Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 21 (13.3.1934)
- Date
- 1934-03-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Es wird gemeldet: Nach einer Mitteilung der Leitung des Agrarpolitischen « Amtes des Gaues Groß-Berlin der NSDAP, die die „Märkische Volkszeitung'’ veröffentlicht, tvird an den Bewerber um Stadtrandsiedlungen neben seiner politischen Zuverlässigkeit noch der Anspruch gestellt, daß er ebenso wie seine Frau arischer Abstammung sein muß. Wie aus den jetzt bekannt gewordenen näheren Durchführungsbestimmungen für den halbjährigen studentischen Arbeitsdienst in der Zeit vom 5. Mai bis 25. Oktober hcryorgcht, sind Ausländer und Nichtarier von der Teilnahme am Dicnsthalbjahr ausgeschlossen. Nach einer Meldung aus Wien beabsichtigt die dortige jüdische.Kunststelle, einen Kulturbund ins Leben Zurufen, der. sich in Vertreter der Literatur, Kunst, Musik und Wissenschaft vereinigen soll. Wie der „Bau-Kurier“ mitteilt, müssen in Zukunft sämtliche Bauunternehmer in Kassel, die sich an öffentlichen Ausschreibungen beteiligen wollen, Nachweis ihrer arischen Abstammung beibringen. Olrne diesen Nachweis ist es nicht mehr möglich, öffentliche Arbeiten zu bekommen. Der Allgemeine Deutsche Sprachverein hat eine Satzungsänderung vorgenommen, die dahin geht, daß „Mitglied werden kann, wer zur deutschen Volks¬ und Sprachgemeinschaft gehört“. Der Ccntral-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens ist aus dem Sprachverein ausgeschieden. vereine zahlreiche prominente Spieler, darunter auch mehrfache Meister, zusammengeschlossen haben, sind Bestrebungen im Gang, in einer ganzen Reihe von Städten Schachklubs 7.1t schaffen, die später in einem Jüdischen Sc hach bund für Deutschland zusammengeschlossen werden sollen. Wie aus Rom gemeldet wird,'wurden in der letzten Sitzung des Obersten Rates der faschistischen Partei in die Liste der Personen, denen die Abgeordnetenwürde zugedacht ist, auch vier Juden als Kandidaten zum italienischen Parlament aufgenommen, und zwar der Industrielle und Wirtschaftsfachmann . Aino Olivetti, der Wirtschaftstheoretiker Gino Anas, der Industrielle Riccardo Luzzatti, ein Venvandter des verstorbenen Staatsmannes Luigi Luzzatti, und-' Giuseppe Pavonchelli, ein bekannter ,Großkaufmann. Unter der Überschrift „Deutsche Ärzte überschwemmen Indien“ berichten die „Times“ aus Bombay, daß die britisch-indische Ärzteorganisation die Regierung gebeten hätte, die Zuwandening fremder Ärzte einzuschränken, nachdem in'der letzten Zeit ungefähr vierzig jüdische Ärzteaus Deutschland nach Indien eingewandert seien. Im irischen Parlament verteidigte sich der Regierungschef de Valera gegen Angriffe, die gegen ,ihn gerichtet wurden, u. a. mit folgenden Worten: „Man glaubt, mich schwer zu treffen, wenn man behauptet, ich sei jüdischer Abstammung. "Mir persönlich ist es gleichgültig, was man über mich sagt, es ist aber Tatsache: in meinen Adern fließt kein Tropfen jüdischen Blutes. Weit davon entfernt, etwas gegen die Juden sagen zu wollen, erkläre ich, daß ich väterlicherwie mütterlicherseits von Katholiken abstamme.“ Wie aus dem soeben erschienenen Jahresbericht für 1933 des Verbandes der jüdischen Kriegsteilnehmer in Bulgarien hervorgeht, sind im Balkänkrieg und im Weltkrieg auf der Seite Bulgariens S69 Juden gefallen; davon-waren 33 Offiziere, 47 Unteroffiziere und 789 Soldatem Diese Ziffern sind indessen nicht vollständig, da einige Gemeinden noch nicht die Zahl ihrer gefallenen Gemeindemitglieder angegeben haben. Auf Anordnung der Reichsfilmkammer Der neue Bergner-Film verboten Der Präsiden1 r Rcichsfilmkammer hat Vorsorge j t Elisabeth Bergner in der Titelrolle ....x die Große’ . nicht mehr stättfinden. Über die Gründe, die zur Absetzung des Films geführt haben teilt DNB mit: „Donnerstag abend fand im „Capitol am Zoo“ die deutsche Uraufführung des in England hergcstcllten Films „Katharina die Grolle“ statt, m dem die Hauptrolle die jüdische Schauspielerin Elisabeth Bergner spielt, und in dem ferner der jüdische Regisseur Paul Czinner die Regie führt, der ebenso wie seine Frau Elisabeth Bergner im vorigen Jahr aus Deutschland ausgewandert ist. Das Publikum nahm gegen den. Film eine außeror. In der. Tageszeitung der Deutschen Arbeitsfront „Der Deutsche“ werden die Vorfälle bei der Uraufführung folgendermaßen geschildert: „Was gekommen ist, mußte kommen. Schon zur ersten Vorstellung um 7 Uhr versammelten sich vor dem- „Capitol" einige hundert Volksgenossen, um zu sehen, ob der Film tatsächlich laufen würde. Nach Schluß der, ersten. Aufführung, die in aller Ruhe vor sich ging, wuchs die protestierende Menge auf etwa 1000 Köpfe an, die die zahlreich eingesetzte "Schupo vergebens in die Nebenstraßen abzudrängen versuchte. Die Menge sammelte sich gegenüber auf den Treppen der Gedächtniskirche und gab in Sprechchören ihrer Stellungnahme eindeutigen Ausdruck. „Wir wollen keine Juden!” schwillt der Pjotest an. SA-Gruppenfüiirer Ernst erscheint persönlich mit seinem Stab und sucht die Demonstranten zum Abmarsch zu hewegeu. Aber erst, als er bekanntgibt, daß der Film „Katharina die Große“ vom Chef des Sicherheitsdienstes verboten wird, beruhigt sich die Menge. Unter kräftigem „Sieg Heil!” auf den Führer geht alles in vollster Ordnung auseinander.“ •, . Das Blatt bemerkt hierzu u. a.: „Nicht Tumultuanten erzwangen' die Absetzung, sondern deutsche Volksgenossen wehrten sich mit vollem Recht gegen die Zumutung, dal! 'ausgerechnet ein in England hergestellter jüdischer Emigrantenfilm der im vorigen Jahr ausgewanderten Paul Cziimer .und Elisabeth Bergner im Deutschland des Dritten Reiches Geschäfte machen sollte! .' . . Der Film hätte sich auch von selbst in wenigen Tagen erledigt. Die Jüdin Bergner als russische Zarin mit englischer Sprache, das ist schou^allerhand. Gottseidank, daß die Zeiten endgültig vorbei ‘sind.’’ Die Anfechtung der Mischehe Das Karlsruher Urteil Das Urteil des Oberlandesgerichts in Karlsruhe, das auf Grund des Rassenprinzips der Anfechtung einer Mischehe stattgegeben hat, ist, wie. die „Frankfurter Zeitung“ mitteilt, noch nicht rechtskräftig. Das Oberlandesgericht habe vielmehr wegen der grundsätzlichen Bedeutung seiner Entscheidung die Revision und damit eine abschließende Entscheidung des Reichsgerichts zugelassen. Die entscheidende Stelle der Begründung lautet: „Man hat heute erkannt, daß die jüdische Rasse hinsichtlich des Blutes, des Charakters, der Persönlichkeit und der Lebensauffassung etwas ganz anderes ist als die arische Rasse, und daß eine' Verbindung mit einem Angehörigen dieser Rasse nicht nur wünschenswert, sondern verderblich, unnatürlich und widernatürlich ist, weil sie den Arier als einzelnen, namentlich aber auch in seiner Eigenschaft als Volksgenossen in die Gefahr bringt, seiner Rasse und seinem Volkstum fremd zu werden und darüber hinaus artfremde Kinder zu erzeugen. Der Gegensatz der Rassen, wie er heute erkannt ist, ist ein so tiefgehender, dal! er kaum noch zu einer Ehe zwischen Ariern und Nichtariem führen wird.“ . .. Da das Urteil noch nicht rechtskräftig ist, scheint es nicht angebracht, sich sachlich dazu zu äußern. Die Bezeichnung einer solchen Ehe als widernatürlich wird auch den Widerspruch derjenigen herausfordern, die grundsätzlich, wenn auch aus anderen Gründen, eine Mischehe verwerfen. Deutsches Theater GmbH, erloschen Nach einer Veröffentlichung des Reichsanzeigers ist Justizrat Dr. Julius Lubzynski, Alax Reinhardts langjähriger Berater, aus dem Äufsichtsrat der „Deutsches Nationaltheater A.-G.