Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVI (1915)
- Issue
- Heft 15 (28.5.1915)
- Date
- 1915-05-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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■9mi m>.;^י)*»•׳!*‘ ■>־־׳ •*י♦־ v ־*■ ״ 'ilHKi:י wr *־־ WWIBIW 1&« -- «ezngSpeeiser Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig ganzjährig. Deutschland, ganzjährig. Rußland, ganzjährig ...... BaÜan, Frankreich....... 20׳6 Kronen . —׳12 Kronen . - 12 Mark . —׳6 Rubel . —׳14 »Frank . @hs^3) Herausgeber: Max Hickl. Redaktion und Administration: Brünn, Adlergasse 9. Buchhändlerische Vertretung: Otto Klemm, Leipzig. Inserate: die 6spaltige Petitzeile 89 h. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. Wien—Budapest. Brünn r». Mai ISIS «rann, ,5' Tiwa» 6675 Prag—Lemberg. DieAgudasJisroelimWeltkriege. Der Krieg hatte die Agudas-Jisroel-Organisation vor große Aufgaben gestellt. Die eherne Not- Wendigkeit, die einen engen Zusammenschluß aller an den überlieferten Idealen festhaltenden Juden und damit die Gründung dieser Organisation zur gebieterischen Pflicht machte, zwang die Leitung der Aguda und ihre Organe an die Durchführung größerer philanthropischer Unternehmungen heranzutreten, zu einer Zeit, da sie nach dem normalen Lauf der Dinge sich in der Hauptsache der Ausgestaltung ibres organis-rtorischen Gerüstes und der Sammlung ihrer inneren Kräfte hätte widmen sollen. Die für den Monat August 1914 geplante ״Kenessijoh gedauloh" als Kundgebung der Zusammengehörigkeit der durch die Thora Geeinten mußte plötzlich abgesagt werden. Statt dieser Kundgebung jedo? forderten die Kriegsereignisse von der Organifation Taten, die den Agudagedanken wenigstens teilweise verwirklichen sollten. Im Geiste dieses Agudagedaukens bewegte sich denn auch die Tätigkeit der Agudo seit Ausbruch des Krieges. Sie war im besten Sinne des Wortes eine Hilfstätigkeit. Galt es in den ersten Wochen, den zahlreichen, in deutschen Kurorten vom Kriege überraschten Glaubensgenossen mit allen verfügbaren Mitteln — sei es durch Unterstützungen, sei es durch Darlehen — helfend beizustehen, so nötigte der Verlauf des Krieges die Organisation, außer der Hilfe für die durch den Kriegsausbruch in Bedrängnis.Geratenen recht bald ein ausgedehntes Hilfswerk einzuleiten für diejenigen, die infolge der Ereignisse auf dm Kriegsschauplätzen ihren Erwerb, ihr Hab und Gut verloren, und bis zum Wiedereintritt geordneter Verhältnisse auf tatkräftige Unterstützung der Gesamtheit <mgewiesen sind. Diese Hilfsaktion erwies sich vim so dringender, als der östliche Kriegsschauplatz sich über ein Gebiet mlsdehnt, das von Juden dicht bevölkert ist, wie kein zweites in Europa. Galizim wurde von den Russen besetzt. Die In- ׳ den wußten aus den Erfahrungen der letzten Jahrzehnte, was es für sie bedeutet, unter ‘ Russenherrschaft zu leben. Hunderttausende zöge:: es vor, sich der Not und dem Mühsal des Flüchtlingslebens auszusetzen und traten die Wanderschuft cm, froh, das nackte Leben vor den Huligans gerettet zu haben. In dem okkupierten Teile! Russisch-Polens fanden die einziehmden dentschen Truppen in Hunderten vou Gemeinden die jüdische Bevölkerung in größter Not vor. Die vor den siegreich Vordringeuden deutschen und österreichischen Heeren ׳ausgerückten Kosakenhordm fanden vor ihrem Abzüge noch Zeit genug, um Väterchens ״lieben Juden" auf ihre Weife Lebewohl zu sagen. Gemeindeleben und