Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 21 (24.5.1928)
- Date
- 1928-05-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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kann nicht aus individuellen, gefühlsmäßigen Ueberlegunaen einen allgememgültigen Grundsatz herleiten. Trotzdem bin ich persönlich der Meinung, daß eine, wenn auch nicht tiefe Kenntnis (sie wäre nämlich praktisch meist nicht erreichbar) der Sprache sich lohnen wird. Es muß betont werden, daß diese Auffassung von der Zeit unabhängig ist, im Gegensatz zu Ludwig Lewms Aufsatz, in dem er, am Schluß, hofft, daß eine spätere Generation sich wieder mehr um die Pflege de- Hebräischen kümmert. Ich glaube, daß^heute wie morgen, die Zeit, die zur Erlernung der Sprache verwendet wird, der, die nötig ist zur Erfassung des Inhalts des Judentums, verloren geht. Die Gefahr, die er dagegen m der Beschäftigung mit dem Hebräischen aus gottesdienstlichen Gründen sieht, halte ich hauptsächlich für eine Frage der Taktik, des Unterrichts. Ueber den bisherigen hebräischen Unterricht möchte ich aus Gründen der Höflichkeit nichts sagen. Zu seiner Charakterisierung genügt vielleicht die Tatsache, daß man, nach meiner Erfahrung es nicht nötig gefunden hat, Grammatik und Vokabeln zu lehren. Kaum daß wir einigermaßen lesen konnten, wurden Gebete vorübersetzt, dann dem Gedächtnis nach deutsch wiederholt — auf diese Art wurde uns zugemutet, Hebräisch zu lernen. Als Nichtfachmann kann ich wenig Berbesferungsvorschläge geben: aber ich bin mir sicher, daß die Unterrichtsfrage zugleich die Schicksalsfrage des Hebräischen überhaupt ist. Wenn S'neh seine Begeisterung für die Pflege des Hebräischen auf die Entwicklung des Unterrichts übertragen würbe, so glaube ich, daß viele, die meiner Meinung in dieser Frage sind, der Sprache mehr Interesse entgegen bringen würden: und damit wäre eine durchaus annehmbare, positive Synthese unserer beiden Auffassungen erreicht. Bericht über einen vom Reichsausschuß veranstalteten Diskussivnsabend. Am 17. April fand in der jüdischen Mädchenschule in der Kaiserstraße ein Diskussionsabend über „Pazifismus" statt. Tie Tiskussion-leitung hatte Fräulein Gertrud Behr, die der Liga für Menschenrechte angehört, übernommen. Da man für Pazifismus» sehr viele Definitionen finden kann, einigten »vir uns darauf, an diesem» Abend darunter Gewaltlosigkeit im allgemeinen Sinne zu verstehen. Um eine solche Gewaltlosigkeit zu erzielen, müßten unsere sämtlichen heutigen Formen umgestoßen werden. Besonders er»vähnt »vurde hierbei das Strafsystem, das statt helfender Maßnahmen noch immer zu stark eine Vergeltung bedeutet. Sehr schnell wurde nun die »vichtige Frage gestellt, »vie man denn solche Gewaltlosigkeit erreichen könnte, und ob man hierbei Gewalt antvenden dürfte. Eine eindeutige Antlvort konnte hierauf nicht gegeben werden. Es wurde der Vorschlag von Genossenschaften, wie sie in einem Teile von Frankreich schon bestehen, gemacht, der aber von vielen Seiten abgelehnt wurde. Der Hauptgrund dagegen war, daß diese Genossenschaften, um eine Existenz und Geltung zu erhalten, auf kapitalistischer Grundlage errichtet werden müßten, und daß das mit der Idee des konsequenten Pazifismus nicht zu vereinbaren wäre. Bor allem müßte das Proletariat gegen jede Gewalt