Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volksstimme · 1913-11-05 · Heft 44 (5.11.1913) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 44 (5.11.1913)
Date
1913-11-05
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2621806-2621846-2621890--2492-2623597
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

SK. 44. XIV. Iahrg. Beilage zur!,JüV. VoUsstimme'. 5. Novemb. 1913 Seite 9. ״Judentum." Eine Erwiderung auf das Feuilleton, erschienen iin ״Pcster Lloyd", am Sonntag den 12. Oktober 1913. Ludwig Giro, ein Verehrer auch des Alten Testaments, scheint doch nicht besondere Verehrung diesem Buche cntgegenzubringen, wenn er Ausdrücke wählt, die das Allerheiligste berühren, wie z. B. wenn er Moses die Gottheit kapazitieren läßt, und damit diesen Altmeister gleichsam entwürdigt. Moses ist eben die Personisikation der menschlichen Freiheit, die auch vor dem Altäre der Gottheit ihr Recht und ihre Aufklärung sucht. Und die Majestät der Gottheit als solche hört gerne die menschliche Vernunft an und beschwichtigt in der Erhabenheit ihres Wesens die menschlichen Aussorderungen und gewährt ihr milde Versöhnung. Dann meint Herr Biro, daß kleinlicher Hader neben Großem und Bedeutendem in der Bibel vorkommt. Er mag sich von einem Schriftgelchrtcn auskläre» lassen, daß oft dieser kleinlich menschliche Hader, als Ursache große und gewattige Wirkungen zur Folge hatte und nur diesem Umstande hat er cs eben zu verdanken, daß das Kleinliche neben dem Großen den ihm gebührenden Play gesunden hat. Ebenso scheint Herr Biro so manche Stelle der B'bcl nach seinem Geiste frei zu übersetzen, denn es steht durchaus nicht der Passus: ״Rachdem ihr die Männer im Kampfe getötet, so seht mit euren Augen nach den Weibern." Ein solch direktes Gebot, sich nach den Frauen umzusehcn, steht nicht im Texte, sondern der Text lautet: ״So dir ein Weib gefällt, so kannsl du es vom Schlachtfelde zu dir ins Haus nehmen und sollst du cs mit der ursprünglichen Kleidung einen Monat lang bei dir lasten usw." Wenn Herr Biro gegen den Rationalismus ist. Hinweisen, weil es Herrn Biro nicht beschwert? Herrn Biro fehlt zwar nichts, wie er sagt, aber ivarum ereifert er sich doch für die zehn Millionen Juden? Mag er doch versuchen, dieselben zu befreien, anstatt über sic zu schreiben. Das wird ihm etwas schiocrer ankommen und es würde ihm mit seinen Grundsätzen wohl kein Jude folgen. Es werden sich vielleicht andere Manncr finden, die dieses Werk verrichten und nach vielen Jahrzehnten, wenn Herr Biro noch lebt, mag er dann wieder still überlegen, wie sich das alles zugetragen hat. Das Judentum leidet, weil es sich gegen offene Tatfachen nicht bäumt und nicht gewaltige Situationen schaffen will. Selbst wenn die Umstände die Juden dazu zwingen, harren sie lieber geduldig aus. vis i» ihrem Schicksal eine Wendung zum Besseren erfolgt. Das ist die Hoffnung Israels. Das Urteil des Herrn Biro ist schon deshalb unvollständig, iveil er kein Hebräisch vcrsteht und wie will er wissen, was in der hebräischen Masse vorgeht? Es ist nur Mache, wenn er es unternimmt, ein Urteil hierüber zu fällen. Mag er vorerst »ach Palästina fahren, in jenes alte Judenland, lvovon die Bibel spricht, dann wird ec erst das Alte Testament verstehen, das er so bewundert und verehrt und ivird auch eine bessere Meinung vom gemischten Volk der Juden bekommen, das