Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-01-09 · 3 (9.1.1934) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
3 (9.1.1934)
Date
1934-01-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2613366-2613519-2613521--4664-2616374
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Einzelnummer 20 Pf. Nr. 3 14. Jahrgang Bezugspreis; Monatfleh 1,35 RM.zuzüglich Bestellgeld. Einzelnummer 0,20 RM. Abonnements werden bei allen Postämtern angenommen. - Anzeigen nach Tarif. — Bel Nichterscheinen Infolge Streiks oder höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückerstattung der entsprechenden BezugsaebOhren. Herausgeber: Hanns Loewt-istein und Willi Tisch Verlag Schiiitleitung: George Goctz Die„Jüdlsch-llberaleZeltung" erscheint Dienstags und Freitags. - Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin - Charlottenburg 4, Mommsen- -str.40. — Fernruf: J 6 Blelbtreu Sammel-Nr. 1545. — Bankverbindung: Kreditverein für Handel und Gewerbe e.G.m.b.H„ Berlin N 24. Postscheckkonto; Jüdisch-liberale Zeitung, Berlin 22764. Berlin, 9. Januar 1934 Die ..Jüdisch-liberale Zeitung“ ist das einzige Blatt deutsch-jüdischer Richtung, das Jüdisches Zentrum? ...- ich liier noch einmal rückschauend feststellen muß. Wenn nachher andere unserer nächsten Freunde, etwa ein Mann wie Julius Blau in Frankfurt, sich dennoch an der Arbeit beteiligt haben, so ist dies sicher nicht geschehen, weil eie auf einem andern Standpunkt standen als wir, sondern man hat wohl später — nach Zürich — auf zionistischer Seite die Anforderungen nicht mehr so hoch geschraubt, wie sie am Anfang uns gegenüber noch gestellt wurden. Die in jener Unterredung festgelegten Gesichtspunkte für eine Palästina-Arbeit des religiösen Liberalismus sind noch heute die unsern. Auch die Ereignisse des letzten Jahres machen eine Korrektur unserer Auffassung nicht erforderlich. Rein wirtschaftlich hat sich unsere Ansicht-bestätigt. 'Zionisten und Nichtzionisten arbeiten heute in Deutschland gemeinsam daran, Juden, die auswandern wollen oder müssen, anzusiedeln, wo immer Ansiedlungsmöglichkeiten gegeben sind, nicht nur in Palästina. Unsere damalige Stellungnahme, daß Palästina wirtschaftlich nur der Teil eines großen JColonisationsplaus sein dürfe, ist heute gemeinsame Ansicht der deutschen Nichtzionisten und Zionisten, wenigstens derjenigen Zionisten, welche sich die Mühe.jiehmen, die Kleinarbeit am wirtschaftlichen Aufbau und Umfiruch mitzumachen und die sich nicht auf^th^bretische_-,,S^mmararbeit“,.be^chrankeatW^rha^ene^t^ Juden aus Deutschland nach Palästina kommen können. Andere Zionistenführer legen ihren Schätzungen weit niedrigere Zahlen zugrunde. Da nun zweifellos schon heute mehr Juden aus Deutschland ausgewandert sind und — sehr gegen unseren Wunsch und Willen — voraussichtlich' noch auswandern müssen, so kann es gar nicht anders möglich sein, als daß sich diese Juden woanders Platz schaffen müssen und daß diese Auswanderung geordnet voT sich gehen muß, da man ja — soweit man planmäßiger Auswanderung überhaupt das Wort reden darf — danach trachten wird, daß diese deutschen Juden nicht als unerwünschte Eindringlinge und Schmarotzer,- sondern als werktätige Bürger sich in ihrer neuen Heinjat ansiedeln sollen. Wirtschaftlich also ist unsere damalige For: derung der Gesamtkolonisation heute schon durchgedrungen. Es bleibt der ideologische Streit, der aber für manche Zionisten an. Bedeutung wesentlich verloren hat. Maßgebliche Zionisten, die au der Aufbauarbeit in Deutschland mitwirken, wollen ein lebendiges Judentum auch in Deutschland erhalten. Auch sie wollen das deutsche Judentum nicht zu einem großen Alters- oder Krüppelheim gestalten, sondern wollen eine werktätige, schaffende, das Judentum fördernde Gemeinschaft, das, was man mit dem verbrauchten Ausdruck „ein jüdisches Zentrum“ zu nennen berechtigt ist. Wie diese Juden in Deutschland sich ideell ihr Judentum vorstellen sollen, das hat der Führer der Jewish Agency in Deutschland, 0.