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Jüdisch-liberale Zeitung · 1933-10-27 · 20 (27.10.1933) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
13 (1933)
Issue
20 (27.10.1933)
Date
1933-10-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Einzelnummer 20 Pf. Sür beutjtftes 3ubentum tutb teltfliöfen gfafbaw Nr. 20 13. Jahrgang Bezugspreis: Monatlich 1,35 RM.zuzüglich Bestellgeld. Einzelnummer 0,2.0 PM. Abonne- . ments werden bei allen Postämtern angenommen. — Anzeigen nach Tarif. — Bel Nichterscheinen Infolge Streiks oder höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückerstattung der entsprechenden Bezugs-, aehOhren.. Herausgeber: Hanns Loewenstein und Willi Tisch Verlag Schiiitleitim«»: Grotte C.tvclz Berlin, 27. Oktober 1933 Dle„JOdlsch-llberaleZeltung"er8chelntOlenstags und Freitags. - Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin - Charloitenburg 4, Mommsenstr.40. — Fernruf: J 6 Blelbtreu Sammel-Nr. 1545. - Bankverbindung : Kreditverein für Handel und Gewerbe e.G.m.b.H., Berlin N 24. Postscheckkonto: Jüdisch-liberale Zeitung. Berlin 22754. Die „Jüdisch-liberale Zeitung“ ist das einzige Blatt deutsch-jüdischer Richtung, das zweimal wöchentlich erscheint Die Vorbereitungen zur Jüdischen Welthilfskonferenz. Boykottresulutionen werden nicht zugelassen. Die Vorbereitungen zu der für den 29. Oktober vom Joint Foreign Committee des Jewish Board of Deputies und der.Anglo Jewish Association gemeinsam mit großen jüdischen Organisationen Europas und Amerikas nach London einberafenen jüdischen Welthilfskonferenz sind in vollem Gange. Die Mehrzahl der zur Konferenz eingeladenen Körperschaften hat bereits zustimmend geantwortet und die Delegationen zur Konferenz nominiert. Dem von überseeisch jüdischer Seite geäußerten Wunsch, die Konferenz .mit., Rücksicht auf die Schwierigkeit des rechtzeitigen Eintreffens der Delegierten aus den überseeischen Ländern auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben, konnte von den Einberüfern nicht entsprochen werden. Die allgemein zugängliche Eröffnungssitzung der Konferenz wird am 29. Oktober, morgens, im Hause des Board of Deputies abgehalten werden. Ob Lord Reading'in. dieser. Sitzung, wie ursprünglich geplant, den Vorsitz führen ' wird, steht vorläufig noch nicht fest. Im Hinblick auf Gerüchte, denen zufolge von gewisser Seilen auf der Konferenz . ein Entschließungsantrag eingebracht werden soll, in dem ein Boykott deutscher Waren verlangt wird, erklärt das Vorbereitungskomitee, daß ein solcher Antrag, falls er wirklich gestellt werden sollte, nicht nur nicht. zur Abstimmung gebracht, son-,, dem nicht einmal zur Erörterung zugelassen werden würde, da'er mit dem Gegenstand der Beratung, die ausschließlich aufbauender Hilfe für deutsche Juden gewidmet sein wird, nichts zu tun hat. Städtische Betriebe und jüdische Lieferanten. Aus F rankfurt a. M. erhalten wir folgende Nachricht: Anläßlich der Übernahme der Fleischlieferungen an die früher aus eigenen Regiebetrieben versorgten Frankfurter städtischen Krankenhäuser und sonstigen städtischen Anstalten durch die Frankfurter. Metzgerinnung hat der Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt entschieden, daß auch von den jüdischen Metzgern Frontkämpfer und solche Metzgerfamilien, von denen ein Mitglied im Kriege gefallen ist, bei den Lieferungen herangezogen werden dürfen. Wirtschaft braucht Ruhe! Verfügung des Reichswirlsc/ia/tsminiifers. Die „Deutsche Tageszeitung“ (Ausgabe vom 18. Oktober berichtet: Der Reichs wirtschaftsminist e.r'hat am 6. September an den Treuhänder der Arbeit für das Wirtschaftsgebiet Westfalen eine Verfügung gerichtet, die jetzt durch.die Presse bekannt wird. In der Verfügung des Treuhänders, die an die Verwaltungsorgane des Bezirkes weitergeleitet, wurde, heißt es: . - Der Herr Reichswirtschaftsminister teilt mir folgendes mit: „Obwohl in der Zwischenzeit mehrfach darauf hingewiesen worden ist, daß unter den zür Zeit bestehenden wirtschaftlichen Verhältnissen die Rücksicht auf die Lösung des im