Gemeindeinstitutionen sind zumeist aufgelöst und bedürfen tatkräftiger-Förderung von seiten der Hilfsorganisationen, um wieder aufzuleben׳. Auch im Heiligen Lande trat große Not ein und es mußte auf Abhilfe gesonnen werden. Die Agrida-Leitung veranlatzte die Grup- ' penverbände von Deutschland und einigen neutvalen Staaten, unter ihren Mitgliedern und Freunden eine Sammlung zu veranstalten, um die erforderlichen Geldmittel zu erlangen. Das bisherige Resultat der Sammlung des Gruppen- Verbandes in Deutschland und ebenso das des Schweizerischen Lanoesverbandes kann als durch- Ms befriedigend bezeichnet werden. Dadurck wurde die Leitung in den Stand gefetzt, den Be- I drängten die ״erste Hilfe" zu leisten. Die weite-- ren Ergebnisse der im Gange befindlichen Sammlungen werden hoffentlich der Organisation die Mittel an die Hand geben, das begonnene Hilfswerk gedeihlich fortzusetzen. Ueber das bisher Geleistete sind wir in der Lage, in: Einzelnen folgendes zu berichten: Galizische Flüchtlinge. Die Aguda begann ihre Hilfstätigkeit für die Flüchtlinge vor dem Pessachfeste. Nach den Feststellungen des Herrn Fabrikanten Grünbaum (Nürnberg), der im Aufträge der Leitung nach Wien reiste, um gemeinsam mit der gegenwärtig dort domizilierenden galizischen Landeszentrale die erforderlichen Maßnahmen zu treffen, bestand für viele Tausende die Gefahr, während des Pessachfestes ohne Mazzes zu bleiben. Nach unsäglichen Mühen war es in letzter Stunde noch ermöglicht, ein Mindestquantum der erforderlichen Mazzes herbeizuschaffen. Hierfür allein wurden mehr als 32.000 Kronen verausgabt. Auch wurde durch Subventionierung von Volksküchen und direkte Untersetzung einzelner im tiefsten Elend befindlicher Familien vielfach dazu beigetragen, die Not zu lindern. Hand in Hand mit dieser Aktion wurde von feiten verschiedener befreundeter Frauenvereine und der AAlda-MädchengruPPen im großen Maßstabe eine Kleider- und Waschesammlung eingeleitet. Auch diese Sammlung zeitigte ein gutes Ergebnis. Von den einzelnen Sammelstellen Deutschlands und der Schweiz konnten bereits mehrere hundert Kisten mit Kleidungsstücken nach den Michtlingszentren. abgesandt werden. Eine besonders schwierige und kostspielige Jsak Noa Mannheimers Gestalt und Persönlichkeit, nach der Monographie von Dr. M. Rosenmann, Rabbiner zu Wien, beleuchtet und dargestellt von Mayer Horowitz. (Schluß.) Gleich den vierköpfigen Tiergestälten in der prophetischen Vision Jecheskels wird uns da die erhabene Persönlichkeit Mannheimers in vierfacher Gestalt porgesuhrt und jedesmal anziehend, großartig und bewimderungswüMg. Zuerst sehen wir ihn als, Religionslehrer und Reorganisator des Gotteshauses tätig sein; hierauf tritt er uns entgegen als Philanthrop und Wohltäter; später wieder erscheint er als kluger Staatsmann und Politiker und schließlich läßt der Verfasser durch den Anschluß von sechs Briefen Mannheimers uns selbst ahnen und empfinden dessen anziehende Gestalt als — Gatte und Vater. Diesen vierfachen Gestalten wollen wir unsere Betrachtung zuwenden und dieselben auf den Gebieten ihrer jeweiligen Wirksamkeit begleiten. Im Jahre 1825 kommt Mannheimer nach Wien, wohin er als Religionslehrer und Prediger berufen wurde. Die jüdische Gemeinde daselbst befuget sich in einem Zustands vollständiger Labrlität. Ihm Mt nun die hohe und schwere Aufgabe zu, alles zu reorganisieren und hierbei die Einhest und den Frieden der Gottesgemeinde herzustellen