-.kttr iusgefiihrt. Die Ausführungen von Oskar Wassermann ointeressant' daß ich sie nach dem Bericht der J.T.A. X'ortlaut wiedergebe. _ 1 den Lebensmut der deutschen Juden zeigt. Einen Lebenswillen, der nicht aus grundlosem Optimismus geboren ist, der etwa nicht wüßte, was sich ereignet hat und sich noch ereignet. Wir wissen: wenn <>5 Millionen einem Willen gehorchen, so ist, was sic wollen, für. sie Wahrheit, für uns Schicksal. Zuletzt behält der Recht, dem die bessere Wahrheit zur Seite stellt." „Unser Lebenswille", fuhr der Redner fort, „kommt, daher, daß wir eine Mission zu erfüllen haben. Diese Mission besteht nicht darin, den Monotheismus zu predigen oder zu garantieren. Das ist nicht notwendig. Sic besteht auch nicht darin, daß wir.zweimal täglich hinausschreien: ' . „Ich bin ein Jude“ oder „Ich bin ein Deutscher41. Diese .Mission hat überhaupt nichts Deklaratorisches. Sie liegt vielmehr'.in dem Gebot der Bibel beschlossen: Weatem tiheju li mamlechethkohanim weäm kadosch — Ihr "sollt ÄS**» erweisen, durch. ein Leben ln Oereriitfgkeif, l, Wahrheit. Rechtlichkeit muß der Leitgedanke unseres Lebens sein. Ernst und Würde in allem, was wir nach außen tun und in unserem'Leben für uns! Wir haben — nicht nur in jüngster Zeit, sondern oft in unserer Geschichte — vergessen, daß wir das Am kodosch sein sollen. Jetzt zwingt man uns, unser Judentum zu entdecken; hoffentlich werden wir auch bald selbst den Willen haben, es zu entdecken; dann werden wir sehen, was wir an diesem Judentum besitzen. Das hindert uns in keiner Weise au unserem Deutschtum,- Wir wollen unsere Jugend nicht entdeutschen. Wir lieben die deutsche Kultur, in der ' wir leben, der wir unendlich viel verdanken, der wir aber auch Vieles gegeben haben. - Wir. wollen unsere Kinder Ehrfurcht lehren gegenüber unserer Vergangenheit und unserer Geschichte, aber auch .gegenüber jeder großen Leistung, ob sie von, Juden oder von Nichtjuden vollbracht worden ist. Doch wird .mim die Jugend nicht fesseln nur durch den Weg in die Vergangenheit; sic. muß in die Zukunft gewiesen werden. Die Zukunft ist: Palästina,“ „Das bedeutet nicht“, fuhr Direktor Wassermann fort, „daß wir alle nach Palästina gehen wollen oder können. Unser Schicksal wird sich hier in Deutschland erfüllen, aber Palästina ist wichtig, vielleicht entscheidend, für unser Schicksal in Deutschland. Palästina soll das Zcntcuiii wer- ’ Judentum in die ganze Welt s' ' breitet. Paliistii inzjge Land, solches n London hat die Konferenz der englischen Zionisten ihr Ende mit einer Resolution gefunden, in, der unter andern intern zionistischen Dingen auch das Verhältnis zu den mtschen luden (rcwiirrlicrt u-llrrlp Darin hpitU ec im Hinhlirl „Die Konferenz empfiehlt dem Executive Council der Zionistischen Föderation, folgende Bedingungen sicherzustellen-als Voraussetzung dafür, daß die Föderation sich dem zweiten Appell des Central British Fund anschließt: Ein größtmöglicher Betrag der gesammelten Gelder wird . für die Ansiedlung deutscher Juden in Palästina reserviert, wobei gleichzeitig das durchschnittliche Jahreseinkommen des Keren Hajessod für das laufende Jahr garantiert wird; der Erwerb von Boden für jüdische Chaluzim aus Deutschland geschieht durch den Jüdischen Nationalfonds; alle für . Palästina bestimmten Fonds werden durch das Departement der Jewish Agency für Ansiedlung deutscher Juden in Palästina verausgabt.