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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-05-08 · 37 (8.5.1934) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
37 (8.5.1934)
Date
1934-05-08
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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nicht allem und in erster Linie aus einem religiösen heraus zu verstehen, sondern aus einem Gemeinschaftsgefühl heraus. Das ist durchaus wichtig, aber aus diesem Sohdantätsgefühl muß sich die Form neuer Religion herausbilden. Judentum bedeutet nicht, Orangenplantagen, anzulegen und Straßen zu bauen. Wir wollen die Menschen nicht zu hellemsiertem Judentum erziehen. Aufgabe des religiösen Liberalismus ist es, die Möglichkeiten der Zeit auszunutzen. Der alte politische Liberalismus ist draußen in der Welt zu Ende, aber de_r religiöse wird neu entstehen. Wenn der jüdische Liberalismus das begreift, dann hat er die Zukunft/* Einen wirkungsvollen Rahmen für den mit Verständnis und Beifall aufgenommenen Vortrag, dem sich Dankesworte des Landgerichtsrats i. R. Dr.’Martin Lesser anschlossen,* bildeten die gesanglichen Darbietungen von Frau Erna Alexander, die von Herrn Martin Epstein begleitet wurde. Nationalgott? Eine Bibelstelle in schwedischem Licht Optimistin zu 99 Prozent Besuch bei Eugenie Mayer-Alapin Frankfurt a. Main, im Mai. Dfe jüdischen Zeitungen haben ■ sich ihrer erst jetzt wieder erinnert, als sie 75 Jahre alt wurde. In der stillen, grünen Straße, die von dem Promenadengürtel des älteren Frankfurt a. Main ausgeht, lebt sie in einer Parterrestube, in der sich gepflegte Vergangenheit und geliebte Gegenwart freundlich begegnen. Ein milder Gewitterregen schließt uns beide von den grünen Büschen vorm Fenster ab — aber in der Stube selbst spürt man’s noch, daß tags zuvor Geburtstag war: Eugenie Mayer-Alapin ist 75 Jahre alt geworden. Die Tulpen auf dem Tischchen, der Flieder am Fenster, Rosen im Glas und der Schreibtisch voll Pralinenschachteln behaupten es. Den Geburtstag will ichja auch glauben. Es ist sehr hübsch, wenn, man gerade am 1. Mai auf die Welt kam — es blüht draußen und in der Stube! Aber die 75 Jahre? Da vor mir sitzt eine kleine Frau, deren Haar noch nicht vollweiß 'ist, der man das schöne Schwarz von einst nicht nur aus den brennenden, eindringlichen Augen absieht. Da sitzt eine Dame im Besuchskleid, mit 'dem alten Schmuck der üppigen Tage angetan, bietet mir die russische Zigarette zierlich im silbernen Ständer, bedient sich selbst, raucht mit mir („die Friedenspfeife“, sägt sie und lacht mich an) — sie glaubt noch nicht so recht, daß das wirklich und wahrhaftig ein Interview sein soll. Wir kennen uns doch schließlich aus manchem Nachmittag in der.Frankfurt-Loge! Es wird auch kein Interview. Dazu müßte Frau Mayer- Alapin viel älter sein! Aber es wird eine Begegnung mit dem Optimismus. Es wird ein Schauen in die Kräfte des jüdischen Herzens, die sie nicht müde werden lassen, auch im hohen Alter, nicht. - Eugenie Maver-AIapin: ist das lebendige Glied in einer Ketter hoher jüdischer Familientradition. Ihre Tante Pauline Wengeroff hat in den „Memoiren einer Großmutter“ das Elternhaus geschildert, aus . dem die Mutter von Eugenie Mayer-Alapin hervorging (ihr Bruder war der Weltschachmeister Alapin), und die Jugend