Vordergrund aller Überlegungenstehenden Arbeitslosenproblems allen anderen Überlegungen voranzugehen hat, und obwohl von der Reichsregierung immer wiede: darauf hingewiesen worden ist, daß in der Wirtschaft nur das Können ausschlaggebend sein darf, und daßalle Eingriffe fri die Wirtschaft, sowie jedes unbefugte und unberechtigte Vorgehen gegen einzelne Personen, unbedingt zu unterbleiben habe (siehe auch Verfügungen des Stellvertreters des Führers der NSDAP vom 7. Juli und 8. August 1933), lauten die mir aus Ihrem Arbeitsbereich zukommenden Berichte nach wie vor dahin, daß Waren- und Kaufhäuser, Einheitspreisgeschäfte, kaufhausähnliche Unternehmungen nach wie vor erheblichen Störungenunterliegen. Allgemein geht die Klage dahin, daß nach wie vor, durch Einflußnahme Dritter auf die Willensentschließüngen von Zeitungsverlags-Unternehmungen einzelne Geschäfte oder Gruppen von Geschäften, insbesondere Waren- und Kaufhäuser, der Inseratensperre unterliegen mit dem Ergebnis eines für dieses Unternehmen katastrophalen Rückgangs der Umsätze.“ Des weiteren teilte der Herr Reichswirtschaftsminister mir mit, daß bei ihm Beschwerden darüber eingeläufen seien, daß in einzelnen Städten die Herren Oberbürgermeister ihren Beamten verboten hätten, in jüdischen Warenhäusern zu kaufen. Ich bitte daher, die Herren Oberbürgermeister und Landräte anzuweisen, daß diese oder ähnliche Verbote aufgehoben werden. Aus den gleichen jOründen wünscht der Herr Reichswirtschaftsminister, daß die Annoncensperre gegen jüdische Kaufhäuser in bürgerlichen Zeitungen aufgehoben ist. Ich bitte auch in dieser Angelegenheit das Nötige zu veranlassen. Ja-Sager und Kopfnhker. Von Stadtrabbiner Dr. Paul Rieger, Stuttgart. Jasagen zum Judentum? Das ist jetzt das große Modewort; niemand wird ihm widersprechen wollen-; aber wenige nur sind, die dem Wort seinen rechten Sinn geben, die erkennen, wo es aufhört, berechtigt zu sein, wo es beginnt, ein ausgehöhltes Schlagwort zu werden. Die Jasager und Kopfnicker gehören im allgemeinen nicht zu den heldischen Persönlichkeiten. .Es gehört meist mehr Mut dazu, Nein zu sagen, als sich unter die angeblichen Notwendigkeiten zu beugen. Die neue Gesetzgebung zwingt heute die deutschen Juden, zum Judentum ja zu sagen. Das mag manchmal mit einem sauren Lächeln geschehen. Denn nur zu viele Juden hatten sich daran gewöhnt, ihr Judesein als einen Geburtsfehler oder mindestens als etwas sehr Nebensächliches zu betrachten. Wenn jetzt die Wollenden und die Gezwungenen zum Judentum Ja sagen, so kann das eigentlich lcaum besondere ^_Be-. wünderung wecken. ‘ViSfliacHFwäre' esTbewundernswürdiger, wenn sie zu vielem, was heute den Juden geschieht, Nein sagen wollten. ' Das gilt vor allem für die jüdische Reichsvertretung, der noch immer die Tatkraft fehlt, sich zu einem Nein durchzuringen. Eine spätere Zeit muß es ihr als Schuld; anrechnen und als Schwäche auslegen, daß sie die Beseitigung der Gleichberechtigung, die Ausschaltung aus zahlreichen Berufen mit der tatenlosen Lethargie des Jasagens hinnimmt. Gewiß erfordert es ein Heldentum, in der Lage der deutschen Juden einen ernsten Einspruch zu wagen. Ich behaupte, daß es noch immer nicht zu spät ist, dieses feste Nein zu sagen. Die deutschen Juden erwarten es. von ihrer Vertretung. Das_Nein mag wirkungslos bleiben, aber es auszusprechen, ist eine Forderung der Sittlichkeit. Wenn das Mittelalter den gelben Fleck, den gehörnten Judenhut oder irgend einen anderen Popanz erfand, um die Juden bloßzustellen und sie für den radaulustigen Pöbel zu kennzeichnen, so mag es ein Jammer, eine Schmach gewesen sein, daß die Juden diese Schandzeichen tragen mußten. Aber es gehört ein gutes Maß Kindlichkeit dazu, den Juden der Ge-, genwart zu empfehlen: „Tragt, ihn mit Stolz, clen Judenfleck!“ Müssen wir ihn tragen, so tragen wir ihn gezwungen, gegen unseren Willen — aber mit Stolz? Nein! Wenn unsere Vorväter, die Kämpfer für die heute so arg zerzauste Emanzipation, so gedacht hätten, so säßen wir noch im Judehquartier und müßten'uns das „Jud, mach Mores!