Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 2 (1922)
- Issue
- 14 (7.4.1922)
- Date
- 1922-04-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Ladrgang 3um Geleit. Von Rechtsanwalt Heinrich Stern. Berlin. Die Uebernahme der jungen Breslauer „Jüdischliberalen Zeitung" in den Verlag und unter die Leitung der Vereinigung für das liberale Judentum ist nicht nur ein äußerlicher Firmenwechsel: diese Uebernahme bedeutet, daß neben der Pflege der Theorie unserer Bewegung, wie sie in vorbildlicher Weise in unserer Monatsschrift „Liberales Judentum" gelungen ist. stärker als bisher die fragen praktischer Politik behandelt werden müssen. Ein liberales Judentum, das nur in den Wolken idealer Theoreme daheim ist, verliert die Fühlung mit der lebendigen Gegenwart und mit der auf dem Erdboden wandelnden jüdischen Menschheit. Kein größerer Fehler aber könnte gerade jetzt begangen werden, als ein ausschließliches Zurückziehen auf religiöse Fragen und eine Abkehr von dem, was die deutschen Juden, die Iudenheit überhaupt, an Gegenwartsfragen durchleben. In einer der letzten Nummern des „Liberalen Judentums" hat einer unserer besten Männer das Wort „Religion, nicht Politik" geprägt. Soweit damit die Forderung vertreten wird, daß jüdische Fragen nur von jüdischen Gesichtspunkten aus. nicht von Gesichtspunkten der allgemeinen Politik aus betrachtet werden sollen, ist dem vollkommen beizustimmen. So muß man sich insbesondere hüten, in der viel umstrittenen Frage der jüdischen Volksschule seine Entscheidung zu treffen nach seinem allgemein politischen Glaubensbekenntnis.*) Soweit aber in dem Schlagwort „Religion, nicht Politik" der Satz enthalten sein sollte, daß es für die religiös liberalen Juden eine Sonderstellung nur in Fragen des Kultus und des Unterrichts gebe, also in den Fragen der Religion im engsten Sinne, so muß dem aufs schärfste entgegengetreten werden. Es kann gar keine jüdische Frage austauchen, zu der wir liberalen Juden nicht Stellung nehmen müssen und zwar unter Betonung und ausgehend von dem Standpunkt unseres liberalen Judentums. Wir betonen immer, daß wir einer Religionsgemeinschaft angehören. Soll dieses Wort nicht nur ein Berlegenheitsbehelf gegenüber dem Ideal des Nationaljudentums sein, der Volksgemeinschaft, so müssen wir mehr als bisher die Schlußfolgerung daraus ziehen. Eine Gemeinschaft ohne Gemeinschaftstat ist ein Unding: eine solche nur auf dem Papier stehende, in Wahlaufrufen oder Programmschristen existierende Gemeinschaft wird gar bald auseinanderfallen. Unsere Gemeinschaft stand schon nah vor diesem Auseinanderfall. Die Arbeit der beiden letzten Generationen, die sich allzu ängstlich auf das beschränkte, was mit Gottesdienst. Schule und dem täglichen Allerlei der Gemeindeverwaltung zusammenhing, hat es mit sich gebracht, daß die Jugend diese Kleinarbeiter mit dem liberalen Judentum als solchem verwechselt hat. Sie vermißte in unserer Bewegung die Großzügigkeit, den Zusammenhang mit dem Weltgeschehen und lief zum Zionismus viel weniger, weil ihr sein Endziel behagte und seine theoretischen Grundlagen recht waren, als darum, weil sie in den Reihen des Nationaljudentums große Gemeinschaftsarbeit zu leisten glaubten und weil sie übersah, daß die viel größere Einstellung zu gewinnen war. wenn man sich auf den Boden des religiösen Judentums in seiner Fortentwickelung stellte. Diese Zeitung soll den Versuch macheu. zu zeigen, daß man nicht nur vom nationalen und orthodoxen Standpunkt aus Stellung nehmen kann zu dem jüdischen Geschehen auf der Welt, sondern daß auch das liberale Judentum eine solche Stellungnahme möglich macht, ja gebieterisch