Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 19 (7.5.1926)
- Date
- 1926-05-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Hinweis auf die Tradition in bezug auf Palästina munötot gemacht werden kann. Trifft diese BoranAsetzuno nicht m und bat der Widersacher für derlei Sentiments nichts übrig, ko wird ihui aus eben diesem Umstand ein Strick zu drehen versucht: cd ist fa für die Maus am vorteilhaftesten, sich i:t solch ein enges Loch zu verkriechen, wo der des Verfolgers nicht mitkommen kann.... Und trotz alledem wird so mancher von der Schallwirkung der gesprochenen, ihres Inhalts entleerten Worte gesaugengenommen. bisweilen nur für kurze Dauer, weil schließlich die Kritik der reinen Vernunft zu ihrem Reckte gelangt. Man wird da durch die Wirklichkeit in die Wirklichkeit zurückaerufen. wenn sich einem di« Leiden der aus Anlatz der lockenden Versprechungen zugewanderten Juden auch nur teilweise offenbaren. Da wirst man die Kappe mit den daranhängenüen Phrasenschellen weg und ist fortan bemüht. vor einem weiterenZuzug unter solchen Bedingungen eindringlichst zu warnen, es sei denn, man verfüge über ein keinerlei Schranken nutcrworfenes Ludendorff-Gewiffen! Ich will nun auf die erste Antwort zurückkommen und diese unter die Sonde nehmen: Man will seitens der zionistischen Institutionen nur die Wahrheit berichtet haben — so behaupten iic. Hier wäre es wahrlich nicht angebracht, den zionistischen Presseberichten meine eigenen gegenüberzu stellen: denn es würde die zionistische Presse nichts davon abhalten, meine Nachrichten als die unrichtigen, mit dem Farbstift der Tendenz in Berührung gekommenen. Hinzustetten. Deshalb ziehe ich eS vor. den Antagonismus innerhalb des zionistischen Apparates nachzuweisen. Aus den diversen Berichten über die Sitzungen des südlichen Nationalrates. welche unter Hinzuziehung eines Gesandten der zronistischen Exekutive statt fanden, geht unzwerdentig hervor, datz letzterer wohl etwas von einer in Palästina herrschenden bekannt sein dürfte. Auch in der Tagespreise kommt dies — wie vorerwähnt — zum Ausdruck. Vornehmlich im „Haaretz" wird von M. (#. davor gewarnt, die Tragweite der Krise zu übersehen, worauf allerdings von Sch. T. der pessimistische Eindruck abzuschwächcn »ersucht wird. Somit ist die Arbeitslosigkeit unter den Juden der zionistischen Institution klar, um so mehr als sie nicht selten von Deputationen diesbezüglich behelligt wird, ja kürzlich sogar polizeiliche Hilfe in Anspruch nehmen mutzte, um sich der Zudringlichen zu erwehren. Wie kommt es dann, datz die in der „Palästina-Korrespondenz" sein ossizie!es. wöchentlich erscheinendes Bulletin der zionistischen Exekutive in Jerusalem! veröffentlichten Enauctcn fast das Gegenteil davon zu berichten mincit? Nachstehend ein chronologisch geordneter Auszug: Pal.-Korrcio. Jerusalem. 11. 11. IW.",. „Kein Niedergang auf dem jüdischen Arbcitsmarkt. «In im Original unter, strichen.« Trotz des Abflauens der Bautätigkeit in Tel- Aviv ist aus dem jttd. Arbeitsmartt doch kein Niedergang zu verzeichnen. Die 8—40»t0 Immigranten, die in jedem Monat ankommen, werden schnell absorbiert. — Die überwiegende Mehrheit der im Juni registrirten 88.1 neuen Arbeiter leinichl. 