Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 13 (1933)
- Issue
- 10 (15.8.1933)
- Date
- 1933-08-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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fr 13. Jahrgang Nummer 10 3übif$'lUtetale Reifung 2. Beilage 15. August 1933 ie nach draufjen gingen. Von W. Straufe, Paris. ' Vorbemerkung der Schrütleltung. Zu dem in Nr. 7 vom 1. Juli abgedruckten Aufsatz „L e Juif errant ä Paris“ von; W. Strauß erhielten wir so zahlreiche Zuschriften, daß wir den Verfasser gebeten haben, seine damaligen Schilderungen zu ergänzen. Die nachstehenden Ausführungen sind wiederum'eine Warnung: Flucht ist keine Lösung. Kein Land ist heute fähig, seinen Arbeitsmarkt durch Hereinnahme von Einwanderern aus anderen Ländern zu belasten. Konstruktive Aufbauarbeit im eigenen Lande ist die allgemeine Losung und muß — so wenig die Schwierigkeiten verkannt oder verkleinert werden dürfen — auch die Losung der deutschen Juden sein. ■ * Nun sind, seit meinem letzten Bericht, wieder zwei Monate vergangen. Aber es sieht hier nicht besser aus: eher das Gegenteil. Vom „Comitfi d’aide et d’acceuil“4 dem Ministerpräsident Paul Painlevö, die Senatoren und Minister a. D. Andre Honorat und Justin Goddart, ferner der Präsident des Consistoire israelite in Paris, Baron Edmond de Rothschild, sowie der Großrabbi von Frankreich Israel Levy, vorstehen (u. a. arbeitet auch Madame Dreyfuss ehrenamtlich dort), werden für die Auswanderer noch Hotelzimmer, Karten für Mittag- und Abendessen, sowie 10 Francs wöchentlich gezahlt. Von diesen 10 Francs, die noch nicht einmal für die Fahrtkosten für die Untergrundbahn reichen, müssen alle andern Ausgaben (die Aufenthaltspapiere kosten allein 150 Francs) bestritten werden. Viele können sich daher nicht einmal mehr ein Frühstück leisten. Das Gerücht, daß die Mittel des Hilfskomitees sich dem Ende nähern, gewinnt immer mehr an Wahrscheinlichkeit Ich will versuchen, hier eine kurze Uebersicht über die Möglichkeiten in den einzelnen Berufen in Frankreich zu geben. Allgemein ist zu sagen, daß sich überall große Schwierigkeiten wegen der auch hier herrschenden Arbeitslosigkeit, ergeben. An Ausländer wird daher die Arbeitsgenehmigung nur ganz selten erteilt Mir i$t kein einziger Fall bekannt, daß jemand von den aus Deutschland eingewanderten Juden, selbst wenn er Arbeit fand, die behördliche Genehmigung, die Carte de travail, erhalten hätte, die bei eintretender Arbeitslosigkeit das Recht auf Unterstützung -gewährt Weiter sind naturgemäß die Fremdheit der Sprache, die ganz andere Berufsausbildung in Deutschland usw. schier unüberwindliche Hindernisse. j Zweifellos am schwierigsten ist die Lage' für die Intellektuellen. Sie werden mir in ganz wenigen Fällen in ihren bisherigen Berufen bleiben können, in der Mehrzahl aber gezwungen sein, sich auf handwerkliche Berufe umzustellen. Im einzelnen sind die Berufsaussichten folgende: Mediziner müssen nicht nur ihr ganzes Universitätsstudium, sondern sogar Unter- und Oberprima noch einmal durchmachen, ehe sie zu den ärztlichen Schlußprüfungen zugelassen werden. Dann ist natürlich noch Naturalisation nötig, für die zur Zeit eine einjährige Militärdienstzeit vorgeschrieben ist. — Aussichten, in verwandten Berufen, z. B. der pharmazeutischen Branche, einem medizinisch-technischen Beruf usw. unterzukommen,' bieten sich kaum. (Dagegen werden .in' Schottland deutsche Vollmediziner nach zweisemestrigem Ergänzungsstudium zum Schiußexamen