dort haust und von der Hände Arbeit in der Ruhe zu leben versucht, dann ivird er auch finden, daß die Lage der Juden doch noch nicht so verztveifclt ist, sondern die Hoffnung auf eine bessere Zukunft »och schimmert. In Palästina wird er finden, daß Judentum, Religion, Ration und Rasse zusammen in sich fallen und alles miteinander harmonisch sich verflicht. Das auscrwählte Volk bringt dort Tnven und Piuchtexeinplare hervor, die bei lvcitem nicht zum Leiden allein geboren scheinen, sondern schon jetzt in der Gegcmoart in die bessere Zukunft schauen, auf die sie gruppe bilden, die, ivenn sie richtig gehandhabi ivird. das Künstlerische wird offenbaren könne». Tie Lyrik bekommt Lliinmuiigen. Ahnungen. Im- Pressionen, denn es entsteht ein Kontrast zwischen Goir und Welt, Ratur und Geist, Materie und Form, Endlichem und Unendlichem einerseits, anderseits vollzieht sich ein Zusammen- und Jneinanderfließen all dieser l Gefühle, Empfindungen und Anschauuiigen. Das Epos aber ivird keine Entwicklungsmöglichj keit haben, da es rein objektiv sein muß, die Personlichcn Gefühle ansgeschalret iverden und das IlnenolichkeitSslreven außeracht gelassen ivird. Das Drama, auf dem Ekassidisinus ansgeban!.! würde schon eher eine Erisienzbecechligung baben. n>- | wiefern es Lyrisches und Episches zugleich enthalten würde, sonst nicht, denn das Drama eniivickelt iicki j nicht nur dank der Reflexion; es darf keineswegs e!ne verschwoininene Weltanschauung herrschen, Ivo die Gefühlsamkeit sich breit macht, es muß vielmehr eine abgeklärte Idee zum Vorschein kommen. Da aber das Epos ausbleiben muß, ivird anU> das an die chassidische Weltanschauung sich anlehnende Drama fei 11 Rückgrat baben und Vages enibalieii müsse n. Dann ivird das Passive, das die chassidische Wellanschaunng so sehr charakterisiert, keine Entladung der Leidenschaften herbeiiühren können, weil die Leiden schäften, wie gesagt, ivenn nicht ganz bekämpft, so dockt vom EbajsidiSmus aufs Miniinn!» reduziert und ibr Spielraum eingeschränkt wird. Dann wird die sub specie aeierni ׳An'channng und der Pantheismus, der das JdentitätSgesetz so sehr de giiniligt. alles grau erscheinen lassen, wo die Diiierenziernng und das Anslösen in .Komponenten ansge! schlossen iverden. so gibt es noch andere Volksmänner, die den Ratioj nicht verzichten, sondern ihren .Kindern iveirer vererben Im großen und ganzen iveroen wir daher zu nalismus, als eine Erscheinung der natürlichen Be-j (vollen. Ter jüdische Rationalismus will nicht die Seele geben müssen, daß S!e .Konturen meistens n!cku gehörig geisicrung fürs Wahre und Edle im Sein und Leven! Ü'׳nes letzte» Verfolgers läutern, wie Herr Biro meint, iverden abgeiieckl iverden können, es ivird eine Sinnes des Menschen betrachten und fürs Eharakteriskische und' sondern will sich vor allem selbst so tveik veredeln und! täuschung enlstebe», eine Art Maia. Es ivird zivar die Kniiit außerhalb von Ranin nnd Feil einen geivinen Stempel der Eivigkeit tragen, aber auch vericknvo!,1:nen und rarblos sein. Denn eine jede Mimit. unler dem <öesieb1sw!u.'e! der Eivigkeit betrachtet, iil zivar erhaben, aber iiiiuiiner auch marklos. Eine auf den Ebasiidisinns sicki itützende muiiu wird daher keine positiven Leistungen aunvene» könne!!, den» das Plus ivird dem Mini!:- die Wage ballen, w daß keine allseitige Bereickierung von 0׳ einer