“ gefallen lassen. Der Kampf gegen den Jiidenfleck, den Leibzoll, die solidarische Haftung gehört zur Ehrengeschichte der deutschen Judenheit, und nur eine verkrüppelte Logik wird das Gegenteil vertreten. Es ist ein naives Gebahren, das eben so ungeschichtlich wie sachlich ungerechtfertigt ist, auf die Emanzipation und ihre das Judentum auflöseiiden Wirkungen zu schelten. Das Gegenteil ist die geschichtliche Wahrheit. Die Judenheit wäre ohne die Emanzipation zerfallen. Die alten Rabbiner besaßen keine Autorität mehr- Die Jugend wat dem Judentum entfremdet. Die Taufe war an der Tagesordnung. Erst die Emanzipation und der religiöse Liberalismus schufen dem Judentum w'ieder den verlorenen Halt. Das Schelten auf eine geschichtliche Gegebenheit ist eine billige Prophezeiung ex eventu. Die Emanzipation ist eine geschichtliche Tatsache wie irgend eine andere, das notwendige Endergebnis von Voraussetzungen, die zwangsläufig zu dem Ereignis geführt haben. Sich aber über das Ereignis zu ereifern und ihm „Irrtümer nachzuweisen“, ist ein Gebahren,, das' wir Juden getrost anderen überlassen sollten. Das modern gewordene Schelten auf die Emanzipation ist ebenso wertlos wie das auf die Assimilation und die Assimilantcru Assimilation ist kein Willensvorgang, sondern eiiTNaturgeschehen; das weiß heut jeder Schulbub. Nicht wir' assimilieren uns, sondern wir werden assimiliert. Boden, Klima, Kultur und- Umwelt üben auf Pflanzen,'Tiere und Menschen einen Einfluß aus, gegen den es keinen Schlitz und keine Gegenwehr gibt. Es ist an der Zeit, tfie üblichen Anprangerungen von Assimilantqn' aus dem jüdischen Scheltwörterbuch .zu streichen. . Die Forderung der Dissimilation, der Absonderung ist nicht neu, aber wegen ihres Alters keineswegs weise. Die Dissimilation erfolgt zur Zeit wiiler unseren Willen: wir -werden . abgesondert. Ob es richtig ist, diese Ausschaltung nun von unserer Seite her bis zu ihren letzten ■ Folgerungen zu steigern, ist mindestens anzuzweifeln. Palästina— als Auswande-. rungsziel und die Vorbereitung auf die palästinensische Übersiedlung in Ehren! Aber dieses Auswande- Ttmgtdand, es." mag' nqctr 'sft-^v&rbyeVicsd-'dätgeatelttF werden, ist doch nur das- Wanderziel für einen ganz kleinen Teil der deutschen Juden. Die Zahlen, mit denen die- Agitation für das heilige Land arbeitet, sind stark übersteigert. Es bleibt allen Rechenkunst- Stücken gegenüber die Tatsache bestehen, daß die überwiegende Mehrzahl der deutschen Juden in Deutschland verbleiben muß, da eine Umsiedlung in irgendein Land der Erde-eben unmöglich' ist. Wenn in Stuttgart Dr. Elias“Auerbach in einer öffentlichen Versammlung erklärt hat, .dal) bis zum Oktober 10 0ÜO deutsche Juden ,nach Palästina gekommen sein werden, und daß sich deren Zahl in fünf Jahren auf 100000 erhöhen wind, daß sich inzwischen 200 000 - deutsche Juden in der Welt zerstreuen werden, so daß dann 200000 Juden in Deutschland verbleiben, so ist das ein Zahlenkunststück gewesen, das öffentlich als solches gekennzeichnet werden muß. Der romantische. Redner hat nur die Angabe der Länder vergessen, in denen sich jährlich. 40 000 deutsche Juden ansiedeln bzw. niederlassen können. Wenn er weiter behauptet ' hat, daß Palästina bis 1940 400 000 Juden und 900 000 Araber beherbergen werde, so gehören auch diese, Zahlen in dasselbe Gebiet. ' - „Es gibt eine Zeit, Nein zu sagen, und eine Zeit, Ja zu sagen“, so kann'man ein altes Bibelwort (Ko-' helet 3,7) übersetzen. Auch nach ihm scheint nicht jedes Jasagen Heldentum zu bedeuten. Wenn allerdings das Jasagen zum Judentum Arbeiten für das Judentum und Eintreten für sein Recht bedeutet, dann darf man der deutschen Judenheit dieses Jasagen ernsthaft predigen und als Wegziel künden.* Nicht das Jasagen ist aber die Hauptsache, sondern das charaktervolle Eintreten für das Jüdische im Bewußtsein seines Wertes und im Begreifen der eigenen Würde. : _ — 3iif)i(cbtÜ>erate3eÜung \ot vnvvMci afd iulT %w&i ' <9Uk><JCI/E>£14 wöch&ntticU

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