Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 11 (1931)
- Issue
- 1 (7.1.1931)
- Date
- 1931-01-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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|U> HY«1 r ■1 Johann-Georg- Garagen (am KurfUrstendamm) Johann - Georg - Str. 9/10 Tel.: H2 Uhland 5300*9825 Modernster Komfort seiche Erwerbslosigkeit jüdischer Arbeitnehmer erfordere eine gründliche Umgestaltung des Arbeitsnachweises, dieser gliedert sich in fünf Abteilungen: kaufmännische, freie Berufe, gewerbliches Personal, ungelernte Arbeit, Berufsberatung. Im Jahre 1929 gab es 11543 Arbeitsuchende, für 5 896 wurde Arbeit vermittelt, in diesem Jahr meldeten sich bis zum 30. September 10102 Arbeitslose, von ihnen wurden 3587 untergebracht. Uebrigens wird vom Amt mit Genugtuung söstgestellt, daß dem Problem /der Arbeitsbeschasiung jetzt seitens jüdischer Arbeitgeber ein stärkeres Interesse entgezengebracht wird. Eine besonders schwere Aufgabe des Wohlfahrtsamtes ist es, den Strafentlassenen wieder Eintritt in die bürgerliche Gesellschaft zu ermöglichen. Berufsberatung und Jugendpflege treffen vorbeugende Maßnahmen für die Heranwachsende Generation. Das Jugendamt der Gemeinde hat die Vormundschaft für tausend Kinder, zu einem Drittel uneheliche. Aerztliche Beratung trägt für Jugendliche und .Kinder Sorge. Vier Gemeindeschwestern besuchen Hilfsbedürftige und treiben ambulante Krankenpflege. Ter Abend, der, wie bemerkt, für die alkgenreine Presse veranstaltet wurde, erweckte bei 'den Vertretern lebhaftes Interesse; verschiedene große Berliner Tageszeitungen brachten ausführliche Berichte. Sprechsaal Für diese Rubrik übernimmt die SchrWeituug lediglich die preß gesetzliche VerarlNvorcuntz. INut zur Konsequenz Ter Gedanke des jüdischen Liberalismus hat gesiegt. Tie Masse des Berliner Judentums ist iu bisher unbekannterweise interessiert worden, der Thron ist nach Ijährigem Exil zurückerobert. Viel ist über den Sieg geschrieben worden, sehr viel, was den Kern neuer Niederlage bei der nächsten Wahl in sich birgt. Die Führung des Berliner Liberalismus leidet an dergleichen Krankheit an der die Linie in Deutschland zugrunde gegangen ist. Sie hat nicht das geringste politische Fingerspitzengefühl, sie versteht nicht im geringsten Ihre Erfolge auszunntzen, ja ich glaube, sie versteht nicht einmal den wahren Grund ihres Erfolges. Man hat den Wahlkampf entschieden und einseitig gegen den Zionismus, gegen das Nationaljudentum, geführt. Man hat eingesehen, daß man mit den Fragen des Kultus, „Kopfbedeckung oder nicht, Orgel oder Knabenchoe etc." keinen Hund hervorlocken kann, daß, das Berliner Judentum nur eine entscheidende Frage kennt: „Deutsches Judentum oder Palästina". In bewundernswerter Weise hat die Wählermasse die Fehler, die 4 Jahre lang von den Liberalen gemacht wurden, nicht beachtet und noch einmal in gewaltiger Form dem Liberalismus sein Vertrauen ausgedrückt. Gottesdienste Liberale Synagoge Rotte», SchSatzaAfer «ttee 162. Freitag, de« S. Ia»uar, abends 7.15 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Dr. Plotile. Sonnabend, vormittags 10 Uhr, Sotterdievst. «eritU'Oftr». Liberal, Synagoge Oft««, Aula Mädchenschule «aiferftrnße 36. Freitag, de« 9. Januar, abends 7.30 llhr, »Gottesdienst. Predigt- Prediger Dr. Andorn. 