Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 48 (15.6.1934)
- Date
- 1934-06-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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14. Jahrgang Nummer 48 3üöifd)'libetale 3ellung Beilage 15. Juni 1934 Cltiee Stein-ätandamaHn <n neue Mode Vom Wasser kam ein lauer, schon ganz sommerlicher Hauch herauf. Ein paar weiße Segel zogen vorüber, kleine Dampfer schossen eifrig dahin, dichter am Ufer zogen Schwäne ihre Kreise-über all dem stand ein tiefblauer Himmel. „Eine Seltenheit _ für Hamburg!“ dachte Bachmann und ließ sich wieder auf die Bank zurückfallen. Nun saß er schon eine Stunde hier, in seine Grübeleien versunken. . Der Weg, den er vorhatte, war ihm peinlich — ja, die Suche nach Olly begann ihn zu beschämen. Jetzt blieb nur noch die Möglichkeit, auf dem Einwohnermeldeamt nach ihrer Adresse zu fragen. Heute begriff er nicht, daß er es so weit hatte kommen lassen. Nun wurden es bald zwei Monate, daß er ihren letzten Brief erhalten — .in diesem Augenblick schien ihm selber sein langes Schweigen unerklärlich — — Diese Stadt hatte den Beginn ihrer Freundschaft gesehen — hier hatte Olly an einem ersten Theater die Hauptrolle in Bachmanns Komödie gespielt. — Es war ein großer, ehrlicher Erfolg gewesen, und das Stück lief volle zwei Monate. Als niän es absetzte, führten äußere Gründe zu Olly. Entlassung. Vergebens versuchte Bachmann, für Olly, in Berlin ein Engagement zu finden. Er geriet selber in Schwierigkeiten, die Schwester verlor ihren Posten, der Bruder seine langjährige Stellung. Ueber Nachtwar die Sorge da.-Bachmann, mitten in einem groß angelegten Roman verkroch sich, um weiter arbeiten zu können. Ollys verzweifelte Briefe bedrückten ihn bis zur Melancholie — aber er konnte nicht helfen. Also .antwortete er schließlich nicht mehr. Er schickte ihr eine kleine Summe; die Geschwister brauchten auch seine Hilfe. Er schloß die Augen vor der Not eines so nahen Menschen, um nicht selber dem Kummer zu erliegen. Die Arbeit erfüllte ihn bis zur Besessenheit — er flüchtete in diese erdachte Welt, die er sich selber geschaffen hatte. Im April fand er einen Schweizer Verleger für das neue Buch. Vorschuß. Aufatmen. Sofort ein Telegramm an'Olly. Es kam als unbestellbar zurück. Er schrieb — er wandte sich an .das Theater — vergebens. Und nun war er hier, um die Frau ausfindig zu machen, die an seiner Neigung, an seinem Charakter zu zweifeln völlig berechtigt war. Bachmann-stand auf; sein Blick glitt über die besonnte Alster — er liebte diese Stadt, die ihm Olly und den ersten Erfolg geschenkt hatte. Jeder erlebt das allgemeine Schicksal auf andere Weise. Bachmann hatte sich in dieser Zeit selber entdeckt, seine geistige Kraft, seine Fähigkeit zur Gestaltung. Er hatte zugleich sein Judentum entdeckt. In seinem Elternhaüse kannte man keine Unterschiede — der Sinn für künstlerische Wesenheit war allein maßgebend. Jetzt war er sich einer neuen Zugehörigkeit bewußt geworden — es schien, als wenn ihm eiir-geheimnisvolles Wissen zuströmte, ein Wissen um die Verbundenheit, von der er nichts geahnt hatte. Weder sein Aeußeres, noch sein Name stempelten ihn für Andersgläubige zum Juden.. Aber er selbst war es, der dauernd Anlaß fand, sein Judentum zu betonen. Bachmann hatte sich jetzt von der besonnten Seite des Alster-Ufers entfernt und kreuzte den