Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 16 (1936)
- Issue
- 1 (1.1.1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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BERLIN i. Januar 1936 PREIS 25 PI Nr. 1 / 16. Jahr«« m JUDISCHE AUGEHBMf NEUE FOLGE DER JÜDISCH- LIBERALEN ZEITUNG Lord Reading geftorben ' .iril lU-adiiig, liefen Gcsiiudliei.szustand bereits in den letzten Tajc« xu ernsten Besorgnissen Anlaß gegeben' hat, .ist, wir aus London gedrahtet «ird, am Montag im 7G. Lebensjahr gestorben. Die glänzende Laufbahn dieses englischen Staatsmannes wurde erst i„, Oktober bei Gelegenheit seines 75. Ccb.irtstagcs, den er nach schwerer Erkrankung in aller Sülle auf Deal CastFc bettaiiarn hat, eingebend geschildert. Wie ein Märchen mutet die Karriere des llüiidlrrsohiii-» llnfus Daniel lsancs an, der es vom Schiffsjungen zum altchnvfirdiscn Amt des „Hüters der fünf Häfen", vom Anwalt zum Genrralbegan", als er i *i c I I rl Irl °l i I .I I (l eintrat und einen Silz im Parlament erlangte. Als Erster Gcncraldic jemals einem glaubcnslrcucii .luden bcschicdcn »ar. Dickes Amt des obersten ltirhtcrs von England bekleidete er vom Jahre l'Jl4 bt» VJ2I. Im Jahre IU.14 wurde er mit dem Titel I.ord u '' y ' iP ' ' j' ' ' '' i " f voll' der^cVhbp7l%eT'lnisßcrl1 l'jül zum Vi« kö'ili.S' 'von^lndicn l'os^rder\.Vli^ehc1"V!0l»"üalVohlik hatTr^c^o hoV* slaatsmäuuischc Begabung bewiesen, daß der König von England ihn beim Ablauf seiner Amtszeit im Jahre 192Ü zum Hang eines Mannas, der zweithöchsten Gm....« der l'ecrage, erhob «ml ihm ab Ehr.-".-.volin5:i: las SchloS üeil Ca. tle r.:--.vics. Trot.- aeim-s hohen Allers trat Marouis of Ucading 1931 noch einmal für kurze Zeit als Außenminister in das englische Kabinett ein. In keiner seiner hervorragenden Stellungen bat Lord Itcadin« seine jüdische Abstammung verleugnet. Sein Biograph Deck Walkcr-Smith hat dem Juden Lord Headiin: diese Charakterisierung angedeihen hissen: ..Lord Uea'diug ist"ein Jude;-ein Jude von Geburt. Temperament und nach seinen Vorzügen. Sein ganzes Leben ireh i —_ _____ Seine.-Eiaensrhafteu sind die seiner Hasse, und,keine Darstellung von ilmi' kann vollständig sein oder überhaupt verständlich, die nicht diesen Erbfaktor mit in Heehiumg zieht." Als er einmal zu Beginn seiner Karriere in einem Wahlkampf wegen seiner Religion angegriffen wurde, meinte er: ..Als iel, nach ' nach Hcading kam. sagte ich, was ich heute sage, daß ich Jude bin und daß ich stolz darauf bin'.v Auch hei der Chernahlnc seines- Amtes als Vizekönig bat er in einer Ansprache auf seine jüdische Volkszugehörigkeit hingewiesen. Das Leben und Wirken dieses jüdischen Staatsmannes ist das Beispiel eines von Pflichtbewußtsein, VcranlwortiMli^cfuhl und jüdischer Energie erfüllten Daseins, und es wird Lord H. ading auch übers Grab hinaus die Dankbarkeit der Juden Deutschlands bewahrt bleiben für die Tätigkeit, die er als Präsident des Central Ilritish Fund for German Jewry zur Unterstütz.!.,:! ih r aus Deutsehland ausgewanderten Juden entfaltet bat. Legislative Council zurückgeltellt? Eine aufsehenerregende Meldung des Mufti-Organs „El I.iwa Jerusalem., Die Tageszeitung „El Liwaa", das Organ , Meldung, daß aller■ Wahrscheinlichkeit »aeh trotz der «ffU-ll '-' - idignng des Legis!: ' ' " " " '~ des Hat« Informati stellt w soll Higl -Sir Arthur Wauchopc von dem Ministerin....... _............... London die Weisung.erholten haben, keine weiteren Schritte i der Frage der Schaffung des Lcüislalivc Council zu unternehme, Es verlaute, so heißt c, in dem" llcrieht der ..El Liwaa" weilci daß diese Weisung in Zusammenhang stehe mit Verliaiidlungei Zionistischer Exekutive über die Fra»e dcs'u" Nialrw-' ('nunc . », , Abschluß dieser Vcrbandlungeu so 3er High Commissioner in dieser ■ gelcgi Hausgehilfinnen in jüdifchen Haushalten - Das ..Deutsche Ninlirichteubüro" teilt mit: s ( „Allc^ Hausgehilfinnen, die unter i> 3 des Gesetzes zum 15. September 1935 in Verbindung mit S, i'2 dcr'Ausffmnin™ Verordnung zu diesem Gesetz vom 14. November. 1935 fallen, müssen ohne Rücksicht darauf, ob. bei den Behörden, ein Antrag der Hausgehilfin oder des Dicnsthcrra auf Verbleih in ihrer Stclhine vorliegt, am 31. Dezember 1935 aus ihren Stellungen ausscheiden, sofern nicht im Einzelfalle die Genehmigung zum Verbleib in ihrer Stellung bis zum 31. Dezember 1935 erteilt ist. Für den'Fall, daß eine rechtzeitig beantragte Genehmigung noch nachträglich erteilt wird, kann die Hausgehilfin von diesem Zeitpunkt an wieder in ihrem früheren Haushalt beschäftigt werden." Zeitwende Von HEINRICH STERN i Ks ist ein hezielituigsvolles Zusammentreffen, daß die ju.lisi.