“ ' (Nach der J.T.A. zitiert.) Praktisch bedeutet das folgendes: Bekanntlich soll in England die Sammlung von Geldern für'das Aufbauwerk der deutschen Juden, das in großzügiger Weise schon, im Vorjahr von Zionisten und Nichtzionisten gemeinsam vorgenommen wurde, jetzt für das Jahr 1934 wieder neu aufgenommen .werden. Schon im Vorjahr hatten die .Zionisten ihre, Mitarbeit edingtTngeir “geknöpft,.dTe ÖFen ‘jetzt formulierten ■“ziemlich''ähnlich waren," während die nfchtziönistischen eng-' lischen -Juden — außer der Hilfe für die in England selbst befindlichen Flüchtlinge — die Verwendung eines beträchtlichen Teils der gesammelten Gelder für die deutschen Juden in Deutschland verlangten. Die englischen Zionisten .halten, wie der neue Beschluß zeigt, an ihrer Forderung fest, daß die Palästina-Hilfe bei den Sammlungen bevorzugt werde. ' Sichelten daran fest, obwohl ihnen nicht nur von ihren englischen nichtzionistischen Landsleuten, sondern vor allem auch von den deutschen Zionisten, das heißt von denjenigen, die hier in der sachlichen Arbeit stehen, wiederholt klargemacht worden ist, daß das deutsche Judentum bei allen Opfern, die. es sich selbst auferlegt, und selbst .unter der Bedingung, daß diese Opfei noch vergrößert werden, aus eigenen Mitteln die notwendige Aufbauarbeit nicht leisten kann und daß Auslandshilfe zur Erhaltung dieses deutschen Judentums nötig ist. Wenn man freilich auf dem Standpunkt steht, der auch in der Schlußresolution der englischen Zionisten wiederum zum Ausdruck gekommen ist, „daß einzig und allein das zionistische Ziel, die Schaffung eines indischen Nalinnalhcims'in Palästina, Aussicht .auf eine dauernde Lösung des Problems des jüdischen Volkes bedeutet“, dann kann es wohl nicht ausbleiben, daß man über die oben dargestellten Forderungen der wirklichen Wir nichtzionistischen Juden müssen uns hier einmal leidenschaftslos und mit dem ganzen Ernst und der-Würde, die das Problem erfordert, mit der Frage Palästina auseinandersetzen. Hierzu haben wir um so mehr Veranlassung, als auch in Deutschland von angesehenen Nichtzionisten in den letzten Wochen wieder die zentrale Bedeutung in den Vordergrund gestellt worden ist, die Palästina nicht nur für die Juden/;«/, sondern auch für das Juden/um habe. In den letzten schweren Monaten hat man auch in liberalen Kreisen oft den .Satz hören müssen: „Wir haben bezüglich Palästinas umgelernt, wir sind froh, daß wir es haben“, und diejenigen unter uns, die eine gewisse grundsätzliche Linie in der. Palästina-Politik verfolgten, sind im eigenen Lager, das heißt von denjenigen, die sich liberal nennen, in Wirklichkeit aber nur Mitläufer sind, schwer angegriffen worden. Ist es in der Tat so, daß wir Liberalen absolute und unbedingte Gegner Palästinas waren, daß wir heute'„umzulernen“ haben? Gegenüber dieser Behauptung müssen wir doch das Gedächtnis etwas schärfen. Vor dem Züricher Z-ionistenkongreß von 1929 habe ich persönlich, worauf ich immer wieder hinweisen möchte, mit einigen Freunden, insbesondere mit Arthur Lihenthal und Bruno Woyda, die Initiative ergriffen — damals war das Institut der jewish Agency noch nicht geschaffen — mit den Führern der deutschen Zionisten-darüber eine Verständigung herbeizuführen, wie wir positiv liberal eingestellten Juden uns an dem Aufbauwerk Palästinas beteiligen könnten, und zwar bei voller Wahrung unseres antizionistischerr- Standpunktes. Bei mancherlei, zum Teil sogar recht weitgehender' Übereinstimmung scheiterte die Einigung an zwei von uns aufgestellteu Punkten. Wir verlangten die Einordnung Palästinas in den Rahmen einer gesamtkolonisatorischen Politik und ließen nicht den geringsten Zweifel^ darüber, daß wir Palästina als eine endgültige ■ und einzige Lösung der Judentums- und Judenheitsfrage nie ansehen könnten. Wir wollten, so erklärten wir, auch daran nicht mitarbeiten, daß Palästina als „das“ jüdische Zentrum in dem - Sinne behandelt werden solle, daß alle geistige undseelische Aufbauarbeit sich ip erster Linie auf Palästina zu richten habe und daß nur das, was dann noch übrig bleibe an Liebe, Kraft und