zugelassen. Auch in Italien wird ein Teil des Studiums angerechnet.) Juristen: Von ihrem ganzen Studium wird nur das Abitur angerechnet. Aussichten, in kaufmännischen Betrieben unterzukommen, sind sehr spärlich vorhanden, da die Franzosen im allgemeinen nur praktische Kaufleute einstellen. Chemiker, Ingenieure: Die Aussichten für sie sind auch nicht gut. Wohl arbeiten einige hier als wissenschaftliche Berater oder hoffen, in andern Ländern, besonders in Brasilien Stellen zu finden, doch sind auch für sie die Müg- ' lichkeiten sehr begrenzt. Journalisten und Schriftsteller: Weil bei' diesem Berufszweig die nicht genügende Kenntnis der französischen Sprache eine besonders große Rolle spielt, kann auch über ihre Aussichten nichts günstiges berichtet werden. Aber auch für diejenigen mit sehr guten Kenntnissen des Französischen ist es sehr schwer. Als Angestellter in eine Redaktion zu kommen, ist fast unmöglich. Mitarbeiter dagegen brauchen die französischen Zeitungen kaum, da die Redakteure fast alle Artikel selbst schreiben. Außerdem ist die Bezahlung in diesem Fach meist schlechter als in Deutschland. Von-der freien Mitarbeit an deutschsprachigen Zeitungen leben zu können, dürite jedoch jetzt nur noch einer kleinen Elite möglich sein. Schauspieler: Ebenso wie bei-Journalisten und Schriftstellern, ist es auch bei ihnen wegen der fremden ■ Sprache besonders schwierig. Doch hat der Wunsch elsässischer Städte nach Aufiührung deutscher Theaterstücke zum Abschluß von Verträgen mit den betreffenden Städten geführt, die einer kleinen “Anzahl von Schauspielern Brot geben. Kaufleute: Aussichten hat fast nur, wer über genügend Kapital verfügt,-um sich selbständig machen zu können. Für Angestellte besteht durchweg keine Hoffnung, in den bisherigen Berufen Arbeit zu finden. Handwerker: Für sie steht es noch am besten. Auch bei denen, dje eine etwaige Weiterwanderung in andere Länder planen, ergeben sich immerhin noch die besten Möglichkeiten, vorwärts zu kommen. Doch soH damit nun nicht gesagt sein, daß die Lage für sie gut wäre. Junge Mädchen sind zum größten Teil untergekommen. Nicht nur im Haushalt, zur Kinderbeaufsichtigung usw., sondern auch auf Büros. So bleibt denn, von den wenigen, letztgenannten Ausnahmen abgesehen, die Lage trotz aller großzügigen Hilfsmaßnahmen verzweifelt. Neuerdings versucht man, besonders junge Leute als Landwirte. Tabakarbeiter usw. Ruhe, Behaglichkeit, ideale Unterkunft finden Ehepaare, auch alleinstehende Personen f.Daucraufenthalt, wie auch Erholungsbedürftige, auch strenge Diät IfnnraricflflhD in der wundervollen, komfort. Waldwasservilla IUiUluUaUUU»i beiTegel, Nußhäherstr.47. Niedrige Preise, hervorrag.Verpflegung ^(äuc^ituelO^TeL^TegelßOT^^traßenbahi^^bisF^lken p la tz. J nach Südamerika, Südafrika und Kauad-uzu schicken. Aber das kann schließlich, selbst wenn die landwirtschaftliche Betätigung in den genannten Gebieten' erfolgversprechend sein sollte, nur eine Teillösung darstellen, da schlechthin nicht jeder Intellektuelle die körperliche Eignung autweist. um beispielsweise die brasilianischen Urwälder zu roden! Die Zahl derer, die nach P a I ii s t i u a zu Ubersiedeln wünschen, geht auch weit Uber die Eimvandererzalil hinaus, die Palästina atlf Grund der gesetzlichen.'Bestimmungen;uifcnehmen darf. Das hiesige Palästina-Büro wird geradezu überlaufen. Es melden sich wöchentlich durchschnittlich 175 Personen. die nach Palästina wollen. : Gesamtbilanz der Lage: verzweifelt. Eine