Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 38 (11.5.1934)
- Date
- 1934-05-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Berlin, 11. Mai 1934 Einzelnummer 20 Pt. zt Mrlin. gubcntom uwb rcltniöjen glufbnu Nr. 38 R^nf.S.i>r1ri-S Monatl!ch >>35 RM. zuzüglich Einzelnummer 0,20 RM. Abonnements werden bei allen Postämtern angenommen. Anzeigen nächlanf. — Bei Nichterscheinen infolge hLhr/f hoherer.-QeS?1t' besteht kd" Anspruch auf Nachlieferung oder Rückerstattung der entsprechenden BenicrcfwaVmhr^n r \ 14. Jahrgang -Herausgeber: Hanns Loewenstein _ Jüdisch-liberale Zeitung“ erscheint , —..—”-- erscnemt zweimal wöchentlich: Dienstag und Freitag Es war früher eine sehr verbreitete und zweifellos sehr schone und rührende Sitte, daß die Kinder eines Hauses nach dem Freitagabend-Gottesdienst zum Vater kamen, der ihnen die Hände aufs Haupt legte und sie segnete. Zuweilen, wenn der Vater nicht mehr so ganz fest in der alten Tradition stand oder ein Vater nicht mehr vorhanden war, übernahm der greise Großväter dieses heilige Amt, und dieser Segen blieb vielen Menschen unvergeßlich durch das ganze Leben, mochte man sich später zu Kultus und Rituale stellen, wie man wollte oder wie einen die Verhältnisse zwangen. Der Segensspruch wurde in hebräischer Sprache gespendet: nicht alle Kinder verstanden diese wunderbaren Worte: „Der Herr segne dich und behüte dich — der Ewige lasse dir Sein Antlitz le'üchten und ' sei.dir gnädig — der Ewige wende dir Sein Antlitz zu und gebe dir Frieden!“ Erst später verstanden..viele den Wortlaut .— manche Kinder, haben ihn nie verstehen gelernt, denn ihre hebräischen Sprachkenntnisse waren sehr minimal und wurden, nicht mehr geübt, bald gänzlich vergessen. Diejenigen aber, deren Beziehungen zum religiösen und traditionellen Judentum sich nicht vollständig oder nahezu vollständig gelöst hatten, behielten, zumindest den Klang der Worte im Ohr und wohl auch im Herzen. Das Hebräische, die Sprache des Gebetes' und des Segens, blieb eine heilige Sprache, und gerade dadurch, daß man sie so wenig beherrschte und verstand, eine mystische, geheimnisvolle, transzendentale Sprache. Mystik aber gehört zur Religion, die nie reine Verstandessache sein kann. . Wenn das Judentum in einer durch Jahrtausende geheiligten Tradition das Hebräische zu einer hei- Ligen Sprache, zur Sprache der Religion gemacht hatte, so war dies keineswegs willkürlich und aus irgend einer linguistischen Laune heraus geschehen. Das Hebräische hatte sich losgelöst aus dem Alltagsleben — bereits in sehr frühen Zeiten. Es ist bekannt, daß schon in der ersten Diaspora — immerhin also vor etwa mehr als zweieinhalbtausend Jahren — das Hebräische aus einer Volkssprache zu einer Kultsprache geworden war, zur Sprache der Priester und Schriftgel ehrten und — als solche erhielt sie sich auch — zur Sprache der Dichter. In der Dichtkunst waren'es ebenfalls meist religiöse Motive, die zu poetischer Verwendung des Hebräischen drängten. .... ■ Wie waT aber das uralte gesprochene Hebräisch? War es dasselbe, das heute in den Synagogen gehört wird? Kaum. Denn das Hebräisch in den Synagogen ist — was die Aussprache betrifft — keineswegs einheitlich. Das in Deutschland und auch zum Teil in anderen westlichen Staaten gesprochene Gebetbuchhebräisch -- um es so zu bezeichnen — ist anders als das der Ostjuden und wieder anders als das der Sefardim, das Sefardith, das auch von den Reformjuiien — auch nicht überall — angenommen wurde. Wie klingt das Hebräisch, das heute in Palästina gesprochen wird, das zionistische Hebräisch, wenn man so sagen darf, das durch eine Unzahl ganz neu gebildeter, der