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Jüdisch-liberale Zeitung · 1933-03-15 · 24 (15.3.1933) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
12 (1932-1933)
Issue
24 (15.3.1933)
Date
1933-03-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Bezugspreis: Vierteljährlich 1,50 RM. zuzügllcb Bestellgeld. Einzelnummer 0,25 RM. Abonnements werden bei allen Postämtern angenommen. Anzeigen nach Tarif. — Bel Nichterscheinen infolge Streiks oder bäberer Gewalt besteht kein Anspruch aui Nachlieferung oder Rückerstattung der entsprechenden »»•»««■««■iiHhren. - v Orgon frer SSerefnfomifl für tiftewfe 3uftenfaro e.-& Herausgeber: Hanns Loewenstein und Villi Tisch Verlag Schriitleituiig: George Goz (Die -Jüdisch-liberale Zeitung“ erscheint am 1. u| IS. Jedes Monats. Redaktion und Geschä!tsstelle|Berlln SVMlHallesche Stivl^ t,nt,V»VKiUlF ®* ger*matw 3358; 3359. i a n k v e r b I n d u n g: Kreditverein iür Handel Gewerbe e. 0. m. b. H„ BerUn N24. Postscheckkonto: Jüdisch-liberale Zeitung: Berlin 237«. Nr. 24 Berlin, 15. März 193 12. Jahrgang Unverzagt! Ein 'Schößling ist dem Palmbaum entsprossen: Hadassa (Esther) war’s, unverzagt wirkte sie, die in Schlai Ver- " sunkenen aufzumuntern.“ Dieses Erinnerungswert aus dem Gebet nach der Verlesung des Esther-Buches mag uns heute Leitwort sein. Die „in Schlaf Versunkenen“, damit können durchaus auch die gemeint sein, die sich hemmungslosem Pessimismus hingeben, anstatt sich aufzuraffen zu neuer Arbeit 11. ' Ob’s aber zeitgemäß ist, an unser Purimfest auch nur zu erinnern? Viele der Unsere fürchten sich; wirft man uns doch vor, es sei ein Fest des „Blutrauschs“, zur Erinnerung daran, daß die „Juden überall ihre Feinde schlugen und mit dem Schwert niederhieben“; fünfundsiebzigtausend Perser sollen sie ■ getötet haben. Unmenschlich? Nun, die Schilderungen in den Büchern anderer Völker jener Zeit sind nicht besser; aber die Schilderung des Esther-Buches ist hochgeadelt durch den zweimaligen nachdrücklichen Hinweis: „Doch nach Beute streckten sie die Hand nicht aus" (Kap. 9, Vers 10'und Vers 16). Zudem bandelte es sich nach der ganzen Erzählung um einen Akt der Notwehr.- Und vor allem: nicht den Tod der Besiegten, sondern die eigene Errettung .feiert das Purimfest. Wie aber'das Judentum in Wahrheit zum Untergange seiner Feinde steht, das möge man bei Jesaja (Kap. 16, 9—11 und Kap. 21. lf) nachfesen, aber auch wirklich nachlesen: der jüdische Prophet ■ empfindet die Errettung von den Feinden durch.deren Unglück als eigenes Unglück! Es muß gerade heute dringlicher als je gefragt werden, ob wir Juden n/it solcher Ethik unserer Bibel etwa Zurückbleiben hinter dem uns so oft vorgehattenen neutestamentlichen Gebot der Feindesliebe? 111. Indessen:. Purim ist das „jüdische Faschingsfest“, die Zeit aber ist für derartige Ausgelassenheit zu ernst Richttg; und doch kein Vorhalt gegen uns Juden allein, hat doch die ganze niclitjüdische Bevölkerung soeben ein Faschingsfest gefeiert wie kaum jemals zuvor, besonders in der -eigentlichen Heimat des Faschings, am Rhein. Aber wir heißen das nicht einmal gut, und wenn nun ein unglücklicher Zufall in diesem Jahre fügte, daß unser Purimfest mit dem deutschen Voikstrauertag zusammenfiel, so sind wir viel zu sehr Kinder and Glieder unseres deutschen Volkes, um nicht das Andenken all -der teuren Sphne unseres Vaterlandes zu ehren, unter denen sich, wie bekannt, 12 000 Gefallene unseres Glaubens befinden. Dem Purimfeste aber bleibt der Charakter, der ihm im Gottesdienste unserer Synagogen gegeben ist, und der am deutlichsten aus der Gestalt jener Esther zu üus spricht, die unverzagt, bedenkenlos ihre Pflicht tut —: „bin ich dann .verloren, so bin ich verloren.