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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-12-29 · 52 (29.12.1928) · page 8

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
52 (29.12.1928)
Date
1928-12-29
Page
– (sequence 8)
Language
German
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berechtigt sein, einen Teil ihrer Mittel in den Erwerb von Aktien, Bonds, Pfandbriefen oder anderen Wertpapieren irgendeiner bestehenden oder in Zukunst zu gründenden Gesellschaft $u investieren, um auf diese Weise den Erwerb von Boden in Palästina durchs Private zu erleichtern. Ebmsowmig sollm die eingangs bezeichneten Maßnahmen dahin verstanden werden, daß beabsichtigt sei, die Ausführung einer Politik zu hindern, die die Jewish Agency annehmen mag, um diejenigen zu unterstützen, die sich auf dem Boden mit eigenen Mitteln in einer Weise und unter Bedingungen ansrebeln wollen, die mit der hierin niedergelegten grundsätzlichen Pofitif nicht in Widerspruch stehen. 3. Ohne die Siedlungsform, die in Zukunft in Palästina angewandt werden soll (Moschaw, Kwuzah oder eine andere Form), bestimmen zu wollen, soll es dem Urteil der Jewish Agency überlassen bleiben, über die wirtschaftliche Eignung und Ausführbarkeit irgendeines vorgeschlagenen Siedlungs¬ oder Kolonisationsplanes zu entscheiden, bevor Mittel, die der Kontrolle der Agency unterliegen, für eine bestimmte Siedlung oder Kolonie angewiesen werden. 4. Was die Einwanderung von Juden nach Palästina anlangt, so ist es klar, daß sie sowohl durch die Jewish Agency wie die Regierung Palästinas in dem vollsten ausführbaren Ausmaße und in Uebereinstimmung mit den allgemeinen, in den Empfehlungen der Joint Palestine Survey Commission niedergelegten Grundsätzen ermutigt und gefördert werden soll, wobei anerkannt wird, daß sowohl Arbeiterimmigranten wie Immigranten mit eigenen Mitteln in Betracht gezogen werden sollen. 5. In allen Arbeiten und Unternehmungen, die von der Jewish Agency ausgeführt oder gefördert werden, soll jüdische Arbeit verwendet werden. 6. Die hebräische Sprache und jüdische Kultur sollen gefördert werden. Auf der am 3. November 1928 abgeyaltenen Sitzung der bevollmächtigten Vertreter der Zionistischen Weltorganisation und des Organisationskomitees der nichtzionistischen Konferenz amerikanischer Juden, wurde die Aufmerksamkeit auf eine vom Zionistenkongreß in Wien im August 1925 angenommene Resolution gelenkt, nach der die in Betracht gezogene erweiterte Jewish Agency in provisorischer Weise so gebildet werden soll, daß sie nach drei Jahren erneuert werdeil müßte. &<n Namen des Organisationskomitees wurde daraus Hingewielen, daß diese Maßnahme des Kongresses erfolgt ist, vhne daß vorher die Vertreter der sogenannten unparteiischen Konferenzen, die im Februar 1924 und März 1925 abgehalten waren, konsultiert worden wären. Es wurde ausgeführt, daß nach Ansicht des Organisationskomitees eine provisorische Jewish Agency unzweckmäßig (impracticable) wäre und daß ein solcher Schritt die Festlegung und Ausführung wirksamer konstruktiver Maßnahmen stören und unvermeidlich dazu führen würde, die Verwirklichung der Ziele zu verzögern, die den Beml'chungen um die Erweiterung der Jewish Agency Antrieb gegeben hatten. Im Laufe der Debatte stellte es sich heraus, daß die Zionistische Organisation es für notwendig hielt, für den Fall einer etwaigen Wiederaustösung der erweiterten Jewish Agency Vorsorge zu treffen, und zwar im Hinblick auf die rechtliche Wirkung einer solchen Wiederauflöjung auf Artikel 4 des Mandates für Palästina in der vom Völkerbnndrat am 16. September 1922 genehmigten Fassung. In Anerkennung der Berechtigung dieser Vorsichtsmaßnahme wurde beschlossen: Erstens: Um allen Fragen vorzubengen, die tm Falle der Wiederauslösung der erweiterten Jewish Agency