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Jüdisch-liberale Zeitung · 1921-06-10 · 27 (10.6.1921) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
1 (1920-1921)
Issue
27 (10.6.1921)
Date
1921-06-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Das zweite Wallfahrtsfest, ivelches in unseren Breiten den ersten Anfang des Sommers, aber noch nicht die Ernte darstellt, von der -wir leben sotten, dringt seit langen JahrhuiÄerten für Israel als Hauptinhalt die Beendigung der Gotteslehre und als ihr Charakteristikum die Offen- «barung vom Sinai und der zehn Gebote. So einig sich wohl alle darüber sind, daß kein besserer Toraausschnitt gewählt werdet: konnte, um den Geist des Ganzen zu dokumentieren, so gesichert sollte die Ueberzeugung sein, daß lediglich das Bekenntnis zu diesen Elementen noch lange kein lebendiges Judentum verbürgt. .Jede Abschwächung des überragenden Inhalts, der ja Menschheitseigentum geworden ist, liegt hier fern. Aber selbst eine peinliche Beobachtung des vierten Gebotes, das mit seiner detaillierten Forderung der Sabbatruhe das „jüdischste" von allen genannt werden kann, macht uns heute noch nicht zu Iüden, wie wir sein öder werden sollen. Es hier nicht gesagt „bleiben" sollen, denn wer an die dauernde Entwickelung glaubt, der darf sich nicht sklavisch sestlegen, der muß erkennen, daß die Offenbarung niemals abschließt, sondern fortdauert. Schon insofern als sie den jetzt urtd in Zukunft Lebenden erst offenbar tvird — oder nicht! Bekennen wir doch am Peßach, als dessen Schluß Schowuaus auch genannt wird, ähnlich: „In jedem Geschlecht muß der Mensch die Anschauung gewinnen, er sei selbst aus Aegypten gezogen." Also sollten uns auch die zehn Gebote und die ganze Tova nicht nur mundgerecht überliefert, sondern immer neu offenbart werden! Geschieht denn das Gegenteil, wagt es jemand, uns die Lehre zu nehmen oder zu verdunkeln? Ja, dem ist so. Wir wollen in der gebotenen Festfreude garnicht an unsere Feinde denken, die mit der Larve der Wissenschaft oder dem Gift der Demagogie in dieser Hinsicht gegen uns Vorgehen, sondern nur kurz und klar aussprechen, daß es dieser Gruppe letzten Endes aus die Vernichtung des Judentums ankommt, und nicht der Juden, wie man zu glaube:: geneigt ist. Eingehender sei dargelegt, daß innerhalb unserer Gemeinschaft schädliche Elemente an der Arbeit sind, denen zu wehren niemand die Kraft aufdringl. Es fällt schwer, gegen sie zu kämpfen, denn sie wollen das Gute, aber schaffen das Böse. Die jüdische Lehre will einen einzigen Gott und ein einiges Israel und niemals stärker als heute. Wem sich beides nicht lebeiwig offenbatt, der verkennt seine eigene Sendung oder nürd mit Ersatzjudentum versorgt, ganz gleich, wo er religiös oder politisch stehen mag. Unsere vielgerühmte Einigkeit ist eben nur im Urteil der Un:welt da, womit den: jüdffchen Gedanken nicht geholfen wird. Wir haben mchr einzusehen, daß die Kind e r Israels auch wirklich verpflichtet ftnsb zu b r ü d e r liche r Att. Das ist auch eine Tora, die aus der Poesie des Psalmenivortes hineinschallen n:uß ins tägliche Leben. Unter allen Festen des Jahres zeichnet sich Schowuaus, welches doch das Gesetz verkörpert, durch einen auffälligen Mangel an Formen aus. Sonst bringt uns ein jeder ausgezeichnete Tag Brauch oder Symbol: Mazzoh i:nd Hütte, Schofar :urd Kasteiung. Menorah mtd Esterrolle sind die Sinnbilder hol)er Ideen geworden; das Fest, das :u:S die Lehre bietet, steht beinahe armselig da und hat nicht einmal den Lehrern und Erklären: des Gesetzes, die dock) um Ausdeutung gewiß nicht verlegen ivaren, hinreichenden Stoff geboten. Vielleicht liegt auch hierin die Offenbarung, daß, wo die Lehre wirklich innerlicher Besitz wird, die Aeußerlrchkeiten ruhig zurücktrete:: können. Und zu diesen wollen »vir in unserem Zusammenhang die verhängnisvolle Sucht MW-ltbMlrr Unptomln zu ümlou. DienStag. den 14. gnni 1921, abends 8 Uhr: Geselliges Beisammensein in Scheilnig (Schweizerei). rechnen, das Bewährte, mühsam Errungene, allseitig für gut Erkannte zu rnindern, brüchig zu machen, zu zerstören und irgend etwas Unbedeutendes daneben zu setzen, oft genug aus