erfordert. Darum soll diese Zeitung Schritt halten mit den Ereignissen des Tages, möaen sie sich nun in den deutschen Gemeinden abspielen oder in den großen Zusammenhängen jüdischer Politik, die nicht an die Grenzen eines Landes gebunden ist. Die großen sozialen und charitativen Aufgaben, welche uns die Abwanderung unserer Brüder aus dem Osten stellt, erheischen die Mitarbeit aller verantworMngsvollbewußten Juden. Der religiöse Liberalismus hat seine Stätte an allen Orten, wo Juden wohnen. Es gilt, die durch den Krieg zerrissenen Fäden mit unseren Brüdern wieder anzuknüpfen und zu einem unzerreißbaren Netz zu verweben. Vor allem aber tut es not. unsere Stellung in allen Einzelfragen und in der Gesamtauffassung vom jüdischen Leben und Geschehen darzutun. ich möchte sagen, die Gleichberechtigung unseres liberalen Judentums zu verfechten und klarzulegen. Wir leben in einer sonderbaren Zeit der Mystik und der Phrasenherrschaft. Ich habe jüngst erst dargelegt, daß der sogenannte Zug nach rechts, auf den die *) Die Anschauungen des Herrn Lehrers Becker, der jüngst an dieser Stelle jüdischen Liberalismus und politische Linkspolitik für identisch erklärte, vermag der Versager nicht zu teilen. | Konservativen und Orthodoxen so gern Hinweisen, «in großer Selbstbetrug ist. Wenn man von den National- Orthodoxen absieht, die. ganz im Gegensatz zu der herrschenden Richtung in der Orthodoxie, die gesetzlichen Formen des religiösen Lebens als ein nationales Bindemittel betrachten und innehalten, um die von ihnen gewünschte politische Eigenart zu erhalten, hat nur derjenige das Recht und die Pflicht, das Religionsgesetz im vollen Umfang aufrecht zu erhalten und auszuüben,, der an die Göttlichkeit und Unabänderlichkeit aller, auch der kleinsten religionsgesetzlichen Bestimmungen, wie sie zuletzt im Schulchan Aruch niedergelegt sind, glaubt. Es ist unbestreitbar, daß ein kleiner Bruchteil der deutschen Juden aus diesem Standpunkt steht und gegen ihren Glauben, den wir ehren, soll mit keinem Wort etwas gesagt sein. Der überwiegende Teil aber der konservativen oder orthodoxen Juden, zu dem in letzter Zeit insbesondere ein Teil der schwärmerisch gerichteten jüdischen Jugend hinzutritt, übt die Formen öder ehrt sie an anderen, ohne sie zu üben,, aus einer gewissen Pietät, aus einer mystischen Verzückung heraus, die sich nicht Rechenschaft gäbt über den Sinn der religiösen Handlung, ja die sich nicht einmal darüber Rechenschaft geben will. Eine derartige Einstellung ist aber absolut unhistorisch und unsüdisch. Die Schöpfer und Fortbildner der religiösen Formen haben genau gewußt, welchen Zweck sie mit jeder einzelnen Norm verbanden und haben auch mit einem großen tiefgründigen Aufwand von Gelehrsamkeit die Formen und Normen aus Bestimmungen der Thora abzuleiten verstanden. Von alledem ist bei der großen Masse der orthodoxen Mystiker gar keine Rede; sie kennen kaum die heilige Sprache, geschweige daß sie den Sinn einer Zeremonie oder eines Rituals verstehen, und aus diesem Unverständnis heraus eifern sie dagegen, daß wir Liberalen uns von Gesetzesformen und Normen losgesagt haben, deren historischen Wert und deren historische Vergänglichkeit wir erkannt haben, und die uns gerade darum nichts sagen, weil wir ihren Sinn verstehen. Gerade weil wir liberalen Juden Wert leoen auch auf gemeinschaftliche Religionsübung im Hans. Gotteshaus und in der Gemeinde, weil wir diese Gemeinschaftstat unserem religiösen Empfinden und Verstände anpassen wollen, dämm wollen wir das Zeremonialgesetz fortentwickeln. Unserer teilweisen Loslösung vom Zeremonialgesetz und der Fortentwickelung desselben liegt