107 Frauen« sand in den Städten Arbeit, der Reit kn laiidwinsch. Siedlungen. Im Juli meldeten sich bcirn Arbeitsnachweisburcan 7t» Personen, darunter 144 Frauen. Von diesen blieben litt in den Städten und 203 gingen in Ini. Gruppen. Das Bureau verschaffte im August 741. im September 024 Bewerbern Arbeit, meistens in den Städten." — Dies wird zu einer Beit geschrieben, wo die Arbeitslosenzis.ser dic Höhe von ca. 4000 erreicht hatte. Bum Glück kamen keine 3—Uhio Emigranten an. was ia die zionistische Exekn live selbst zngibt. indem sie die im Jahre 1021 Eingewanderten — abzüglich der Ausgewanderten — mij ca. 30000 ''bWftert. Es werden also die Ankommenden schnell absorbiert, nur hat man unterlassen, zu bemerken, von wem! Hier wind dem wischegierigen Leier Gelegenheit geboten, cs sich an der Orakclblnme gbzuzupsen, wer wohl den gröberen *) Ich habe K vife deswegen zwischen Gänsefüßchen gefetzt. weil ich diese Bezeichnung nicht als die die Wirtschaftslage treffend charakterisierende hin nehmen kann. Krise heißt: «ine Abwendung vom Normalzustairdc. Hier ii't dic sog. Krise eine Rückkehr zum Normalzustand. Unter den hier obwaltenden Bedingungen gehört ein Stillstand im Wirtschaftsleben zu den natürlichen Erscheinungen. die allerdings für Monate von einer Krise, wie dic Touristen- und Banheweguug. unterbrochen waren. — Anm. d. Autors. Anteil an der Absorption hatte: der Arbeitsmarkt, das Krankenhaus, das Gefängnis oder das Meer. — Es Üt nicht ausgeschlossen, datz man im Juli 293 Personen in lw. Gruppen nnterhracht«. doch nicht von den Neuangekommenen. WaS die 318 in den Städten beginnen werden, darüber schweigt die Geschichte! — Dan» ist eine Notiz vom selben Datum, die besagt: «Die augenblicklichen Arbeitsaussichtcn Lefriedigend. In Jerusalem sind 100 Arbeiter im Baugewerbe beschäftigt, und die großen, im Bau befindlichen Gebäude werden zweifellos noch weitere Arbeitskräfte benötigen." — Weiter: 23. 11. 26. (P. CI: Bedarf an «e«e« Arbeitern in den alten Kolonie«. Die älteren Kolonien nehmen immer mehr von den neuankommenden Arbeitern auf, zur Beit hauptsächlich durch die Ausdehnung der Orangentultur . . . Eine beträchtliche Zahl neuer Arbeiter wird auch im Hause und in den Ställen Beschäftigung finden..." Dies zu einer Beit, wo den alten Kolonisten der stärkste Borwurf gemacht wurde, billige (arabische) Kräfte für ihre Arbeiten gedungen zu haben, wahrend die jüdischen dem Hunger ausgesetzt wären. — Dann: 16. 12. 26. (P. CI «Beratung der ziov. Exekutive mit den Arbeiterführer« über de« Arbeitsmarkt. Die ziou. Pol.-Exekutive lud Vertreter der iüd. Arbeiterorganisationen zu einer Besprechung ein. um über die Wege unh Mittel zu beraten, der Ausbreitung der Arbeitslosigkeit vorzubeugen. Die übereinstimmende Meinung war. datz cs sich hauptsächlich darum handelt, die in Stadt und Land begonnenen Arbeiten fort-- znführen. denen infolge der Geldknappheit eine Einstellung droht. Die Arbeiterführer sind überzeugt, das die Situation nicht kritisch sei und datz man ihr begegnen kann... In Tel-Aviv z. B., wo sich zur Zeit die Mehrzahl der gegenwärtig Unbeschäftigten befindet, ist diese Arbeitslosigkeit ans den Mangel an Krediten für Einzelpersonen, welche bauen wollen, und auf die unzulänglichen Zahlungen für öffentliche Arbeiten seitens des Keren Hajessod zurüzusühren." — Die Lage wäre also nicht kritisch, man könnte ihr begegnen, indem man die begonnenen Arbeiten sortsetzt, ja, warum tut man es nicht? Ueberhaupt ist ja von einer drohenden, also noch nicht vollzogenen Einstellung die Rede, und da waren schon über 4000 Arbeitslose zu verzeichnen! Das angeführte Beispiel von Tel-Aviv illustriert zur Genüge, wie sich die zionistische Exekutive die Versorgung der von ihr mittels Zertifikaten hergezvgenen Arbeiter vorstellt. Tie zionistische Exekutive in Jerusalem fordert bei der Regierung beispielsweise 6000 Paar Arbcitshäude an. Diese treffen hier ein und erkundigen sich nach dem Ort und der Art ihrer Tätigkeit. Da wird ihnen zu verstehen gegeben, datz sie sich, da sie einmal