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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-01-13 · 2 (13.1.1928) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
2 (13.1.1928)
Date
1928-01-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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IMch ÄeraleZellMg Organ -er Vereinigung für das liberale Judentum e. V. X *W«prd# durch die Geschäftsstelle '/^hrüch V. 2.50 Sluzelaummer 0.20. Bei freier Zusendung l. Inland 0.25 fftc die vNtgNeder der Vereinigung ist der Bezugspreis im Mttgliedsbeitrage enthalten. Verautwortl. Redakteur: Bruno Voyda. Die „Jüdisch-liberale Zeitungerscheint jeden Freitag. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin SW 48, Wilhelmftr. 147 Aaruruf: Bergmann 3358, 3359 Postscheckkonto. Berlin NW 7. 137069 (Vereinigung für da» liberale Judentum) Rachdruck sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaknou gestattet. 0.45 Goldman die Reklamezeile S.00 Mdm^y Wiederholungen Rabatt. A u z ei g e u a n » a h m er .Jüdisch-liberale Zeilung- Jnserateuabteilung: Berlin SV 46. Vilhelmstratze 147 (Bergmann: 3356-59). sowie sämtl. Aaaouceu-LxpediKou. Nr. 2 Berlin, 13. Januar 1928 S. Jahrgang Assimilation Mit jedem neuen Chanukah rückt die Frage der Assimilation von neuem in unsern Gesichtskreis. Der Grund ist bekannt und durch den Gegensatz: Hellenisten und' Chassidim genugsam gekennzeichnet. Aber wie wir ja schon stutzig werden müssen, wenn wir diesen Gegensatz an der Stelle tadeln, die noch heute „Synagoge" heißt, in dem Haus, in dem noch heut die „Bibel" verlesen wird, in dem „Psalmen" gebetet werden, „Propheten" die Haftarah bilden, die Predigt eine Nachwirkung der „Septuaginta"-Erklärung im Gotteshaus ist, so können wir ja überhaupt nicht vergessen, wie fruchtbar die Berührung jüdischen und griechischen Geistes schon im Altertum war, wie sie im Mittelalter fortwirkte imb in der Neuzeit Früchte trug. Und ist es denn wirklich immer noch angängig, die Schönheit als griechische, heidnische Sehnsucht dem Judentum schroff gegenüberzustellen? Daß Schönheit und Sinnlichkeit nicht gleichzustellen sind — soll das erwähnt werden? Aber kennt nicht schon die Bibel die „Kraft und strahlende Anmut" des jüdischen Weibes, preist der Talmud nicht „die schöne Wohnung, die schöne Frau, die schönen Tempelgeräte", staunen wir nicht heute gerade über den Schönheitssinn, der selbst dem Ghettojuden so oft uttb in so hervorragendem Maße eigen war? Und wollen wir wirklich auf unsere Jugend heute Eindruck machen, wenn wir ihr das Streben nach' Schönheit als unjüdisch hinstellen, statt es ihr — in Verbindung mit Reinheit und Gesundheit natürlich — als etwas geradezu Frommes zu zeigen? Heißt nicht auch das jüdische Wort, das „gut" bedeutet auch „schön" wie bei den Griechen, und liegt nicht ebensoviel Sinn in der Uebersetzung, daß Gott die Welt „gut" geschaffen, wie darin, daß er sie „schön" gemacht? Und die Berührung mit anderen Kulturen — Spanien, Deutschland —, hat sie nicht unendlichen Segen gestiftet, wenn auch bloß dadurch, daß man, in der neuen Sprache, in der neuen Gedanken- und Gefühlswelt heimisch geworden, nun auch die Schätze seiner Religion vor den andern ausbreiten konnte — in ihrer Sprache, ihren Gedanken, ihren Gefühlen, daß man also — mit anderen Worten — durch Assimilation Mission treiben konnte und trieb. Und damit sind wir bei der Frage, die aufgeworfen werden sollte: ist es nicht Zeit, die Assimilation vom Gesichtspunkt der Mission aus neu zu bewerten, sich gerade deshalb entschieden zu ihr zu bekennen, sie als zukunftschaffende Macht zu betonen und gegenüber der Einschränkungstheorie eines nationalen Judentums die Entschränkungstheorie eines rein religiösen Judentums gerade jetzt und mit aller Wucht neu zu verkünden? Ich weiß: gerade Zweig nennt im „Caliban" die Assimilation „die Voraussetzung der jüdischen Wiedergeburt und nichts