Konferenz. ln den ersten Tagen des August ist in London eine ..Weltkonferenz jüdischer Studenten" zusammengctretcu. Aclmliche Konferenzen haben bereits in früheren Jahren .Mattgefunden, ohne daß jedoch konkrete Ergebnisse der Beratungen zu erkennen wären. Es scheint, daß jüdische Kreise aller Länder noch immer glauben, - von derartigen internationalen Konfe-. renzen ein Programm erwarten zu dürfen, während in Wirk- - lichkeit Programme, vorher aufzustellcu und von den Konferenzen höchstens zu beraten und zu genehmigen sind. Aber ■ auch das geht nur, wenn die Konferenzteilnehmer über die Grundfragen eines Sinnes und nicht, wie es bei uiis Juden der Fall ist, über alles Wesentliche uneins sind. Auch die - Londoner Studentenkonferenz zeigte wieder den 'Unüberbrückbaren Gegensatz der verschiedenen jüdischen Richtungen. Professor Samuel Alexander von der Victoria-Universität in Manchester forderte von deirstudenten, daß sie sich vom jüdischen Separatismus freimachen sollen. — Sir Philipp Hartog sprach von den Verhältnissen in Deutschland: er forderte die Versammlung auf. daran zu glauben, dali sich im Herzen der deutschen Nation im Hinblick auf die Juden eine Wandlung vollziehen werde; mau solle sich freihaltcn von Bitterkeit gegenüber Deutschland. —■ Professor Namler erklärte, zahlenmäßig zu hohes Akademikcrtuiu unter den Juden mache die jüdische Gemeinschaft zu Luftmcuschcu; man müsse, bevor man'die jüdische Seele uufbauen könne, erst den jüdischen Körper aufbauen, und das sei „Erez Jisruel". — Auch Professor Brodetzky trat für eitle Abkehr von den Intelligenzberufen ein, wurde aber von Reverend Perlzweig bekämpft. — Professor Albert Einstein hatte aH die Eröffnungssitzung ein Schreiben gerichtet, in dem er es als besonders .wichtig erklärte, daß die Juden in' Deutschland als nationale Minderheit anerkannt würden. Ergebnisse;der Konferenz sind nach diesem Bericht nicht zu erkennen. Was insbesondere den Brief des Herrn Pro- . fessor Einstein betrifft,.so ist sein Zusammenhang mit studentischen Fragen äußerst lose und kaum vorhanden. Der Brief widerspricht obendrein gröblich den 'Interessen und Wünschen der deutschen Juden. -Die „Jüdisch-liberale Zeitung“ hat bereits in früheren Jahren, lange vor dem politischen Umschwung. oft erklärt, daß sie, ohne Professor Einsteins wissenschaftliche Bedeutung anzuzweifeln, seitic Betätigung in jüdischen Angelegenheiten für verhängnisvoll hält. Der obenerwähnte Einstein-Brief dürfte nun auch bisherige Freunde -des Gelehrten von der Richtigkeit unserer Auffassung überzeugt haben. Professor Einstein ist. sicherlich ein. großer Physiker, aber er möge endlich seine Tätigkeit in Jüdischen Dingen einstellen; wir schreiben ja auch nicht über die Relativitätstheorie.; Poris Umzüge — Lagerung ~ verbilligte Frachtbercchnung durch Sammelladung PnRetfahrt des Westens Kurfürstendamm 94 /TeLt J1 3333 Auskünfte über Zollangelegenbelten und' Ausfuhrbestimmungen kostenlos A. Schäfer GegrCndit 1851 Berlin - Wilmersdorf, Wilhelmsäue 36 Telefon: H 6 Emser Platz 7236 Möbeltransporte * In-, Ausland, Übersee eigene Lagerhäuser nuiisf e ericni „Türkei“! 2. Auflage erscheint .Anfang Juli. f Das Land der Urteilsn. ExlsleazmfliillcUellen für Handel, Wirtschaft, Gewerbe, Technik und Wissenschaft, mit 1 Landkarte, von Mehmed NacHl-Bey, Journalist, Charlottenburg' 4, Wilmersdörfer Straße 96/97. Broschiert RM. 3*30 einschL Porto. Keine Nachnahmesendung. 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