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Jüdische allgemeine Zeitung · 1936-09-02 · 36 (2.9.1936) · page 1

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
16 (1936)
Issue
36 (2.9.1936)
Date
1936-09-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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BERLIN 2. September 1936 PREIS 25 PP- Nr. 36 / 16. Jahr«aii« JÜDISCHE AUGMHNE Schriftleltung und Geschäftsstelle: Berlin-Charloltenburg 2. Bleibtreustraße 2. ülf ff Vertu«: Vetlags«eiioiiensohaft io Deutaohüod uoaiualger Juden u Bulla C1 Stelnpl.3703. Bankk.: Kreditverein f. Handel u. Gewerbe eGmbH. Berlin N 24. Jlf M «M .... vGrubll.. Bio.-Lhoriotteobur« 2. BieidtrsasW. 2. Aoüigeopr.: Di« Pustscheck-K.: Berlin 23720 — Bezugspreis: RM 1,—monatlich'(zuzügl.RM.0.10 M M f (ffLffff iPWg MM mm-Zeile Rpf. «..für FamlUenanz.lgea Rpf. 6. für 5teil.nge.uede Rpf. S Zeituag.gebühr and Beatetleeld). bei StreifbaadTersand wiügl. RH. 0.30. M W B«i unvencholdetar Nichtbeliefenm« besteht kein Ansprooh «of Vergütest NEUE FO L G E DE R J ö D I SCH-U B E R AL EN ZEIT U Afofcliied und Neuaufbau Von HEINRICH STERN Während draußen der Sch'ofar des Elulmonats die Seelen für die ernsten Feste vorbereitet, nehmen wir hier in unserem Kreise von einem Freunde Abschied. Mit dieser Nummer wird die „Jüdische Allgemeine. Zeitung“ aufhören, als selbständiges Organ zu erscheinen. Sie wird an anderer Stelle ihren.Namen und. ihre Ideen, will es Gott, in weitere Kreise tragen können, als dies bisher der Fall war. Das schreibt sich so hin, und viele werden darüber hinweglesen. Was cs aber für Menschen, die fast ein Mcnschenalter mit der Zeitung verbunden waren, bedeutet, sie aufzugeben, das werden nur die allernächsten verstehen. Vielleicht würde es uns leichter, werden, die Spalten zu schließen, wenn wir uns sagen müßten, daß die. Idee tot ist, für welche diese Zeitung gelebt. Gerade das aber — das ist ein bitterer Trost — wollen, dürfen und können wir uns nicht sagen, denn das religiösliberale Judentum tritt erst jetzt in seine' Zeit ein. In die Zeit, in der es seine echte Aufgabe erfüllen soll. Manche Schlacken, die die geschichtliche Entwicklung um den Kern des religiös-liberalen .Judentums . gelegt hat,'sind von selbst abgefallen oder man hat sie abgestoßen. Von dem politischen Liberalismus, überhaupt von der allgemeinen Politik des Tages, mit der unsere Bewegungeine Zeitlang fast unlöslich verschwistert schien, haben wir seit 20 Jahren versucht, sie abzulösen. Was wir'nicht schon selbst getan hatten, - hat die Zeit getan. Von Politik hat unsere Bewegung -nichts mehr behalten als den Namen, den wir nicht aufgeben, weil er historisch geworden ist, ohne darum richtiger und passender geworden zu sein. Unsere Bewegung ist vom jüdischen Liberalismus immer stärker zum religiös-liberalen Judentum geworden. Das ist kein bloßes Wortspielen. Wohl hatte das „Libcralc“, das Freimachen, seine geschichtliche Aufgabe; aber nach dem geschichtlich notwendigen Abbau ist' heute der geschichtlich notwendige Aufbau, in seine -Rechte getreten. Damit soll nicht gesagt sein, daß dieser Aufbau nicht auch ein Nein sagen muß, wie es jüngst der Vertreter unserer religiösen'Jugend mit Recht an dieser Stelle verkündet hat. Aber es kann nur ein Nein sein, um des größeren Ja’s willen, ein Nein. das durch die Schlacke zum Kern vorstößt. Und wir dürfen nie das Schillerwort unserer Kindheit vergessen, das ein -Wort der jüdischen Geschichte geworden ist: „Der Meister kann die Form zerbrechen“. Und nicht jeder ist Meister. Mancher dieser Meister hat in unseren Spalten zum jüdischen Volk gesprochen und wir hoffen, daß diese Worte nicht ganz verloren sind. Denn wenn in dem ungeheuren Aufbruch der Zeit wir das schwerste Erleben durchmachen, das einer Gemeinschaft zustoßen kann, daß wir unsere eigene Jugend, die Träger unseres Lebens und unserer Ideen von uns fortentsenden, so fühlen wir, daß gerade dieses Werk des Aufbruchs, der Trennung von unseren Kindern, nur in dem Sinne geschehen darf, in welchem wir liberalen Juden lebten und kämpften. Es darf nicht eine Flucht von Gott weg, sondern es muß sein ein Auszug „in