“ Gerade wer so, ohne nach Erfolg oder Gefahr zu fragen, seine Pflicht erfüllt in der völligen Unbekümmertheit seines Herzens, gerade der ist nicht verloren —: das ist die Lehre unseres Purimfestes; wir haben sie heute nötiger Verbreitung von Sensations- und Panikmagen gewarnt -ist mit jenen Auslandsgerüchten wohl schach in Verbindung zu bringen. Und wenn nach der. amtlicjHaussuchung im Berliner Büro des C.-V. der „Völkische Sachter“ meldete: „Jüdische Organisation der K. P. Dgeräumt“, so: weiß jeder deutsche Jude, auch die innerjüdia Gegner des C.-V;, daß dieser Verein die deutschen Judur unbeirrten Pflege deutsch-vaterländischer Gesinnung unikraftvollen Verteidigung der jüdischen Religion gegenjehen Angriff erziehen will —: er kann unmöglich die Zeiner staatsreligionsfeindlichen Bewegung auch nur Reißen >-<■— weitergellenden Vorwürfen ganz zu sehen. Zu all den Ereignissen der letzten Zeft Sg zu nehmen, „_re nicht nur unmöglich; es wäre überflüdul schädlich. Was not tut ist: Distanz zu gewinnen: njehizeitiieh, auch seelisch. Es hat, neben den erregenhuch au oeruhigenden Nachrichten in diesen Tagen befehlt. Undementiert blieb z. B. die Meldung über erklärung, die der Reichskommissar für das Preußischenministeriurn, Herr Reichsminister Goering, dem liJm antden Sonder- _er die zwischen dem IS.|‘ durch den Postboten vorgeld mentsquittuhg für das 2. fai 1933 ln Höhe von RH 1,62 nicht einlöst, l geht dadurch des Abonnen auf die ■JOdisch.llberale Zeitung«« 1 Hg. als je. IV. Wir sind nicht verloren! Das muß jeder sagen, der die Ereignisse richtig abzuschätzen weiß. Nicht Wunderglaube, nicht grundloser Optimismus, nicht Beschwichtigungssucht lassen uns dieses Wort aussprechen. Aber so falsch jede Art von Illusionspolitik ist, so falsch .auch ist jede Art von Panikpolitik. Einen Bärendienst haben uns deutschen Juden z. B. jene Kori respondenten ausländischer Blätter erwiesen, die Tatarennachrichten über angeblich fn Deutschland unmittelbar bevorstehende Pogrome an ihre ausländischen Blätter sandten. Bedauerlich genug, daß z.T. auf solche im Auslande erschienene! Berichte hin der C.-V. in Thüringen verboten Wurde, weil der „Tätigkeit dieses Vereins zuzuschreiben sei. wenn aanationale Deutschland in einer unverantwortlichen taimudistisehen Weise in der Atislandspresse herabgesetzt worden sei. Soweit wir aus den Presse-Besprechungen des C.-V. wissen, hat gerade der C.-V. die ausländischen Journalisten oft vor Wo die „Jüdisch-liberale Zeitung“ fehlt — da fehlt ein Stüde Judentum. Deshalb; jedes jüdische 9taus geAöct die. „Jüdisch* Mecate Zeitung.". Lösen Sie daher bitte die ] bzw. geben Sie im Falle deij vom Hause entsprechend1 inheil korrespondenten des Stockholmer „Sveibladet“_ geben haben soll: „Wenn sich die judeifrhalten und ihren Geschäften nachgehen, hat niemand] befürchten. Aber wir wollen sie nicht in der Leitunjiches haben und werden sie dort nicht tolerieren.