aufgehetzt werden, so daß es jede Arbeit, die dem Gedanken des Pazifismus widerstrebt, niederlegt. Bon hier aus zersplitterten wir uns zu vielen Einzelsragen, die UNS im Wesentlichen doch nicht weiter brachten. So »vurde die Diskussion dann geschlossen mit dem Vorsatz, noch einmal zusammenzukommen, und nach einigen Referaten über die Hauptpunkte des Themas noch einmal hierüber zu diskutieren. Jli-Berlin. Am 26. April fand unter beträchtlicher Beteiligung die diesjährige Generalversammlung statt. Auf der Tagesordnung standen: 1. Jahresbericht über die Jliarbeit. 2. Kassenbericht. 3. Antrag auf Satzungsänderung. 4. Neuwahl des Vorstandes. 5. Allgemeines. Der Jahresbericht wurde von Hans Rosenberger als bisherigem Vorsitzenden gegeben. Er konnte seststellen, daß die Zahl der tätigen Mitglieder sich vermehrt hat. Der Schwerpunkt der Arbeit ist mehr als bisher in die Gruppen gelegt worden. Erfreulich ist auch der regelmäßige Fahrtenbetrieb, der uns beträchtlich erleichtert »vird durch die mit erheblicher Mühe erlangte Fahrpreisermäßigung. Die Versammlung erteilte dem Vorstande Entlastung. — Der Antrag auf Aenderung der Satzungen (§§ 2) ist begründet durch die Gewährung der Fahrpreisermäßigung, die von der Reichsbahn nur Vereinen, die Sport in irgend einer Form betreiben, zugestanden wird. Zum §§ 2, der von den Zielen des Jli spricht, wurde eine entsprechende Ergänzung vorgeschlagen und von der Versammlung genehmigt. Daraus wurde zur Neutvahl des Vorstandes geschritten, der sich zusammensetzt aus: Hans Rosenberger als 1., Walter Simon als 2. Vorsitzenden, Buth Littmann als 1., Hanna Jarecki als 2. Schriftführerin, Hilde Bach als 1., Hilde Deutschland als 2. Kassenwart, und weiterhin aus Hilde Hamburger, Irma Kindermann und Martin Glaß. Der Beirat setzt sich zusammen aus Betty Markus, Arthur Lilienthal und Ludwig Lewin. Ludwig Lewin hielt Betty Markus . und sich zugleich mit, eine Abschiedsrede, da er von nun an aus dem aktiven Vorstand ausscheidet. Auch wir danken ihm an dieser Stelle noch einmal für die in den vier Jahren geleistete Arbeit für den Jli. Der fruchtbarere Teil, die Aussprache, wurde durch Ernst Heinrich Seligsohn, eingeleitet. Seine Kritik an der gegenwärtigen Richtung der Jliarbeit war nach seinen eigenen Worten etwas übertrieben, um die nach seiner Meinung abwegigen Tendenzen klarzulegen. Er vermißte 1. ein klares jüdisches Programm. Der Jli als jüdischer Verein hat, wenn er seinem Namen gerecht werden will, sich mehr mit jüdischreligiösen Themen zu beschäftigen. 2. erscheint ihm die Verbindung mit geistigen jüdischen Strömungen der Gegenwart sehr gering. Schließlich kritisiert er die mangelnde jüdische Aktivität, die sich in Freitagabend-Feiern, Veranstaltungen von Gottesdiensten usw. äußern könnte. Im Verlauf der weiteren Aussprache traten zwei Anschauungen klar hervor. Die erste unterstützte Ernst Heinrich Seligsohn. Die zweite dagegen verneinte entschieden die Verpflichtung, in einem jüdischen, liberalen Jugendverein immer streng jüdische Themen zu behandeln. Hans Rosenberger betonte vorerst, daß sich die Jüngeren dagegen wendeten, die im Augenblick an allgemeineren Fragen mehr Anteil nähmen. Letzten Endes führt aber die Entwicklung solcher Fragen immer wieder auf jüdische Grundprobleme und Religionsanschauungen