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Jüdische Volksstimme · 1914-01-08 · Heft 2 (8.1.1914) · page 10

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 2 (8.1.1914)
Date
1914-01-08
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. ״JLdifche Bolksstimme." Nr. 2 Das jüdische Erziehungssystem in Galizien?) Von W. M c n f c s. Stani&Iau. Es gibt nichts in der Welt, das so einen mächrigcn Eindruck uno bleibenden Einflus; auszuüben vermöchte, wie die Erziehung, die sich überall geltend macht, obmol man bis zur zweiten .sSälftc des 18. Jahrhunderts kein Verständnis daiür gehabt hat. Dieselbe erstreckt sich auf die ganze Tätigkeit des Menschen und macht sich fortwährend bemerkbar. - Aber nicht nur Pädagogen iin eigentlichen Sinne dürfen Erzieher genannt werden, sondern auch Dichter, Denker und Künstler, wenn sie ibrem Berufe treu obliegen und ihren Wirkungskreis gehörig ausdchncn. Do kann man nicht nur von Nosseau, Tiderot und Basedow sprechen, wenn von Pädagogen die Rede ist. Julius Langbahn bat mit vollein Rechte den Rembrandt, Nietzsche den Dchopenbaucr als Erzicher charakterisirt und wir könnten diesen analog den Homer. Shakespeare, Beethoven nsw., Erzielier nenncit. Aber die Erziehung wird oft verschieden gefärbt, so das; bei verschiedenen Völkern eine ganz andere Erziehung anzuircffen ist. Dies ist auf j die Heterogenität der Anschauungen, der Sitten und Gebräuche zurückzuführen und obwol die Erziebnng diese umzumodeln verspricht, sind dieselben viel stärker als diese, da sie sich bereits eingebürgert haben. Auf diese Weise wird ein jeder Erzieher mit den eingewurzelten Vorteilen der (R'sellschaft stets rechnen müssen, wenn er seine Mühe von Erfolg gekrönt sehen will. Die Umgebung, die Zeit und die Rasse sind die drei Hanptbcdingungen einer jeden Zivil!- sation, eines jeden Kulturmenschen, so das; man sich von diesen drei Hauptbedingnngen nicht befreien kann. Die sind, wenn ich mich so ausdrückcu darf die alles bestimmenden Determinanten. Infolgedessen wird ein Volk für eine Kunstgailung oder Wissensgebiet eine besondere Gaüc an den Tag legen, während bei einent anderen, nicht weniger intelligenten Volke dieselbe verküinniert ist und eine andere zum Vorschein kommt. Bei einem wird mehr der Idealismus, bei dem anderen der Realismus ausgeprägt sein. Um geradezu aus unser Tema loszusteuern, werden wir dem jüd. Volke mehr Idealismus und Dcharssinn als einein anderen Volke znschrciben. da es diese beneidenswerten Eigenschaften wäbrend der Jahrtausende entwickelt und vcrvollkommnet hat. Der Idealismus, weil die ewigen Leiden einen Glorienschein um das Haupt des jüdischen Volkes gewoben, der Dcharssinn, weil durch das tausendjährige Forschen und Denken der Versiaud der Inden geschärft wurde. Da aber vorwiegend der Talmud allein eine erzieherische Wirkung ausgcübt hat, die Poesie aber viel weniger, ist infolgedessen einerseits eine Lektüre, andererseits aber eine Gründlichkeit und Tiefe entstanden, wenn auch dieselben von haarscharfer Dialektik oder was viel schlimmer von erslarrlent Dogmatismus begleitet worden sind. Vor Jahrtausenden und Jahrhuitderten hatten in Dura, Pnmbaditta und Nehardea Äehrstättcn crislirt, die die Werkstatt des Scharfsinns der Geislesübung waren, cs waren wie Heine sich trefflich ausgedrückt hat Fechtschulen, worin hefrigc Kämpfe ansgcsochtcn worden sind und der Verstand infolgedessen immer fähiger für die Finessen des Denkens wurde. Es hat sich gewissermasten bis heute biologisch vererbt. In Galizien, wie in anderen slavischcn Ländcrn, wo die allgeiitciitc Kultur niedrig stand, wo jede politische Regung, wo sic jemals ausgetreten ist im Meinte crftikt wurde, besonders seit der Verfolgung durch Bohdan Lbmiclnicki war gar nicht daran zu denken, das; sich eine Poesie werde entwickeln können. Tic Geschichte beweist, das; so oft ein Volk Verfolgungen ausgcsctzt ist, die Poesie sich in Schweigen hüllt und ihre Dtintmc nicht vcrnehmen lästt. ' *) Wir eröffnen hiemit über