“ -ff wird verkennen, daß zwischen der dieser Erkiänadeliegenden Auffassung und derjenigen z. B. Gabriel f- „Wir sind nicht eingewahdeft, wir sind eingeboren erhebliche, beklagenswerte Differenz besteht; aber djrd ebenfalls niemand verkennen, daß diese und einigErklärungen ähnlicher Art die Forderung nach zeif seelischer Distanz gerechtfertigt erscheinen lassenide wir als ein religiöses Blatt möchten jedem urfer Zurufen: „Die Ereignisse und Dinge werden sich Iso beruhige Du zunächst Deine Seele!“ Nicht, als hiae Kette der Prüfungen schon für beendet: ausdrücküfren wir uns nochmals gegen jeden leichtfertigjjmus. Ebenso sehr freilich gegen leichtfertigen Ij Und wir erinnere an all die vielen Leiden und! Opfer,-die Deutschj Ueberzeugung willen auf sich nehmen. Müsseifr jüdischen Deutschen leiden, nun gut, so müssen?.“. sprechen wir in Abwandlung jenes Es! immer die Art der wahrhaft Frommen: 4es heutigen Tags ansehen. als. seien sie vor hum» geschehen. Gerade der, der solcherart sich von deg zu distanzieren vermag (so daß sie ihn seelischgtriegt), gerade der vermag in der Gegenwart spnd ist imstande, unbekümmert das im Augenblick zu tun — .unverzagt wie Esther. 8 vi. i Der diesjährige „Tag des Buches» 22. März festgesetzt Was liegt für uns Juden fr Gedanke an das Buch der Bücher! Dem Geistihes wollen wir treu bleiben, wollen fester knüpfefldas uns an jüdische Religion und Religionsgemeiat Das ist die unversiegliche Kraftquelle, aus ittpfen. Und wenn aus diesen Blättern hier dekr^iebt anweht, so deshalb, weil auch hier ausS geschöpft und jener Geist gekündet wird, danfl Juden zu allen Zeiten innerer und äußerer BesÄfoverzagt: wir werden leben! Und, mehr als dasiwirken Iür glückhafte, ideale, gottgefällige Gestalfcens. Bekenntnis zur Verständigung. Aus gegenseitiger Kenntnis — zur wahren Gemetnschalt! Von Studienrat Dr. Rudolf Zwetz, Kassel. Ich schreibe dies fünf Tage vor der Wahl des 5. März. Ich schreibe es mehr als Bekenntnis und zu eigener Klärung und Festigung, erst ja zweiter Linie als Aufruf. . Mir ist es ein Bedürfnis, in einem Augenblick, wo alle - Gegenkräfte entfesselt scheinen, als - N i c h tl ud e meinen jüdischen Freunden und Mitarbeitern für jahrelange treue Kameradschaft zu danken und gegenüber einem Erziehungsprogramm, das alten Rassenwahn erneuertunsern gemeinsamen Weg durch Verständigung zum inneren Frieden nochmals, wie so oft schon, Im Geiste bis zum Ende zu durchschreiten. Ich bekenne mich zur .allgemeinen Volksschule,- für alle Kinder deutscher Sprach- und Staatszugehörigkett. So wie unsere jüdischen Mitbürger als konfessionelle Einheit mit Rechten und Pflichten in den deutschen Rechts-, und Kulturstaat eingegliedert. bleiben, so soll die jüdische Minderheit in der Schulklasse das jüdische Kulturgut beisteuern zum Gesamtbildungsstoff. Und der Lehrer — gleichviel ob Jude oder Nichtjude — wird dje jüdische Minderheit — ebenso wie die katholische oder evangelische — benutzen müssen, die Gesamtheit. zi{ staatsbürgerlicher Verständigung zu erziehen. Besuche der Andersgläubigen in den. Gotteshäusern werden ergänzen, was der Arbeitsunterricht noch überfüllt ließ. Dies das Programm. Wir müssen es immer und immer wieder vertreten. Und Zeiten, wie diese, dienen gut zu ernster Prüfung, ob es taugt und — ob wir treu bleiben. 