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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-10-21 · 42 (21.10.1927) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
42 (21.10.1927)
Date
1927-10-21
Page
– (sequence 6)
Language
German
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» s 25 jähriges Bestehen der Gesellschaft für die Wissenschaft des Judentums Am 2. November 1927 kann die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft bc* Judentums auf ein 25 jähriges Bestehen zurückblicken. Ihre Gründung erfolgte in einer Epoche tiefer Depression und seelischer Not der westeuropäischen Judenheit. Es war die Zeit, da unter den Gebildeten der Abfall vom Judentum grassierte, namentlich unter den Akademikern die Taufe ihrer Minder an der Tagesordnung war, es war die Zeit, wo Friedrich Delitzsch' Borträge über Bibel und Babel und ähnliche Veröffeiu lichungen sich bemühten, „den Nimbus des auserwählten Volkes herabzusetzen", wo Bücher wie Harnack's „Wesen des Christentums" verschlungen und als Lockruf zu eimm „geläuterten Glauben" verstanden wurden. Jüdische Schriften von Bedeutung, die diesen Gefahren in wirksamer Weise begegnen könnten, gab es nicht, oder sie blieben unbekannt: sie gelangten über einen kleinen Kreis von Fachmännern nicht hinaus, nicht einmal im Religionsunterricht fanden sie Verwertung. Aber in der .Hauptsache beschäftigte man sich in jüdischen Kreiselt mit kleinlichen Untersuchungen phi losophischer oder historischer Einzelheiten, die großen Fragen der Weltanschauung und des unmittelbaren Lebens blieben ebenso vernachlässigt wie die damals viel besprochene und durch die Ausgrabungen im Vorderen Orient in Fluß geratenen Probleme der Biblischen Kritik. In der Not der Zeit propagierte ein junger Rabbiner, Dr. Leopold Lucas in Glogau, die Gründung einer „Gesellschast zur Förderung der Wissenschaft des Judentums". Zwei Ziele hatte er vor allem im Auge: erstens sollte der Zusammenschluß alter verfügbaren geistigen Kräfte der gesamten wissenschaftlichen Bewegung die Möglichkeit bedeutsamer gemeinsamer Arbeiten, die alle anderen Zweige der Wissenschaft groß gemacht haben, gewährleisten. Sodann sollte die Gesellschaft einen beträchtlichen Mitgliederkreis werben, ihn für jüdisch-wissenschaftliche Werke interessieren und so den Veröffentlichungen auf jüdischem Gebiete einen ausgiebigen Leserkreis sowie eine gewisse Resonanz sichern. Schon der erste Aufruf hatte unerwartete Wirkung. Fast alle eingeladenen Gelehrten erklärten sich zur Mitarbeit bereit. Die GründungSversammlung wurde nicht nur von Teilnehmern auS alten Teilen Deutschlands beschickt, sondern auch aus Oesterreich und Polen und weit über diese Länder hinaus ging die Zustimmung zu der neuen Gründung und die Anmeldung von Mitgliedern. Die Gesellschaft trat unter der tatkräftigen Leitung von Professor Dr. Martin Phi lippson, Berlin (gest. 1916) und Rabbiner Tr. Jacob G u t t m a n n, Breslau (gest. 1919), ins Leben und begann sofort eine energische und' begeisterte Tätigkeit. Sie übernahm die von Dr. M. Braun in Breslau (gest. 1920) geleitete „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums" als ihr Organ und sandte sie ihren Mitgliedern unentgeltlich zu. Ebenso ließ sie ihnen das „Jahrbuch für jüdische Geschichte Und Literatur" zngehen. In ihrer alljährlichen öffentlichen Mitgliederversammlung mußte ein wissenschaftlicher Vortrag gehalten werden, der ebenfalls gedruckt und unter den Mitgliedern verteilt wurde. Ferner wurden Gelehrte in ihrer Forschungsarbeit unterstützt und Einzelschriften herausgegeben. Vor allem aber wurden monumentale wissenschaftliche Veröffentlichungen in Angriff genommen, an denen heute noch gearbeitet wird. So die