zurück. Als Beispiel wurde die Beschäftigung mit griechischer Philosophie angeführt, die die Vorstufe zum Studium jüdischer Religionsphilosophie bilden kann. Ganz abgesehen davon, wurde außerdem hervorgehoben, ist Religion kein Selbstzweck, sondern birgt geradezu die Verpflichtung in sich, die Erkenntnisse ihrer Lehren auf allen möglichen Geistesgebieten anzuwenden. (Beispiel: HazifiSmusZ Tine Einigung wurde ztvar nicht erzielt, aber wir hoffen, daß diese Spannung erhöhte Aktivität nach sich zieht. Walter Simon. Berlin-Charlottenburg 9, Tannenbergallee 9-12. Jli-Berlin. " 9tupp< Oliva. Auf den letzten Heimabenden haben wir die Juden in Hollands Martin Buber und ein aktuelles Thema: „Brauchen wir einen Gottesdienst?" behandelt. Das Referat über die Juden in Holland Hilde Hamburger Aus der Ili-Arbeil beschränkte sich aus die Zeit von der Einwanderung der Juden aus Spanien und Portugal bis Uriel d'Acosta und Baruch Spinoza. Wir sprachen über di« Bedeutung dieser beiden Philosophen besonders für das Judentum. Der nächste, Martin Buber gewidmete Heimabend begann mit der Auseinandersetzung über die einzelnen Dichterschulen, deren Wesen wir charakterisierten, um Buber dann in eine einzureihen. Zum Schluß »varen wir der Ansicht, daß er in die Reihe der Symbolisten zu zählen sei. Dieses bezeugen besonders die Geschichten von Baal Schem, von denen wir dann einige lasen. Unser bisher vielleicht interessantester Abend war der, an dem wir uns die Bedeutung des Gottesdienstes klar zu machen versuchten. Daß dieses Thema allen genehm war, zeigte schon die Anzahl der anwesenden Mitglieder, die bis auf eins alle anwesend waren. Als Einleitung wurden ein paar Worte über die Berschiedenartigkeit der Gottesdienste gesagt. Außerdem wurde ein Unterschied gemacht zwischen der Frage „Brauche ich einen Gottesdienst?" und „Brauchen wir (als das Judentum) einen Gottesdienst?" Letzteres mußten wir bejahen und als Grund wurde angegeben, daß der Gottesdienst das ist, »vas das Judentum zusammenhält. Wir sprachen noch über die Bedeutung des Wortes „Gottesdienst", wobei sich einige Meinungsverschiedenheiten ergaben, die nicht recht beseitigt werden konnten. Es wurden noch Fragen aufgeivorfen über Unterschiede zivischen religiösem Gefühl und Gottesdienst, so daß »vir uns genötigt sahen, noch einen Heimabend darauf zu verwenden. Besonders interessant »varen die verschiedenen Meinungen über die Frage, »velcher Gottesdienst wohl am besten geeignet sei das Judentum zusammenzuhalten. Wir schalteten den Reformgottesdienst als den am wenigst passenden aus, konnten aber nicht zu einer Entscheidung ob liberal oder orthodox kommen. Tie Antwort muß der nächste Heimabend geben. Ilse F i n k e l. Jli-Berlin. Gruppe Westen. Nachdem die Gruppe Westen vor Ostern einige Zeit nicht arbeitete, da die meisten Mitglieder zu wenig Zeit hatten, ist sie jetzt »vieder sehr tätig. Wir haben allerdings beschlossen, die Heimabende nur alle 2 Wochen zu veranstalten, glauben aber, uns dadurch um so mehr mit den Themen auch privat beschäftigen zu können. Bisher haben wir über Ghandi gesprochen und einzelnes von ihm gelesen, fernerhin einen Abend mit der Besprechung der „Gesellschaft der Freunde Israels" verbracht. Die nächsten Veranstaltungen werden mit dem „Zionismus" ausgefüllt sein. Dabei