1 ‘ Es h ä t sich bewährt. - Als in fler Sexta deCafiMAt;-: Stadtschule ein antisemitischer Schmutzzettel/erschien, wurde nicht nach dem Verfasser gefragt: infeiner entlegenen Hofecke wurde das Dokument feierlich verbrannt. Als wir wieder im Zimmer versammelt waren, ergab es sich, daß von jüdischer Religion, jüdischem Kultus gesprochen wurde; und mit einem Male war der bis dahin oft angefeindete und mühsam,geschützte einzige jüdische Kamerad — Mittelpunkt einer interessiert - zuhörenden Gemeinde. Die älteste Religion der Menschheit.. seltsam, romanticrh in »U„„ .. /iunoreimen uememue. Die älteste Religion der /.. heit,, seltsam, romantisch in allen Gebräuchen — sie wurde fast zur Sensation. , 1 J 1 Doch in der Folge fühlten sich nicht nur <1 gelischen, auch die 4 Katholiken und die 12 Dil zu Bericht, Frage und Kritik gedrängt. Dif Zwang zur Formulierung-wurde jede Weitaus® gruppe zu vertiefter Arbeit geführt; jeder mT klar werden über Sinn und Inhalt dessen, wd her meist hingenommen und gedankenlos | hatte. Jede Gruppe aber lernte dabei ihre „GA Menschen, ehrliche Sucher und Ringer achte« tonung der .Gruppen schloß die Klassengen enger. \T Besuche in den Synagogen brachten da wachsenden das Erlebnis des Gottesdienstes,® terfestes. Auf einer Studienfahrt ins östefl Burgenland wurde das Ghetto von Mattersbu® von Eisenstadt betrachtet. Vorträge jüdisch® _ ter 'erschlossen uns einmal den Reichtum mAIL, . tan» Kunst, ließen uns aber auch die ZerrissenJjlpfU des ’ - Judentums erkennen/Zionismus und deutsches Staatsbürgertum untersch den, und schließlich die Rassehfrage zum Arbeitsjblem werden. Ein andermal,; ,s kein jüdischer Kamerad wachsam und kritisch zugf.gen war — die Klasse umfaßte nur . protestantische Schüler — häuften sich in dieser Unter- > Sekunda versteckte Anspielungen auf jüdische und marxistische Volksverderber. Wie dem begegnen? Nun, der Arbeitsunterricht bot eine vortreffliche Handhabe: die drei Hauptwidersacher erhielten von,der Klasse den Auftrag, sich in besonders dafür angesetzten Stunden in zusammenhängendem Vortrag zu äußern. Und siehe: .all jene längst vermoderten Versatzstücke schmückten in neuer Frische das Theater — Ritualmordmärchen/ . / Weise von Zion usw. usw., -aus elenden Traktätchen . ans Licht gezogen. Der Zwang zur Vertiefung führte in dem allzu seichten Gewässer nur zur Aufrührung von Schlamm. Umso, stärker wirkte auf die wissenschaftlich unbefriedigt gebliebene Klasse der Eindruck des Tempels. — Dies unser Weg. Doch manches bleibt noch zu erproben. Wir evangelischen Christen feiern den Tag unserer Reformation: Könnte er nicht einmal ein Yef- - söhnungstag werden? Bieten die großen Festzeiten — mit ihrem Rufe: „Friede auf Erden!“ — nicht beiden Teilen Gelegenheit, die Volksgenossen der andern Seite einmal für. Stunden stillen Nachdenkens zu gewinnen? Wer so Gemeinsames und Trennendes erfaßt, wurzelt stärker im eigenen Glauben als je durch Lehre allein.

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