auftauchen könnten und um für jeden Fall die Fortdauer einer Jewish Agency gemäß Art. 4 sicherzustellen, sollen geeignete Maßnahmen getroffen werden zur Erlangung der Zustimmung der Mandatarmacht oder einer anderen etwa zuständigen Instanz zu dem Plan der Erweiterung der Jewish Agency m Verbindung mit einer Klausel, wonach im Falle einer zukünftigen Wiederauflösung der erweiterten Jewish Agency alle Rechte und Privilegien, die fetzt der Zionistischen Organisation in Uebereinstimmung mit Art. 4 des Mandates zustchm, an sie uneingeschränkt zurückfallen sollen. Zweitens: Der zionistische Kongreß soll ersucht werden, nach Bemerkst ellignng des oben bezeichnetm Arrangements, seine oben erwähnte Resolution wieder aufzuheben. Jca-Kolonim in Brasilien von Räubern angegriffen. Umherschweifende Räuberbanden finb in das Gebiet der jüdischen Kolonien der Jewish Colonisation Association (Jca) in Brasilien eingefallen und haben einen Teil des Vermögens der Kolonisten weggeführt. Besonders schwer heimgesucht wurde die Kolonie Quatro Jrnaos, wo es zu einem Kamps zwischen den Räubern und dm Kolonistm gekommen ist und einige jüdische Kolonisten getötet wurden. Das Treiben der Bande steht offenbar im Zusammenhang mit der infolge der Grenzkämpfe zwischen Bolivien und Paraguay um sich greifenden Anarchie. Die Regierung von Brasllien hat in das Gebiet der jüdischen Kolonien eine Milrtärexpedition zur Niederkämpfung des Räuberunwesens entsandt. Herr Dr. Louis Cungre, der Generaldirektor der Jca, hat erst vor einigm Monaten die neuen Jca-Kolonien in Brasilien besucht und festgestellt, daß sie nach anfänglichen Krisen nunmehr in ruhiger Auswärtsmtwicklung begriffen sind. Besonders wies er auf dm Aufschwung, den die Kolonie Quatro Jrnaos genommen hat, hin. Die Evangelische Kirche zu den Friedhofsschändungen Auf eine Eingabe an den Evangelischen Oberkirchenrat, worin die Aufmerksamkeit der oberstm kirchlichen Behörde auf die in letzter Zeit wiederholt vorgekommenen Fälle von Friedhofsschändungen gelenkt und die Frage amtlicher Maßnahmm der Kirche aufgeworfen wird, hat der Evangelische Oberkirchenrat folgendes erwidert: Wir könnm Ihren Abscheu gegen Schändungen jüdischer Friedhöfe nur in vollstem Maße teilen, und es bedarf keines Wortes, wie solche Untat jeglichen christlichen Geist verleugnet. Von einem amtlichm Erlaß an unsere Geistlichen glauben wir Abstand nehmm zu sollm, da wir es für ausgeschlossen haltm, daß christlichkirchliche Kreise für die Täterschaft in Frage kommm. Der evangelischen Kirche Fernstehelche würdm aber von einer Mahnung unserer Geistlichen nicht erreicht oder beeinflußt. Wir werden die Angelegenheit jedoch sorgfältig im Äuge behaltm und gegebenenfalls weiteres erwägm. Eisenbart und der ewige Jude von Josef Winckler Aus dem bei der Deutschen Verlagsanstalt in Stuttgart erschienenen Eisenbart-Buch von Josef Winckier, aus dem wir in unserer'Vorigen Nummer bereits die Schilderung „Eisenbart im Ghetto“ Wiedergaben, entnehmen wir mit freundlicher Genehmigung des Verfassers und Verlags noch das folgende Kapitel. (Die Redaktion) Doctor Eisenbart und Ahasver, der ewige Juoe. Da, auf einsamster Landstraße, in der Abenddämmrung humpelte eine merkwürdige Gestalt vorüber. Diese Gestalt bog ihre Knie wie kriechend und zog jeden Fuß gleich einem eisernen Kloß gebückt voran, als risse magnetische Gewalt ihn immer wieder zu Boden. ,Er ist entweder unsagbar müde —‘ dachte Eisenbart — ,so daß er in sich selber einsackt oder hat eine Hüftverrenkung, die ihn so konvulsivisch zucken läßt —L Doch blieb's in beginnender Dämmrung unentschieden. Da drang ein Laut aus dem Kopf, denn die Gestalt trug eine Kapuze, der Eisenbart ins Knochenmark ergrausen machte und er gewahrte, daß der Wanderer mit beiden Armen an einem Baum sich festklammerte, wie zu rasten. Eisenbart trat näher voll Mitleid: ,Er hat die Fallsucht — —‘ und sah plötzlich mit Entsetzen: so fest er auch die Fäuste am Stamm krallte, eine dämonische Macht trieb ihn wie in einer Geistermühle 'mit verzerrtem Gesicht rund um den Baum wieder zum Rückwärtsgehn, um den Baum wieder vorwärts, wieder retour: „Hilfe, will nicht mehr — kann nicht mehr! Hilfe — — „Ramm' die Füße ein, ramm* die Füße tiefer ein —!