persönlicher Eitelkeit! Der Mann, welcher aus der Gemeinde austritt, rooil er nicht ihr Vertreter werden konnte, ist keine Einzelerscheinung. In den größeren Bezirken unserer Oeffentlichkeit erkennt man diesen Typ wieder, nur daß er nicht resigniert, sondern, wenn nicht alles nach seinem Willen geht, bald droht und Unruhe und Verwirrung stiftet, maßlose Forderungen stellt, sich unbescheiden erhöht, sich als Kurator und Vormund der Majorität auffpielt, sich erlaubt, sie in ihre „Schranken" zu verweisen, ja selbst nach außenhrn sie verdächtigt und, man möchte sagen, ihr in einem Nebensatz gleichzeitig deutsche und jüdische Gesinnung abspricht. Hiermit finfr wir bei unserem Thema angelangt. Bei allen jüdischen Richtungen gelle das Gesetz der gegenseitigen Würdrgung! Um warnende Beisptele zu geben: ES sollte nicht geschehen, die^Organisation, die fast alle deutschen Juden im Kampfe gegen den Antisemitismus eint, in einer Stunde anzugreifen, wo «sie sich bereits in aufge^wungener Abwehr befindet, und Fragen, die bei ruhrgem Bmt etwas später ihre Erledigung smden, zur Er' örterung zu stellen. Es ist ferner nicht angängig, Stur«: zu laufen gegen die nach unsäglicher Rttche gewordene und dis zum Augenblick der Geburt bedrohte Gesamlorganisatton, die uns in Deutschland allein verwalten kann. Wer rächt, mögen seine Bedenken noch so berechtigt sein, zu Gunsten des Ganzen hier verhandelt und auch zurücksteckt, der versündigt sich an der Gesamtheit und verzögert das Inkrafttreten des Werkes, welches der Gemeindeanarchie, da wo sie herrscht, und dem himmelschreienden Elend der Rabbiner, Lehrer und Gemeindebeamten ein Ende macht. Wir haben germg Verbände und Bereinigungen, ur:d es würde wertvoller sein, daß mancher Bund, der die Zukunft beim Judentum erhalten will, aus Vevwaschenheit, Uferlosigkeit und verschwommener Romantik sich zur Arbeit entschließt und der Phrase entsagt. Also keine Machtproben, sondern Streben nach Verinnerlichung! Ebenso auffallend wie der schon betonte Formennrangel des Schowuaus ist die Arttwahl des Buches Ruch als Festbetrachtung. Hier meint der Leser entgegen sonstiger Wahrnehmung jeden Zusammenhang mit dem erhabenen Offenbarungsvorgang zu vermissen. Denn das rein kalendarische Moment der Weizenernte kann doch kaum in Betracht kommen bei einer Feier, die lehren will, daß der Mensch nicht vom Brot allein lebt. Wert und Bedeutung der Erzählung liegen deim auch tu einer anderen RichturH. Der tvetteifernde Edelmut von Ruth, Noomi und Boas ist gem:g gepriesen worden, und hiervon kann nur wie eingangs gesagt werden, daß jede Herabwürdigung dieser Gestalten undenkbar ist. Aber auf eine andere Person der Idylle hinzuweisen, erscheint zeitgemäß. Es ist der ungenannte erste Erbberechtigte, der auf Ruth großmüttg verzichtet und diese hohe Gesinnung noch in die vornehme Form des scheinbaren Egoismus kleidet: „Ich kann nicht eintreten, denn ich würde hierdurch meinem Gute schaden." Diese Fähigkeit, entsagen zu können, uüissen wir im Judentum kultivieren. Wir haben zu viel kommandierende Generale! Früher hätte ntan sich drasttsä>er ansgedrückt, aber es genügt ja die Andenttmg. Die Tugeird, arrderen ein Glück zu gönnen, wollen wir ins öffentliche Leben ildernehmen in der Ettenntnis, daß echtes Judenttnn noch lange nicht an Betätigungssucht geknüpft ist. Es gibt auch ein Gesetz, ohne daß wir fein Instrument bilden. Diese Offenbarung werde uns allen zu teil! Erst wenn nicht jeder sich berechtigt und verpflichtet glaubt, mrtrvgieren zu müssen, wird es besser werden mit uns und um uns. Wenn die gezierte Att unmodern wird, und die Leute, denen man doch sofort anmerkt, daß sie so gern und zuerst gebeten sein wollen, auch die Bedürftigen am Beutel, oder nach Einbürgerung im Lande teilhaben lasser: an der 2eitun$ unserer Geschicke, und keiner ihnen ängstlich wehrt, dann wird sich offenbaren, daß Israel nicht nur Gottes Volk ist, sondern auch ewigen Bestand hat, daß der Herr uns allen sein Gesetz übergeben hat mW daß die beste Form seiner Erfüllung das jüdffche Herz und der jüdffche Gefft sind. Möge solche Erkenntnis uns offenbar werden, oder wie man in der Sprache der Menschenkinder