in Erez Israel weilen und die nötigen Mittel für dic Rückreise nicht ausbrmgeu können, nach einem Obdach umschaueu mutzten. Tie Bauspekulation werde natürlich die Gelegenheit nicht verpassen und die nötigen Wohnbaureu errichten: dabet würden eben die Pioniere ihren Broterwerb finden können. Währenddessen wird im Galuth herumgesprochen werden, cs fänden sich hier Berdienstmöglichkciten beim Bau, entweder als Unternehmer oder als Arbeiter. Dies wird frische Massen heranziehen tauch ohne Zertifikat«, die wiederum Unterkünfte brauchen. So wird die indische Majorität aus der Erde gestampft. — 6. 1. 26. (P. C.l: „Das Pal-Amt in Warschau hat sich telegraphisch au die zion. Exekutive gewandt und nur sofortige Zuteilung von 1000 Zertifikaten für Rechnung der zugeständenen Anzahl von ungelernten Ehaluzim und Chaluzoth gebeten." — Am gleichen Datum: „Baukreditc zur Verminderung der Arbeitslosigkeit notwendig." — 20. 1. 29: „Erhöhte Nachfragen nach Einwanderungszertifikaten." — 27. 1. 26: „Das Anwachsen der Ehaluzim-Bewegnug. In der letzten Nummer des „Kuntretz" (ArveiterwvchenschrI wird scstgestellt, datz die Cbaln,iim-Bewegung nach Palästina nich» abuiunnt, sondern im Gegenteil täglich wächst." — Dies bringt natürlich die Exekutive mit Befriedigung zur Kenntnis, als ob die Chalnzim wissen könnten, wie es hier zugeht! — 3. 2. 26: „Palästina das grötzte jüdisch« Einwanderungsland. Die von der statistischen Abteilung der zion. Pal.- Exekutive zusammengestellten Ziffern zeige», datz Pal. als iüd. Einwanderungsland an erster Stelle steht . . — Schließlich: 7. 4. 26: „Dic Faktoren, welche die Arbeitslosigkeit in Palästina bedingen. Ein auf dem palästinensischen Arbcitsmarkt in de» letzten -Wochen (die Sperrschrift ist von mir! ungünstig einwirlender Umstand war. wie das Arbcitsdepartcment der Pal.-Exck. berichtet, die grobe finanzielle Krise in Europa, besonders in Polen. In demselben Matze, wie der palästinensische Iischnw mit der ausländischcn Indenheit mehr und mehr verknüpft wurde, war auch die ökonomische Lage Erez Israels abhängig von de« Schwankungen -er wirtschaftlichen Lage im Auslände. Ein weiterer Faktor war die Abnahme der bemittelten Einwanderer. Dies verursachte eine Verringerung des Kapitals und als Folge davon eine Beschränkung der Kredite, einschließlich -er Baukredite, was wiederum eine Verringerung der Bautätigkeit und damit ein Anwachsen der Arbeitslosigkeit zur Folge hatte. Der dritte und — so sagt -er Bericht — einzige natürliche Faktor, der zu der Arbeitslosigkeit beitrug, war die Regenzeit, welche wie gewöhnlich die Bautätigkeit verminderte." Hier ist ein Kommentar überflüssig; (Alle Fettschriften rühren von den Originalen her.) Dies alles erinnert an die gute alte Kriegszeit mit dem deutschen und österreichisch-ungarischen Kriegspressequartier als unvermeidlicher Gratisbeiaabc. WaS nun die zweite Antwort betrifft, man möge sich auf WeizManu verlassen und nur durchhalten (was den im Hinterlande befindlichen Zionisten sehr leicht fällt), so möchte ich auf eine vorwöchentliche Notiz im „Haaretz" Hinweisen, die mittetlt, Weizmann habe nach den hier gemachten Wahrnehmungen beschlossen, die Amerika-Reise unverzüglich anzutreten. Das soll soviel bedeuten, datz Dr. Weizmann. welcher nach der letztinstanzlichen Gerichtsentscheidung das Pulver erfunden haben soll, über die hiesigen Verhältnisse nicht orientiert war! ... Er bedurfte also erst der Besichtigung an Ort und Stelle, um im Bilde sein zu können. Ia, warum hat man dem Präsidenten der zionistischen Weltorganisation nickt wenigstens diese Information beigebracht. die er sich voraussichtlich in den