daher im tiefsten Kern eine aufbauende Tendenz zu Gmnde. Die Religion der Vater muß auch die Religion der Kinder werden können, und es geht nicht an, daß wir modemen Menschen, die wir mit Herz und Geist in der Gegenwart leben, uns für die Stunde, da unser Herz am reinsten schlägt und unser Geist am tiefsten schürft, für die Stunde religiöser Erhebung, in eine Zeit zurückschrauben sollen, von der wir nichts wissen und nichts wissen sollen. Wir sind uns bewußt, im Sinne unserer großen Lehrer zu handeln, wenn wir die heiligen Bräuche der Zeit anpassen: denn der Mensch ist nicht um des Gesetzes willen da, sondern das Gesetz um des Menschen willen. Wir haben gar zu oft erlebt, daß Vorkämpfer der starren Richtung der Orthodoxie Neuentwickelungen im Judentum bekämpft haben, die schon die nächste oder zweitnächste Generation derselben starren Richtuna als selbstverständlich für sich in Anspruch nahm. Bei bex Feier des 250jährigen Jubiläums der Berliner jüdischen Gemeinde in der alten Synagoge hob der amtierende streng konservative Rabbiner in seiner gehaltvollen Festpredigt als bedeutsamste Tat. die aus dem Schoß der jüdischen Gemeinde Berlin hevvorgeganaen sei, die deutsche Bibelübersetzung des Moses Mendelssohn hervor. Ob er wohl daran gedacht hat. daß diese Uebersetzung dem großen Lehrer die Bannflüche seiner orthodoxen Zeit^nossen nach sich gezogen hat? Aehnliches gilt für die deutsche Predigt und für andere Einrichtungen des Gottesdienstes. Daß das fortentwickelnde Judentum im höchsten Sinne aufbauende Arbeit leistet, ja daß es die Erhalterin des Iudentums ist. kann garnicht oft aenuq betont werden, und es ist Ausgabe einer liberalen Zeitung, immer wieder darauf hinzuweisen und es an Einzelbeispielen zu belegen. Dann wird es endlich dahin kommen, daß auch in liberalen Gemeinden nicht als offizielles Judentum das gilt, was vor 300 mW mehr Jahren der Schulchan Aruch als Schlußstein einer Jahrtausende alten Entwickelung festgelegt hat, sondern dann wird man endlich den Mut haben, auch für das Leben der Gemeinde selbst und für ihre Einrichtungen das nur als bindend zu erachten, was die große Masse der Gemeindemitglieder anerkennt und heilig hält. Es muß ein Ende haben damit, daß nur ein orthodoxes Judentum strengster Observanz, wie es höchstens noch von wenigen tauserck deutschen Juden als bindend anerkannt wird, als sozusagen offizielles Judentum von solchen Gemeindevorständen proklamiert wird, die selbst niemals in die Verlegenheit kommen, sich seinen Gesetzen zu beugen. Me Ge- 1 meinden sind keine abstrakten Gebilde,, sondern die Ge- * Fugendvereiris-Attzeigen fl*~ letzte Seite. “M samtheit ihrer jüdischen Menschen, und es ist undenkbar, daß eine Gemeinde jüdischer Menschen sich noch heute an Formen bindet, die kaum 10 Prozent verstehen und nach ihrem Gewissen als bindend anerkennen. Me Erkenntnis dieser Notwendigkeit wäre ja längst Gemeingut aller Juden, die sich liberal nennen, wenn heute jüdische Erkenntnis überhaupt tiefer in ihre Reihen eingedrungen wäre. Die abgöttische Verehrung und die darauf beruhende unnatürliche Macht eines kleinen Häufleins orthodoxer Juden kann nur dadurch erklärt weiden, daß die große Menge der deutschen Juden sich über die historischen Zusammenhänge der jüdischen Entwickelung nicht klar ist, ja daß sie überhaupt von jüdischer Geschichte und vom jüdischen Leben höchstens nur eine nebelhafte Vorstellung haben. Darum ist es die wichtigste und hauptsächlichste Aufgabe einer liberalen Zeitung, in diese bodenlose Indifferenz und Ignoranz Bresche zu schlagen und dafür zu sorgen, daß jüdisches Wissen und häusliches jüdisches Leben wieder bei