“ schrie Eisenbart heiser. „Hab' die ganze Welt, hab’ alle Zeit durchpilgert — jeder riet ein ander Mittel! Weh — weh!“ „Seid Ihr vielleicht der Werwolf —?" schüttelte es Eisenbart eiskalt — „Eure magern Hüften pendeln eckig vor wie Tiergelenke, Euer NacTen schlottert vorgedrängt, als zerrt' Euch ein unsichtbar Kummet um den Hals, ja, Euer ganz Gesicht ist lang und schmal nach vorn gezogen, wie eine Schnauz auf unendlicher Fährte, fast wie ein Schnabel schon mit seitlich gerutschten Augen...“ „Ich bin Ahasver —" ächzte der Alte. Una als Eisenbart zurückprallte, griff der Taumelnde, kreischend abermals um den Baum getrieben, im Schwindel ihm die Perücke vom Kopf. Eisenbart wollte den Degen ziehn vor Verwirrung, da heulte der Verfluchte: „Selbst zu Urzeiten, zu den Gespenstern längst Verstorbener schleppt ich mich um Rat — kniete schon vor Zoroaster, der aber nur fromme Sprüch’ aus der Zendavesta vorlas, berief König Darius, der einstmalen wegen Fußrenkung einen griechischen Arzt aufgesucht, wie die Geschichte schreibt, ach! und er kannt’ nur Rosenöl — kam zu Hippokrates nach Kos und dieser schlug in den ältesten Büchern der Ptolemäer nach und verordnete eine Badkur — irrte weiter bis Knidos an der Westküste Kleinasiens, bis zur Sizilianischen Küste, wo Empedokles gelehrt und sein Schüler Pausanias hat mich fünfzehn Jahr fruchtlos behandelt, gab mir Trunk an Trunk, grub mich halb in Erde ein — aufgehetzt bettelte ich mich durch zu Plato, dessen Riesengeist beim Grübeln über mein Leid wieder ins Universum abschweifte — die Arme voraus, wänderte ich weiter durch Wüsten, Flüsse, Städte, Berge, Jahr um Jahr weiter bis zu Asklepiades nach Prusa, kam selbst nach Galenos, der bereits mit achtundzwanzig Jahren Gladiatorenarzt in Pergamon war, gräßlichste Wunden und alle Zitterglieder kannte und doch dem Gekrümmten nicht helfen könnt’ — weiter irrt ich, ein Schrecken der Landstraße, noch grauer und grauser geworden, Jahrhunderte gräßlichster Unruh und erspähte am Hof Mahmuds den großen Arzt Ibn Sina, der meine scharrenden Füße bis zu den Knien wie eine Mumie wickelte — doch vorwärts und alles umsonst, gar in Japan sucht' ich Zuflucht bei Tokuhon Nagata, der meine ganze Natur mit linden Kräutern und Dämpfen kräftigte und zwanzig volle Jahr nach dem bösen Zauber der Krankheitsursach’ forschte und schließlich mein Gemüt trübselig nur mit Saitenspiel zu trösten strebt' — und also hinkt ich nach Ferara, Bologna, Siena, warf mich ins große Hospital Hotel-Dieu nach Paris, stob ins schreiende Pesthaus bei Basel — gar nichts fruchtete, hoffnungslos, schlaflos — — bist du auch ein Arzt, so umjammer' ich deine Knie: hilf endlich! Lösch den Wundschmerz der Füße, stille das rasende Ziehen in allen Muskeln, das Tacken und Knacken in allen Knochen, das Stampfen, Krämpfen und Stoßen der Beine, aus Immerwo auf jagt ins Nimmerwo!" „Bin zwar kein rechter Arzt —“ wehrte Eisenbart — „ich gelt als halber Unehrlicher — — als ein dunkler peinlicher Waghals wohl —" „Dann, oh! dann wag's, dann bist du mein Mann, dann vollbringe so toll Aberwitziges, wie kein rechter Arzt sich getrauen würd’! In Kottbus setzte mich ein alter Bauer gar gefangen in eine frisch geschlachtete Kuh und nähte mich ins warme Fell, denn ich litte an Veitstanz, daß ich mein Frieren und Zittern vergaß — aber ich zerriß das Fell und schleppte die Kuh an siebzig Wegstunden