das Land, das ich euch zeigen werde“. Nicht nur im jüdischen Raum, in der ganzen .Welt geht es jetzt um den einen Kampf, um den Kampf um Gott, und auch wir fühlen in unseren eigenen Reihen die Schwere -dieses Kampfes. Herrliche Jugend, lebenszäh, stolz umT treu, sucht sich ihren Weg in die Zukunft zu bahnen. Noch ist gerade manchen ihrer Vorkämpfer nicht klar geworden, daß sic Juden nicht erretten können, ohne das Judentum hinüber zu retten, daß kein Judentum leben kann, ohne die Erneuerung des alten Bundes, den Gott mit dem ersten Auswanderer, mit Abraham, geschlossen hat. Ob es. ein Auszug wird, in ein Land, in welchem Milch und Honig fließt, oder ob es ein Auszug wird in die Wüste, jüdischer Weg kann nur der Weg sein, der dieses Wandern verknüpft mit dem uralten Wallen des ersten jüdischen Menschen, der ersten jüdischen Gruppe, der ersten jüdischen Volksgeneration. Ob es die Wolkensäule oder die Feuersäule ist, die. vor uns hergeht, es ist dieselbe Leuchte, die dem-Volk voranging, „durch Wüste in gelobtes Land“. . Darum, um unserer Ausziehenden willen, müssen wir lil>era]esi Judentum erhalten. , . Und erst recht wir, die wir hier bleiben, weil wir des Wortes uns getrosten, „an jedem Ort, wo ich meines Namens gedenken lasse, will ich zu Dir kommen und Dich segnen“ — wir greifen nach unserem liberalen Judentum sehnsüchtiger, hungriger als jemals. Denn die Arbeit, die uns hier zurückbleibt, ist nicht nur eine solche für den Alltag des Leides, cs ist nicht nur eine solche für den Alltag des Leibes, cs nicht verkümmern im Geist und nicht verkümmern im Willen. In einer Zeit, in der alles hindrängt nach wirtschaftlichem Neubau, nach Stärkung und Abhärtung des Leibes, wollen wir unseren Kampf für den Geist weiterführen. Nicht für den Geist, der zersetzt und zerlegt, sondern für den ewigen Geist, der aus. den auf dem' Toten feld zerstreut lagernden Knochen das lebendige Volk Israels immer weder erneuert. Nun heißt es, liberale^ Judentum habe in der Gemeinde nichts mehr zu versorgen, seine Rolle sei ausgespielt. Das, worum es gekämpft hat, seine Synagogen und seine Form des Gottesdienstes, das stehe nun einmal da, das werde man ihm lassen, werde man den Wenigen lassen, bis in 30 Jahren auch der letzte „Orgelanbeter“ dahingestorben sehr wird. Alles andere aber sei heute nur Sache der Gemeinschaft, die sich um keine Partei zu kümmern habe. Auch in dieser . entscheidungsvollen Stunde möchten wir mit allem Ernst noch einmal darauf hinweisen: Unsere Bewegung ist nicht nur eine Kultusbewegung, obwohl Gottesdienst und Gotteshaus einer der Pfeiler ihrer Arbeit darstellt. Als jüdische Bewegung will sie das ganze Leben erfassen, insbesondere aber will sie Menschen erziehen, alte und junge, zu Gott,' zur Gemeinschaft hinziehen. Und diese Aufgaben beginnen erst. Es ist mir unbegreiflich, wie ein Vertreter unserer Jugend glauben kann, daß die’ jüdische Schule, ihren Weg in die Gemeinden nehmen könnte, ohne daß sich das liberale Judentum darum kümmere. Wenn überhaupt und je eine Aufgabe für eine aufbauende religiöse Bewegung vorhanden war, so hat die jüdische-Schule sie ihr gestellt. Wir haben darüber zu'wachen, daß diese Schule. eine echte jüdische Schule wird, unassimiliert an Methoden und Ziele des Tages, mit voller Kraft entstehend für den ewigen Weg und das ewige Ziel. Wir haben gehört, daß in dem Land, das sich Erez Israel nennt, eine ganze Generation erzogen wird, ohne Gottesdienst, ohne Gotteswort, ohne Gottesbuch. Wir wollen unsere Jugend, mag sie bleiben oder gehen, als (Söhne des Bundes erziehen, des Bundes, ohne den . auch“ Erez. Israel ein ewiges Golus verbleiben wird. . Und zuden älteren Männern und Frauen, die den Heldcnkampf der „letzten Generation“ zu kämpfen vielleicht bestimmt sein werden, zu ihnen wolleiFwir treten mul sie lehren, in'der Wüste des Alltags.das Licht von Sabbath und Fest nicht erlöschen zu lassen; wir wollen aberauch versuchen, ihnen gotterfülltes Alltagsleben zu schaffen, wollen sie lehren,Jin sich hinein zu horchen, wenn andere nicht mehr auf sie __ Das war unsere Aufgabe, das-bleibt unsere Aufgabis. Ihr haben wir gedient mit den beschränkten Kräften - und Mitteln, die unsere uns lieb und teuer gewordene Zeitung geboten hat;'ihr werden wir dienen an neuer Stelle im alten Geist. Das religiös-liberale Judentum und seine Organisation, die Vereinigung für das religiösliberale Judentum^ werden ihre Stimmen im Rahmen der C.V.