von der sie erzählt, war in ihrem Anfang gesegnet vom Geiste jüdischer Menschen, vom Glanz jüdischer Feste und der stillen Frömmigkeit, die den Nächsten in Liehe mit umfängt. Später, in der Schule in Petersburg, im Pensionat, in der früh geschlossenen ersten Ehe war’s Rußland, das den jungen Menschen prägte. . Und wie wir plaudern, leichthin, da und dorthin gleitend, mischt die' Erinnerung ein russisches Puschkin-Zitat und sanft gesagte französische Sätze in das ein wenig hart gesprochene Deutsch. Aber die Grazie dieser Mischung hat ein eigenes Gesicht, das Gesicht der lächelnden Fünfundsiebzigerin, die ihren Lebensweg dornig nennt. Und trotz aller Dornen — „Ich bin zu 993/4<>/o Optimistin!“ erklärt sie, und auch die Bitterkeiten der letzten Zeit, alles Schwere, das sie in nächster Nähe, an liebsten Menschen miterfuhr, hat sie dieses Bekenntnis nicht vergessen lassen. Eine jüdische Frau sitzt da, eine Bekennerin voll Glut und Glauben. Sie hat alles gelesen, was von deutschen Juden zu den Ereignissen des Jahres 1933 gesagt worden ■ist; sie stimmt denen zu, die des Judentums Sendung und Dauer darlegen. Sie lebt in dieser Zeit — die Vergangenheit ist blaß geworden; gegenüber'den Tragödien des Tages, „die man nicht vergessen kann“, verbleicht der Glanz froher und behaglicher Jahre. „Gewohnheit ist ein Ersatz fürdas Glück“, zitiert sie Puschkin auf russisch. Weich und wehmütig klingen , die fremden Laute, klingen wie ein Lied, von dem man weiß, auch wenn man es nicht versteht. Und da reden wir auf einmal vom - Wissenwollen und Fühlenkönnen. Sie deutet die Verse Jehuda Halevis an, die das letzte Wissen ein verschlossenes Tor nennen — das öffnet sich erst in der letzten Stunde — — Eine Frau, die so spricht, hat Musik, in sich — 'und Musik ist das eigentliche Leben Eugenie Mayer-Alapins gewesen. Sie war einmal eine treffliche Pianistin — jetzt sieht sie wehmütig auf die beiden weißen Hände, deren Rechte die zwei glatten Ehereife und ein schimmernder, heute noch bräutlich glänzender schmücken; sie sind jetzt kraftlos, diese Hände, sie. können die Tasten nicht mehr greifen,, aber-man sieht es ihnen an, daß die Künstlerschaft besaßen. Wir plaudern — hierhin, dorthin. Sie spricht yon Lieblipgsbüchem, von Studien der .Werke Sigmund Freuds, kommt auf gemeinsame Freunde zu sprechen — ein Verwandter von ihr war mein Lehrer — Rabbiner Dr. Seligmann — und am Ende halten wir wieder beim Journalismus. „J’ai un faible pour Ie journalisme!“ erklärt sie, und erklärt es schön: sie liebt die Menschen, die aus dem Geschauten, Gehörten, dem Zufälligen das Eigene erfassen, es sich zum „Er-Eignis“ machen, die sich selbst in ihre Berichte zu schreiben vermögen. Von der Objektivität hält sie glücklicherweise nicht viel. Der Regen plaudert nichtmehr — ich drücke die Zigarette aus, kämpfe einen tapferen Kampf gegen die Pralinen und die gute Gastlichkeit dieser lieben alten Frau, die so jung Der „Völkische Beobachter“ brachte kürzlich einen Bericht über einen Artikel der schwedischen Zeitung „Nva Dagligt Allehanda“, der sich mit der Judenfrage beschäftigt - und in deutlicher Form gegen die Juden Stellung nimmt. Insoweit in diesem. Artikel .politische Argumente geltem! gemacht werden, wird es nicht angebracht sein, auf ihre Wiedergabe im „Völkischen Beobachter“ einzugehen. Aber