8etlin4leftail. Liberal« Synagoge Mefieud. Leistilotostraße 7*8, Aula. Freilag, den S. Januar, abends 7.15 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Bogelstei« aus Breslau. Berlin. Jüdische Reform-Gemeinde. Gottesdienst« am Sonntag, dem 11. Januar. Johannisstraße 16: vormittags 16.36 Uhr: Gottesdienst »der Jugend. Predigt: .Ilse Wolfs. Kleiststraße 16: vormittags 16.36 Ahr; Predigt: Dr. Jelski. Allgemein wird man nun erwarten, daß jetzt eine Politik geführt wird, die der Entschiedenheit des Wahlkampfes entspricht. Doch schon rauscht es im Blätterwald von Verständigungspolitik, einer Politik, die bekanntlich darin besteht, daß Ziomstensührer im Gassenton uns deutsche Juden angreisen, 'die Liberalen aus Vornehmheit aber daraus nicht entgehen. Nein, liebe Freunde, es gibt keine Verständigungspolitik. Wir deutsche Juden haben Euch Liberale gewählt, damit Ihr jedes Atom nationaljüdischen Schaffens entfernt. Wir haben Euch gewählt, damit Ihr die Berliner Gemeinde ''nicht nur die vielen tausend Meter, die der Zionismus sie ins Ghetto znrückgeführt hat, wieder zurückführt, sondern sie noch ebensoviele tausend Meter weiter hinein in die Assimilation geht. Jawohl, Assimilation. Auch dasl merkt Euch, wir schämen uns nicht, Assünilanten zu sein, wir legen sogar Wert darauf, uns assimiliert zu wissen. Wir wollen keine jüdischen Schulen, die, wären sie konfessionell, der Sozialist Oskar Eohn bekämpfen müßte, dm er jedoch als Schulen der jüdischen „Minorität" also als nationale Schulen mit begründen Hilst. Wir wollen keine jüdischen Arbeitsnachweise. Jüdische Arbeiter sollen nicht bevorzugt werden und! solange in Berliner Nachweisen jüdische Arbeiter ebenso vermittelt und eingestellt werden, und sie werden eingestellt, wie Arbeiter anderer Konfession, solange brauchen wir keine abgesonderten Arbeitsnachweise. Wir wollen keine jüdischen Sportklubs mit Subvention der Gemeinde. Wir jungen Berliner Juden gehen in die großen Berliner Sportklubs, die uns gern sehen. Wir brauchen auch keine jüdischen Sportplätze. Wir treiben unseren Spor, mit unseren christlichen Freunden zusammen auf Berliner Sportplätzen. Jüdische Stätten brauchen wir deutschen Juden nur zur Religionsausübung. Jüdische Organisation nur mr Wohltätigkeit. Hier ein Wort an die Masse der Liberalen. Gewöhnt es Euch ab, von Sachen wie Goim Naches zu reden. Ihr seid in Nichts anders als Eure christlichen Freunde. Wenn ihr mehr zu sein glaubt, so seid ihr nur bornierter. Gewöhnt es Euch ab, wenn ein junger Jude ein christliches junges Mädchen heiratet und diese dann Jüdin wird, das als eine Schande zu betrachten. Im Gegenteil, freut euch darüber, denn jcke dieser Ehen bringt uns einen Schritt weiter ins Deutschtum, und läßt in ihren Kindern die „jüdischen Eigenschaften" verlieren, die nicht Eigenarten einytz jüdischen Volkes sind, die sich wie Eigenarten anderer Bölüw aus Klima, Landschaft etc. ergeben, sondern, aus den Jahrhunderten Ghettolebens, aus dem wir befreit sind und dessen Folgen wir abschütteln wollen. Wir wollen ins Deutschtum, in dem wir kulturell ließ verwachsen sind, wir wollen unser Judentum nur als Ethos, als große Idee, die uns. Menschlichkeit und '.Mchstenlreve lehrt. Wir wollen nicht uns abschließen vor unseren christlicher» Mitbürgern. Wir wollen den Zustand beenden, den .wir selbst geschaffen haben