Germanica Judaica: sie sollte alle Landschaften und Orte des deutschen Reiches, wo von den ältesten Zeiten bis zu den Wiener Verträgen von 1815 jüdische Ansiedlungen bestanden oder hervorragende Juden gelebt haben, in alphabetischer Reihenfolge verzeichnen und deren Geschichte und Leistungen aus Grunh der Quellen in möglichst knapper Form gemeinverständlich darstellen. Eine Beherrschung und Zusammenfassung der zahlreichen weitschichtigen Quellen war hierzu erforderlich. Die Schwierigkeit der Arbeit wurde damals unterschätzt, nur die erste Hälfte des ersten Bandes konnte 1917 erscheinen und gerade jetzt steht die zweite Hälfte dieses Bandes vor dem Abschluß. Ein anderes Schmerzenskind ist das Corpus Tannaiticnm, das alle Texte der tannäischen Literatur in kritischer Bearbeitung veröffentlichen sollte, — ein überaus schwieriges Unternehmen, das langjährige, tief eindringende Prüfung von schwer zugänglichen, in allen Erdteilen zerstreuten Handschrjften erforderlich machte und dadurch besonders erschwert wurde, daß die Zahl der geeigneten Sachkundigen überaus gering ist. Ein Unternehmen ganz großen Stils war der Grundriß der Gesamtwissenschaft des Judentums, der zunächst aus 3 6 Bände berechnet war und Monographien über den ganzen Kreis der jüdischen Wissenschaft enthalten sollte. Auch dieser Plan konnte bisher noch nicht ganz durchgeführt werden; es sind im ganzen 13 Bände erschienen, aber es spricht für die Notwendigkeit und die Güte dieser Werke, daß sie faßt alle mehrere Auflagen erlebt haben. Weit mehr noch, als in der sehr beträchtlichen Zahl von 24 Jahrgängen der Monatsschrift und 34 Einzelschriften zum Ausdruck kommt, hat die Gesellschaft durch die enge Verbindung mit ihren Mitgliedern, durch die Anregung und Belehrung, die sie in jüdischen und nichtjüdischen Kreisen in fünf Erdteilen verbreitet hat, für das Judentum gewirkt. Wie alle gemeinnützigen Institute, hat auch die Gesellschaft durch Krieg und Inflation schwer gelitten, aber dank der Treue ihrer Mitglieder und der Festigkeit ihrer Verwaltung ist sie nicht zu Grunde gegangen. Sie hat ihre Leistungen vorübergehend eingeschränkt, ist aber jetzt wieder in voller Tätigkeit. An den großen wissenschaftlichen Unternehmungen wird rastlos weiter gearbeitet, neue Bände des Grundrisses gehen in den Druck, weitere stehen in naher Aussicht. Neben kleineren Schriften, deren Ausgabe noch bevorsteht, erscheint als Jubiläumsgabe das Pracht werk von Dr. C. Tassilo Hoffmann: Abraham Abrahamson; 50 Jahre Berlinischer Medaitlenkunst. Wie diese beiden Künstler von epochemachender Bedeutung für ihr Gebiet waren, so wird auch.dieses Werk durch die Fülle des neuen, bisher völlig unbekannten Materials, sowie durch die in Deutschland seit langem nicht gekannte Kunst der Ausstattung Aufsehen erregen. Aus Anlaß ihres Jubiläums veröffentlicht die Gesellschaft eine Kundgebung, die mit den Worten schließt: „Kräftig und lebensstark tritt die Gesellschaft in das zweite Vierteljahrhundert ihres Bestehens. Sie hat durch ihre bisherige Tätigkeit Anspruch auf die Dankbarkeit und tatkräftige Unterstützung aller derer, denen die Zukunft des Judentums am Herzen liegt. Es wird ihr der schönste Lohn sein, diese Unterstützung zu finden, um zu Ehren unseres Glaubens und unserer Gemeinschaft weiter erfolgreich zu wirken." (Jta.) * 3 Sprechsaal Für diese Rubrik übernimmt die Schristleitung lediglich die preßgesetzliche Verantwortung. Zur Siedlungsfrage Von Domäne «-Direktor S. Dyk. In den Ausführungen des Herrn Ulrich Levy, Forst, „... zum Problem der wirtschaftlichen Umschichtung der deutschen Juden" ist grundsätzlich das Meiste richtig gesehen und auch richtig beurteilt. Irrtümlich ist lediglich die Auffassung, als handle es