sagt: Mögen wir die Dinge richtig sehen lernen! der verbauaattonalöeutjcher Iu-eu unö -er politische dilettantismus. Ein Brief von Dr. Paul Nathan, Berlin. Zehr geehtte Redaktion! Erft etwas verspätet lese ich in Ihrer Nummer vom 27. Mai den Attikel von Herrn Dr. Max Naumann, Berlin, mit der Ueberschrift „Natronaldeutsche Juden und Zwischenschicht". Dieser Aufsatz ist lehrreich, weil er Auffchluß erteilt über das innerste Wesen jener Bewegung, die von Herrn Dr. Naumann ins Leben gerufen woÄen ist. Das innerste Wesen dieser Bewegung ist Unklarheit, und das läßt sich erweisen aus den eigenen Worten des Herrn Dr. Naumann. Er sagt in Ihrem Blatt von seinem Gegner: „Er sucht mir m beweisen, daß mein Nationalgefühl nicht daL richtige, daß es in Wahrheit Nationalismus sei, aber er redet an mir vorbei, und genau so würde ich an chm vorbeireden müssen, rvenn ich ihn zu widerlegen versuchen wollte. Denn hier Handel: es sich nicht um D i n g e, die überhaupt beweisbar, die mildem Verstände auch nur zu fassen sind, es handelt sich nicht um Ideen, sondem um Gefühle, di«, man nur mit dem Herzen begreifen kann." Nichts ist bezeichnender, als diese Worte, die aus der Politik tu die Mystik führen. Diese Aeußerung erklärt denn auch durchaus das Schwanken des Herrn Dr. Naumann in 'bezug auf das Programm, das er für den nationaldvutschen Juden ursprünglich aufftellte, und dann in den entscheidenden Punkten änderte und wieder änderte, wie das von Herrn Iustizrat Hirschberg in Ihrem Blatte endgültig nachgewiefen worden ist. Herr Dr. Naumann täuscht sich durchaus darüber, daß das Wesen des Natronalgefühls, eines echten und schönen Nationalgesühls, nicht definiert werden kann. Dieses Wesen 'beruht darauf, daß der Bürger für sein Vaterland im Ringen gegen eine Vergewaltigung von außen jedes, auch das letzte Opfer zu bvingen bereit ist, im äußerste»: Notfall das Leben, und daß er in der inneren Politik nicht das Einzelinteresse in den Vordergrund rückt, sondern sich leiter: läßt von jenen Idealen, die nach seiner Auffassung die Interessen des gesamten Vaterlandes am bester: verbürgen. Daß in dieser Beziehung die Auffasfunger: verschiedene sein können, ist einleuchtend und ist dadurch erwiesen, daß Männer n:it recht verschiedenen Idealen an der Spitze einander bekämpfender Patteien gestanden haben; sie alle oft gleich überzeugt von der Reinheit ihres Wollens. Und gerade weil dem so ist, darum wäre es ganz falsch, Ivenn die Inden sich «mit Ausschließlichkeit ~ als Juden — einer einzelnen Bartei anschlössen. Ihr Ideal, und es ist ein hohes und modernes Hdeal, verlangt die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz und verwirft die Bevorzugurrg von Klassen oder Rassen oder Religionsgemeinschaften gerade im Interesse des Gesamtstaates; im Interesse jenes hohen staatlichen Ideals moderner Gerechtigkeit, die den Menschen beurteilt nach dem, tvas er tut, und was er läßt, und nicht nach seine: Rasse, seiner Religion oder nach seinem 'Stande. Wäre es richtig, daß das wahre deutsche Nationalgesühl nur eine Sache der Empfindung wäre, wie dies vor: Herrn Dr. Naumann behauptet wird, — gäbe es für echtes deutsches Natronalqefühl wirklich kein objektives Kriterium, wie Herr Dr. Naumann »vähnt, dam: wäre jedes Urteil auf diesem Gebiet in das subjektive Meinen des Einzelnen genickt, und dieser gründlich falschen A n s ch a u n n g ist srellich Herr Dr. Naumann, wie das Zitat aus seinem Attikel, das ich oben angeführt habe, er weist. Nichts wäre verhängnisvoller, als wenn das deutsche Judentum sich auf diesen schwankenden Namnann'schen Boden drängen ließe. Ein Schritt in dieser Richtung würde dem Antisemitismus die allererwünschteste Waffe liefern. Gerade die Antisemiten sind es ja, die sich immer WW-Mralll IlWüvmin zu Berlin. P»rn«r»1,e! Sonntag, den 1». gnni 1921; ^kageaauofiiig von Zrie-richshagen nach Köntgswusterhanfen. Treffpunkt: Stadtbahnsteig de- Bahnhofes Charlottenburg?w, Abfahrt 7&, oder: Stadtbahnsteig des Bahnhofes Alexanderplatz V6, Abfahrt 7,?. Rückkehr zwischen 7°° und 8®° abends. Die Wanderung geht über 89—85 Kilometer.

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