Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volksstimme · 1914-01-01 · Heft 1 (1.1.1914) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 1 (1.1.1914)
Date
1914-01-01
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
87% known words query
IRI
…/2621806-2621897-2621898--2581-2623692
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 10. ״Jüdische BolkSstimme." Nr. 1. Allgemeines Interesse erregte das Meeting, bei welchem folgende Themata behandelt wurden: ״Tic Ausgaben der Jüdischen Turnerschaft in Westösterrcich" (Tr. .Marl Tonne»seid); ״Turneu und Sport" (jur. Wilhelm Ullmann): ״Turhebräische Kommaiidasprache" (Tr. Gottlicb Stern»: ״Tic Juden in der Leichtathletik" (Erich Friedmann): ״Jüdischer Wanderbund und Iüdische Turnerschaft" (med. Isidor,sllabcr); ״Tie nationale» und turnerischen Aufgaben des jüd. Turners" (med. Ad. Taglicht). Eine Vcröfsentlichung sämtlicher Referate wird Leinnächst in unseren ״Monatsbeftcn für Turnen und Sport" erfolgen. Ein fröhlicher ״Jive 0' clock des 1. W. I. T. beschlos; den 2. ordcntl. Kreisturntag. Bei den t>(cuwahlen für den Kreisvorstand gingen folgende Herren als gewählt hervor: Robert Mion, 1. Vorsitzender, med. M. Schiller, '2. Vorsitzender und kassier, pbil. Lskar Brand, Schriftführer, Ing. Theodor Steinherz, Kreisinrnwart, med. Adolf Taglichl, Beisitzer, Tr. M arl Sonnen seid, Beisitzer, Karl Schwarz, Beisitzer, Tr. Gottlicb Stern, Revisor, Tr. Immcrglück, Revisor. Litera! ur. Fritz Müller: Tie andere Hälfte, C. Flcischcl und O'o., Berlin. Si:ic ivird 111011 als Tchristsiellcr rasch und leicht beliebt? Ganz einiacli, indem man heilere Skizzen, fällige Äneldoun und Mvinciitansiiahiinii aus dem Alllag in den auinolimsvereilen Blätter veröffentlicht. Für den Tag disninnn. eriüllci, solche Sächelchen vollauf ilire Ausgavr: sie zerstreuen den slüchligcn Leser und machen den Verfasser zumindest vetanni. Tamil sollte der sich aller auch llegnügen. Wozu tri!,tagsfliegen einllaliamieren und mit crnsien! oder harmlosem Getier vereinigt in Büchern wie Mumien für die literarische Ewigkeit lonserviere»? Ich taim mir nicht helfen: auf mich lvirten solche gemischte Tammeiwerke der beliel'tcn Hnmoliiien — und zu diesen zahlt Fritz Müller, der Autor der vorliegenden Gefchichtchen mit :liecht — nicht sonderlich erheilernd. Wenn jeder angenehme Plauderer seine mehr oder minder lustigen lose» Blätter in Buchform aus den Markt u׳>.rscn sollte, so gällc es bald eine für di.!vietliche Literatur bedrohliche Ueberschwemmilug. Nur freilich!ine erfreulichere als die jetzt nbliche iiiil lyrischen Erzeugnissen. Um nun ans das Müllcrsche Buch zurückzukommen, kann ich es mit ruhigem Gewissen allen empfchlen, die während langer Fahrten etwas Kurzweiliges lesen lvollcn. An den Schnurren und Humoresken, wie: Das wcitzc Fädchcn, F-loraS Gewitterjacke, Alte Wäsche. Meine Frau und die Dienstmädchen, werden sic ihre Freude finden. Doch auch ein paar ernste Geschichten werden ihnen willkommener Zeitvertreib sein, z. B. Die gcllle Karte, eine Novelle aus dem russischen Ghetto, Die Buchhalterin, Zylinder und Kapotthäubchcn und Der Prieiier. Was dazlvischen liegt, zumal die Gedichte, darf der Leser ungesirast überschlagen. Der Rezensent, der alles lesen mus;, stellt nur fest, daß Fritz Müller flott erzählt, lorrctt schreibt und nickt nur ein gut bcovachtcndcr Schalk, sondern auch ein ernster Frauenrcchtlcr ist, der sich warm für die andere Hälfte der Menschheit einsctzt. Dr. M. Schering, Wien, 3., Hauptstraße Nr. 104. Tr. Franz Snwicki: Das Problem der Personlichkcit und des Uebcrmrnschen. Paderborn, Perlag Fcrdinnad Schöningh. 