ersten paar Tagen seines hiesigen Aufenthaltes selbst holen dürfte? In welchem Spihbubikopf ist überhaupt die Idee geboren, Tr. Weizmann ein Iota zu verschweigen?! Nun sind wir bereits bei der dritten Antwort, die wir kurzweg das elfte Gebot nennen wollen. Dazu fei mir nur hinzuzufügen gestattet, daß es in der biblischen Zeit wohl keine ungerechte Forderung au die Juden war, sich wegen der Palästina-Immigration bedingungslos Gott anzuvertranen» der ja nach Ansicht der Gläubigen das Resultat der Auskundschaftung vorher rvutzte. DaS hingegen ist bei Dr. Weizmannmicht der Fall, wie figura zeigt. — Als Achad Haam, der Pionier des geistigen Zionismus, vor 28 Jahren nach Palästina zwecks Besichtigung entsandt wurde, und dann seine Berichterstattung „Die Wahrheit ans Palästina" — wie der Bericht betitelt war — alles andere als günstig war, da ist ein Ansruhr in den Kreisen der „Liebhaber Zions" gegen ihn losgebrvchen, und er wurde vielfach der mangelnden Liebe zu Erez Israel beschuldigt, weil er nichts Befriedigendes zu bericht»! rvutzte. Darauf bemerkte der u»tvergetzliche David Frischmann s. A. in seiner vortrefflichen, genialen Art, Beispiele schlagfertig heranznzieheu und sie seinen Zlveckeu dienstbar zu machen, ungefähr: Ein Glück »var es für die Taube Noahs, datz sie beirn zweitenmal seine Er- Wartungen nicht enttäuschte mtö ihm etit Olivenblatt mitbrachte (Genesis. .Kap. VIII, 11), da es sonst um sie geschehen wäre. — Zum Schlüsse Betone ich, datz unsere anderen zeitgenössischen Zionisten es vortrefflich verstanden haben, sich vom Verdachte der mangelnden Zivusliebe zu reinigen'. Werbt neue Mitglieder! Kaielitmii'in für die Zeit vom 8.5.6.15.5.192«. Mai 1926 Isar 3688 Sonnabend 8 2 j. dieumoudweihe Wochen-Abschnitt: B'har und B'hukaussa Haftarah: Icremia Kap. 16,10—21 Kap. 17,1—14 Sonntag 0. 25. Montag 10. 26. Dienstag Mittwoch 11. «7. «2. 28. Donnerstag 13. 20. Jom Kippur. Koton Siwan 5886 Freitag 14. 1. Rosch Ehodasch Sonnabend 15. 2. Wochen-Abschnitt: Bamidbor Hastaray: Hosea Kap. 2,1—22 Sabbat-Ausgang: 8,45 Uhr Zum 75. Geburtstag Adolf Harnacks. Am 7. Mai 1020 vollendet der Berliner Kirchenhistariker Adolf u. Harnack fein 76. Lebensjahr. Mai» wird sich fragen müssen, oh unter der jüngeren Generation der Wissenschaftler überhaupt noch Persönlichkeiten sind von jener Universalität , des Wissens, jene» Weltweite, jenem tiefen Verständnis.! nicht nur für die Notwendigkeiten und Bedürfnisse der Geistesivisienschaften, sondern ebensosehr der Erfahrnngswissenschgsten, und noch darüber hinausgehend. von dem umfassenden Verständnis für schulpolitische, wirtschastspolitische, soziale Fragen «womit der Kreis seiner Arbeitsgebiete durchaus nicht erschöpft wäxss). wie es Adolf v. Harnack > besitzt. In Dorpat als Sohn eines Theologieprofessortz gel boren. brachte er den größten Teil feiner Jugend iah rc und 1 seiner Studienzeit in den baltischen Landen zu: dort, wo damals noch das Leben der deutschen Herrenschicht auf den großen Gütern und in den Städten jenen seigneurialen Zuschnitt hatte, der anderswo längst nicht mehr möglich war. So mag ihm schon aus den Iugendiahren die Vielseitiake»t der geistigen Interessen, die unbedingte Sicherheir eines Mensche», der gewohnt ist, in die Weite so gut wie in die Tiefe zu blicken, in» Großen zu bestimmen und zu ordnen, zuteil geworden sein. Ter 23jährige haüiliticrre sich in Leipzig. wo er de»» erste»» Kreis seiner Schüler um sich sammelte. Es sind fast alles Männer, deren Name heute in der wissenschaftlichen Welt Bedeutung hat. Nach längerer Lehrtätigkeit in «Bietzen und Marburg wurde Harnack 1888 nach Berlin berufen, schon