und in dem wir uns mehr absperren als ein Antisemit die Juden je absverren möchte. Wir haben nichts gemein mit Juden, die ihr Judentum als national und die jüdische Religion als eine zwar v»r> handene aber theoretisch nicht notwendige Beigab« empfinden. Darum, Ihr liberalen Führer, seid konsequent. Erkennt Eure Aufgabe, hinein in die Assimilation, keine Verständigung mit dem National-Jüdentum. Leitet die Gemeinde in dieser Einstellung urtb es nie mehr ettte national-jüdische Mehrheit geben. Fritz Rosenthal. / # kanlorenschicksal Am 1. Januar d. Js. starb der Kantor Levit im 74. Lebensjahre Er hat bis wenige Tage vor seinem Tode das Amt eines Kantors in Lichtenberg ausgeübt. Weit über 50 Jahre stand er im Dienste jüdischer Gemeinden als Kantor, Schächter und Lehrer. Ja, muß man fragen, gibt es denn so etwas? Muß wirklich ein Diener unserer Glaubensgemeinschaft bis ins höchste Alter hinein arbeiten, weil niemand da ist, der ihm ein Ruhegehalt gewährt? Die jüdische Gemeinde Berlin zahlt wohl den Vorortgemeinden die Gehälter für Rabbiner und Kantoren. Da müßte man doch annehmen, daß sie sich verpflichtet fühlt, diesen Gemeinden auch die Mittel zur Verfügung zu stellen, um ihren Beamten ein Ruhegehalt zu zahlen. Der neuen liberalen Verwaltung erwächst hier die schönste Ausgabe, das soziale Unrecht diesen Beamten gegenüber zu beseitigen und insbesondere die Verhältnisse in allen den Nebengemeinden zu regeln, deren Tätigkeit schon bisher als notwendig anerkannt worden ist. Es geht nicht an, zu warten, bis der Tod den Beamten von der Sorge um seinen und seiner Ehegefährtin Lebensabend erlöst, wie es hier im. Falle Levit geschehen ist. S. F. * Mische Musik Sehr geehrter Herr Oberkantor Zivi, im Anschluß an Ihren Austa'tz „Jüdische Musik" möchte ich Ihnen einige Gedanken niederschreiben, die mannigfaltigen Beobachtungen entwachsen und geeignet sind, Ihre Ausführungen in Ctra zu ergänzen; denn so treffend Ihre Begründungen vor- Annahme von Bestellungen aus die Jüdisch-liberale Zeitung bei allen Postämtern Deutschlands IUUMNUU«lUMMUNUitNlr»Ui«NMUUMlUU»lt»U»MNUitit»UMW»UUU6UUMM sein Gottvertrauen scheuchen kann, wirkt nun um so ergreifender der Zuspruch, den der Betende in seinem erstarkenden Mute an sich selbst richtet. Mau übersehe nicht, wie in dem ersten Stück ein geradezu kraftschwellendes Sicherheitsgefühl des Dichters im Ueberzeugtsein von seiner Gottverbundenheit sich ausspricht, indessen der besondere Anlaß zum Gebete und daher auch der Stimmungsgehalt des zweiten Stücks ganz anderer Art ist. Hier muß — gegenüber einer fast hoffnungslosen Lage — der Glaubensmut bei aller Innigkeit des Vertrauens aufgerüttelt werden. Daher dort Ruhe, wie Stärke sie verleiht, hier ein im Tiefsten Aufgewühltscin und erregtes Zudrängen des gequälten Herzens zu Gott. So sind in diesem ,,27. Psalm" zwei verschiedene Psalmen zusammengestellt, vielleicht weil beide Aeußerungen des Gottvertrauens sind und in der Form einige Aehnlichkeiten haben, die freilich keineswegs zum Beweise der Einheitlichkeit der Dichtung oder der Urheberschaft eines Dichters zwingend sind. Nehmen wir au, Goethes Nächtlicher („Der Du von dem Himmel bist" und „Ueber allen Gipfeln ist Ruh") seien ohne Kenntnis ihres Ursprungs in einer unkritischen Zeit zusammengeschrieben und überliefert worden — wer würde bloß