das jüd. Erzichungssystem in Galizien die Diskrission. Sie kann nur bei Lust, Wonne, getrieben, werden, in Gärtlen und Palästen entstehen, bei Dang und Klang, oder auch bei traurigen Ereignisten, wo ein Scelenkampf sich abspielt und dieses Schauspiel ein Objekt der Kunst zu werden' vermag. j Die Poesie kann sich also nur durch psychische Freude oder Tcprepwn behaupten, wo cs sich um rein innere Ereigniye handelt, die oberhalb oder unter der Schwelle des Bewußtseins sich vollzic-' hen. Ganz anders verhält es sich, wenn äußere' Verfolgungen das Gefühl des Menschen zuerst erschüttern und dann, wenn es zur Gewohnheit wird, abstuntpfcn, um denselben schließlich resignirt zu machen. Damals kommt eben der Verstand zu Worte und löst das Gefühl ab. Ist doch dasselbe nicht mehr imstande etwas zu leisten, da dessen Leistungsfähigkeit überschritten ist. ן Ter Verstand, oder eigentlich die Vernunft mit ihren Schlüssen und Folgerungen ersetzen das' Gefühl und geniesten von jetzt an das Vorrecht. Rach der Verfolgung der Juden durch die Römer ragte der Talmud zu einer ungeahnten Höhe einpor, cs fetzten sich wie Kristalle Gesetze, Gebote und Verbote an und cs wird ein Gewebe gesponneu, das durch seine künstlerische Feinheit, Vernickelung und Answickelung einen jeden überraschen must. , Nachdem die Sassaniden, die Merowinger,! Mahomed, wie auch die Krcuzzügler den Juden zngcsctzt haben, haben sich die letzteren in ihre Festungswerke - nämlich den Talmud — zurück-. gezogen. j Zwar kann eine .Kultur, die wenn auch vornehmlich auf Vernunft aufgcbaut nicht ohne die Frciheitssonnc entstehen, denn erst diese vermag die vorhandenen Stoffe zu astimilievcn. , Aber trotzdem kann die Vernunft, wenn sie sich auf ein einziges Studium bcsckränkt gerade vorzügliches leisten, da die Wistcnschaft als solche manchmal auf das weite Ausgreifen verzichten must und wenn es auch vorkommt, das; manche Krusten sich ansetzcn, must inan cs in Kauf nehmen. Besonders hat der Talmud im Deutschen sich entwickeln können, da er von vornherein Schlupf- Winkel batte, in denen sich die menschliche Vernunft mit ihren Widersprüchen zu verbergen vermochte. * Ist doch der Talmud ein Werk, das obwol. praktische Dachen behandelnd so fein ausgcspon-! neu, so spintisirt und die Gedanken weltentrückt, j so das; die wirkliche Welt geradezu vergeistigt wird. j 11111 auf unser Thema znrückznkommcn, werden wir konstatieren, das; Galizien für den Talmud gleichsam prädesrinirt war. und das; keine andere Geistesfrucht anfkommen konnte. Es entstanden,! da die Juden ein Volk des Buches und des Geistes sind, Schulen, wo man den Talmud gepflegt und gehegt hat. In den kleineren Schulen, den ״Chedarim", hat man den Kindern die jüdischen Elementarkcnntnissc, Pentateuch mit Raschi beigcbracht und auch ein bischen Talmud gelehrt. I In den ״Jeschiwoth" dagegen hat man den Talmud sehr gepflegt. j Es waren Stätten, in denen die Talmudkennlnisse sortgcpflanzt wurden, wo man also den Scharfsinn immer mehr auf die Spitze getrieben' hat. Es war eine halsbrecherische Gcistesaymnastik, wo zwar Ideen folgerichtig nach einem Kausalncrus in Verbindung gebracht wurden,. aber auch eine Idee mit der anderen auf Kriegsfust gestanden bat. l Indem man von falschen Prämissen ausging, wenn diese aber richtig, falsche Schlüsse ge-' zogen hat, hat man ein Labyrinth errichtet, in dem sich auch der Kundigste nicht immer zurechtzufindcn vermag. Es war eine Dialektik, die selbst einen Hegel würde abgcschreckt haben. Aber trotzdem war dies die Welt der damaligen Jugend in Galizien, es war der Born, an dem man sich gelabt und gestärkt hat. 1 Die Verfolgungen, die sich in der äußeren Welt zugetragcn, haben die Juden mit Ncsignation ausgenommen, die Geistesübungen haben sie dafür gehörig entschädigt. Bis zur Hälfte des 10. Jahrhunderts haben solche ״Jcschiwoth" eristirt und teilweise geblüht. Tann sind sic aufgehoben worden oder von selbst eingcgangen. Wie eine überreife Frucht, der das Verwel- (ken droht, so sind