wurde der Vorschlag gemacht, einmal einen Zionisten zu bitten, bei uns hierüber zu sprechen. Eine Entscheidung hierüber haben wir aber noch nicht getroffen. Hilde Hamburger. Jli-Magdehmg. Der jüdisch-liberale Jugendbund „Heimat" hatte ain Sonntag, den 22. April, eine ordentliche Generalversammlung einberufen. Hans Frankenstein crössnete als 1. Vorsitzender die Versammlung mit dem Halbjahrsbericht. Er teilte mit, daß der Jli im letzten halben Jahr zahlreiche Neuaufnahmen buchen konnte und ging näher auf die Arbeit ein, die in der Aelteren-, Haupt- und Jugendgruppe geleistet worden »var. Nach dem Kassenbericht und der Entlastung des Kassierers ging man dann zur Neuwahl des Vorstandes über. Hans Frankenstein wurde »vieder zum 1. Vorsitzenden gewählt und erklärte sich bereit, die Geschäfte des Bundes bis auf weiteres zu führen. Der Vorstand setzt sich zusammen aus: Hans Frankenstein, 1. Vorsitzender; Edith Basch, 2. Vorsitzende; Fanny Weil, Schriftführerin; Alfred Klappholz, Kassierer; Hans Schäfer, Alfred Hadra, Jugendsührer; Gerda Blöck, Mädchenführerin. Es wurde ferner eine Kommission eingesetzt, die sich mit der Umarbeitung der Satzungen befassen soll. Vom Ausschuß des Bundes gehört Herr Rabbiner Dr. Wilde dieser Kommission an. Um V21 Uhr schloß der 1. Vorsitzende die Generalversammlung. Ili-Breslan. In unserem Bericht über den Vortragsabend am 19. März muß es heißen: Die Thora selbst ist ein Symbol (nicht Gebot) für Zeit und Ewigkeit. Ili-Breslan. Am 24. Februar fand in den schönen Räumen der Wohnung unseres lieben Mitgliedes Herrn Erich Königsberger, dem »vir auch an dieser Stelle für seine Gastfreundschaft aufrichtig danken, unsere Freitagabendfeier statt. Weihevoll erklang der Kiddusch unseres Freundes Herrn Kantor Wartenberger. Ausgehend von dem Beinamen des Sabbats — Hafsaka — Pause — inmitten der Reihe der vier ausgezeichneten Sabbate, der zum Jnne- und Rasthalten lädt, warf unser Vorsitzender Herr Rabbiner Dr. Halpersohn zunächst einen Rückblick auf den vorangegangenen Sabbat, den Sabbat Schckalim. Dieser hat das alte Schekelgebot »vieder in Erinnerung gebracht, gleichsam die von jedermann als Pflicht- und Zwangsbeitrag zu entrichtende Steuer; »vährend der lausende Sabbatabschnitt von der frei- »villigen Spende handelt, die als Ergänzung und Vervollkommnung der Steuer gedacht ist. Der Zusatz der Schrift, daß nur der, den sein .Herz antreibt, die Gabe bringen soll, gibt dem Herrn Redner Veranlassung, Wert, Wesen und Wirkung des von den Vätern und Müttern ererbten „jüdischen Herzens" in den Tagen der Vergangenheit namentlich in der Nacht des Mittelalters zu schildern und an die Notwendigkeit zu gemahnen, diesem jüdischen Herzen wieder das jüdische Heim, zumal angesichts der strahlenden Freitagabendlichter zu erobern. Doch nicht im Gutsein und Wohliun erschöpft sich das jüdische Herz, vielmehr tut es sich auch im Weisesein kund, wie es beim Bau der Stiftshütte von ihren Meistern wiederholt heißt, daß sie „weisen Herzens" gewesen sind. Mit dem Hinweis auf den Satz aus dem Wochenabschnitte, daß Gott in der Mitte des Volkes und nicht allein im Heiligtum wohnen wolle, schloß die sehr eindrucksvolle Ansprache, die die Frömmigkeit im Hause in den Vordergrund der Religion gerückt sehen »vill. Fortreißend »vie immer sang .Herr Kantor