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Jüdische Volksstimme · 1914-01-08 · Heft 2 (8.1.1914) · page 9

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 2 (8.1.1914)
Date
1914-01-08
Page
– (sequence 9)
Language
German
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2 xv./3 - -Beilage zur,Wiener TüD. VolksMmme> 3-»--°-»״ -S-i.° Vas Wische Leben in Galizien. GGSVSDSVSSVSGdGGS Achtung. KTr'■ Wir bringen der jüdischen Bevölkerung in Galizien zur Kenntnis, daß wir in Krakau eine Geschäftsstelle unseres Verlages errichtet haben. Verlag ״Wiener Jüdische Bolksstimme" ״Jüdischer Buch- und Kunstverlag in Brünn." Bestellungen sind zu richten an: Israel Hammer, Krakau, Stanislaws Nr. 3/1. Wir bringen unseren Lesern zur Kenntnis, daß unsere Zeitung von dieser Nummer angefangen, allwöchentlich die Beilage: ״Das jüdische Leben in Galizien" enthalten wird. Sämtliche Zuschriften sind ausschließlich zu richten an: Israel Hammer, Krakau, Stanislaws 3 1. Die Bedaktion. ÄGDDHGDSTSTÄSGSSS Der Krakauer Golus. B. Mann. Der zionistische Gedanke hat seit Herzl einen weiten Weg in seiner Entwicklung zurückgelegt. Dies äußert sich nicht so sehr in der Realisierung des zionistischen Programmes, wie vielmehr in der Befruchtung des jüdischen Denkens und der Neubildung von jüdischen Jdeelogien, die mehr oder weniger innig mit dem programmatischen Zionismus in Zusammenhang stehen. Denn es liegt in der Natur einer jeden Idee, daß sich ihre secundären Gebilde rascher entwickeln, als die primären. So gibt es schon heute — speziell in Rußland — Zionisten, die Palästina als etwas Nebensächliches betrachten und die, in ihrer großen Sehnsucht nach einer vollen Persönlichkeit, sich an ein abstraktes, in der Ideen- und Gedankenwelt jüdischer Vergangenheit kondensiertes, Judentum anklammern. Anderseits gibt es wieder — speziell in Deutschland — zionistisch angehauchte Juden, die sich den Kampf gegen Palästina zum Selbstzweck gemacht haben. Indem sie den Golus als solchen bejahen, wollen sie ihre ganze Lebensanschauung, ihr politisches und kulturelles Programm auf der Affirmation, der im Golus wirkenden Kräfte aufbauen. Ihr Bestreben geht dahin, nicht nur ihre eigene individuelle Freiheit, sondern die des ganzen Volkes aus dem Abgrund eines Goluswirrwarrs rein und ganz zu heben und diese, aus den angeblichen kinetischen Energien abgeleitete Freiheit zur unverrückbaren Basis einer autonomen nationalen Existenz zu bestimmen. Diesen, auf Golusprämissen sich aufbauenden, alljüdischen Zukunftsplänen sei hier nicht entgegengetreten. Es mögen dagegen diejenigen ״Alljüdischesten", die Willens sind ihren theoretischen Standpunkt für kurze Zeit zu verlassen, um die langsame Verwirklichung eines alljüdischeu Programmes in Praxis verfolgen zu können, diejenigen nur mögen nach Krakau kommen. Ich glaube, daß sie dann schließlich doch in der ״reaktionären, unproduktiven, ziohebräistischen" Weltanschauung Zuflucht suchen werden, falls sie an sich selbst und an einer Möglichkeit irgend welcher Lösung des jüdischen Problems nicht verzweifeln wollen. Es genügt nämlich sich nur kurze Zeit in Krakau aufzuhalten, um einerseits anschaulich die Absurdität des ״Alljüdischismus" zu erkennen und andererseits, um sich ein ausdrucksvolles Bild des durch Assimilation verursachten und rasch umsichgreifenden Zerstörungsprozesses zu verschaffen: ein Bild, das drastisch und naturgetreu die Möglichkeiten wiedergibt, wie es sich in den ostwärts gelegenen Städten Galiziens in der nächsten Zukunft gestalten werden. Denn falls unter Golus verstanden wird: ein Widerstreit sich gegenseitig verkämpfender Kräfte, ein Lieben ohne Lust und ein Hassen ohne Leid, ein Kämpfen ohne Sieg und ein Siegen