Damm. Er durchschritt die Straßen, sein Blick streifte die Läden, ohne sich des Gesehenen bewußt zu werden. Aber jetzt blieb erstehen — da lagen Bücher, und die wirkten faszinierend auf ihn, gleichviel in welcher Stimmung er auch war. Er entdeckte sofort seine Komödie: das grüne Leinenbändchen lag in sechs Exemplaren sehr einladend hingebreitet da. Bachmann schüttelte den Kopf und sah nach dem Schild über dem Schaufenster. Offensichtlich ein jüdischer Buchladen. Er trat hastig ein. Eine schmale Frauengestalt stieg gerade die Leiter zu den oberen Regalen hrauf. Bachmanns Blick fühlte sich magisch angezogen — — Diese mädchenhafte Nackenlinie, dieser dunkle Kopf — — „Guten Tag —sagte er mühsam. Und darin streckte er die Arme aus, um die herabgleitende Gestalt aufzuhalten. Der Ausdruck in Olly’s Gesicht erschütterte ihn so sehr, daß er nicht sprechen konnte. — — Sie befreite sich langsam. Ihre Stimme klang unpathetisch und ohne jede Ironie: „Was für ein Zufall —sagte sie und brachte ein Lächeln zu Stande. „Um Gotteswillen, Olly! Ich suche Dich seit . neun Tagen-“ Sie nickte: „Eine lange Zeit, lieber Paulaber es sind Monate vergangen —-“ Er zog das Telegramm aus der Tasche, er wollte beginnen, zu erklären. Olly schob es beiseite: „Ich interessiere mich nicht für Beweise — —“ . „Jeder hat ein Recht auf Verteidigung. — Ich bitte Dich, Olly —!“ . „Ich klage Dich garnicht an“, sagte sie ruhig. (Er begriff, wie schwer erkämpft diese Ruhe war.) „Das tut höchstens Dein Gewissen!“ Aber jetzt sah sie ihn an — und nun verlor sie sich in den langentbehrten Anblick des geliebten Gesichtes. Ihre Augen drängten sich in die seinen und erkannten seine Wahrhaftigkeit. Ihr Widerstand ließ nach — — Bachmann wußte, jetzt würde sie ihn anhören. Er war kein Diplomat — aber er sprach zu allererst ■ von seiner Arbeit. Sofort war ihr Anteil geweckt — . sie leuchtete auf: „Ein neues Stück?“ Er berichtete genauer: Nein, ein Roman — eine Gegenwartssehilderung. Ein eintretender Käufer unterbrach das Gespräch. Bachmann trat zu einem Büchertisch, während Oliv dem Fremden einige Sache vorlegte. Erst in diesem Moment erfaßte Bachmann, daß Olly einen neuen Beruf hatte, der sic in eine ganz andere Stellung brachte. Als sie wieder allein waren, blieb er stumm; er fühlte sich überwältigt durch tausend.auf ihn einstürniende Gedanken. Was konnte er Olly sagen? Er wußte, was das Theater ihr bedeutet hatte- Sie antwortete ihm ungefragt: „Ja, Paul — Du wunderst Dich? Aber es muß eben gehen-“ Mit ruhigen Bewegungen ordnete sie die Bücher wieder ein. „Ich habe eingesehen“, fuhr sie fort, „daß wir alle durch die Ereignisse des letzten Jahres zu neuer Einstellung gezwungen sind. Es wäre also sinnlos, sich an das Alte zu klammern. Es kommt ja garnicht darauf an, wie leicht oder wie schwer das dem Einzelnen wird. Wichtig ist doch nur, aktiv zu'bleiben. Vielleicht hat gerade Dein Versagen mir gegenüber mir die nötige Kraft zu diesem Schritt gegeben-“ „Versagen, Olly? Ich habe Dich niemals vergessen -“ „Das wiegt sehr gering, lieber Paul. Hilft es dem andern, der leidet und sich allein glaubt? — —- Es ist ja nicht Dein Verdienst, das ich durch diese neue Existenz auch einen, neuen Interessenkreis gefunden habe, neue Menschen, neue Gesichtspunkte —“ „Du. bist ja von bewunderungswürdiger Wandlungsfähigkeit! Also eine neue Rolle?