modernen Technik und Zivilisation entnommener und neu geschaffener Worte und Wort-, formen ständig ergänzt wird? Durch Worte, die auch neue Wortstämme haben müssen, denn im alten Hebräisch gibt es und kann es natürlich keine Urworte geben, aus denen alle neuzeitlichen Ausdrücke umgebildet werden können. ... . Von der Forderung, an ■ Stelle der hebräischenüberhaupt die deutsche Gebetssprache einzuführen, soll hier nicht die Rede sein. Ob es nicht angebrachter wäre, durch guten Übersetzungsunterricht die Hauptgebete auch in der Vätersprache verständlich zu machen, das sollen die jüdischen Theologen und Pädagogen unter sich ausmachen und entscheiden. Aber das Wort Vät e rs p r a ch e sollen sie mir „lassen stahn!“ Es war durch mindestens zwei Jahr- Die „Jüdisch-liberale Zeitung" erscheint Dienstags Reda.ktion u"d Geschäftsstelle: oerlin - Charlottenburg 4, Aloimnsenstraüc 40. _ rernruf: J 6 Bleibt reu Sammelnummer 1545. — Bankverbindung: Kreditverein für Handel und Gewerbe e.. G. m b. H., Berlin N 24. - Postscheck- Konto: „Jüdisch-liberale Zeitung“, Berlin 227 64. tausende die heilige Sprache der Väter, vor der alle vorigen Generationen Ehrfurcht empfanden. Mau weiß es nicht mehr — bis auf Ausnahmen — daß unsere Vater oder Großväter jedes Stückchen Papier, auf dem hebräische 'Buchstahcn standen, mit einer gewissen Ehrfurcht behandelt hatten. Auch gebildete Leute taten das. Man machte sich keine philologischen und etymologischen Gedanken über das Woher und Wieso der Heiligkeit der Sprache, in der die Thora vorgelesen und in der zuGott gebetet wurdet Es war eben die Loschaun Hakaudesch, die heilige Sprache, die als heilig galt und heilig klang; auch dann — und wieder aus mystisch-metaphysischen Ursachen — wenn man sie nicht verstand. Der Väter Sprache! Etwas wesentlich anderes ist es um die Mutters-prache." Sie hat nichts Mystisches, so sehr sie auch vom Herzen kommt* und (Fortsetzung auf der 2. Seite.) Repräsentanten Versammlung beschließt: Keine Gemeindewahlen in Berlin Amtsdauer um zwei Jahre verlängert Der Repräsentantenversammlnng, die am vergangenen Dienstag,im Gemeindthaus in der Oranienburger Straße slattfand, tag ein Beschluss des Gemeindevorstands über Abänderung des Gemeindestatuts vor, der sich auf eine Verlängerung^der Amtsdauer der j Mitglieder der Repräsentantent^rsammlnng. and des Gemeindevorstandes nm zwei Jahre erstreckt. Die Vorlage wurde in .erster und zweiter Lesung mit überwiegender Mehrheit angenommen. In Berlin finden somit, ebenso wie in Dresden and Frankfurt am Main, erfreulicherweise keine aemdndewahlen statt. Der Beschluss der Repräsentanlenversammlnng bedarf noch der Zustimmung.der Aufsichtsbehörde. Wir werden ins In der nächsten Nummer unseres Blattes noch ausführlich mit der durch diese bedeutsame Entscheidung bcrbelgeführten Sifnatfon tu befassen heben. Ein Aufruf von Dr. Swarsensky und Dr. Prinz Für das jüdische Elternhilfswerk Die Berliner Rabbiner Dr. Joachim P r i n z und Dr. Manfred Swarsensky erlassen zugunsten des E11 o r n h »I f s - werks für die deutsche Jugend, das durch^ Zusammenschluß jüdischer Eltern in Berlin diesen die .bofge* um -Erziehung und Ausbildung ihrer Kinder tn gemeinsamer Arbeit mit den bestehenden am Erziehungs- und Bildungswesen beteiligten jüdischen Institutionen erleichtern will, folgenden Aufruf: . . E11 c r n h i 1 f s w e r k , geschaffen von verantwortungsbewußten Vätern und Müttern, um mit den vereinten Kräften der Eltern unserer Jugend — sei es in den jüdischen oder m den -allgemeinen Schulen —■ die Entfaltung ihrer Anlagen zu gewährleisten, sie vor Verkümmerung zu bewahren. - E 11 e r n h i 1 f