-Zeitung ertönen lassen, können, und sie werden . damit voraussichtlich vor einen weiteren llörerkreia treten als bisher. Denjenigen, die bei uns atugehalten haben bis zuletzt, danken wir. Es ist nicht ihre Schuld, daß diese jüdische Zeitung den Weg geht, den vor und neben uns auch andere gehen. Sie werden _ uns treu bleiben, auch wenn wir von anderer Stätte her zu ihnen sprechen. Denn das Wort wandert, aber der Geist bleibt beständig.— Draußen in unseren SynagogenKliht tnan.Schofar, den. Schofar des Elul. Auch wir haben in jahrelanger Arbeit versucht, im .kleinen Rahmen etwas von der Erschütterung in die Herzen unserer Brüder zu gießen, von dem das alte Psalmwort sagt: „Aschre. ho’om jaudea teruoh“ — „Heil dem Volk, das Erschütterung in sich wach werden läßt.“ Nur aus der Erschütterung wird die Erneuerung’werden, nach der wir alle uns sehnen! Es wird gemeldet: ■ W ie die Warschauer jüdischen Zeitungen mitlcilen, i»t cs au dem letzten Markttag in der Ortschaft Pultusk, Krcb* Warschau, zu juden feindlichen Ausschreitungen gekommen. Die Nationaldcmokratcn stellten vor den jüdischen Marfctständcn Posten auf, um christliche Käufer fernzuhalten. Jüdische Passanim wurden mißhandelt. In einem jüdischen Geschäft und einem jüdischen Wohnhaus wurden die Fensterscheiben zertrümmert. ic aus Wien gemeldet wird, soll das Bibeldrama von r f e 1 „Der Weg der Verheißung14, das ursprünglich " * n Max Heinhardt in New York uraufge führt rektor K. Ricßcr herausgebracht werden. Die a_ _ Uraufführung, die bereits einmal verschoben war, soll auch im - Herbst nicht stattfinden, da Reinhardt in Europa Filmverpflichtungen hat. 'S ln Stubn.-Teplice fand unter zahlreicher Beteiligung von Delegierten aus allen Teilen der-tschechoslowakischen Republik ein Kongreß des Zentralkomitees der Jüdischen Partei in der Republik statt. An den Altpräsidenten Professor Masaryk, an Präsident Dr. B e n e s c h, an den Ministerpräsidenten Dr. H o d - z n, sowie an den Landespr&sidenten der Slowakei, Orszagh, wurden Begrüßungstelegramme gerichtet. jüdische Städtchen Wiszonki-Wipichy bei Ciechouowice ein planmäßiger Überfall durch eine militärisch organisierte nationaldcmbkralischc Rande verübt worden.. Die 36 jüdischen Familien des Städtchens erhielten den Befehl, ihre Häuser sofort zu räumen. Die Juden brachten Frauen und- Kinder In den benachbarten Städtchen Bronnk und Cicchonowiee unter» Inzwischen wurden die Fensterscheiben aller jüdischen Häuser zertrümmert, die Einrichtungen der Wohnungen und Läden in Stücke geschlagen, die Fußböden - wurden aufgerissen, hie und da sogar die Dächer durchlöchert. Erst am folgenden Morgen traf Polizei ein, und nahm die Untersuchung auf. Vorläufig sind keinerlei Verhaftungen vorgenommen worden. ■ Es wird ‘bekannt gegeben, — — - Vereinigten Staaten in Paris, Jease Isidor Straus, der bekanntlich-^ 26. August in Kopenhagen eröffnet wurm. _ bedeutende jüdische Gelehrte teil. Dr. Max Weinrieh, Mitglied des Jiddischen Wissenschaftlichen Instituts in Wilna, wird einen Vortrag über die Bedeutung der jiddischen Sprache für allgemcin-phiJologische Studien halten. Ein Referat Ober „Gesell- Tchoft und Sprachen der Primitiven“ wird der berühmte Gelehrte :r jüdischer Farailicr Jungen ganzer .... ...galizischen Dörfern leben, i ... Fall erweitert worden. In dem Dorf Raczince, Kreis Zaleszcyki, drangen Banditen nachts in das Haus des jüdischen Krämers Leib Komi! ein und töteten ihn, seine Frau und seine beiden . Kinder auf bestialische Weise. izöriscbe Regierung hat als e Abkommen über die v< I In der Nacht v i Sonnabend ist auf das Das Abkommen, das die Schaffung einer Idcntitä^a_i und eines Reiseausweises für die Auswanderer u.~o7 »««««, war in Genf sogleich von fünf Staaten, von England, Frankreich, Dänemark, Holland und der Schweiz unterzelchi^££^ngi. -

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