444 Seilen. Das vorliegende Buch, das als vierter Band der von Prof. Remigius Stölzle herausgcgevcncn ״Studien zur Philosophie und Religion" erscheint, gliedert sich in zwei Delle: einen historischen und einen systematischen. Der crsiere bedeutet eine besonders verdienstvolle geschichtlich-pliilosophische Arbeit. Tenn es wird hier das Prolllcm der Persönlichkeit, des Individuums, ohne Ztvcifel eine der tiefgreifendsten philosophischen Fragen (umsatzt sic doch die nach eines jeden einzelnen Lebens Sinn und Ziel!), durch die Geschichte des Den» lens im I!>. Jahrhundert verfolgt. Der Perfasser beginnt hicrvci mit Kant, weil bei diesem zuerst der Persönlichkcirsbegrisf auf das ethische Gebiet übertragen und das sittliche Ideal unter dem leitenden Gesichtspunkte der Persönlichkeit dargcslcllt wird. Der Gegensatz von Person und Sache spielt ja bei Kant eine besondere :Ilolle. (lieber diesen Gegensatz hat ja freilich auch schon die jüdische Rcligiousphilosophic nachgcdacht. Vgl. Hugo Bergmann: Die Heiligung des Namens in dem Buche ״Vom Judentum", Leipzig 1943, S. 37 ff.) Sawicki geht von Kant zu Fichte, Hegel, Schlcicrmachcr, Krause, I. H. Fichte, Trcndelenburg über, behandclt die klassische Zeit der deutschen Dichtung und die Romantik, dann den Individualismus und die Philosophic des Ucbcrmcnschen von Stirncr zu Nietzsche, Key, Cariyle, Emerson, Ibsen: cs folgen die Pessimisten Schopenhauer und Hartmann, dann die Philosophen der Gegenwart: Euckcn, Wundt, Paulscn, Lipps, Wcntschcr, Gutlitt, Trcyrr, Bechterew, Seth und die christlichen Philosophen Schell, Pfennigsdorf, Tcutiiigcr, ׳ Joh. Müller, Mansbach: man sicht, der Perfasser hat mögliebste Pollsiändigkeit erstrebt und dies gibt seiner Unlersuchuiig, auch!venu mau sic nur als historische Arbeit werten wollte, hoben Wert. Wir könncii hier nicht die Behandlung der einzelnen Denker eingehend kritisieren; vermißt Hallen wir z. B. in der Darstellung Ibsens eine Analyse des ״Peer Gynt"; eine solche hat unter ähnlichen Gesichtspunkten, wie die unseres Buches sind, Weiningcr in seinen ״Letzten Dingen" gegeben. — Der svstemalischc Teil vertritt die Position eines positiv gläubigen 5latholikcn; und vom Standpunkte der posi- ׳.wen Religion läßt sich freilich manches Wertvolle gegen den falschen Persönlichkeilskult Vorbringen. Der Periasser tat dies in vornehmer, sachlicher Polemik. F-. M. I. v. Schclling: Ideen zu einer Philosophie der Natur. Derselbe: Pon der Wcltsrele. Leipzig, Felix Meiner. Mk. ö.4l> und M. 4.40. * Tie beiden Schriften, die lsier — aus einer neuen Gesamtausgabe der Werte SchellingS — in der ״Philosophisclicn Bibliothek" neu erscheinen, entstammen dem Fahren 1797 und 1708, also einer Zeit, wo Schclling noch mit Fichte innig befreundet lvar und als dessen Schüler betrachtet iverdcn durfte. Schclling glaubt noch ganz auf dem Boden der Fichtescheu Wissenschaftslehre zu stehen und er glaubt nur dieses Werk