weniger". Gerade er betont, wieviel auch die national Eingestellten andern Geistes sind und sein sollen. Aber doch ist sein Buch ein großer Hymnus auf die Einschränkungstheorie des jüdischen Volksgedankens, doch sieht er in dem deutschseinwollenden Juden etwas jüdisch Minderwertiges — so daß seine Besorgnis um den deutschen Volksgeist, der er auf den letzten Seiten so lebhaften Ausdruck verleiht, sich sogar etwas seltsam ausnimmt. Aber freilich, es fehlt ja bei Zweig auch das tiefe Eindringen in den Typus der religiös und nur religiös fühlenden Juden, es fehlt völlig die Darstellung des Glück- und Rauschzustandes, der Seligkeit, den die Religion des Judentums — und nur diese — noch heute, ja noch heute und vielleicht heute gerade wieder einem Juden ebenso bereiten kann wie einem andern das Nationale. Es ist nur die Sorge, die sich jetzt immer gern als die größte von allen hinstellen möchte, die auch gewissen Jugendkreisen viel wichtiger ist als das religiöse Problem — freilich auch so viel leichter zu fassen, zu handhaben, zu diskutieren, geistreich zu formulieren, den Massen leichter nahe zu bringen: die Sorge um den Judenkörper, das Dasein, die Existenz, um den leibhaftigen Juden, den man sehen und greisen kann, den Wirklichkeitsjuden. Nicht, daß ich diese Sorge nicht teilte und gering einschätzte. Aber man wolle uns nicht einreden und durch dicke Bücher dazu bekehren suchen und durch Freudsche Lehren es demonstrieren, daß jemals das Problem des Judentums die bloße Existenz gewesen ist, das bloße Leben, die bloße Ansichlung die Hauptsache war. Esra und Nehemia gehörten nicht bloß einmal zusammen, und man gestehe wenigstens offen, daß man ein neues Judentum will, aber nicht das Judentum neuentdeckt hat. Denn es ist neu im Judentum, das Wirkliche über das Unwirkliche, die Gegenwart über die Zukunft zu stellen, den über das Irdische blickenden Juden zum nüchternen Tatsachenmenschen erziehen zu wollen. Es ist neu, jüdische Menschen, jüdisches Schaffen, jüdische Regsamkeit, jüdisches Getriebe in jeder Form über die Durchknetung mit „göttlichem" -,-Grist, Durchleuchtung mit ewiggiltigen Ideen zu stellen. Es ist neu, den jüdischen Typus zu fordern und ihn nur oder vor allem und hauptsächlich mit der Erde statt mit dem „Himmel" zu verknüpfen. Es ist neu, aber deshalb wahrhajtig nicht größer, so wie Mensch noch nie größer war als Gott, Stofs noch nie größer als Geist und Zeitlichkeit noch nie größer als Ewigkeit. Es ist neu — und deshalb kann Zweig nicht dazu Vordringen, die Assimilation eine Voraussetzung der religiösen Wiedergeburt zu nennen. Er spricht von der jüdischen, weil er will, weil er ja von sich aus weiß und wissen muß, was den jüdischen Menschen vielgeistig, vielseitig, vielschöpserisch die Befruchtung durch außerjüdische Stoffe zur Vertiefung des Geistes und der Seele beitragen kann. Und doch ist sie auch für diese andere Wiedergeburt eine Voraussetzung, „nichts weniger". Und gerade, indem wir uns das klar machen, nehmen wir dem Begriff das Kleinliche und Aeußerliche, der ihm bei manchen oberflächlichen Naturen angeheftet haben mag, entkleiden wir ihn der politischen, erkennen wir ihn als religiöse Aufgabe, sühlen wir, wie Assimilation dreimal Beglückung sein kann: Beglückung durch Bereicherung, durch Vergleich und Beeinflussung oder Beglückung des anderen, Beglückung unserer selbst, Beglückung der Religion. Und durch alles dieses wird Assimilation das wertvollste Mittel unserer Mission. Wir bereichern uns durch Kulturen der Umwelt, wir vergleichen sie mit jüdischen Schätzen und beeinflussen durch sie wieder die anderen. Und so setzen wir fort, was uns das Buch Guttmanns „Das Judentum und seine Umwelt" wieder einmal eindringlich vor Augen führt. Zweigs und Guttmanns Buch sind fast gleichzeitig erschienen und erhalten gerade durch ihre Nebeneinanderstellung ihren Wert. Dort der Hymnus auf die Einschränkung, hier auf die