gutem Willen, für die „Galuth“-Arbeit verwendet werde. Von zionistischer Sejte ist uns damals erwidert worden, daß diese Art Mitarbeit nicht ausreiche; wer für Palästina eintrete, müsse es als Ziel seiner Hauptarbeit bezeichnen, müsse es zum Zentrum seiner jüdischen Arbeit machen. So Begräbnis Dr. Carl Melchiors Irauerktindgebungcn aus aller Welt Am 3. Januar wurde Dr. Car! Melchior auf dem jüdischen Friedhof Ohlsdorf bei Hamburg zur ewigen Ruhe bestjttct. Mittags fand im Trauerhause eine Gedenkfeier statt, an der die Freunde und Bekannten des Verblichenen teilnahmen. Dr. Britz Werburg gedachte des dreißigjährigen Wirkens Dr. Carl Melchiors im Bankhaus M. Warhurg und engen rVerhältnisses, das ihn zeitlebens mit der Familie Warburg verband. Professor Mendelssohn-Bartholdy wies auf die internationalen Ehrungen hin, deren Dr. Melchior für seine Wiederaufbauarbeit im Dienste der deutschen Finanzwirtschaft und der internationalen Finanzbezichungcn teilhaftig geworden ist und hob die Opferbereitschaft des Verstorbenen für sein Vaterland und für das Judentum hervor. Den Dank der deutschen Judenheit an den Verstorbenen stattete Rabbiner Dr, Leo Baeck, der Präsident der Reichsvertretung der deutschen Juden, ab." Seine ergreifende Trauerrede schloß er mit den Worten: „Wir werden seinen Weg weitergcüen und Carl Melchior dankbar vor uns sehen, wie er sich in uns gefunden hat und wie wir uns in ihm finden.“ Unter den Trauergästen befanden sich ein Vertreter der Hamburger Reichsbank, der holländische Generalkonsul und .der Leiter des Staatsamts für Auswärtiges des Hamburger Senats,' Regierungsdirektor Merk, als persönlicher Freund des Verstorbenen. Beileidskundgebungen waren von zahlreichen Bankinstituten des In- und Auslandes eingelaufen, vor-allem aus englischen Bankkreisen, zu denen der Verstorbene in engen Beziehungen gestanden hatte,, von der Internationalen Bank für Zahlungsausgleich in Basel, von der Deutschen Reichsbank in Berlin, von Vizekanzler von Papen, vom Präsidenten - der Bamjue de France Morct u. v.- a. Dem Wunsche des Verstorbenen entsprechend, fanden die Bestattungsfeierlichkeiten auf dem. Ohlsdorfer Friedhöfe gleichfalls nur im Kreise der nächsten Freunde und Bekanuten- Carl Melchiors statt. •Gefahr neuer Araberunruhen in Palästina Vorkehrungen der Regierung Das bevorstehende Ende des Ramadanfestes am 10. Januar bringt die Gefahr neuer Araberunruben in Palästina. Alle'arabischen Zeitungen, vor allem die mohammedanischen Organe mit Ausnahme des „Falestin“, fordern die Bevölkerung auf, an den geplanten Kundgebungen teilzunehmen. „Falestin“ dagegen warnt vor neuen Abenteuernrda die Welt durch die Kundgebungen im Oktober v. J. bereits genügend auf die Araberfragc in Palästina aufmerksam' gemacht worden sei. Die Regierung trifft umfangreiche Vorkehrungen gegen die Gefahr neuer Unruhen. Aus zuverlässiger'Quelle verlautet, daß militärische Verstärkungen aus Ägypten nach Palästina beordert wurden, um für den Fall von Unruhen In Bereitschaft gehalten zu werden. Eine automobilisiertc Kavallerieabteilung aus Ägypten, bestehend aus vierzehn Panzerwagen des Lancicrregiments Nr. 12 und ein Infanteriebataillon sollen in Ägypten Marschordre nach Palästina erhalten haben.- Diese Truppen sollen über das ganze Land verteilt und in den wichtigsten Zentren stationiert werden. „ Ardberangriffe auf jüdische Arbeiter in Wadi Hawarith Eine große Beduinenbande überfiel im Gebiet von Wadi Hawarith jüdische Landarbeiter, die mit dem Pflügen des zum Kibuz Schloscha gehörenden Geländes beschäftigt waren. Vier jüdische Traktor-Führer wurden verletzt, zwei davon schwer. Die verletzten- Landarbeiter wurden nacn Chedera zur Behandlung gebracht. Eine Polizeiabteilung wurde auf den Schauplatz des Zusammenstoßes entsandt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.