fortzusepen, iveun er eine Philosophie der Natur gibt, die, sie tiefer begründend, an die Stelle von Kants Mcia- Physik der Nalur treten soll: also eine Physik nach den Grundsätzen der Fichtcschcn Philosophie wird hier gegeben. Besonders die erste Sckirist knüpft hicrvci eng an Kant an, dessen Gedanke, datz die quantitativen Untcrschicde der Materie nicht aus der verschiedenen Zahl der Teile, sondern aus dem verschiedenen Perhältuis der Anzichuilgs- und Abstotzungskrästc abzuleiten seien, als die Morgenröte der wahren Naturwissenschaft begrüßt ivird. Neben dieser Aufgabe, Kants dynamische Ansicht von der Materie zu begründen, hat sich Schcllittet noch die andere gesetzt, an den einander entgegensiebenden physikalisckicn Dbcoricn seiner Zeit nachzuweisen, das; die Wahrheit in der Pcrcinigung der Entgegcnsetzlcn zu einem Dritten liegt. Bei diesem Bestiebei! behandelt Schclling natürlich mit Vorliebe die seit ihm als ״polarisch" bczcichneten Erscheinungen. Er bebandelt denn so die Theorie der Chemie, des Lichtes, der Elektrizität, den Magnetismus und — in der zweitcn Schrift — die Lehre von der Wärme und vom Leben. Die beiden, in der neuen Auslage von Ltto Weiß herausgcgevcnen Schriften sind für die Geschichte der Naturphilosophic sehr bedeutsam. Der letzte Kurfürst vo» Hessen und der jüdische Soldat. In Kurhessen, welches auch ein ״Garderegiment" harte, bestand die Regel, das; ein Jsxaelil nicht die Ehre haben konnte, in diesem Regiwem feine zwei Jahre abzndienen. Nun war ein hübscher, schlanker Bursche aus Sontra wehrpslichlig geworden, und da er auch nicht im geringsten ״jüdisch" aussah, wurde er kurzer Hand für die ״Garde" ausgehoben. Lassen wir den Betreffenden jetzt selbst weiter erzählen: ״Bei der Besichtigung durch den Kurfürsten lief alles glatt ab. Unsere Kompagnie batte gut abgeichnitren und der Kurfürst sagte: ״Sehr gut; so weitermachen!" Ich war der zweite Mann vorn rechten Flügel. Ter Kurfürst sprach mich an: ״Woher?" ״Bon Sontra, königliche Hoheit." ״Hin, Vater auch Soldat gewesen?" ״Zu Befehl, königliche Hoheit, hat in Hanau gedient." ״So. bei den ״Mainfranzosen". Wie heißen?" ״Blumenihai." ״Toch kein Jude?" ״Zu Befehl, königliche Hoheit, Jude," erwiderte ich, ihn stramin anblickend. ״Hauptmann von —", schrie der Kurfürst, ״wie kommt der Mann in meine Garde?" Tem Hauptmann ging es wie dem Pflanzer in Seumes ״Kanadier", er stammelte verwirrt Entschuldigungen. ״Morgen geht Er nach Hanau, kann dort dienen, wie sein Vater auch," schnauzte der Kurfürst mich an. Und so kam es. Von der Garde zur Linie versetzt und der tvollencn Litzen beraubt, zog ich nach Hanau, wo mich das dortige Infanterieregiment in seineu Schaß aufnahm. Friedrich der Große und Baron Pöllnitz. Friedrich Schmidt-Hennigken erzählt in seinem Buche: ״Humor Friedrich des Großen" folgende hübsche Anekdote: ״Baron Pöllnitz hatte schon verschiedene Male aus pekuniären Vorteilen die Religion gewechselt. In recht dringender | Geldverlegenheit bat er den König, der ihm anfangs reichlich aushalf, persönlich um eine GeldnntcrsküLnng. ״Ja. wie soll ich ihm bei meinen erschöpften Kassen Helsen?" sprach der König; ״wäre er noch Katholik, so könnte ich ihm eine eben offene Pfründe verleihen; Sie haben sich indessen einer armen Religion zugewendet