sich bei der Siedlungsbewegung, durch den Reichsbund jüdischer Frontsoldaten als aktuelle Frage im deutschen Judentum erkannt, propagiert und zur Durchführung vorbereitet, um eine Berussumschichtung. Maßgebend für die Siedlungsbewegung ist zunächst die Tatsache, daß wir in Deutschland Hunderte von jüdischen Gärtnern und jungen Landwirten haben, die auS verschiedenen^ Motiven und Gründen diese Berufe als Grundlage ihrer wirtschaftlichen Existenz gewählt haben und in diesen Bernsen nicht vorwärts kommen können, wenn die jüdische Oeffentiichkeit es nicht ermöglicht, daß sie, ertüchtigt und erprobt, als selbstwirtschaftende Berussleute auf die Scholle gebracht werden. Das Angebot der' nicht jüdischen Angestellten und Beamten in diesen Berufen ist durch die Verminderung der Heeresstärke und dadurch, daß der Nachwuchs ans den Agrarkreisen im Beamtentum nicht mehr dieselbe soziale Stellung zu finden glaubt wie früher, so groß, datz für jüdische Stellungsuchende, ganz abgesehen von dem Antisemitismus fast der meisten landwirtschaftlichen Produzenten, nur ganz vereinzelt die Möglichkeit besteht, unterzukommen. Unsere Landwirte und Gärtner müßten und müssen ähren gewählten Berufen untren werden, wenn nicht die jüdische Oeffentlichkeit ihre Ansiedlung ermöglicht. Für die allermeisten Siedler in Deutschland müssen aber Mittel des Staates, der Provinzen und öffentlicher Institutionen zur Verfügung stehen, wenn sie zur Ansiedlung gelangen sollen. Die Mittel der öffentlichen Hand könnten auch für die Ansiedlung unserer Landwirte und Gärtner nutzbar gemacht werden, wenn ein Organ, d. h. eine Siedlungsgesellschast gegründet wird, und damit auch die ersten finanziellen Grundlagen zur Ansiedlung gegeben wären. Aber nicht allein die Notlage unserer bereits vorhandenen Landwirte und Gärtner ist es, die Veranlassung gibt, sich unr das Siedlungsproblem zu kümmern, sondern ganz besonders die ökonomische Entwicklung, von der auch Herr Levv spricht, d. h. die drohende Proletarisierung unseres Mittelstandes insbesondere in den kleinen Provinzstädten und Städtchen auf dem platten Lande. .Hier braucht nicht erst eine Entwicklung abgewartet zu werden, bei der e-5,_ rein ökonomisch gesehen, besonders für den jüdischen Kleinstädter zweckmäßig ist, sich der Produktion auf der Scholle zu widmen, sondern diese Entwicklung ist bereits da. Unter den heutigen ökonomischen Tendenzen ist es für viele Juden ein Vorteil ökonomischer und sozialer Natur, sich der Bodenproduktion zuzuwenden, vor allem für alle die Kreise, die noch irgendwie in Verbindung mit der Scholle stehen und Traditionen zum ländlichen Leben aufrecht erhalten haben. Von diesem Gesichtspunkt betrachtet ist das Problem jüdischer Siedlung in Deutschland nicht so sehr eine Frage humanitärer und sozialer Natur, sondern ein rein ökonomisches Bedürfnis, das uls solches das Interesse des gesamten Judentums beansprucht. Insofern dann unsere Landwirte und Gärtner als Siedler und Bauern den Beweis ihrer Prosperität erbringen werden, werden wir erst in die Lage kommen, begründeterweise von einer Berussumschichtung zu sprechen, und sie im großen Rahmen zu verwirklichen. Moses letzte Stunde. Eine biblische Legende. Von Max Z o d Y k o w. Als Mose hundertundzvvanzig Jahre zählte und sein Werk erfüllet war, ging er auf den Berg Nebo und bestieg die höchste Spitze des Gebirges Pisga, alldort sein Ende erwartend. Da vernahm er eine Stimme, die sprach: Mose, mein Knecht, nahe ist dein Ziel. Der Allmacht Füllst, der Ewigkeiten Ewigkeit, des Name ist Ewigkeit redet mit dir. Erkennst du den Ton seiner Stimme? Spürst du den Hauch seines Odems? Die Gestalt des Menschen sank nieder und verhüllte das Antlitz; die Stimme fuhr fort und