Wartenberger, durch formvollendetes Klavierspiel erfreute uns Fräulein Kornau. Mit herzlichen Dankesworten an alle, die bei dieser Feier mitwirkten, schloß Alfred Berger die Zusammenkunft. Am 5. März behandelte Herr Rabbiner Dr. Halpersohn die Frage: Was ist uns Purim? Diese Frage legt uns die andere Frage nahe: Was »var Purim? Purim, das mit Chanukkah als ein Halbfest stets in einem Atemzug genannt »vird, hat schon immer eine verschiedenartige Behandlung erfahren. Von der Parteien .Haß und Gunst verwirrt, schtvankt sein Bild in der Geschichte der jüdischen Religion. Uns Neueren ist Purim, ob und in welcher Gestalt es gewesen oder nicht gewesen ist, verzugstveise ein Sinnbild sotvohl für den Judenhaß, der wohl bis zu den Tagen des Messias nie ganz erlöschen wird, als auch für die Gnade der Vorsehung, die immer, tvenn die Not am höchsten, unserem Stamme Retter und Retterinnen sendet, wie Mordechai und Esther es gewesen. Haman ist der Typ des Judenfeindes und seine Klage und Anklage wider die Juden, die nach betvährtem Muster Wahres mit Falschem mischt, für alle Zeiten Vorbild für alle judengegnerischen Beschimpfungen und Verunglimpfungen geworden. Der Purimgeist, die Wachsamkeit auf der einen Uüd das Gottvertrauen auf der anderen Seite dürfe nicht aus unserer Mitte schwinden. Starker anhaltender Beifall dankt unserem sehr verehrten Führer für seine treffenden Worte. Anschließend folgt ein zwangloses Beisammensein, zu dessen Gelingen Herr Kantor Wartenberger wie immer hilfsbereit durch zündend vorgetragenen Gesang, Fräulein Betty Kühnberg durch gehaltvolle Klaviervorträge und Fräulein Nadersohn durch Gesang beitrugen. Namens des Vorstandes dankte Alfred Berger in herzlichen Worten allen Mitwirkenden für ihre Mühen. Am 7. März fand ein zwangloses Beisammensein unserer Mitglieder im Südpark-Restaurant statt, an dem erfreulicher Weise ein großer Kreis teilnahm. Unsere weiteren Veranstaltungen während der Sommermonate geben wir regelmäßig rechtzeitig im Bersammlungskalender der Zeitung bekannt und bitten guch an dieser Stelle um rege Beteiligung und um Einführung von Gästen. Jli-Frankfurt a. M. Durch ein Versehen der Schriftleitung kam der zur Zeit eingetroffene Bericht nicht in die vorige Zeitung. Die Schristltg. Am 13. März sprach an unserem Heimabend Erwin Baer vom C. V. über die Berliner C. V.-Tagung und die kommenden Wahlen. Der Referent gab ein anschauliches Bild dieser Tagung, bei .der eine seltene Einmütigkeit geherrscht habe, ein starker lebendiger Wille zu positiver Arbeit. Die kommenden Wahlen werden uns wieder eine neue Fluttvelle des Antisemitismus bringen und da heißt es für uns Juden auf dem Posten sein, und Mitarbeiten an der Abwehrarbeit. Als Ergebnis dieses Abends wurde eine neue Arbeitsgemeinschaft gegründet, die sich mit den Fragen befaßt, welche Antworten am besten antisemitischen Gegnern gegeben »verden und das Material dazu eingehend kennen lernen wird. Am 17. März sprach in der Jugendgruppc stud. rer. pol. Max Hahn über den Film und seine Ausdrucksmöglichkeiten. Es wurde an Beispielen gezeigt, was gute und was schlechte Filme sind, und welche Ausdrucksmöglichkeiten der Film bietet. Besonders wurde der Filme gedacht, die m irgend einer Weise zu dem Judentum Stellung nehmen, wie z. B. Schildkrauts: „Seine