auch die geistigen Erzeugnisse ' nicht von ewiger Dauer. Die Gedanken im absoluten Sinne sind weder an Zeit noch an Raum gebunden, wenn man sie aber relativ betrachtet, werden sie einer bestimmten Epoche angehörcn und können nicht in eine andere ungestraft verpflanzt werden. Ein jeder 'Zeitabschnitt in der Geschichte hat seine Färbung, also auch seine Lebens- und Weltanschauung. Wol kann man die Gedanken einer Epoche in eine andere verpflanzen, wo sie aber ein künstliches Dasein führen. Ta die Freiheit in Europa nach 1848 verkündigt wurde, konnte man selbstverständlich nicht mehr dem Talmud huldigen, ohne der Philosophic und Poesie Rechnung zu tragen. Es erstanden damals und schon früher als Zukunftskündiger Männer wie: Krochmal, Ester und andere, die also außer dem Talmud andere Wissenschaften und Kunstzweige zu Worte kommen ließen. Infolgedessen haben sich, um cs kurzweg zu sagen, der Talmud und die Wiffcnschaften mit einander gemessen und haben über den Talmud den Sieg davongetragen. Derselbe ist zwar weiter gepflegt, aber eine kritische Sonde ist an ihn gelegt worden: man ist den Verzweigungen und Verästelungen der Gedanken nachgegangen und hat zwar ihre Widersprüche aber auch ihre Wichtigkeit entdeckt. Die Dialektik und der Dogmatismus sind also vom Kritizismus abgelöst worden und von nun an bewegt sich alles in fast crkenntnistheoretischer Bahn. Nach diesen Ausführungen wird man es begreisen, das; der Talmud allein, ohne Wißenschäften getrieben, nicht ansreichen kann, da die anderen Wiffcnschaften auch nützlich sind, insoferne man Mensch ist, aber was wichtiger, daß das Talniudstudium, das nicht unter der Aufsicht der anderen Wissenschaften steht, keine Entwickelung, weil keine Nichtungskonstante aufzuweisen vermag. Wenn wir trotzdem in der jüngsten Zeit ״Jeschiwoth" auftauchcn gesehen haben, die ohne andere Wissenschaften zu berücksichtigen, sich in ihrem Talmud verbarrikadierten, so können wir nicht umhin, zu bemerken, daß dieser Versuch, solche Schulen wieder ins Leben zurückzurufen, nie von Erfolg gekrönt sein kann. (Schluß folgt.) Bericht aus Lemberg. Die abgclausenc Chanukahwoche brachte uns eine Reihe von festlichen Veranstaltungen, die das schöne Fest in den Vordergrund des jüdischen Interesses rückten. Am 1. Abend fand in der fortschrittlichen Synagoge die traditionelle Feier statt, deren würdigen Verlauf durch die tendenziös-antizionistische Predigt des Gcmeindcrabbiners Dr. Caro beeinträchtigt wurde. Es war dies binnen kurzer Zeit, das zweitemal, daß Herr Dr. Caro die jüd. Nenaissanccbewegung von der Kanzel aus ironisirte, wobei jedoch das persönliche, hier nicht zu erörternde Moment deutlich zu Tage trat. Wir sind' längst darüber hinaus, Angriffe ähnlicher Art ernst zu nehmen. Am selben Abend veranstaltete der Studentenzirkcl ״Theodor Herzl" eine stimmungsvolle Chanukah-Feier. Die Festrede hielt der Sekretär des Akt.-Kom. Dr. Geyer. Ter am Sonnabend vom zionist. Bürgerverein ״Tikwath Zion" im eigenen. Prachtvollen Saale veranstaltete Makkabäer-Abend vereinigte das Gros; der conservativen Bevölkerung. — Nachdem Oberkantor Seitz die Chanukahlichter entzündet und״ die vorgcschriebenen Segenssprüche unter Klavierbegleitung in erhebender Weise zum Vortrage gebracht, hielt der Vereins- Präses Dr. Rappaport die Festrede, an welche sich musikalische und deklamatorische Produktionen anschlosscn. Beim Freitag-Gottesdienste im Tempel hielt Rabbiner Dr. Guttmann eine auf das Chanukah- Fest bezughabende Predigt. Sonntag, am 6. Tage wurde das Chanukah- Fest in der Lemberger Toynbeehalle gefeiert. — Am Nachmittag gab es eine sehr animierte Chanukahjause für die Jugend. Das Arrangement lag in den bewährten Länden der Frau Gisela Schönfeld und des Frl. Marie Bauer. — Die Lichtlein entzündete Herr Bodek, die Festrede hielt Rcligionslchrer Rubenzahl. Die Kinder erhielten eine reichliche Jause und wurden zum Schlüsse mit Kleidungsstücken beschenkt. Am SM

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