sprach: von Vielen habe ich dich zum Einzigen erwählt, von Allen bist du der letzte, der von Angesicht zu Angesicht mich erkannt und der mit der Ewigkeit spricht. Keiner hatte mich je nah und wahrhaft gesehen. Durch eine Wolke zeige ich mich dem Volk, itn leisen Wehen spüren mich die Propheten ... Aus dem brennenden Dornbusch allein offenbarte ich mich dir, denn erbrennen sah ich deine Seele unter den Dornen der Menschen. — Ein Zweiter neben dir war Aaron, dein Bruder. Ihn aber erfand ich schwächer, und er mußte vor dir hingehen. — Stehe auf und mache licht dein Auge, denn Herrliches will ich dir heute zeigen. Du sollst es schauen und trunken davon werden, es sehnend begehren und nicht besitzen dürfen. Einsam stand Mose auf der Höhe und doch, wie von tausend Pulsen Umtrieben, fühlte er sich bewacht und gelenkt. Groß grüßten seine Gestalt die Wolken, die zag sich zerteilten. Sein Herz überströmte von weiten Ebenen, die wuchsen und sich unendlich dehnten. Lächelnd umneigte ihn das heraufbrechende Licht, und feein Blick brach auf. Im klingenden Morgen der dampfenden Erde sah er das Land. (Das Land, von dem gesagt ist, daß Milch und Honig in ihm flösse.) Und ihm war, als führe ihn eine Hand, als leite ein Blick ihn, daß nicht Knospe noch Farbenpracht der weisen Schönheit ihm entgehe. O, diese gesegnete Fülle. — Blühende Felder, fruchtstrotzende Aecker, sattreife Hügel von Palmen und Trauben, sie alle streckten sehnsuchtstrunkene Arme aus nach ihm, dem auf der Höhe Stehenden, dem Menschen und gewaltigen Führer. Wie Kinder einen Vater wollten selbst die kleinen Gräser und Kräuter ihn empfangen, Blumen und Halme ihn selig umschlingen. Ihn aber, den Mächtigen und im innersten so klein sich Fühlenden ergriff Mitleid und schmerzliche Angst. Fern sollte sein Auge in dem planz der Verheißung sich baden, neidlos, wunschlos im Geist nur genießen den bereiten Boden, den sein Fuß nicht berühren durfte. Ein Irdischer noch, rang er um die Kraft des Unsterblichen, und aus seiner Seele brachen Gedanken, die sein Mund nicht aussprach. Heiße, bittere Worte durchrannen sein Fleisch, die das Bewußtsein nicht ersonnen: Warum... warum mir. Ich allein fern...stets ausgesondert, stets verwiesen von Heim und Glück. Ist es ein ewig unverbrüchliches Gesetz, den Ersten und Großen dieser Erde ins Blut gebrannt! Sie sollen säen, aber nicht ernten, erobern, aber nicht teilhaben. Liegt ihre Freude allein in dem Werk und seinem Erschaffen ... O, dunkles Los der Schaffenden, heiliges Mißgeschick aller Gottgesandten. Boten, Diener, Steinmetze, Lastträger sind wir. Erwählte sind wenige. Sie müßten denn sein sündelos oder gottgeküßt. Es ist aber, als hätte jeder eine Schuld abzutragen, einen Dank des Menschen an den Schöpfer, daß er auch ihn eine Weile erhob, einen Funken seines Odems ihm geborgt. Groß ist die Gabe, aber schwer oft die Schuld, die der Sterbliche, Staubgeborene dem hehren Lenker des Lichts und der Finsternis zahlen muß Ein großer Sturmwind erwachte. Wie zürnend umpeitschte er den Einsamen und zerriß seine Gedanken. Bald aber sänfiigte sich alles, Friede floß nieder und an Moses Seele drängten sich wieder die breiten Gefilde mit ihren unmeßbaren Füllen von Glück, Frucht und Schönheit. Und da schrie auf sein Mund: „Herr, ich habe genug gesehen, jetzt laß mich sterben!“ Die Stimme aber sprach sich verbergend vor ihm: „Warum schlug deine Hand den Felsen, als ich dir gebot zu ihm zu reden... Weil du also im Zorn handeltest, sättige mit Schmerz dich jetzt meine Liebe, und dein Leib habe keinen Teil am Ueberfluß meiner Erde.