Entschränkung, dort die beengende Lust der sich Abschließenden, hier das befreiende Aufatmen über den Willen zur Weite, dort der Jude und das Land, hier der Mensch und die Welt, dort die Flucht und die Furcht, hier der Ruf nach dem „andern", dort die Wirklichkeit und das Da-sein, hier das Ueberwirkliche und das Zukunftssein, dort das Volk, hier Religion. Von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart führt uns Guttmann und zeigt immer wieder und wieder, wie man bestrebt war, dem „Fremden" die Tore der Religion zu eröffnen, wie man sich durch den Kult wohl für sich abschloß, aber daneben den Weg der Ethik lehrte, der Menschlichkeit. Und dieser unkultische andre Weg, er sollte die Fremden beeinflussen, aber das Judentum doch auch bereichern. Absichtlich erstrebte man Assimilation, um so Mission treiben zu können. Die entlegensten Stimmen ertönen bei Guttmann, und immer wieder bewundert und bestaunt man diesen Willen zum andern, diese Worte der Seele, diese weltumspannende Menschlichkeit einer — so unmenschlich behandelten Gemeinschaft. Und deshalb ist Guttmann nicht weniger „jüdisch" als Zweig. Das zeigen die späteren Teile seines Buches, wo er sich mit den Angriffen auf die jüdische Religion, mit der Verdächtigung gerade seines Willens zur Wellreligion auseinandersetzt, wo er zeigt, daß der „Kirchenuniversalismus" sich genau so den Vorwurf ,ches Partikularismus" gefallen lassen müßte, wo er vor allem nachweist, daß die bekanntesten „dunklen Punkte" der jüdischen Religion (Haß und Rache) sich genau so in der nichtjüdischen aufzeigen lassen. Mer natürlich, dieser apologetische Teil ist nickt das Wertvollste des Buches, sondern die Herausstellung des Judentums als Universalreligion. Denn diese Auffassung droht immer weiter in den Hintergrund zu treten, einmal, weil man eben um der „Massen" willen, um des „sozialen Elends" willm und dem Volksgedanken zuliebe von Religion am liebsten nicht spricht oder sie bestenfalls als „schmale Basis" bezeichnet — sodann aber, weil man ja die Unvereinbarkeit von Judentum und Assimilation, die Unmöglichkeit, religiöse Umwälzungen und Neuschöpfungen auch in der „Fremde" zu schaffen, unbedingt und immer wieder und wieder Nachweisen muß, damit auf das „Zentrum" ein desto helleres Licht falle, damit es unentbehrlich werde. Und solchen Bestrebungen kann Guttmanns Buch ein lautes „Halt" entgegenrufen und dies um so nachdrücklicher, als der Wille zur Welt und der Ruf nach dem „andern" nicht nur im eigenen Land erschallt, sondern, wie das Buch zeigt, auch mitten in der „Fremde". Man wollte nicht isoliert sein, man wollte Assimilation, man wollte Mission. Und war erfolgreich. Und hat eine Kühnheit und Großartigkeit damit bewiesen, wie sie so mancher Nichteingeweihte vielleicht erst jetzt an der Hand des Guttmannschen Buches kennen lernen und bewundern wird. Und sich hoffentlich von ihr fortreißen lassen und sich hoffentlich dazu aufraffen wird, dem Einschränkungsstreben das Einschränkungsstreben entgegenzustellen. Ruht Bücher können hier helfen, sondern Taten, nicht Worte, sondern Glaube, nicht Formulierungen, sondern „Feuergluten". Dem Schlagwort von der „schmalen religiösen Basis" muß die breiteste Front entgegengestellt werden. Und sie wird da sein, wenn wir über Bücher und Zeiten hinweg, über Parteien und Formeln hinaussehend, an Wisseuschast und Gottes-Gelehrtheit vorbeigehend wieder einfache Rettgiosität verkünden, die — um mit dem Moseworte zu reden — „dem Munde und Herzen nahe ist", wenn wir überall Religiosität aufspüren,, die jeder in sich heute nachhallen fühlt, wenn wir den Verstand aus Fesseln entlassen, Gott nur als das große Geheimnis verkünden und ihn nicht zum Objekt des Grübelns machen, wenn wir ihn anbeten unter tausend Formen und nicht bloß in dieser und nicht bloß in jener und gewiß nicht immer in ein und derselben. Ach, dieses tausendfältige Geheimnis, ach, dieser tausendfältige