s w e r k , begründet, um Eltern und Kindern zur Seite zu stehen, die zu den aufrüttelnden Erlebnissen der Gegenwart noch keine klare Haltung zu finden wußten, noch nicht zur Erkenntnis ihres Eigenwertes gekommen sind! Ettcrnhilfswerk, errichtet zur Forderung des jüdischen Schulwerks, dessen Ausgestaltung zum Kern des jüdischen Bildungswesens der freiwilligen Mitarbeit der Eltern bedarf! - , . E 11 e r n h i l.f s w e r k , getragen vom warmherzigen Verständnis gemeinsamen Elternerlebnisses, von dem aus es zur selbstverständlichen Pflicht wird, reich beanlagte junge Menschen davor zu behüten, daß mangels geringer Barmittel ihre natürliche Entwicklung gewaltsam unterbrochen wird. .Dieses Elternhilfswerk, das vom ersten Tage seines Bestehens stille und treue Arbeit geleistet hat, dem schon heute viele junge Menschen und ihre Eltern in herzlicher Dankbarkeit sich verbündet fühlen, ist i n G e f a h r . warum. Weil der A p p e 11 a n d i e j ü d isc h c n E 1t e r n , mit dem „eringen Mindestbetrag von jährlich 4 Mark als Mitglied beizutreten, noch nicht den Widerhall gefunden hat, der notwendige Voraussetzung ist zur Bewältigung der grollen Aufgabe. Der Opferwille jüdischer Eltern versagt, wo es sich um das Höchste und Heiligste handelt. So werden Tragheit und Gedankenlosigkeit zur Gefahr! Jüdische Eitern aller Richtungen: Tretet dem Elternhilfswerk bei, ohne jede Ausnähme! Dort mitarbeiten heißt Mitwirken am Bau des neuen Judentums^^^.^k „Elternhilfswerks für die jüdische lugend e. V." befindet sich in Berlin-Charlottenburg 2, Kantstraße 158, Gth. II. Beiträge werden auf Postscheckkonto Berlin Nr. 790 68, Hugo Midas Elternhilfswerk, Berlin -SO 36, erbeten. Gefängnis wegen Schächtens . Breslau. Vor dem hiesigen Schöffengericht wurde der aus Polen stammende 65 Jahre alte Qeflügelhändlcr Kurzbacli wegen Vergehens gegen das Schächtverbot zu drei Monaten G e fä n g n is verurteilt. Es wurde festgestellt, daß 6er Angeklagte vor den jüdischen Feiertagen große Mengen von Geflügel getötet hat; Jährlich nur noch fßnf neue __ ‘ Rechtsanwaltslizenzen in Palästina Nach den Aerzten die Anwälte Jerusalem. Die Palästinaregierung plant: die Zulassung zur Ausübung des Rcchtsanwaltberiiis in Palästina einzuschränken., Wie die JTA erfährt, wird beabsichtigt, jährlich nur noch fünf neue Rccbtsanwaltslizcnz.cn auszugeben. Man erwartet, daß die neuen einschränkenden Bestimmungen im September in Kraft 'treten werden— Die Jewisli Agency hatmit den an dieser Frage interessierten Organisationen Fühhiug genommen und beabsichtigt, bei der Palästinaregierung Vorstellungen zu erheben, da durch die neuen Bestimmungen vor allein nach Palästina eJnw an dem de deutsche Juden betroffen werden würden.. Der jüdische Juristenvcrhand Palästinas hat sich entschieden gegen die Einführung einer (Juote im Rechtsanwalts- ■ beruf ausgesprochen. Drohbriefe an jüdische Kaufleute Saloniki. In Saloniki und in den benachbarten Städten., nimmt der Terror der faschistischen Gruppe EEE immer krassere Formenan. Zahlreiche jüdische Kaufleutc in Saloniki erhielten Bri-efe, in denen sic aufgefordert werden, aus Griechenland z u verschwinden, sonst würden sie dem Tode verfallen, ln einigen dieser Briefe^ wird den Empfängern eine Frist von 48 Stunden zum Verlagen des Landes gestellt. Der jüdische Kaufmann Carasso, 'der einen solchen Brief erhielt, brachte eine Klage gegen unbekannte Täter ein, Hin die Einleitung eines gerichtlichen Verfahrens herbeizuführen. . Vergessen Sie nicht die Einlösung " der Abonnements - Quittung für Juni. - — Nur pünktliche Einlösung sichert regelmäßige Zustellung der „lOdlsdi-imerolcn Zeitung“.