ohne Kampf, ein Leben ohne Zweck und ein Sterben ohne Stolz, so ist Krakau trotz seiner farbenreichen, echtjüdischen Vergangenheit das klassische Erempel einer Golusstadt. Es entladen sich hier immer wieder neue Energien, die wie Seifenblasen an der Oberfläche eines kraftlosen Lebens verenden. Es treten Bestrebungen zu Tage, die ihrm innersten Inhalte nach dem Judentum ganz fremd sind und doch das Judentum als solches erlösen wollen, die tief im Ghetto verankert sind und doch ein freies Judentum proklamieren, die im Grunde genommen unjüdisch, undemokratisch, unfrei sind und sich doch als jüdisch, demokratisch und unabhängig geberden. Denn das jüdische Krakau isl eine von fremden feindlichen Wogen umbrandete Insel, die in einem losen geistigen Zusammenhang mit dem Festland jüdischer Diaspora steht. Eine Stadt, in welcher sämtliche politische und kulturelle Bestrebungen der jüdischen Gegenwart vertreten sind, sämtliche Programme sich ruhig und soweit dies in der Diaspora möglich ist, unbeeinflußt durch äußere Einwirkungen entwickeln. Ein jüdischer Mikrokosmos. Ein Staat ohne Regierung und ein organisches Gebilde ohne zentralen Gedanken. Hier gibt es Zionisten-Hebraisten und Jtoisten-Jüdischesten, verschworene Assimilanten u. Nurpalästinenser, Poalezionisten und polnische, polnisch-jüdische, jüdisch-nationale Sozialisten, unabhängige Juden, jüdisch-klerikal-konservative Arbeiter und Bürgergruppen, getaufte und Baldgetaufte. Chasiidim. die Monisten und und Ateisten, die wenn sie durch Zufall keine Advokaten wären, ganz gute Zadikim sein könnten. Es gedeihen hier politische Parteien, die kein politisches Programm besitzen, die jedoch von einer starken Individualität ehrgeiziger Führer getragen, genug an Einfluß besitzen, um das ganze politische Leben zu verpesten. Denn die Golusparteien haben die Eigenschaft, daß eine jede für sich in dem kleinen Rahmen eines Vereines, einer Stadt oder besten Falles eines Landes, ihrem Programme Per fas et uefas zum Durchbruch zu verhelfen trachtet, unbekümmert um die jüdische Welt, die außerhalb ihres engen Gesichtskreises lebt und liebt. Das, was diese Golusparteien von einander trennt und sich im Angesicht ihres gemeinsamen Feindes auf Tod und Leben bekämpfen läßt, ist ihr ״Programm", und das was sie einigt, ist die stille innere Einsicht, daß es im Grunde genommen trotz den an ihrem Sinnen und Handeln anhaftenden Golus kein Entrinnen gibt. Denn der Golus ist wie ein Sumpf: je höher man sich emporarbeitet, desto tiefer sinkt man. Aus diesem Grunde ist gerade hier in Krakau die beste Möglichkeit gegeben die Achad Haamische-Formel von der äußeren Freiheit und inneren Knechtschaft in ihrer tiefsten historischen Bedeutung ganz und klar zu erfassen. Denn nur der Golus mit seiner Land- und Sprachlosigkeit, und seiner kulturell-moralischen Exteriosität ist es, der Uebermenschen in Heloten, Könige in Bettler, stolze Helden in winselnde Feiglinge verwandelt. Nur der Golus bettet den Geist in latente Ohnmacht, raubt dem Willen Blut und den Taten lebensbedingende Wärme. Kein Wunder also, daß diese außerordentliche Differenzierung der sozialpolitischen Programme und die große Zahl politisirender Parteien, dies alles, was sonst in normalen Verhältnissen der Beweis einer lebendigen, entwicklungsfähigen, expansiven Nation. Existenz sein könnte hier in Krakau in einem Lichteffekt resultiert, der das Denken und Fühlen, Sinn und Herz führender Kräfte in noch größere Schatten hüllt. Die vielen politischen Versammlungen, eine echte Flut von belehrenden Vorträgen und kulturfördernden Veranstaltungen, die alles entspricht, weder einem inneren Bedürfnis noch einem äußeren Verlangen größtenteils aus niedrigen I parteiischen