und zu festigen. Mit dem Bewußtsein der!größten Verantwortlichkeit tritt Mannheimer an das Reformwerk und schafft einen Ritus — noch jetzt nach ihm benannt der, bei voller Bchachtnahme auf die Forderungm der modernen Zeit, auch die Lehre und die Tradition sehr pietätvoll berücksichtigt; er unterläßt die Einführung der Orgel, vermeidet die Ausschaltung der ״Gebete um Zion", trotzdem beides anderswo geschehen ist. Der dänische Stürmer und Dränger von einst hat sich selbst vergessen, die Ideale seiner Jugend aufgegeben und mit feinfühlendem, psychologischen: Empfinden sich hineinverfenkt in die Stimmungen und Gefühle der verschiedenen Parteien seiner Gottesgemeinde, um die Resultierende zu konstruieren, welche die Gefühle, Wünsche und Ziele aller in sich vereinigt und darstellt.. Daher auch der Erfolg, der ihm beschieden war und daher die Anerkennung, die er sich erworben, bei allen und bei jedem׳ .׳ Kaum war das.Reformwerk vollendet, als sich Mannheimer der Humanitären Tätigkeit zuwendet. Sein aneiferndes Wort findet einen mächtigen Resonnanzboden in der schaffensfrohen jüdischen Gesellschaft und Verein auf Verein schießt in die Höhe. Der Verfasser nennt eine ganze Reihe humanitärer Institutionen, die von 1839 bis 1861 entstanden oder erweitert worden sind. Ueberall war Mannheimer aneifernd-und mittätig. Dieser letztere Zug, auch das eifrig zu fordern und zu unterstützen, was ändere vor ihn: oder neben ihm geschaffen, hebt Mannheimers milden Sinn und edlen Charakter ganz besonders hervor. Er sehnt sich nicht nach dem Ruhme ( des Initiators und Gründers, er trägt kein Ver- \ langen, Lob und Ruhm für sein Tun zu ernten, sondern feig Sinnen um» Wünschen geht dahin, daß nach Maßgabe der Ktäfte allen Ständen und Klassen geholfen, daß alle unterstützt werden. Deswegen ist er ebenso dafür besorgt, den Armen und Notleidenden Hilfsquellen zu schaffen, als auch die Interessen der Reichen und Besitzenden zu schützen, indem er häufig für sie vorspricht bei der Regierung und für sie sich verwendet bei Behörden und hohen Persönlichkeiten. Niemanden schließt seine Wohltätigkeit aus. Vor seinem Auge schwebt allezeit das Wort des Talmudweifen, welches lautet: ״In drei Stücken übertrifft Wohltätigkeit die Mildtätigkeit; diese üb man mit seinem Gelde, jene in eigener Person; diese nur gegen Arme, jene auch gegen Reiche; diese nur gegen Lebende, jene auch gegen Tote." Ja, auch gegen Tote! Zur Zeit, als Mannheimer seiner Pflicht als Seelsorger Genüge leistet an den Särgen der beiden gefallenen Helden, die am 13. März 1848 im Kampfe für die Freiheit den Tod gefunden haben, findet er die schönste und beste Gelegenheit, das Ansehen seines Volkes zu heben. Von dein! Grabeshügel weg, an welchen: er für das Seelenheil der toten Brüder betet, wendet er sich alsbald hin zu der begsisterten Menge und spricht mutijge, eindringliche und weithinschallende Worte für seine lebenden und unterdrücktest Volksgenossen und gewinnt für sie die Sympathien der christlichen Mitbürger. Pakkend und ergreifend muß dieses Bild gewesen fein, zu sehen den jüdischen Seelsorger an die buntgemischte Volksmenge sprechen und von allen gehört und bewundert zu werden. Sein taktvolles und kluges Auftreten hat auch mit Blitzesschnelle den Rgs verbreitet von Mannheimers Größe und Talent als Politiker und alle schenken ihm ihr uneingeschränktes Vertrauen. Die Wiener, die ihn aus der Nähe zu bewundern Gelegenheit hat-