Söhne". Die Zuhörer folgten interessiert und führten eine lebhafte Diskussion über das unerschöpfliche Thema. Am 27. März sprach Frau Dr. Edinger an unserein Heimabend über Werfels: Paulus unter den Juden. Die Referentin gab eine Inhaltsangabe des Werkes und gelangte dann an Hand der gegebenen Beispiele zu einer Ablehnung» dieses Werkes, das sowohl den Juden wie den Christen Unrecht tue, vor allem aper ein ganz verzerrtes Bild des Judentums gebe, und sogar den Untergang des Judentums als selbstverständliche Tatsache hinstelle. Die Zuhörer konnten sich dieser Meinung nicht anschließen, fanden im Gegenteil, daß hier ein bedeutendes künstlerisches Werk eines jüdischen Dichters vorliege, der gerade jüdisch tief empfundene Stellen seines Buches als besten Be- »veis seines jüdischen Empfindens gebe. Er »vollte nichts, als historische Tatsachen rekonstruieren, und damals entstand auch eine neue Welt. Die jüdische Kritik lehnte ja auch das Werk bei seinem Erscheinen und seinen ersten Aufführungen nicht ab, sondern erkannte den künstlerischen Wert und das Jüdische dieses Buches voll und ganz an. Die Referentin verteidigte in ihrem Schlußwort nochmals ihre Auffassung, an der sie voll und ganz festhalten müsse. Max Gundersheim. Bücher- und Zeitschristenschau | * Mitteilungsblatt der Kameraden. Das Aprilheft der Kameraden beschäftigt sich mit einer Anzahl Dinge, die auch für den Jli recht interessant sind. So handelt ein Aufsatz von Rudi Baer von der Frage, die auch in unserer Zeitung schon einmal eine Rolle spielte: ist ein festerer Zusammenschluß der Jugendbünde — besonders der jüdischen — in einem Verband auf neutraler Grundlage erwünscht? Bei uns wurde die Frage damals eintvandlos bejaht. Hier stellt man sich abtveisend dazu: „Ein derart enger Zusammenschluß würde die Aufgabe der Selbständigkeit und damit auch Aufgabe jeder gemeinsamer Entscheidungsfreiheit in irgendwelcher Richtung bedeuten." Man meint auch, daß die Arbeit der Jugendbewegung im Verband allmählich verflachen würde, da die Arbeit eines Verbandes naturgemäß auf Massenerfassung beruhe, der einzelne Bund aber auf Intensität eingestellt sein müßte. — Trotzdem lehnen aber die Kameraden die gemeinsame Arbeit nicht ganz ab. So stehen sie jetzt in Verbindung mit Kadimah, um sich zusammen mit 1. Scouting (praktische Erziehungsfragen), 2. (Allgemeinen) pädagogischen Fragen, 3. Liederamt (Liederaustausch usw.), 4. Arbeit in den Gemeinden (um den Bünden Unterstützung, Heime, Kurse usw. zu verschaffen) zu beschäftigen. Außerdem sollen die Mitglieder des andern Bundes zugelassen sein, wenn außer den Heimnachmittagen noch sachliche Arbeitsgemeinschaften stattfinden. Betont wird dabei die gegenseitige Achtung vor der Ueberzeugung des Andern. — Auch die Frage der Weltbundsarbeitsgemeinschast spielt bei den Kameraden eine Rolle. Während der Jli bereits vor einem halben Jahr in den Weltjugendbund eingetreten ist, haben sich die Kameraden als Ganzes noch nicht zur Mitarbeit bereit erNärt. Einzelne Gruppen haben ihren Eintritt aber schon vollzogen. — Das Heft beschäftigt sich im Uebrigen mit sozialer Arbeit (Rose Ballin) u»ü> der Festsetzung von Lagern und dem Bundestag. Hilde Hamburger. Der Jugeudbund: Mitteilungen des Verbandes der jüdischen Jugendvrreine Deutschlands. Fast das ganze Heft