin» sicht verderbliche Wirkungen. Zu dieser Ueberzeugung bin ich aus persönlicher Anschauung gekom- Weilt. Die assimilierten Flämen in Brüssel sind kulturell weder Franzosen noch Flämen. Die französierten flämischen Oberschichten sind geistig völlig unfruchtbar, während ein -großer Teil der Arbeiter von beiden Sprachen des Landesnur Brocken besitzen, so daß sie nur die Klatsch- Nachrichten dier Presse lesen können dagegen aber zum Verständnis des politischen Teils der Zeitungen zu wenig Sprachkonutmsse haben. Daß die Assimilation auch antisozial wirkt, lehrt uns gleichfalls das belgische Beispiel. Die Assimilanten haben kein Empfinden für die Not ihres Vol-- kes. Ja, ,cs ist eineTatsache, daß die französierten Flämen die Beziehungen zwischen den beiden das Land bewohnenden Völkern vergiftet haben, daß sick im wallonischen Lager die Rufer im Streite I Koh Lut Dr. Ad.: Allerlei Geschichten v. König Salomo! König Eisig: Kriegspassah .... jj, Kurrein Prof. Dr. A.: Rabbi Israel Baal-Schem Müller Dr. E.: Prophetenworte ....;! Neusser Regine, Breslau: Fanny von Arnstein: Ein |!i Gedenkblatt zur 100 Wiederkehr Ihres Todes 1 Rothbllum Dr.: Großvaters Tod . . . . . jj Rawitsch Meilech: Aufotmen. L Reifer M.: Pravoszitelstwo. Schach Fablus, Hamburg: Weltschmerz; Schach Fablus, Hamburg: Jüd. Kriegsaphorismen Scherlag Lorenz r Der Tod geht um; Scherlag' M.: Die Wolken.; Schmahl Grete, Wolf: Militärzug an der Grenze | Schreiber Helnr. Dr.: Die Kultussteuer und der Krieg | Zlocistl Theodor: Das Heilmittel Verein zur Errichtung von Volksküchen nach Israel Ritus .. Verein Kurffirsorge im Kriege. Das allgemeine jüdische Krankenhaus in Jerusalem! Ehrentafel für Gefallene . Illustrationen. g für gefallene jüd. Soldaten. :♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦ Feuilleton. Jüdische Kriegsmiszellen. Blätter aus dem Felde. VonFelix A. Theilhaber. Und ein rotblondes Mädchen lacht. Noch einige Stunden in den däwmevnden Tag. Gleichmäßig verklingt das Schlürfen von dreitausend marschierenden Soldaten. Die Mond^- scheibe zieht am Himmel auf und leuchtet, huscht an Bäumen vorbei über eine Brücke hin und verschwindet hinter den schattenhaften Umrissen niederer Häuser. Und das holperige Pflaster vonOszmiany kreischt und röchelt unter dem Schleppen, Stampfen und Stoßen von sechstausend Soldatenstiefeln. Juden fhehen in später Nacht vor übelriechenden Teestuben und eine dicke Mamsell ruft wie ein einsamer Rufer vom Minarett zum schweigenden Zug herüber: »Wellen Se haben Tei?" Da'steigen Erinnerungen in den deutschen Soldaten auf an belgische Estaminets, an die Kneipen französischer Städte, an die Kaffeehäuser des Sandschak und vor allem an diese Teestuben des Ostens. Die Vorderen rufen nach rückwärts und zeigen auf die schlanken Judenmädel, die im spärlichen Licht an der Tür und am Fenster stehen. Oszmiany bei Nacht. Und auch bei Tag ein armseliges Nest, in dem die Not ungeniert durch die Gassen, an 4000 Juden vorheiizieht. Schabbes ist Tags darauf. Jüdisches Volk steht gaffend vor dem Tempel. Drinnen ist eigenartiges Leben. Männer-beten laut durcheinander. Kinder kriechen zwischen den Betenden umher und spielen. Im Beth-ha-midrasch, in dem der russische Jude lebt, in dem er sogar schläft, ist er zu Hause. Das ist ihm nicht ein fremder, hoher Dom, dev ihn mi!t mysteriösem Geheimnis verstummen läßt und ihn zum Schweigen zwingt. Fern steht ihm der strenge Kultus des Protestantismus, dev zur Preußischen Art Paßt und feste Ordnung fordert. Die russische Synagoge ist die Betstätte des jüdischen Volkes. Abends wurde ich als Arzt zu einer Frau gerufen. Ein hübsches, junges Ding mit rostigem Haar wie Feuerschein holt mich ab und erzählt mir in beredten Worten von den Leiden dieser Frau. ״Sie itzt nichts mehr. Sie ist so schwach, schwach..." In eine ärmliche Hütte treten wir ein. Schmutzige Fenster lassen wenig Licht in die dämmerige Stube. Eine blasse Frau liegt unter dicken Decken und reicht mir ihre kalte Hand. ״Wo fehlt es gute Frau?" Die aber merkt nicht auf mich und wiederholt dreimal: »Ich vasteh nischt Daitsch." Ein verwitterter Mann erhebt sich von einem wackeligen Stuhl und sieht sich hilflos um. Das kokette junge Mädchen erbietet sich als Dolmetscherin. Sie übermittelt die Fragen, die ich ohnedies in Jiddisch zu radebrechen suche, während ich untersuche.

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