damals ein Mann von europäischem Rufe, bekannt vor allen: durch seine Dogmengeschickte. von der Fakultät fast ein- , stimmig vorgeschlagen, von, evangelischen Obcrlirchenrot mißbilligt: aber das Gesamtministerimn. vor das die Angelegenheit gebracht »vurde. entschied unter Bismarcks Vorsitz für dic Berufung. Es hieße der Berliner Tätigkeit Har. nacks nicht gerecht iverden. wollte man ihn nur als den Wissenschaftler feiern, der einen immer größeren Kreis von Schülern i»m sich sammelte, — man wird ruhig sagen dürfen einen Schülerkreis von internationaler Bedeutung. Mir j sind in den Jahren vor dem Kriege in Harnacks Seminar j neben Deutschen aus Nord und Süd. Ost und Weist begegnet: | Vertreter der nordischen Länder, der Angelsachsen «Engländer und Amerikaner«, Belgier. Griechen und Armenier, womit der Kreis der Teilnehmer aber keineswegs erschövft «ein dürste. Daß neben den Protestanten auch Katholiken und Juden kamen, braucht kaum gesagt zu werden, und ich weiß die Bedeutuna des »vissenschastlichen Lehrers wie des Menschen kaum besser zu kennzeichnen als durch die Tatsache, datz die Arbeit unter ihn» und mit ihm ein Band knüriste. selbst unter solchen, die vielleicht zu ganz verschiedenen Zeiten seine Schüler gewesen waren. Der großen Oefteutlichkeit ist .Harnack am stärksten bekannt geworden durch seine Borlesirngen über ^as Wesen des Christentums". ätc er im Winter 1800/10«» hielt und die bald daraus hr» Druck erschienen und ii» eine ganze Reihe »on Sprachen, selbst ins Japanische, übersetzt wurde»». Reben seiner Facharbcit ging damals schon eine Wirksamkeit in der großen Oesfentlichkeit auf dei» verschiedensten Gebieten. 1002 wurde Harnack Vorsitzender des Evangelisch- Sozialen Kongresses, der sich von Stoecker und den Christlich- Sozialen getrennt hatte, ivohl nicht zuletzt arrch um dessen antisemitischer Einstellung willen. An der Schulkonfcrenz von 1000 har Harnack seinerzeit sehr tätigen Anteil genommen und vertrat persönlich — seiner ganzen Entivicklung entsprechend, ein Freund des humanistischen Gmnnasiums -- die Gleichberechtigung der verschiedenen Bildungswege. Daß die Frauen ihn, t» Fragen ,.Gleichbercchtiam»a", d. h. in bezug -auf Zulassung der Frauen zum Studium und zu einer ganzen Reibe damals noch „verschlossener" Berufe, sehr viel zu danken haben, sei hier besonders licrvorgehoben. Bo», einem Aufenthalt in Amerika während der Weltausstettnna in St. Louis 1002 brachte er die Anregung zur Einrichtung jener „Austairsch-Proseiwrcn" mit. die bis zum Kriege bestanden haben m»d jetzt wieder neu anflevt, nnd die zweifellos an ihrem Teil z»:r VOlkerverttändigung beigetragen haben und auch hoffentlich noch »veiler beitragen »vird. Scho», seit 1800 ist Harnack Mitglied der Akademie der Wisienschasten und schrieb zu ihrem 200iährigen Inbilä»»»»» 1001 die Geschichte der Akademie der Wissenschaften. Wollte ma»» ihn mit einem de» Väter der Akademie vergleichen, dann wohl »in; mit Leivniz, jener Persönlichkeit, mit der ihm gemeinsam ist die Weite des Blicks, die allumfassende Tätigkeit «auch Harnack ist »vohl zuweilen iv früheren Jahre;» zu politischen und halbpolitischc,, Missivue», in Anipruch ge nommen worden» und auch die Eigeuschast. daß er «ich itt bei» europäischen Salons itiiö Höfen ebenso sicher fühlte wie aus dem Katheder, teilt er mit Leibniz. Wie viele nnd vielerlei Gebiete seine Arbeit umspanntc. dafür sei — gleichsam ü» Parenthese — eine kleine Schrift erwähnt» die den Titel trägt: „Medizinisches aus der alten Ktrche»«gcschichtc". Kein Geringerer als Iwan Bloch, »vohl der beste Kenner der Geschichte der Medizin, hat mir gegenüber einmal