und müssen das Los derselben teilen." Tes anderen Tages trat Pöllnitz wieder zur katholischen Kirche über und meldete dies dem König mit der Bitte um Verleihung der in Aussicht gestellten Pfründe. Friedrich antwortete: ״Wie schade, daß ich seinen frommen Eifer nicht bclohnen kann, da die Pfründe inzwischen vergeben ist! Tech da fällt wir ein, daß ich eine Rabbinerstelle zu besetzen habe; wenn er Jude werden will, so soll Ihm diese nicht entgehen." Jnon: Das Beseligende. W. Braumüllcr, Wien. Ein Lcllcnsbuch» reich und vielfältig wie das Leben. Formlos, überqucllcnd, aber tief, aus Schmerzen schöpscnd, zu großen Gedanken hoch auslodcrnd. Ein fettsamcs Buch, seltsam in seinen Vorzügen und Mängeln. Ein :>!lügender, ein Gottsucher und Lcbciisbcjaher nur konnte cs schreiben. Wo ist Glück? Worin liegt Selig-. teil? Von diesen Fragen gequält und getrieben, durch-; schürfte er das Leben, sein Herz und fand die Lösung; nach langem Irren. Und die Lösung heißt nicht Tod,! nicht Nirwana, nicht Macht, nicht Ruhm, nicht Reich-; tum. In einer der eingcstrcutcn Skizzen und j Stimmungsmalcrcic» versucht der Autor seines Wcgcs Ziel zu schildern. Ein Weg zu Gott war sein Kam-1 pfcn und Forschen. Und ein Weg zum Glücke: Eins werden mit dem All, mit seinem Leben, mit seinem Lose, mit Gott, und eins mit sich selbst! Trotz des stark philosophischen Einschlags liest sich das Buch wcgen des tlaren Stils und allgemein menschlichen In- Halts wie eine spannende Autobiographie und erinnert an Lehmanns Akabya. Manche Skizze mutet wie ein Gedicht in Prosa von Turgcnjcff an. Man lese nur: Tausend Heuchler oder Die große Vereinigung und mau Ivird sich überzeugen, daß dieses Buch keines jener Bücher ist, wie sic in Dutzenden der Alltag bringt und lvicdcr verschlingt. Hier liegt ein ehrliches, ivcnn auch der verblüffenden Neuheit, der strammen Konzentration und der Ewigkeitswert vcrleihenden Form ermangelndes Werk vor, das man auch wiederholt mit Gewinn lesen kann. Dr. M. Schcrlag, Wien, 3., Hauptstraße 104. Installateur Franz Glaser, j Brünn, ZollhaSsglads Nr- 17 •apUehlt sich für Wasserleitung»-, KuaNuäwu- ■ad Klaacttinlageo, Badeeinriebtungen etc. — Telephon 457 Neu eröffnet!! DH MUff Krautmarkt UchicMb, seHtBsaepitsits CefbbBpiss bimmmi bpOms. Täglich -־PI Wiener Musik der Salonkapelle JOSEF KOPETZKY aus dem Palais de Danse in Berlin. Königin Luise von Preußen und Moses Mendelssohn. Am 19. Juli war der hundertste Todestag Sa» Königin Luise von Preußen. Aus diesem Anlasse soi ein neuerdings publizierter Brief der Fürstin wiedergegeben, der sich mit Moses Mendelssohns ״Phädon" beschäftigt. In dem Zeit- und Charakterbild: ״Königin Luise von Preußen" von Dr. E. Mensch erzählt der Verfasser: Königin Luise hat als jugendliche glückstrahlende Braut des 5kronprinzcn Friedrich Wilhelm von Preußen Mendelssohns epochemachendes Werk ״Phädon" oder ״Ucbcr die Unsterblichkeit der Seele" gelesen. Wie lebhaft sie sich von dem Buche angezogen fühlte, zeigt ein Brief an ihren Religionslehrer und Seelsorger Lichthammer in Darmstadt, dessen Nachkommen noch dort existieren. Die junge, gemütvolle» von tiefer Religion durchdrungene Fürstentochter schreibt: ״Ich reiße mich loS von jenem herrlichen mm w

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.