ist mit Berichten gefüllt, die für den Jli nicht von besonderem Interesse sind. Nur der Aufsatz von Dr. Hermann Lehmann hat auch für uns einige Wichtigkeit: Wahlrecht ist Wahlpflicht. Eine Begründung, daß ein Verzichten auf das Wahlrecht, anstatt cs, wenn auch ohne absolute politische Ueberzeugung, auszuüben, auf jeden Fall eine Pflichtverletzung sein soll, gibt er ztvar nicht. Er spricht nur davon, wie sich der junge Mensch möglichst gut über die Parteien orientieren kann und lehnt dazu den Besuch von Wahlversammlungen und das alleinige Lesen auch verschiedener Tageszeitungen ab. Nur das Selbststudium der politischen Literatur kann ihm eine Uebcrsicht geben. Herr Dr. Lehmann steht auch auf dem Standpunkt, daß es Pflicht des Jugendvereins ist, an der staatsbürgerlichen Erziehung der Bundesmitglieder mitzuarbeiten. Wieweit diese Erziehung neutral orientieren soll und wieweit sie parteipolitisch beeinflussen darf, gibt er hier leider nicht an. Er »varnt nur vor der Wahl derjenigen Parteien, die den Juden nicht als gleichberechtigten Staatsbürger ansehen, der völkischen Gruppen und der Deutschnationalen Volkspartei. — Eine besondere jüdische Volksvartei lehnt er ab. da sie durch die zahlenmäßige Unterlegenheit stets einflußlos sein würde. Hilde Hamburger. „Der junge Jude", Heft 3 und 4. Das dritte Heft feiert das zehnjährige Bestehen der Chaluzbewegung und Martin Bubers fünfzigsten Geburtstag. Beides berührt auch uns; tvenn wir auch das Lebensziel der Chaluzim nicht unser eigenes nennen, so beugen »vir uns vor der schweigenden Größe ihrer Taten, von denen B i a l i k in einer Rede tzjndet. Buber ist für jeden, der die Rückkehr zum Judentum antrat, ein wichtiger Führer und Meister. Es »var deshalb ein guter Gedanke der Herausgeber, daß sie nicht nur einen der ihren, sondern auch Hermann Gerson von den „Kameraden" davon berichten ließen, wie es uns mit Buber gegangen ist, wie seine Art, konkret zu denken, uns hilft, den Gefahren des Intellektualismus, de: jede Wahrheit und Wirklichkeit zerdenkt, zu entgehen. Jeder von uns sollte sich aber dieses Heft besorgen tvegen eines Aufsatzes von Joachim Prinz über „Bildungsarbeit in der Jugendbewegung". Nicht, weil in diesem Aufsatz etwas besonders glänzend dargetan wird, sondern weil hier einer den Mut hat, unserer ganzen Bildungsarbeit den ivahren Namen zu geben. Lest diesen Aufsatz und fragt Euch, ob nicht auch im Jli elend wenig und schlecht gearbeitet wird und ob es nicht Mittel und Wege gibt, die jüdische Arbeit anders zu gestalten. Das 4. Heft ist nicht so reichhaltig. Als Außenstehender kann ich schlecht urteilen. Aber mir scheint, als ob jene gewiß offenen, aber allzu einseitig auf sozialistische Parteidoktrinen abgestellten Aeußerungen (von Bin Gorion und Kurt Loewcnstein) — die Arbeiterschaft als Vortrupp in Palästina, die zionistische Linke qls der Vorkämpfer des Zionismus — die breite geistige Basis des „jungen Juden" gefährden. E. H. S. Im Aprilheft des „Morgen" berichtet Rudolf Hallo über jüdische Kult- und Kunstdenkmäler im hessischen Landesmuseum Kassel und gibt dabei gleichzeitig einen Abriß der Geschichte der Juden in Hessen. Interessant ist ferner ein Aufsatz über die berufliche und soziale Schichtung der Juden in Argentinien, die heute bereits 200000 an Zahl sind. E.H.S.