es ist in diesem Artikel ein Punkt, auf den man im Augenblick vielleicht besser antworten kann als in frühereu Tagen, weil gerade ein starkes Eigenbewiilitsein Verständnis für ein anderes Eigenbewußtsein haben wird und dessen besondere Tonung und Färbung. Es Wird auf 5. B. M. cap. 7 Vers 6—10 verwiesen, und dem hmzugefügt: „Hier sehen wir den jüdischen Nationalgott und deii jüdischen Nationalismus in seiner ursprünglichen Hartheit. Der hat die Juden gegenüber allen Verfolgungen und widrigen Schicksalen gestählt. Doch der hat sie auch in großem Umfange unbarmherzig und sich selbst'vergötternd gemacht.“ Jene Verse besagen in ihrem vollen Wortlaut: . „Denn ein heiliges Volk hist du IHM. deinem G ute, dich erwählte ER, dein Gott,- ihm ein Volk des Eigentums zu sein atts alten Völkern, die auf dem Angesicht der Erde ■ sind. .Wicht weil ihr zahlreicher seid als alle Völker hat Gott Wohlgefallen an euch gefunden and euch erwählt, denn ihr seid das Geringste unter allen Völkern; sondern weil er euch liebt und. weil er den Schwur Wahrt, den er euren Vätern zuschwor, führte Gott euch heraus mit starker Hand, hat er dich erlöst aus dem Sklavenhaus, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten. So wisse, dafl ER, dein Gott, der Gott ist, der treue Gott, der den . Bund und die Huld wahrt denen, die ihn liehen und seine Gebote wahren in tausend Geschlechter; aber vergeltend seinen Hassern ins Angesicht, ihn zu vernichten; nicht zögert er seinem Hasser, ins Angesicht vergilt er ihm." So die Verse. Sie sind eine der markanten Stellen der Bibel, die dein Gedanken der Erwählung Ausdruck geben. Es wird also auf das Mißverständnis nur damit zu erwidern möglich sein, daß man den Begriff der Erwählung und ihren Sinn so umreißt, wie er in Wahrheit zu verstehen ist. Vorher aber wird man darauf himveisen müssen, daß ein wesentlicher Grund der schiefen Auffassung, die „Nya Dagligt Allehanda“ hat, der ist, daß sie anscheinend das „seine“ bei dem Ausdruck seine Hasser auf Israel bezieht, während es ganz offensichtlich und über jeden Zweifel erhaben sich auf Gott bezieht, daß Strafe angedroht ist denen, die Gott hassen, und Huld denen, die Gott lieben. Welches ist der Sinn dör Erwählung Israels? Sie gibt Israel nicht ein höheres* Maß von Rechten, eine Sonderstellung Gott gegenüber, sondern sie weist ihm im Gegenteil ein höheres Maß von Pflichten, eine starke Verantwortlichkeit für die Weit und die Ausbreitung der sittlichen Idee zu, bürdet ihm eine größere Menge gegen sich selbst auf. Klassisch hat es der Prophet Amos formuliert, als er kündete (3, 2): „euch habe ich erkannt aus allen Geschlechtern der Erde, darum ahnde ich an euch alle eure Sünden.“ Niemals wird die Erwählung hingestellt als ein Absolutes, ein für alle Mal -und immer Gültiges, sondern sie wird stets abhängig gemacht von Israels Treue und Redlichkeit, von seinem Gehorsam gegen Gottes Gebot. „Und nur, wenn ihr "auf meine Stimme hört und meinen Bund bewahrt, sollt ihr mir ein Eigentum sein .unter allen Völkern.