aus dem Umstande, daß in beiden Gedichten die Sehnsucht nach dem Seelenfrieden sich äußert, ihre Einheitlichkeit beweisen wollen? Doch wohl nur jemand, dem irgend eine autoritative Lehrmeinung den klaren Blick verschleierte. Nun, diese kritische Frage ist für uns bei diesem Psalm nicht von großer Wichtigkeit. Wichtiger ist, daß wir den tiefen religiösen Gehalt dieser Dichtungen ausschöpfen, daß wir uns hineinfühlen in diese fromme Hingabe, in diese Seligkeit des Vertrauens und dadurch für unser eigmes Herz Kraft und Ruhe und wenn auch nur einen Hauch jener Frömmigkeit gewinnen, die in ihrer tiefen Gewalt solche Ewiakeitsworte gestaltet hat. vor 150 Jahren Von Dr. M. Spanier, Magdeburg. Mit dem großen Königsberger Denker Immanuel Kant (1724—1804) beginnt eine neue Aera in der deutschen Geipesgeschichte. Sein Wirken auf dem Gebiete der Philosophie war — gleich dem des Kopernikus — revolutionierender Art. Der Weise brachte Ordnung und Klarheit in das bisherige scholastische Denken und suchte das Rationale vom Irrationalen, die sinnliche von der übersinnlichen Welt, scharf abzugrenzen. Moses Mendelssohn nannte ihn den Alleszermalmer. In drei Hauptwerken beschäftigen Kant die Fragen: Was kann ich wissen? Was darf ich tun? Was darf ich hoffen? So entstehen die drei Kritiken: 1. Kritik der reinen Vernunft (1781), 2. Kritik der praktischen Vernunft (1788), 3. Kritik der Urteilskraft (1790). Uns interessiert hier vornehmlich die vor 150 Jahren erschienene Kritik der reinen Vernunft. („Rein" bedeutet unabhängig von der Erfahrungswelt.) An einer Stelle dieser Schrift bemerkt Kant, es sei der größte und vielleicht einzige Nutzen der Philosophie der reinen Vernunft anstatt Wahrheit zu entdecken, das stille Verdienst.zu haben, Jrrtümer zu verhüten. Dieses vernünftige Denken begrüßten die Juden besonders lebhaft, denn seit je haben sie gegen eine Welt von Unwahrheiten und Fälschungen anzukämpsen gehabt. Sie sehnten und sehnen die Zeit herbei, in der die Wahrheit über die Lüge triumphieren wird. — In dem Erscheinungsjahr der Kritik der reinen Vernunft schloß einer der Edelsten der Edlen für immer die Augen, Gotthold Ephraim Lessing, der Freund Moses Mendelssohns (15. Februar 1781), nachdem er zwei Jahre vorher seinen unsterblichen „Nathan der Weise", das Hohelied der religiösen Toleranz, der Welt geschenkt hatte. Mit kritischer Verstandesschärfe und dabei tiefer Empfindung hat Lessing schon früh die Vorurteile gegen die Juden gegeißelt; erst 20jährig, schrieb er das Stück „Die Juden". Aus „Nathan": „Es eifre jeder seiner unbestochenen, von Vorurteilen fteien Liebe nach!" „Sind denn Christ und Jude eher Christ und Jude als Mensch?" „Nur muß der eine nicht den andern mäkeln, nur muß der Knorr den Knubben hübsch vertragen, nur ein Gipselchen sich nicht vermessen, daß es allein der Erde nicht entschossen." „Tut nichts, der Jude wird verbrannt." Wenn Treitschke bemerkt: „Erst wenn die Ideen des Nathan in unserer Gesetzgebung sich vollständig verkörpert haben, dann erst dürfen wir uns rühmen, in einer gesitteten Zeit zu leben", so müssen wir traurig gestehen, daß diese Zeit bis jetzt noch nicht erschienen ist, und bangen Herzens fragen wir mit dem Propheten: Wächter, wie lange dauert noch die Nacht? Gleich Lessing traten zu allen Zeilen edelgesinnte Menschen für die Rechte