“ ausgeschieden, die Deutsche Thea- . ter in Berlin G. in. b. H., deren letzter Geschäftsführer ein Angestellter Reinhardts, Hans Gruuow war, ist erloschen, und in der Berliner Theater G.m.b. H. hat Max Reinhardts Schwager, Hermann Rosen he rg, sein Amt als Geschäftsführer niedergelegt. Englisches Allerlei Brief an die J.-l. Z. London. Einer der Vizepräsidenten der United Synagogue, Sir Robert Walev Co lieh, hielt kürzlich einen bemerkenswerten Vortrag über die Zukunft der United Synagogue und anderer jüdischen Organisationen. Das Leitmotiv seiner Rede war dasselbe wie das vieler anderer bedeutender englischer Juden: Die Religion wird zu sehr vernachlässigt. Das Rassensentiment der Zionistenbewegung gebe auch solchen •Menschen den Titel Juden, die sich nur wenig oder gar nicht um das Judentum kümmern. Das beste Ideal sei, sich mit aller Liebe und Energie um das jüdisch-reliöse Leben-zu kümmern und mit allem Enthusiasmus und aller Kraft in das Leben Englands zu stellen, dessen stolze Bürger sie seien. Unter den Führern des Board of Deputies ist keiner und innerhalb der englischen Judenheit sind glücklicherweise nur wenige, die die englische Judenheit nicht als religiöse Gemeinschaft von Menschen ansehen, die sich von den übrigen Mitbürgern nur durch ihre Religion unterscheidet. Der Redner legte auch Wert darauf, richtigzustellen, daß der Board of Deputies nicht unter Anwendung falscher Analogien als „Jüdisches Parlament“ bezeichnet wird (so ist es z. B. in der Jüdischen Rundschau Nr. 103 104 vom 29. 12. 33 geschehen). Der Board ist keineswegs von dieser Art. Er hat z. B. keinerlei Örtlichkeit für die Führung und Aufrechterhaltiing irgend In Old Baiiev, d. Woche Charles Ffeder, Feuer geiegt hatte. Er rung, die die Welt bell- Londons, wurde letzte ui .6 Monaten Gefängnis ner jüdischen Organisatiöu wolle.' Die Reichsvertretung der deutschen Juden teilt mit: Um eine, glatte Erledigung der mit dem Beginn des Schuljahres verbundenen Arbeit zugewährleisten, muß auf eine-möglichst pünktliche Einhaltung der Sprechstunden des Schuldezernats Wert gelegt werden. Die Sprechstunden - des Schulreferates finden. Montag bis Freitag von 12—’. Uhr . vormittags sowie Dienstag mid Donnerstag von 4—5 nachmittags in der Kantstraße 158, 3 Treppen, statt. Die Jüdische Gemeinde Wellington in Neuseeland wurde n einem Brief an eine Zeitung angegriffen, weil sie zur Hilfe ’ ur deutsche luden aufgefördert hatte. Der Bruder des Chiet; lustice von Neuseeland entgegnete sofort in demselben Blatte, he Zeitung selbst hat in einem Leitartikel unter Hinweis aut i„„ t]er Neuseeländer Juden einen Überblick über 'atChr?stenC Redaktionswechsel Mit dem Erscheinen dieser Nummer scheide ich aus meiner bisherigen Stellung als Hauptschriftleiter' der „Jüdisch-liberalen Zeitung“. Das erste Wort, das ich dieser Mitteilung hinzufüge, sei ein: Dankeswort': es gilt allen Freunden und Mitarbeitern, die in der schweren Zeit meiner Redaktionsführung durch Rat und Tat dem Blatte geholfen haben, seine hohe Mission im Dienste des Judentums zu erfüllen. Das zweite Wort sei die Versicherung, daß ich selber diesem Dienste in Wort und Schrift treu bleibe. So brauche ich das dritte Wort — das des Abschieds — nicht zu sprechen. Alle, die mich kennen, wissen es, daß ich in aller Zukunft für die Verwirklichung der geistigen und sittlichen Ideen des Judentums arbeiten werde. Diese Arbeit wird die Verbundenheit mit allen Freunden auf alten und neuen Wirkungsstätten aufrechterhalten. George Goetz. Wie aus vorstehender Ankündigung ersichtlich ist, brauche ich keinen Abschiedsartikel zu schreiben; denn die Feder unseres Freundes Goetz wird diesen Blättern, denen er lange nicht nur den Namen, sondern auch die Kraft, seiner Persönlichkeit aufgedrückt-hat, erhalten bleiben und selbstverständlich: darüber hinaus der