“ in eben den Versen, die dem schwedischen Blatt ein Stein des Anstoßes sind, ist mit betonter Deutlichkeit die Erhaltung Israels abhängig gemacht von seiner sittlichen Haltung. Unzählig ist der Chor der Stimmen aus dem nachbiblischen, dem rabbinischen Schrifttum, die alle vereint darin einstimmen, daß'jene Erwählung nie eine: Ausschließlichkeit . des Verhältnisses zu Gott bedeutet, sondern daß vor Gott jeder dem anderen gleich und gleich wert ist. Aber mm handelt es sich ja gar nicht mehr mn den ganzen Komplex des Themas „Erwählung". Hier wird man gerade von den Menschen des Umbruchs unserer Tage sogar än reiferes und besseres Versteifen erwarten durteit. Wer selbst fühlt und des Glaubens lebt, daß ihm von Ciott eine Sendung aufgetragen ist und 'daß diese Sendung der Sinn des Lebens eines Volkes »st, wird verstehen, wenn auch ein anderer sich in einem Auftrag imd einer Sendung Gottes fühlt, noch dazu, wenn diese_Seiuhmg, uncl das ist ja der Sinn von Israels’. Erwählung, nicht einen völkischen, sondern einen religiösen Inhalt hat. Worum es in diesem Zusammenhang geht, ist der Hinweis darauf, dalt in jenen Versen der Bibel aber auch keine Spur Iler Möglichkeit einer Ausdeutung dafür ist, da» diese Erwählung Israels „unbarmherzig und ~—1 sich selbst vergötternd“ machte. Was die Selbstvergöttenmg anhmgt, so wird gesagt, dall es zu einem Stolz auf sich selbst gar aber auch-gar keine Veranlassung hat. Es ist nicht groll, im Gegenteil, cs ist das kleinste Völkchen. Es hat Rein Verdienst, um desscntwillen Gott es lieraushebcit wollte. Wollte mau grad im Anschlull daran fragen: aber warum daun die Sendung?, warum die Uiiadc?, dann imilltc man die ganze Krage der „Onadeuwahl“ anfechteii. Nichts wäre so geeignet, einen StQlz Israels und eine Überheblichkeit.so zu dämpfen, wie jene Bibelycrse. Alles ist auf die Gnade Gottes-gestellt, seine Liebe, die jede Sekunde wieder entzogen werden kann, — wie ja in der Geschichte oft genug die Tage des Zornes mul der strafenden Vernichtung Gottes waren. Man könnte sich die Erwählung rationalistisch so darstellen, dnil sie nur der Ausdruck der Tatsache ist, da» in einer bestimmten Stunde der Weltgeschichte nur Israel die Erkenntnis des einen Gottes hatte, nur Israel von dieser Erleuchtung sich erhellen liell. Aber nichts Rationalistisches soll die einfache- Wucht jener Verse uhschwüchcn, die alles auf-Gott stellen. Es findet sich in - diesen Versen auch nichts, das einen Schlul! zulielic, da» Israel „unbarmherzig“ sei. y Bleibt nun die Frage: „Nationalgott?“ J>as schwedische Blatt sagt, hier offenbart sieb der Nationalgott Israels. Ein Nationalgott wäre ein Gott, der sieh n u r-u m ciu Volk kümmert, mir zu ihm gehört, dem umgekehrt nur dieses Volk zu eigen ist. Hier aber offenbart sich ein Gott, der auf alle Völker -sein Auge hat, dem alle Völker zugehören und der allen Völkern zugehört, und der hier eine Gruppe* mit eine? Sendung begabt, nicht um ihrer willen, sondern umder Welt willen, zur Welt hin. Also das gerade Gegenteil— des Nationalgott cs. Ein Nationalgott hält durch dick und dünn zu seinem Volk, oh es im Recht oder im Unrecht ist, der Gott, der hier verkündet wird, vergilt auch dem ii> Israel, „der ihn haßt“ ins Angesicht. Man braucht sich nicht zu scheuen, zu sagen; daß es auch in Israel Zeiten gegeben hat; in denen manche millverstäudUcU Gott als ihren Nationalgott erfaßten. Gegen s i e_\\;andte sich die ganze Schärfe der geistigen Führer in Israel—schon in biblischer Zeit, uhd in naclibiblischer ist ein voller, hoch ankliiigcndcr Chor der - Stimmen, diedagCgen ansclireien, und solch eine Auffassung als die Läugnung Gottes, die Läugiiung seiner Erhabenheit und Allgültigkeit geißeln. Wo ist ein Nationalgott denkbar, wenn das heilige Buch mit der Schöpfung der ganzen \V eit durch diesen Gott beginnt? . — Ein Wort ist in dem Aufsatz richtig, aber auch nur zu einem Teil. „Der hat die Juden gegenüber allen Verfolgungen und widrigen Schicksalen gestählt.