der großen Menge der sogenannten liberalen Juden einkehrt. So lange die religiöse Unterweisung im Haus und in der Schule bei vielen unserer „Gebildeten" an letzter Stelle rangiert, so lange es zwar zur Allgemeinbildung gehörig erachtet wird, den Homer und Dante in der Ursprache zu lesen, nicht aber die Psalmen und Propheten, so lange jeder Modeschmöker in den Bücherschränken prangt, jüdische Bücher aber dort vergeblich gesucht werden, so lange christlicher Brauch und christliche Feiertage mit peinlicher Sorgfalt innegehalten werden, der Freitag Abend aber und die religiösen Feste aus dem jüdischen Haus verbannt sind, so lange kann ein aus froher Erkenntnis geborenes, seiner Weihe sich bewußtes. zukunftsstolzes Judentum nicht gedeihen. Wie weit im deutschen IudenMm die Unkenntnis elementarster jüdischer Dinge geht, dafür bietet die Naumann'sche Bewegung vom „nationaldeutschen Juden" ein trauriges Beispiel. So lange es möglich ist. daß der Führer einer Bewegung von Juden — ich vermeÄe es absolut, von jüdischer Bewegung zu sprechen — eine Schrift herausgeben kann wie die vom „mosaischen und nichtmosaischen Juden", und so lange gebildete Männer einen solchen Mann als Führer anerkennen. so lange muß man in der Tat saaen, daß unsere liberale Aufklärungsarbeit noch in den Anfanasaründen steckt und daß es uns noch nicht gelungen ist, an die Seele der indifferenten Juden, die doch nur scheinbar indifferent sind und denen nur der Wegweiser fehlt, heranzukommen. Möchte es dieser Zeitung, die mit großen Hoffnungen und herzlichsten Wünschen geleitet wird, vergönnt sein, zu ihrem Teil dazu beizutragen. für unser liberales Iuden¬ Mm. das uns „das" IudenMm bedeutet, zu werben und' zu wirken, damit jüdisches Wollen, jüdisches Wissen und jüdisches Wirken Gemeingut werde aller deutschen Juden. Liberales Judentum darf keine Stubenpflanz-e bleiben für das Gelehrtenzimmer, kein Diskussionsthema für liberale' Wahlvereine, sondern eine Volksbewegung muß es werdeir, welche die Kraft hat, die Alten jung zu erhalten und die Jungen zu dem zu machen, was unsere Väter waren. . Insprache auf Ser Hauptversammlung ter veeeinigaag für öas liberale Judentum. am 4. Januar 1922. Bon Rabbiner Dr. Baeck, Berlin. Meine Damen, meine Herren! .Liberales IudenMm ist für uns das IudenMm, und noch mehr, es ist für uns die Religion. Aber wenn wir so das IudenMm, die Religion in unserem liberalen IudenMm erleben wollen, so ist eins notwendig. Wir müssen die großen Gedanken, den großen Zug in unserer Religion wieder erfahren. Goethe hat das Wort des 51. Psalms, das Wort von dem reinen Herzen und dem neuen festen Geist dahin übersetzt, das Gebet aller Gebete sei das um große Gedanken und ein reines Herz. Große Gedanken — damit beginnt alles Neue, alles im Leben, was dem Menschen ein Erlebnis wird. Wie können wir im Judentum diese großen Gedanken zu eigen gewinnen? Es ist eines vor allem dazu erforderlich: wir müssen das Judentum wieder hineinstellen in die Weltgeschichte, mitten in das qroße geistige Geschehen. Wir haben Jahrhunderte im Ghetto leben müffen, und auch' unsere ganze Anschauung ist in diesen Jahrhunderten nur zu sehr in diese Enge, in der wir hatten lehen müffen. hineingestellt worden. Es ist eine naMrwissenschaftliche Beobachtung schon, daß das Auge sich akkomodiert, daß eS nn engeren Raume engsichtia wird. So war das IudenMm in so mancher Zeit engsichtia geworden, sein Horizont verlor die Weite. Und als wir dann aus dem Ghetto heraustraten, als wir eintraten in diese aewaltiae Revolution, in der das IudenMm seit anderthalb Jahrhunderten lebt — wir vergessen dies oft, daß wir in einer revolutionären