hinter mir — —" Eisenbart untersuchte die Füße Ahasvers und fand sie verhornt wie Hufe, über und über die Beine wundgescheuert, voller Geschwüre, mit Dornen, Staub, Kot, Frost, Schweiß. „Ich wüßt' das Mittel —" raunte Eisenbart — „getrau mir’s schon zu ohne Schmerz, falls ich dich in tiefsten Rausch versetzen dürft! Aber niemalen darfst du meiner Keckheit zürnen ob des gewaltsamsten Eingriff —“ Da schwur Ahasver, was auch immer mit ihm geschah, nie ihn zur Rechenschaft zu fordern und Eisenbart schläferte den Uralten ein. Er trennte kouragiert ihm beide Beine kurz oberhalb der Knie ab und warf die verfluchten Stümpfe ins Feuer, da sie nach der Amputation noch wie springende Schlangen an der Erde sich gebärdeten. Als der Aermste erwachte und sich als Krüppel auf dem Zergliederungstisch am Straßengraben unter den Tanneir liegen sah und Eisenbart sich über ihn neigte: „Freund, ich lähmte dich —" da bedeckte er in jäher Erkenntnis Eisenbarts blutüberströmte Hände gar noch mit glühenden Küssen der Dankbarkeit, weinte una schluchzte vor lauter Glück: „Welch eine Tat, welch eine Tat! Davor spür’ ich keinen Hauch Schmerz! Ihr habt Gottes Fluch zu schänden gemacht, Ihr habt mich Gottes Rache entwunden!“ Und Ahasver jubelte all die schweren folgenden, peinvollen Wochen der Heilung über seine unmenschliche Verstümmelung, wie nie ein Verstümmelter selig war und wußte nicht genug die Wonne zu preisen, endlich am Fleck auszurunn; nur immer dabei fahren mußte der Wagen, das gab so süße Erschütterung und trieb das Blut zu schnellerer Heilung — — auf einem Bund Stroh im Medikamentenwagen fuhr er so mit, immer rollten die Räder unter ihm und ter schlief wie bei Wiegengesang von Markt zu Markt — im Kloster Banz ließ er sich einen ganzen sonnig warmen Tag auf die Kirchenschwelle legen, oh, das tat wohl — er entwarf hundert Pläne, sein Leben zu fristen als Schuster oder Schreiber, er wolle sich gleich von einem Pater nach Rom fahren lassen, um ständig in der Näh’ des Heiligen Vaters sicher zu sein und ließ in Fulda jeden Tag mit Weihwasser die Wunden waschen, empfing von da ab jeden Sonnabend das Sakrament und opferte zu Würzburg selbst die Münze, die er als äußersten Zehrpfennig von Jerusalem her seit jenem verhängnisvollen Ereignis aut der Brust verborgen. So zog er mit Eisenbart durchs Land, der am Tag der Heilung ihn mit gewaltigem Schaugepränge unter Trompetenschall, Kesselpauken und Fahnenschwingen öffentlich ausstellen wollte als größten Triumph seiner tollen Kunst, die Himmel und Höll’ überlistet und dem rasenden Kosmos sein Opfer entrissen! Der mocht' wohl die wildeste Krankheit zum Stillstehn bringen, sollten die Leut’ glauben, und nichts Unmögliches mehr kennen, der solcher Kühnheit, solchen Trotzes voll! Eisenbarts Hochmut schwoll zügellos, er fütterte das eitle Tier in sich mit allen Brosamen unermeßlicher Selbstvergötzung. Aber mit fortschreitender Heilung der Wunden beobachtete Eisenbart, wie die zersägten Schenkel heimlich und heftiger zu zittern begannen und erklärte dies Phänomen mit der Erschütterung der Nerven, die jetzo erst sich auslöse nach der hohen seelischen Erregung — — doch ahnunggrausend, zähneklappernd lag der arme Leib- Wurm, griff mit Händen rechts, griff links immer fester und fester. Eisenbart untersuchte die Stümpfe und lächelte: „Fürcht’ nit ihr Zappeln — Gott kann keine Beine abermals machen! Gibt kein Mirakel, noch so rätselhaft, noch so fern, noch so unverhofft, das dich erreicht! Du bist aus seiner Hand genommen!