Knnu zu erivarten iil. Der Vorteil, den der Ebasildisiuns si!r d!e bietet, ivird durch den Rackueii reichlich ansgeive-gen iverden. Ewigbleibendc im gesamten Volk. Rach dieser Auffasj stärken, daß ihm der Angreifer nichts a,,haben kann jung ist ein jüdischer Rationalismus nicht fanatisch, j "»d so kämpft das Judentum vor allem für sich selbst, sondern kann sich mit dem allgemeinen KoSmopolitis- I Wenn sich Herr Biro an diesem Kampfe nicht bereimus und jeder anderen Kultur gut vertragen und ivenn : Iirtoji will, da es ihm und seinen Genossen iv o!1 I zu sich jüdischer Rationalismus zuweilen gleichsam sann-, ergehen scheint, so mag er doch das übrige Judentiim tisch aufbäumt, so ist cs gewiß gegen das ossenkundige ->n Buhe lassen. Wir brauchen nicht sein Mitleid, ivenn Unrecht und gegen klare Ungerechtigkeit, nicht aber vom cr N>r menschliches Recht in unseren Reinen nicht mit vorausgesetzten Hasse irgendeinem Volk gegenüber. Jübischer Nationalisnuls hält im Geiste die ganze Perkämpfen will. Wir wolle» den gelben Fleck, den uns andere aufgeklebt haben, abwischen und in einem blau- :an. S. Albachary. gangenheit des Judentums fest, für die zivar Herr Biro weißen Gewände erscheinen unter dem blauen .Himmel schwärmt und bedient sich auch durchaus nicht des! Palästinas, frank nnd frei, lvie Gott die Menschen er- Schivertes, um die Millionen Seelenjudcn zurück zur J schaffen hat. jüdischen Zukunft zu bringen, für die Herr Biro so! W i e!!, Liikkoth;>(74׳. sehr verzweifelt ist. Der Zionismus ivill eben diese Zntunst des jüdischen Voltes retten und bildet als solcher,-״ die Zelle, wie sich jüngst ein Delegierter im Kongresse > V t» »»UlRURlT^R 1—lCuV^I *■IlI geäußert hat,!voraus das alte Judentum, dessen Ent-!- Wicklung in der Zerstreuung gehemmt ist, wieder neu > , Lvanuka-Leuchter erstehen und erstarke» soll.!s Dann iverden wir die eckue Kutiur des Judentums!! in seinem volle» Glanze erstrahlen sehen können. Der! neue Lehrstuhl der Universität zu Jaffa isr hierzu als Baustein-ebenso notwendig, um das Judentum aufzu-! ד > p bauen und ein neues Milieu zu schassen, um in den j { I wahren Kern zu schauen. Wenn Herr Biro heute das ' t Milieu in Palästina als eine unreine und fanatische Menschcnmasse von fremder Gesittung und Geblüt verächtlich ansieht, so hat er das seinem Humor zu verdanken, aber jeder einzelne Jude in diesem Milien tveiß kür sich ganz genau, warum er zu Israel gehört. Mag er doch nicht von vornherein diese Leute mit!einem Urteile verachten, bleibe er nur stille mit seiner Seele und sehe nur zu, daß sein Blut nicht mit der Raste dieser russischen Juden vermischt iverde, ivclckie als wahre Helden fürs alte Judentum aufireten, indem sic auf Amerika verzichten, tvo sic vielleicht mehr Ebanecu znin Leben hätten und lieber in ihrer alten Heimat eine Zuflucht suchen, lim als Juden in Palästina zu leben. In diesen russischen Juden ivohnt noch der alle jüdische Geist, weil sie noch die alte Sprache lesen, die unsere Ahnen eins! gesprochen und ein sittliches Leben führen, wie unsere Erzväter führten. Auf die hinrcißcndc Bibel, wie sie Biro nennt, hält er wohl viel und schaur vor deren Altar entzückt zu seinen Vorfahren hinan, aber nur sür einige Minuten, um gleich darauf die Rachkommen dieser selben Bibel zu verleugnen. Wo iil Biros Konsequenz, wenn er vor dein Beilis-Prozcsse, ln reichhaltigster wähl zu beziehen den Jüdischer Buch- 00 Kunstverlag Brünn, Adlergasse Ausdurch und 00 Nr. 9. Der Chassidismus. Von dem bisulin Gesagten Ivird man all׳ :!i-.