“ Wenn “sich das auf «len „Nationalgott“ bezieht, dann istes falsch, denn den gibt es nicht. Aber rein auf Gott bezogen, ist der Satz richtig. Der Glaube an Gott und seine Verheißung, der Glaube an die Israel von Gott übertragene Aufgabe, der Glaube an-Gottes Liebe, der_alle Sünde und allen Abfall dem reuig Wiederkehrenden verzeiht, der hat in Wahrheit Israel in allen widrigen Schicksalen gestählt. Oibt-es eine Zeit, in der man als Jude ohne ihn leben könnte? ist wie kaum manche von dreißig. Zwischen Blumen und mit dem Geschenk vieler guter Worte nehme ich Abschied von dieser „jungen“ Optimistin. Jhre Mutter durfte den 96. Geburtstag feiern. Eugenie Mayer- Alapin .wünsche ich, daß sich das verschlossene Tor des Wissens noch lange nicht für sie öffnet. Noch solange nicht, als sie denen, die zu ihr kommen, zu geben hat, was ihr eignet:. von der Kraft ihres Herzens, von der Glut ihres Judentums und von der strahlenden Zuversicht zum Guten. Dr. Martha Wertheimer. fEtorgcngcbcf eines Arztes Die nachfolgenden, von tiefer Demut und inbrünstiger Frömmigkeit erfüllten Worte, die wir der Frankfurter Zeitung entnehmen, wurden früher dem jüdischen Philosophen und Mischnakommeniator Maimonuics zage schrieben. Wach neueren Forschungen gilt jedoch der berühmte Berliner Arzt Dr. Markus Herz, der Gatte der Henriette Herz, der Begründerin der Berliner Salons, als Autor. Allgütiger, Du hast des Menschen Leib voller Weisheit gebildet. Zetmtausendmal zehntausend'Werkzeuge hast Du iii ihm vereint, die unablässig tätig sind, um das schöne Ganze, die Hälfte der Unsterblichen, zu erhalten und zu ernähren. Immerdar sind sie still beschäftigt, voller Ordnung, Übereinstimmung und Eintracht. Aber wenn die Gebrechlichkeit des. Stoffes, oder die Zügellosigkeit der Leidenschaften diese Ordnung, diese Eintracht unterbricht, so geraten diese Kräfte in einen Widerstreit und der Leib zerfällt in seinen Urstaub. Du sendest dann dem Menschen die wohltätigen Boten, die Krankheiten, die ihm die nahende Gefahr verkünden, und ihn treiben, sie in Zeit abzuwenden. , Deine Erde, Deine Ströme, Deine Berge hast Du mit heilsamen Stoffen geschwängert, die Deiner Geschöpfe Leiden zu mildem und ihren Untergang abzuhelfen vermögen. Und dem Menschen hast Du Weisheit erteilet, des Menschen Leib zu lösen und sein Gewerk in Ordnung und Unordnung zu erkennen; auch jenen Stoff aus ihren Behältnissen hervorzuarbeiten; ihre Tugenden zu erforschen, und einem jeden Übel gemäß sie zuzubereiten und anzuwenden. Auch mich hat Deine ewige Vorsicht erkoren, über Leben und Gesundheit Deiner Geschöpfe zu wachen. Ich schicke mich nun an zu meinem Berufe. Stehe mir bei, Allgütiger,' in diesem großen Geschäfte, daß es fromme; denn ohne Deinen Beistand frommt ja dem Menschen auch das Kleinste nicht! Laß Liebe zur Kunst- und Deinen Geschöpfen mich ganz beseelen. Gib es nicht zu, daß Durst nach Gewinn, Ruhm oder Ansehen sich in meinen Betrieb