gesamten Bewegung des religiös-liberalen Judentums. Das kann auch nicht anders sein; der* wenn auch die bisherige Art der Betätigung für Goetz etwas historisch Gewordenes darstellt, — daß er sich der liberalen Bewegung gewidmet hat und weiter widmen wird, ist für ihn nicht Pflicht, sondern Naturgebot. Wie er, aus der liberalen Jugendbewegung herkommend, ein Schüler Paul Riegers, sich schon bei dem Zusammenschluß der jüdisch-liberalen Jugendvereine für seinen Hamburger Verein in die Feuerlinie stellte, so ist er seit dieser Zeit, das heißt' mehr als ein halbes Menschenalter hindurch, 'in dieser Feuerlinie geblieben. Feuerlinie bedeutet hier nicht nur den passiven Kugelfang, sondern die Linie, von der Feiier und Anregung ausgehen. Goetz hat nicht nur als Mitarbeiter dieser Zeitung, und in,den letzten Jahren -als ihr Leiter, sondern genau so wie durch das geschriebene auch durch das gesprochene Wort gewirkt. Er hat die religiös-liberale Idee in viele Gemeinden Deutschlands getragen, und wir. wollen hoffen, daß er, der Vorstandsmitglied der „Vereinigung für das religiös-liberale Judentum“ ist und bleibt, kraft seiner Rede und seiner Feder noch lange für unsere Idee zur Verfügung steht. Goetz hat noch manches zu sagen, und wenn er aus dem technischen Zeitungsbetrieb heraus ist, so wird er vielleicht seltener zu uns sprechen, aber das, was er zu sagen hat, wird ‘ dadurch an innerer Kraft gewinnen. Die vielen persönlichen Freunde von George Goetz wissen, daß er, um das militärische Bild weiter zu gebrauchen, nur aus der Feuerlinie in die Reservestellung zurückgenommen ist, um dann an einem andern. Platz, erholt und in voller Kriegsbereitschaft, wieder eingesetzt zu werden. Der Dank und .di® Freundschaft derer, die viele Jahre mit ihm gearbeitet haben, bleiben ihm gewiß. Heinrich Stern. Mit der heutigen Nummer hat Dr. Eugen Tannenbaum die Hauptschriftleitung der „Jüdischliberalen Zeitung“ übernommen. Eugen Tannenbaum, mit dem deutschen Judentum eng verbunden, hat bis vor einem Jahr in der allgemeinen deutschen Journalistik eine prominente Stellung eingenommen und sich auch inzwischen als Mitarbeiter an jüdischen Zeitungen in beachtlicher Weise betätigt. Wir hoffen, daß seine Arbeit für unser Blatt und zugleich für das gesamte deutsche Judentum von Erfolgen begleitet sein wird. Außerdem werden, wie schon mitgeteilt, die. Herren Rabbiner Dr. Dienemann und Rechtsanwalt Heinrich Stern ständig mitarbeiten; es ist uns fernerhin gelungen, zum Bericht über örtliche Gemeindeangelegenheiten eine ganze Reihe Mitarbeiter aus größeren und mittleren Gemeinden heranzuziehen. Jedoch ist Herr Dr. Holländer infolge anderweitiger Inanspruchnahme nicht in der Lage, seine Absicht, in der Redaktion mitzuarbeiten, auszuführen. Verlag der „Jüdisch-liberalen Zeitung“ Hanns Loewenstein. In den Anstalten der Stadt Wien: Abbau der Arzte Wien. Während die vom cliristlichsozialen „Wiener Montagsblatt“ aufgenommene Hetze gegen die jüdischen Ärzte in Wien fortgesetzt wird, hat der Abbau der jüdischen Ärzte in den Anstalten der Stadt Wien bereits begonnen. Von den etwa ü0 111 den Krankenlind Fursorgeanstalten der Stadt sowie in den Schulzahnkliniken und der ärztlichen lnspektion der Schulen tätigen jüdischen Ärzten dürften etwa 20 ihre Kündigung erhalten haben. Acht Sekundarärzte im Spital der Stadt Wien, deren Jahresverträge mit dem 1. März erneuert werden sollten, haben die Mitteilung erhalten, daß sie auf eine Erneuerung nicht' rechnen können. Bis jetzt wurden die Verträge mit den Sekundarärzten der Stadt Wien immer auf je ein Jahr ausgestellt, jedoch zum jeweiligen. Ablaufterriiin auf je ein weiteres Jahr erneuert bis zur Vollendung einer Mindestpraxis von vier Jahren. Diese Regel wurde den jüdischen Ärzten gegenüber nicht mehr eingehalten.