-be weniger ein Bild machen ׳önne». ivelckie Siellnug י!: Religion im Ehasndisiuus einnebineu ivird. 2׳.e ivird ein Band zwischen dem Mensche» nnd der Goiivcv z.o! scheu der materiellen aut» geistigen Well, dem Arm.» nnd :ßeiche» knüpren töniien. Was anßerdein tzaseal nnd Dckileierinacher als das Eharakleriinsche einer jeden Religion bekrackuet baben, nämlich: den llnendinvi begriff, ivird geradezu die Vvranssetziing des Eb dismus sein, dessen Erkenninisibeorie ank dem Nnend lichkeilsilreben geradezu basier!. Doch ivird die!, die ligivlilü! im Ebanidisinus eine rat!otialnt 1 üiie Verben 11111111! baben und das Reltgtöse durch das »Ungeiu -.:ne!׳ Abbruch erleiden. Es ivird zivar enierieils ein Ansgel-en in Go!1, ein Sireben. sieh mit ihm. zu vereinigen, vn!b-.niden!ein und, >vir gesagt, die Ekiiaie iicki eiMieUen. abet ' anderseits ivird dieses echt Religiöse durch das v!e! zu große :liaisonnieren -besonders bei den - a!-.. Bett der Begriffe gezwängt werden. Wir »׳erden oliv, ivas die Religivn des Ebasi!d!s!uns anlaiigl. zwischen den Ertremen uns b!ngcßi>-1: teil fühlen nnd wie ivir es gerade in der >Ut!!n gei.hen haben, keine poitlive» neuen Eernngenickia'len!» ver Vvn Wilhelm Menkes, Stanislau.!Schluß.!!Vogelperspektive.׳ Die Aesihetik nimmt im Ehassidismus einen viel kleineren Raum ein als die Ethik und Psychologie. In sic doch von diesen abhängig. Es wird aber iebr selten diese Tragik, von der Wilhelm DiltheyW spricht,!ich. einfinden, tvo sie dadurch entsteht. Saß der betreffende | ,51'»4ו»!‘» baben. Dichter oder Künstler eine unendliche Forderung im i * * " Endlichen zn erfüllen hat.! Wir haben uns im Verläufe unserer Unterina!»!!,׳, Für den Ehaffidismus iit es nichts weniger als! überzeugt, daß der Ehassidismus eine Strömung m, tragisch, da er dieses Unendliche in sich findet, indem die zivar nichts abwliit Reues geschaffen Hai, d!e abr, hier der Mensch als ein Teil des Unendlichen, also!!veil sie in der Zeit der lalmndiichen Spitzfindigkeiten der sich offen vor aller Welt im Gcrichtssaal abspielt, keine Rotiz nehmen will? Die heikle Angelegenheit-des Ritualmordes gehl doch faktisch die gesamte Kulturwelt an, zumal in Rußland nach dem Urteil Pogrome zn befürchten sind, die auch schon vor dem Prozesse da waren. Gibt also ein solcher Rttualmordprozcß nicht jedes menschliche Gefühl an? Und darf man nicht darans der Gottheit betrachtet wird und das Erfüllen der Erforderung des Unendlichen im Eiidlicken kommt ihm infolgedessen ganz natürlich vor. Tie Lyrik, die ihren Ursprung dem Ehaffidismus verdanken wird, wird durch das Unendlichkeitsiirebeit eine Spannung haben und es wird sich eine Gefühls- *1 In seinem Werke: ״DaS Erlebnis Dichtung". und die ans den Plan getreten nt. im vollste» Sinne des Wortes revolntionierend getvirkt bat. Besonders hat üe in der Psychologie und noch mehr in der Ethik Manches geschasfen. ivas eine» bleibenden Wer! behalten ivird, ivenn auch anderseits nicht zu leugnen ist, daß dies mehr eine geschickte Snnthese alte rer Suiteine, denn eine ganz originelle Lehen-:׳- und Weltanschauung gewesen iit. Das Wichtige dabei iit, daß es dem EbassidismilS

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.