“ Es war eine stürmische Nacht, Wölfe heulten und schnupperten bis in die Näh’ der rastenden Wagen, die Pferde im Pferch schlugen wild um sich, die Hunde tobten und fletschten, niemand wagte sich hinaus... da ging die Tür langsam am hintersten Wagen von selber auf, ein Schatten kroch hervor, stürzte gradaus auf die Deichsel, brach sie jäh mit Kraft der Raserei in zwei Stück, und ein Brüllen übertönte Sturm und Wolf, Eisenbart schlug die Laterne hoch über seinen verstörten Kopf und sah... da schleppte sich wahrhaftig Ahasvver, mit dem Ledergeschirr des Pferdes die Stelz-Stumpen der zersplitterten Deichsel um die Hüften geschnallt und hatte schon zwei Wagenräder mit der Achse quer vor sich, drauf er die Arme kreuzte, die Brust stützte und so rollte er leichthin, pfeilgeschwind mit Kopf und Schultern über der Achse voran, die Holzfüße im Takt nachstoßend, entstellten Gesichts wie ein Wind-Spuk in die Finsternis davon ... Eisenbart, schweißgebadet, lugte durchs verhangne Wagenfenster, eilig schoß die Hörsei dahin, die Kuppe des berüchtigten Berges drohte gespenstig im Mondlicht und erkannte plötzlich, wo er sich befand, daß nur ein lästerlicher Traum ihn versucht, daß er sich eilends bekehren müßte von monströsesten Kuren, eh's zu spät und er jede Sorgfalt verlor’ in Frivolität — — ,erbarm dich meiner! Erbarm dich meiner!* und befahl, zu gleicher Stund' mit gehetzten Pferden den unheimlichen Ort zu verlassen. Polternd, alle zugleich im Schlaf aufgescheucht, stoben die Wagen in entgegengesetzter Richtung gen Waltershausen und jagten die Horst entlang, ohne zu rasten, rechts vom Thüringer Wald stoben schwere Regenwolken vorm Sturm, wilde Enten taumelten über die Wagenreihe — auch in Ilmenau und Hildburghausen blieb man kaum zur Tränke, Eisenbart erholte sich nicht vom jähen Schrecken, der ihm durch alle Knochen gefahren- BUctiersdimi Rabbiner Dr. A. Eckstein, Bamberg: „Haben die Juden!n Bayern ein Heimatrecht?“ Philo-Verlag, Berlin 1928. Daß zur innerlichen Begründung und Rechtfertigung des durch die Reichsverfassung den deutschen Juden lediglich formal geschaffenen Bürgerrechts ihr geschichtliches und kulturelles Heimatrecht nachgewiesen werden müsse, hat Rabbiner Dr. Paul Rieger in seiner 1921 im Philo- Verlag erschienenen Sehnst „Vom Heimatsrecht der deutschen Juden“ dargelegt und zugleich auch durch Zusammenstellung eines geradezu immensen Geschichtsmaterials diesen Beweis erbracht Dennoch — „der in Betracht kommende Stoff ist natürlich bei weitem nicht erschöpft“, schreibt nun Rabbiner Dr. Eckstein, der Riegers Schrift im Hinblick aut die bayrischen Juden überaus wertvoll ergänzt, indem er seinerseits mit einer der Riegerschen kongenialen Gelehrsamkeit Geschichtsdaten der bayrischen Juden anführt, deren Schicksals-, Sprach-, Kultur- und Willensgemeinschaft mit den nichtjüdischen Bayern er nachweist. Dabei berührt angenehm, daß der Verfasser sich von keinerlei bajuvarischem Partikularismus angekränkelt zeigt: es ist ein deutscher Mann, der als Historiker über Bayern schreibt. Gesund ist auch seine an Definitionen von Constantin Brunner anklingende Auffassung über das Verhältnis von Rasse und Nation. Mit der Rasse oder dem Stamm hat der moderne Nationsbegriff nichts zu tun: „Gewiß sind diese eingewanderten (jüdischen) Bevölkerungsteile anderer Abstammung als der bereits alteingesessene germanische Landbewohner. Aber sind das nicht auch die zahlreichen Slaven und Wenden.? ....Wer wird so töricht und so kurzsichtig sein, all die Männer, die als Offiziere und Staatsbeamte, als Gelehrte und Dichter sich im Dienste der bürgerlichen Gemeinschaft ausgezeichnet haben, wegen ihrer romanischen oder slavischen Abstammung als Fremdbürtige. herabmindern zu wollen?“ — Dem kulturgeschichtlich bedeutsamen Werk ist in einem Anhang außerordentlich reichhaltiges kriegsstatistisches Material beigegeben worden; das Geleitwort zu diesem Anhang schrieb Dr. Alfred Werner, der Vorsitzende des Landesverbandes Bayern des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten. Oeo rge Goetz.

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