mische! Denn diese sind der Wahrheit und der Menschenliebe feind, und sie könnten mich irreleiten in dem großen Geschäfte, Deinen Geschöpfen wohl zu tun. Erhalte die Kräfte meines Körpers und meiner Seele aufrecht,- daß unverdrossen sic immerdar bereit seien, dem Reichen und dem Armen, dem Guten und dem Bösen, dem Freund und dem Feind. Laß’ im Leidenden stets mich nur den Menschen sehen. Es ist ein Mensch!' Und Du-schaffst und erhältst ja auch den Menschen, den Reichen und den Armen, den Guten und den Bösen, den Freund und Feindin Erhalte-meinen Verstand gesund und schlicht, daß er das*" Gegenwärtige fasse, und das Abwesende richtig vermute. Laß' ihm nicht hinuntersinken, daß er nicht das Sichtbare versiebet; auch nicht zu sehr hinüber sich versteigert, daß er nicht sichet, was nicht zu sehen. Denn fein und unmerklich ist hier-die - Grenze in der großen Kunst,_ Deiner Geschöpfe Leben und .Gesundheit zu warten. Laß’ meinen Oeist immerdar sich selbst sein. Am. Bette des Leidenden müssen keine fremden Dinge seine Acht ihm rauben. Laß’ alles, was Erfahrung-und Nachdenken in ihm aufzeichnet, ihm' gegenwärtig sein, und nichts ihn in seinen stillen Arbeiten stören; denn groß und heilig sind die stillen Arbeiten, Deinen Geschöpfen Leben upd Gesundheit zu erhalten. Verleihe meinen Kranken Zutraun zu mir und zu meiner Kunst, und Folgsamkeit zu meinen Ratgcbungen. Verbanne -von ihrem Lager alle Afterärzte, und das ganze Heer von ratgebenden Verwandten und überweisen Wärterinnen; denn es ist ein grausames Volk, das aus Eitelkeit dje besten Werke der Kunst vernichtet, und oft Deinen Geschöpfen durch seine falschen Ratschläge den Tod aufdringt. Wenn weisere Künstler mich bessern und zurechtweisen wollen, laß’ meinen Geist dankbar- und folgsam sein; denn der Umfang der Kunst ist groß, und keiner sicht, was jeder sieht- Aber wenn unweise Eingebildete mich tadeln, so laß’ Kunstliebe ganz ihn stählen, daß er Ruhm und alles nicht achtend, aut die*gefühlte Wahrheit beharre; denn Nachgeben ist fiier Tod und Krankheit Deiner Geschöpfe! Verleihe meinem Geiste Sanftmut und Duldsamkeit, wenn ältere Mitkünstler, stolz auf Jahreszahl, mich immerdar verdrängen und höhnen, und höhnend mich bessern .wollen. Laß’ ihr Gutes mir vorteilen, denn sic wissen mancherlei ' (imd. weise, können sie vieles wissen), was mir noch fremd Ist; aber ihren Dünkel lall’ mich nicht kränken; denn sie sind alt und das Aller ist der Leidenschaften nich.t Meister . . . und ich hoffe auch-aut Erden alt zu werden, Allgütiger! Schenke mir in allem Genügsamkeit,, nur in der grolien-K-imst •nicht. Laß’ nie den Gedanken m mir erwachen, du. hast des. Wissens genug; sondern verleihe mir.Kräfte, Mulle und Trieb, meine Kenntnisse immerdar zu berichtigen und neue, mir zu erwerben. Die Kunst ist groß, aber auch des Menschen Verstand ist dem Menschen nicht unfaßbar. Er dringt immer weiter. In meinem gestrigen Wissen entdeckt er heute der Irrtümer viel, und mein heutiges findet er wohl morgen voller Fehl! — Allgütigerl Du hast mich erkoren, über Leben und Tod Deiner Geschöpfe zu wachen. Ich schicke mich nun an zu meinem Berufe. Steh mir bei in diesem großen Geschäfte, daß es fromme; denn ohne Deinen Beistand frommt dem Menschen ja auch das Kleinste nicht! _•

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