der Juden ein, sie waren wie strahlende Meteore in dem nächtlichen Dunkel. So gedenken wir in Dankbarkeit des mannhaften preußischen Kriegsrats Christian Wilhelm Dohm, der im Jahre 17 81 seine berühmte Schrift „Ueber die bürgerliche Verfassung der Juden" veröffentlichte. Es heißt hier u. a., nachdem der Verfasser die traurige Lage der Jiäten geschildert und die unmenschliche Behandlung, die sie erfahren, gekennzeichnet: „Wer kann sich versagen, den Juden hochzuachten, den keine Marter bewegen konnte, von seiner Religionsvorschrift abzugehen und den Richtswürdige» zu verachten, der um des Vorteils willen sich lossagt und den christlichen Glauben mit den Lippen bekennt? Schon allein die Anhänglichkeit an den uralten Glauben gibt dem Charakter der Juden eine Fähigkeit, die auch zur Bildung ihrer Moralität überhaupt vorteilhaft ist." Mannhaft und kühn war Dohms Auftreten in damaliger Zeit — des großen Friedrich. Während dieser Preußcnkönig trotz seines Freisinns und seines Erlasses, wonach alle Religionen toleriert werden müßten, aber in bezug aus die Juden mittelalterlichen Anschauungen huldigte, erließ der deutsche Kaiser Joseph II. für die österreichischen Lande — 1781 - ein Toleranzedikt, worin die bürgerliche Freiheit der Juden begründet wurde. Dieser Akt begeisterte den deutschen Dichter K l o p st o ck derart, daß er dem Kaiser eine Ode widmete, worin es u. a. heißt: „Wen faßt des Mitleids Schauer nicht, wenn er sieht, wie unser Pöbel Kanaans Volk entmenscht! Und tut der's nicht, weil unsere Fürsten sie in zu eiserne Fesseln schmieden? D» lösest ihnen, Retter, die rostige, engangelegte Fessel vom wunden Arm; sie fühlen's, glauben's kaum. So lange hat's um die Elenden hergeklirret." Schließlich nennen wir noch laßt not least — den unsterblichen Dichter Friedrich Schiller, der auch ein Liebling der Ghettojuden war. Er kämpfte für Freiheit und Gerechtigkeit — überhaupt für Menschenwürde, gegen Tyrannenmacht und Geisteszwang. Von solche» Ideen bewegt, schrieb Schiller sein Schauspiel „Die Räuber" mit dem Motto „in tyrannos". Im Jahre 1781 ging ß zum ersten Male über die Bretter, die die Welt bedeute». Das war alles im Jahre 1781 — also vor 150 Jahren. Blicken wir in die Geschehnisse unserer Tage, dann dürfen wir die Frage aufwerfen: Gibt es einen sittlichen Fortschritt? Nach Goethe vollzieht sich die Entwicklung spiralförmig als Auf- und Abstieg. Er bemerkt in „Dichtung und Wahrheit": Wie das Wasser, das durch ein Schiff verdrängt wird, gleich hinter ihm wieder zusammenstürzt, so schließt sich auch der Irrtum, wenn vorzügliche Geister ihn beiseite.gedrängt und sich Platz gemacht haben, hinter ihnen sehr geschwind wiÄer naturgemäß zusammen." — Der hervorragende englische Knlturhistoriker Buckle leugnet in seinem berühmten Werke „Geschichte der Zivilisation in England" (deutsch von Arnold Rüge, 6. Ausgabe 1881) jede sittliche Fortschrittbeweaung. Dieser Gedanke aber ist trostlos und wirkt hemmend auf jede sittliche Energie. Wir wollen uns die Worte Lessings zu Herzen nehmen: Geh Deinen unmerllichen Schritt, ewige Vorsehung! Nur laß mich dieser Unmerklichkeit wegen an Dir nicht verzweifeln. Laß mich an Dir nicht verzweifeln, wenn selbst Deine Schritte mir scheinen sollten zurückzugehen! — Es ist nicht wahr, daß die kürzeste Linie immer die gerade ist." —