die Bedeutung dieser Arbeit hervorgehoben. Die amerikanischen Beobachtungen und Erfahrungen gaben Harnack auch die Idee der Schöpfung der Kaiser- Wikhelm-Gesellichalt. deren Präsident er bis heute isst. Hier wie in Amerika Forschungsinstitute, die von den Industriekönigen und Finanzgrötzen geschaffen und erhalten werden und deren Arbeit ebensosehr der Wissenschaft wie der Praxis dienen sott. Harnacks Tätigkeit als Generaldirektor der Staatsbibliothek ist bekannt, deren Neubau, erst im Kriege vollendet, zum guten Teil sein Werk ist. Und schließlich sei hier noch — ohne iraendwie erschöpfend sein zu wollen — seine bis heute »räbrende Arbeit in der Notsemeinschaft -er Wisienschast acnannt. An dieser Stelle wird mau selbstverstäildlich auch nach seiner Stellung zum Judentum fragen. Man kann »ratürlich einfach sagen: er hatte überhaupt keine besondere „Stellung zum Judentum^. Der Mann, den seine vielseitige Arbeit ebenwgut mit Künstlern und Gelehrten, Finanzgrößen und Ministern, Grotzindnstriellen und Politikern, kurzum de»r verschiedensten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens zusammenführte. für den trat jede Konfession hinter dem Werk zurück. Da,st unter den Schülern des protestantischen Theologen auch Juden vertreten waren, ist bereits gesagt. Nun hat man neuerdings — meiner lleberzeugnng nach völlig irrtümlich — itiu ein Werk Harnacks hingewiesen. das er sich selbst sozusagen zu seinem 70. Geburtstag 1921 schrieb, eine Arbeit, in der er zu de». Idealen und Forichungsproblemei» seiner Jugend, seiner Habilltatioirsschrift. zurückkehrte. Es führt den Titel: „Marcion, das Evangelium vom fremden k'äott". und behandelt Leben nnd Werke eines christlichen Häretikers aus dem zweiten christlichen Jahrhundert, der das Alle Testament als das Buch des „Iudengottes" schroff ablehnt. Harnack formuliert seine eigene Stellung in folgenden Sätzen: „Das i'llte Testamelkt im zweiten Jahrhundert rmch Christus zu verwerfen, rvax ein Fehler, den die große Kirche mit Olecht abgelehnt hat: es im 16. Jahrhundert beizubehalten, war ein Schicksal, dem sich die rtteformation nicht zu entziehen vermochte: es aber «eit dem 10. Jahrhundert als kavoni'chc Urkunde im Protestantismus noch zu konservieren, ist die Folge einer religiösen nnd kirchlichen Lähmung." Von evangelischer Seite, und zwar gerade von »vissenichaftlichcr Seite, ist Harnacks Urteil ans heftigen Widerstand gestoßen. Man »vird es ober erst verstehen, wenn man Harnacks rvcitcre Worte hinzunimmt: „Dieses Buch wird erst daun in seiner Eigenartigkeit und Bedentung. . . geumrdigt inrd geschätzt »verden, »venn ihm die kanonische Autorität. dic ihm nicht gebührt, entzogen ist." Das kann doch nur d e it Sinn haben, daß Harnack ablehnt, »vas auch dei: inodcrne Jude tut. 5a-"' Alte Testament als überall bindende Norm zu betrachten. Datz sein Urteil nichts, aber auch gar nichts zu tm» hat mit der Kritik völkischer Kreiie. liegt so sehr aus der Ha»rd, »daß Harnack sich dagegen, wie er es ausdrücklich tut. aar nicht hätte zu verwahren brauchen. Datz ,'ür jeden Christen Neues und Altes Testament verschiedene« Wert haben, ist ia »vobl selbstverständlich »md tut der Bedeutung des Alten Testaments für^ das Judentum keinerlei Abbruch. Mir scheint, auch für diese Frage gilt, was Harnack einmal <m anderer Stelle geschrieben: „Nicht theoretische Meinungen, sondern Gesinnungen und WillenSrichtungen scheiden und vereinen." Wer 75 Jahre aus dieser Einstellun« heraus seinen Weg getiangen, ein priceeepier OermLwae. ia, Europas und Amerikas, möchten Lem doch auch «och weitere Jahre des Schaffens beschieden sei». Lydia Stöcker. i