“ sagte er mit Bitterkeit. Er wurde sich im selben Augenblick seiner Ungerechtigkeit bewußt: „Verzeih mir, Olly. Es tut mir nur weh, daß ich anscheinend längst entbehrlich für Dich wurde —?“ Sie betrachtete ihn mit einer liebenswürdigen' Ueberlegenheit: „Solch einen unlogischen Satz kann nur ein Mann fertig bringen. Eine Frau würde fürchten, sich dadurch zu blamieren.“ Mit einer mütterlichen Bewegung legte sie ihre Hand auf seinen Arm: „Fühlst.Du Dich nicht angenehm entlastet durch das Bewußtsein, daß ich nicht zu Grunde ging? Oder überwiegt Deine Eitelkeit? Hättest Du mich lieber als eine Gebrochene wiedergefunden?“ „Wahrhaftig, Olly — Du bist eine großartige Frau —“ Er sah sich um. „Ich spüre es — die Atmosphäre Deines Wesens war nicht nur an die Bühne gebunden — Du wirst Dir überall Dein Leben aufbauen können. Ob ich ohne meine Schreiberei leben könnte —,?!‘t Er zuckte die Ac.iseln. Ihr Gesicht wurde ernst: „Ich versuche es, Paul! Um mich herum sind so viele lebendige Beispiele — ' Du solltest das sehen. Nichts auf der Welt ist so lehrreich wie der Alltag, der einen-umgibt. Wie die Menschen sich aus den Tragödien ihres Zusammenbruchs zu retten suchen — das ist in vielen Fällen heroisch — ~ gerade dadurch, daß es so unpathetisch sich -vollzieht:'— — Und was wirst Du nun tun, Paul?“ Er hörte mit heimlichem Entzücken den leisen Unterton von Spaniiuug in ihrer Stimme. . „Ich möchte hicrblcibcu, in Hamburg. Ich will ein neues Stück schreiben. Ich glaube, es wird sehr ‘ aktuell werden —“ „Hüte Dich davor —-mau verfällt so leicht der Lockung, das eigne Erleben an Wichtigkeit zu überschätzen —“ „Momentan bist Du nur wichtig, Olly sagte Bachmaiin mit geröteter Stirn. ' Oliv schüttelte den Kopf: „Im Augenblick — Du sagst es ja selber. Ich glaube Dir das. Aber die letzten Monate haben mich gelehrt, Dein Wesen anders anzuselien. Du tätest Unrecht, Dich zu binden, Paul!“ ' „Ich werde einen guten Vertrag mit dem Verleger abschließen, wir könnten jetzt.heiraten, Olly!“ Er packte Sie an den Schultern: „Olly ----- Du weißt, daß ich Dich lieb habe —“ „Ich Dich auch — “ sagte sie. „Und deshalb —“. Sie versuchte wieder ein Lächeln: „Ein Dramatiker wie Du sollte sieh besser auf die Technik verstehen. Jede Ueberstürzung ist verkehrt und bestraft sich,' Paul! Heute hast -Du mich durch einen Zufall gefunden — — komm wieder! Laß Dir und mir Zeit, Dein Gefühl zu beweisen — —“ Er l'eü sie'tos. „Bedarf es dessen wirklich?“ fragte er zornig. . Sie nahm seine, HamDynd legte sie sich wieder auf die Schulter zurufctu^Brauchst nicht gekränkt zu sein, daß ich Dir nicht gleich um den Hals fliege, Du dummer Mensch b Verstehst Du denn nicht, daß ich heute anders vor Dir stehe als im Herbst? Ich habe einen Kampf hinter mir. ich habe mich bewähren müssen. Wie sagtest Du vorhin: .neue Rolle?1 Ja, mein Lieber, das' ist es! Ganz umlernen, das müssen - wir alle. Heute bedeutet eine Heirat zwischen uns beiden etwas ganz anders als damals.. Die' Verantwortlichkeit des Einzelnen ist hundertfach gewachsen — —“ ' „Das sind Theorien'—“, unterbrach Paul. „Das sind die Erfahrungen des Lebens, das ich inzwischen geführt habe —“ Er sah sie an: „Ich habe keine Furcht— auch wenii es sorgenvoll werden sollte —", murmelte er. „ Wir werden beisammen sein, Olly. Und ichwerde mich besser bewähren, als Du heute annimmst-“ „Ich traue Dir die Kraft dazu und auch den ‘Willen zu-“ „Also —?