“ Mose schwieg. Sein Inneres aber stritt: Ich liebe mein Volk wie ein Vater seinen Sohn und bin besorgt darum wie eine Mi tter um die törichte Tochter. Fremd zieht es in ein fren des Land. Zwar wird mir ein treuer Nachfolger, Josua, 1er Sohn Nuns, er ist gut und stark, aber wird er mein Volk verstehen wie ich es verstand? Von unzähligen Feinden ist Israel rings umstellt, und in sich trägt es den ärgsten Feind: Eigensinn und harten Stolz. Offen und frei schlägt sein Herz für alles Lebendige und Schöne. Mild und gerne gebend ist seine Hand. Hüte es sich nur vor falschen Bildern und fremden Propheten... Und plötzlich bedeckte Mose die Augen, beugte ein Knie, und alle erdgefüllten Gedanken zerreißend schlug hei! aus dem Herzen ihm das große Gebet der Stunde, das nirgend geschrieben steht und also an hebt: Herr, Ewiger, Licht aller Lichte, Unendlich-erfundener, Tief-unergriindetet, Groß-überstaunter, unübersetzbarer Sinn und Name, ich gehe, du aber bleibst. Mose, erklang eine Stimme, und Mose spürte, daß er noch Fleisch wer und in Gott nicht geschaut hatte. Mose, sang die Stimme, und ihr Klang fiel wie. spielendes Rauschen in die Seele des Menschen: Siegend hast du entsagt, Darum sei d ine Sünde gesühnt, Denn wer sieh vermessen eikühnt Und über Gehorsam wagt, Den trifft der eigene Pfeil — Dir aber sei Hoch und Heil. Und eine zweite Stimme erklang, die rann wie Wein in des Lebenden Herz und sie sang: Siehe, du warst zu Gott erhoben, Gott erkannte dich neben sich, Rein und fehllos durftest du wandern, Engelfinger umgürteten dich. Lenkend in allem Sinnen und Handeln, Kraft — und gedulddurchglüht, Stetig zum Frommen bemüht Leuchtete Geist dir von oben. Und eine dritte Stimme die beiden ersten umschlang, und sie sang: Spiegel und großer Prophet Seiner Wunder und Wahrheit, Durch den reifenden Willen entsandt, Hoch empfangen aus seiner Hand, Brachtest du Ordnung, Sitte und Strenge, Weite heilige Kündung und Enge... Denn aus der weisen Klarheit Schuf in stummem Gebet Dich der Ewigkeit wund Ewigkeit zu ihrem Mund. Indes war die Sonne gestiegen. Unten harrte lärmend und voll Unmut im Herzen das Volk. „Er hat uns gesegnet, er hat uns geflucht — wo weilt er jetzt — wo ist er hin — holt ihn herunter mit Steinen und Aexten.“ Also brüllte die gelöste Menge. — Mose aber, der Mann Gottes, den selige Sänge umtönten, trug ein weicher Glanz über Haß und Hader irdischer Niederungen. Duftende Hände umhüllten schützend seinen schwebenden Leib. Und die Stimme sprach: „Hörst du, einzelne fluchen dir und wollen dich treffen. Laut klirrt ihr Gezänk wider mich und dich. Bald aber sollen sie dich wissen und tief meinen Worten forschen. Denn dich ersah ich zu meinem Freund und höchsten Engel.“ Ein Gewitter erhob sich. Bebend brannte die Erde. Grelle Blitze durchzuckten die Flur. Ein dumpfer Schauer ergriff die kleinen Menschen drunten. Und Moses Händen entfiel der göttliche Stab und ward zur Schlange. Und die Stimme sprach zu Mose: „Mache licht dein Auge und schaue in mich.“ Und da sein Gesicht sich enthüllte, verschlang den irdischen Körper die Schlange und wandelte sich wieder zum Stabe, den der Herr empfing. Mose, der Mann Gottes, war nicht mehr. Das Volk aber glaubte es nicht, denn in seinem Herzen liebte es seinen Führer. Laut rief es nach ihm. Da keinerlei Antwort kam, zogen etliche hinauf nach seiner Spur zu suchen. Sie fanden aber weder Zeichen noch Spur. Schmerz fiel in alle Seelen, und sie trauerten dreißig Tage lang. Danach taten sie Festgewänder um und waren heilig-fröhlich. Denn der Geist ihres Propheten, der mit vier Engeln viermal segnend die Stadt umzog, war in sie gegangen und hatte sie wissend gemacht. Und sie nannten den Tag Simchas-Tauroh (Freude der Lehre), da ihre Sinne groß wurden und heilig das Herz die Wunder seiner ewigen Offenbarung feierte.

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