Gott — wollen wir ihn denn zum kläglichen Schema machen, das man immer wieder und wieder gleichförmig rühmt, besingt, anbetet, verehrt? Sprengt er nicht selber die Menschenketten — springt unsere Brust nicht förmlich entzwei, wenn wir so arm vor ihm erscheinen, immer nur eines zu sagen wissen? Nein, entdecken wir überall Religiosität, hinter der ganz selbstverständlich ein Gott steht, wie wir das Geheimnis nun einmal benennen — das Geheimnis der Kraft, des Muts und des Glaubens, des Heldentums und der tiefen Demut, wie sie den Großen noch immer zu eigen — von Mose bis Steinthal und weiterhin, das Geheimnis der Seele und der Natur, das Geheimnis der Kunst, des Forschens, Entdeckens, das Geheimnis der Schönheit und des Zaubers der Jugend, das Geheimnis der Treue der schlichtesten Mutter, der Güte selbst noch des einfältigen Greises, das Geheimnis des Jubels eines Psalmisten, das Geheimnis des ersten Kindeslächelns, das Geheimnis, das täglich den Menschen gebiert und täglich den Menschen zur Erde entführt, das Geheimnis, das im Nichtjuden lebt wie im Juden, für das er nur andern Ausdruck gefunden, wie unsere Form nicht die seinige ist. Entdecken wir so überall Religiosität, bei Jungen, bei Alten, beim „andern", bei uns — und wir treiben Mission im Sinne der Väter, wir treiben religiöse Assimilation. Rabb. Dr. Gottschalk, Frankfurt a. M. Pressa. Presse und Judentum Von Dr. S. Simchowitz (Köln). Im kommenden Sommer wird man in Köln die P r essa sehen, d. h. eine internationale Ausstellung der Presse, wie sie sich in der Vergangenheit entwickelt hat, wie sie der Gegenwart in ihren mannigfachen Formen und Auswirkungen erscheint. Die Bedeutung dieser Schau kann schwerlich überschätzt werden. Denn unter all den Triebkräften des modernen Lebens ist die Presse extensiv und intensiv die stärkste. Man hat die Presse gelegentlich als die siebente Großmacht bezeichnet. Das mag für frühere Zeiten gültig gewesen sein, in der Gegenwart aber steht die Presse über den Großmächten, sie ist die eigentliche Beherrscherin aller Lebensmächte, und von dieser Tatsache, ob sie nun erwünscht oder unerwünscht ist, muß man bei jeder tiefer eindringenden Betrachtung der Presse ausgehen. Denn was ist in ihrem eigentlichen Wesen die Presse? Nichts anderes als die Kultur einer Epoche, die zum Selbstbewußtsein gelangt ist. Damit aber die Presse ihren Beruf voll erfüllt, muß dieses Selbstbewußtsein, das zunächst nur eine logisch-psychologische Kategorie ist, nach einem bestimmten Ideal ethischer, intellektueller oder ästhetischer Art orientiert sein; es muß werten, urteilen, beurteilen, ja sogar sich selbst verurteilen können. Daraus folgt, daß die Presse das Kulturgewissen einer Epoche ist; jede Kultur hat die Presse, die sie verdient. Als Kulturgewissen ist die Presse nicht bloß Bericht oder Anschauung, sie drängt zur „praktischen Vernunft", zum Handeln; aus ihr spricht der kategorische Imperativ der Gesamtheit. Als Organ der Gesamtheit ist sie nich nur öffentliche Meinung, sie ist selbst Oeffentlichkeit. Denn alle Vorgänge haben nur bedingte Aistenz, wirklich und dauernd werden sie erst durch die Presse. In früheren Zeiten sagte man wohl: Was nicht in den Akten ist, ist nicht in der Welt. Jetzt aber kann man sagen: Was nicht in dev Presse ist, ist, nicht in der Welt. Was die Presse verschweigt, ist mit dem großen Interdikt belegt — nicht gedacht soll seiner werden! Bedenkt man nun, daß in unserer Zeit diese unermeßliche moralische Geistesmacht von den Mitteln einer schrankenlosen Technik unterstützt wird, so wird man begreifen, daß diese Kraft uns oft wie eine unwiderstehliche dämonische Naturgewalt anmutet. Diese Kraft also soll uns nun auf der „Pressa" anschaulich und begreiflich gemacht werden. Und auf dieser Ausstellung wird nun der jüdischen Presse eine besondere Abteilung, ein besonderes Haus ein-

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