“ fragte er, und in seiner Stimme war ein neuer Tön. „Also — vorerst jeder für sich!“ fuhr sie fort. Und da sein Gesicht die Enttäuschung seines Herzens nur zu deutlich wiederspiegelte, setzte sie leise hinzu: „Und mir traue ich zu, daß ich in absehbarer Zeit wieder eine Rolle übernehmen könnte-“ Bilderbogen . Kraft der Erde! Das\ Geschehen hat deutsche jüdische Menschen zurückgeführt zu jüdischem Sein. Alle, die noch ein Stückchen „Jüdisches“ in sich bewahrt haben, tasten sich behutsam zum Judentum zurück. Es ist Schicksal, Jahrhunderte hindurch — . und Trost zugleich. Und Deutschland, die deutsche Heimat? „Können wir uns schuldig sprechen, daß wir Deutschland lieben?“, hatte im Laufe des Gesprächs kürzlich ein. Freund zu mir gesagt. Schuldig müßten wir uns nur sprechen, wäre dies nicht mehr der Fall, auch nach allem, was wir erlebt haben. Manche haben die Heimat verlassen; da ihnen die Aussicht auf Lebensmöglichkeit genommen schien. Die meisten sind ihr treu geblieben. Denn die Heimat legt feine Fäden um ihre Menschen, Fäden, die zu Seilen werden, wenn sich die Menschen von ihr trennen und lösen wollen. Wenn draußen eine blanke Sonne die Szenerie der Heimat umgibt, wenn sich der Himmel des Frühsommers über Wälder, Äcker und Wiesen spannt, dann wissen wir deutlicher denn je, daß wir; dieses Stück Heimat nie und nimmer aus dem Herzen reißen können. Denn in dieser Erde wurzeln wir, aus ihr empfangen wir die Kräfte des Körpers und der Seele. Räumungs-Verkauf... Ich gehe durch die Straßen des Berliner Westens. Meine Augen bleiben an der Auslage einer Buchhandlung haften, vor der ein Regal mit antiquarischen Büchern steht. „Jeder Band 95 Pfennig*, verkündet eine Tafel. Obenauf liegen neue Bücher. Werke bekannter Schriftsteller. Ein Band von. Max Brod "fällt ins Auge, der 1932 erschienen ist. Der Band trägt noch den farbigen Umschlag- Streifen: Das neueste Werk des Dichters. ..ist hierfür auch der herabgesetzte Preis gemeint? - . Ich betrete den Laden. Hier Hegen auf einem Sondcrtisch viele Bücher, deren Erscheinen aus den letzten Jahren datiert. Fast alle bekannten Werke von Max Brod sind darunter. Es sind nicht ausschließlich Werke jüdischer Autoren, die angeboten - werden, aber ein Grollteil ist darunter. Einstiger Verkaufspreis 5 bis 9 Mark. „Haben Sie etwas von Jakob Wassermann dabei?“'frag« ich. — „Nein,“ meint der Verkäufer, „mit dem ist es noch nicht soweit!“ Immerhin ein kleiner Trost. Ei n B r i e f Briefe sind häufig geworden. Als Stimme derer, die fern _ der Heimat weilen, eilen sie durch fremde Länder zu den Angehörigen in deutsche Städte. Dokumente der Sehnsucht und des Schmerzes. Sie alle konnten die Liebe zu Deutschland nicht aus ihrem Herzen reißen und dort im Ausland erfüllt sie inmitten fremder Laute und fremden Lebens die Sehnsucht nach allem, was mit dem Begriff des Wortes .deutsch umwoben ist; nach .Worten der Muttersprache und deutschem Sem. ' Stellen aus einem Palästina-Brief kommen mir in den- Sinn-„Wenn wir aus dem Fenster nach der Oartehselte lehnen, können unsere Hände frische Orangen pflücken . . Abends sitzen wir oft vor dem Haus und singen hebräischo und meist deutsche Volkslieder '- . . Oestem gab es etwas ganz besonders „Heimatliches“ zum Mittagessen — nämlich Kartoffelpuffer-...' Unter Orangenhainen singt man deutsche Volkslieder