Konkurrenzgriinden ins Leben gerufen, ist dies alles im Grunde genommen nichts anderes, als das große berauschende Wort eines an sich selbst und seiner Kunst verzweifelnden Schauspielers. Die Großtuerei und Scharfmacherei der jüdischen Sozialisten, die jeden Tag ihr Programm einer prinzipiellen Umwertung unterziehen, die kulturelle Prahlerei oder in knltnreller Hinsicht vollkommen sterilen unabhängigen Juden, die aufflackernde und wieder verlöschende nervöse Tätigkeit zionistischer aomma־ bnlen. — Dies alles sind Zeichen einer äußerlichen Freiheit, die die innere Ohnmacht zu vertuschen trachtet. Aber Krakau ist nicht nur eine Stadt aus den allgemein üblichen Merkmalen einer Golusstation. Zu den typischen Charakterzügen einer Golusstadt treten hier noch besondere Kennzeichen hinzu, die aus deni polnischen Charakter dieser Stadt und aus ihrer kulturell-historischen Bedeutung abzuleiten sind. Tenn Krakau ist das Herz Polens. Hier konzentrirt sich das geistige Leben Polens; von hier ziehen sich feine Fäden nach Posen und Warschau: hier wird auf den Trummern einer glorreichen Vergangenheit durch die in den vielen Tenkniälern und Gräbern singeschlossene Tradition, der alte Traum vom unabhängigen Polen, immer wieder belebt und kultivirt. Deshalb kommt auch der nationale polnische Gedanke gerade in Ärakau in seiner reinsten und intensivsten Form zum Ausdruck und deshalb ist hier eine andersnationale Willensäußerung kaum denkbar, ja — sogar ausgeschlossen. Hiezu tritt noch ein anderes psychologisches Moment, das im Reigen der den Krakauer Golus beeinflußenden Ursachen einen sehr wichtigen Platz einnimmt. Krakau besitzt nämlich einen charakteristischen Rythmus, der sich in einer eigentümlichen. zur Dekadenz neigenden, schlaffen Denkungsart und träger Umgangsform .gralauer Einwohner äußert. Als zweitgrößte Stadr Galiziens ist Krakau trotz seiner zahlreichen luxierösen Kaffehäuser, gutbesuchten Kinos, seiner Asphaltstraßen und elektrischen Straßenbahnen, — eine Kleinstadt, die mit den großstädtischen Allüren ihrer Einwohner nichts anzufangen weiß. Die Leute, denen man hier in den wie absterbenden Straßen begegnet, machen den Eindruck, als ob sie jemandem das letzte Geleite geden würden. Sie bewegen sich ohne großstädtischer Hast, mit staunenswerter Sachlichkeit, gravitätischer Ruhe und träger Majestät. Wie in einer Polonais.... Dies ist die prägnanteste Note der Stadt Krakau. Und da der Golus unbewußt — wie ein Mensch, der seinen ihn an Persönlichkeit und Individualität überragenden Freund kopiert — immer die Farbe und den Ton des Stärkeren sich zu Eigen macht, so ist es auch kein Wunder, daß die Krakauer Juden, außer an der allgemeinen, noch an der besonderen Krakauer Goluskrankheit zu leiden haben, daß die Starken von ihnne wie in einem Nebel und die Schwachen wie in einem Joch herumgehen. Nur auf diese Weise ist es auch zu erklären, daß die Radikalen und Willensfreien irgendwo und irgendwann auf dem selbstgewählten Weg stehen bleiben und die durch das stimmungsvolle Geläut der Sigismund-Glocke hypnotisiert sich plötzlich in Träumerei auflösen; daß anderseits die anderen, die keinen Willen besitzen, und somit gegen Willensschwäche geseiht sind, rasch ans Ende ihrer inneren und äußeren Erlösung gelangen und dieselbe in einen soliden Kaffeehausklub oder in den nicht minder soliden galizischen Polenklub beschließen. enn der Golus ist wie ein Sumpf: je höher man sich emporarbeitet, desto tiefer sinkt man. ׳d Krakau ist der Typus einer klassischen olusstadt. Gegen verdorbenen Magen, Darmträgheit und Gicht. ״Sternhofer Bitterwasser‘‘ Mild, doch zuverläBlich. Sternhof, Post Sokolnitz bei Brünn.

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