-he W elt in den Tagen des Jahreswechsels wiederum des Mannes gedenkt, mit dem unstreitig eine der wichtigsten Epochen in der jüdischen Gcsehirhtc beginnt: am 4. Januar jährt sich /um l."»l). .Mal der Todes!«:; Moses Mendelssohns. Das was sterblich und unsterhlirh an dieser großen Persönlichkeit ist. ist vor sechs Jahren anlälMich seines 2110. Geburtstages in allen lilättcni und in vielen Schriften und liiichcrn . hinreichend gewürdigt worden. Desto bedeutsamer ist in der Zwischenzeit die Frage geworden; ob' die geschichtliche Periode der Emanzipation der .luden, die '■ lein NamenMen.lelssolms »csrliichtlich verb. ' . ehen; Ep l.pis der rüdisclien (;eschichtc bleibt oder eine unvcrlii-rh; 'Errun!ienschail. Hierbei kann es nicht darauf aiikom- . inen, ob in dem einen oder anderen Laude der Zerstreuung die politische Gleichberechtigung der Juden trau/, oder teilweise heendel ist oder nichl. .Denn diese staatsbürgerliche Emanzipation isl nicht das Wesentliche. woran wir denken. wenn wir Mendelssohns Namen im Munde führen. Diese staatsbürgerliche Emanzipation, ohülcich auch von ihm schon'ersehnt und ' gefordert.'knüpft steh weniger an seinen Namen als an andere Geschehnisse, insbesondere an die französische Itevolution. deren Ausbruch er, nicht mehr erlebt hat. und die er sicher mit sehr gc-' mischten Gefühlen begrüßt hätte. W as das Linverlieihare am Lehenswerk Mendelssohns, was auch heute uuhcstritlen ist im Meiiuui'isstreit jüdischer Weltausi-hauun<:. das ist dre '/.crtrfiiiiuieiinm des i:eisti^cu Ghettos, die W'icilcrverkiiünfun;; jüdischen GeisteslchensUnit der allgemeinen Kultur. Diese Verknüpfung hatte früher immer hestaudeti — man denke an das ehen ahgclaufcuc Maimoui.lcs-Jahr — und war nur in den letzten zwei Jahrhunderten der Krstarrunj; seit Gegenreformatioiv und üOjährigcm Krieg gelöst oder wenigstens gelockert worden. Mendelssohn hat die Not-, wendigkeit der Verknüpfung von jüdischer und allgemeiner Geistesbildung erkannt, irrseincr Person durchgeführt und als unverlierbares Erbe hinterlassen. Nichts ist bezeichnender hierfür, als die'Tatsache, dal» beim Jubiläum der Ureslaucr Gemeinde 1922 von der Kanzel der alten Synagoge in licrlih der an diesem "Gottcshatise amtierende sireng konservative Itabbiuer, dessen Vorgänger dereinst die deutsche liibclühersetzung Mendelssohns in dcii^ Uanti getan hatten, eben diese Bibelübersetzung alsdie grölAte jüdische Tat bezeichnete, der sieh die Gemeinde Merlins in ihrer 2">l)jährigen Geschichte zu rühmen habe. Und es darf wohl darauf hingewiesen werden, daß bei den Krürtcrungcii über die inneren Ursachen des Zusammenbruchs von VXi3 keine Stimme, auch nicht im zionistischen Lager, laut wurde, welche diese geistige Kuianziputioii der Juden ungeschehen wissen wollte. Im übrigen ist dir Persönlichkeit Mendelssohns für uns religiös-liberale Juden aber auch in den Punkten von grülitem Interesse, in welchen die Liivollkonuuciiheit seiner jüdischen Persönlichkeit, man möchte sagen: ihr Rätselhaftes, hervortritt. Bekanntlich war Mendelssohn als Kind der Aufklärungsepoehe in seinem religiösen Innenleben, insbesondere in seiner Gottesauffassung und -Verehrung, durchaus von der Kntwickliuig des geistigen Lebens seiner Zeit beeinflußt und daher um Generationen getrennt von den dahingehenden Auffassungen und Lehren seiner StammcHgcnosseu in Deutschland. Das ist nun das 'Unerklärliche in KarM". zu Friedrich dem Groläen,'von Loyola zu Kant führte, durchgemacht hat, daß er aber glaubte, diese Entwicklung in seiner äußeren Lebenshaltung, in den Lebensformen von Familie und Gemeinschaft außer acht lassen zu können. Er hat daher die äußeren religiösen Formen bis ins Einzelne mit peinlicher Strenge durchgeführt. Und es ist nicht recht klar, ob er es getan hat, weil er die Diskrepanz zwischen Denken und Handeln nicht 'erkannte, (was unwahrscheinlich sein <liuTte\ oder weil die geistige Kraft seines individuellen Ichs so stark war. daß iliin daneben die jüdische Form nebensächlich und unerheblich war als Ausdriieksform individueller und -gemeinschaftlicher Frömmigkeit, und daß er sie lediglich als den berülitntcn ..Zaun um das Gesetz - ansah. In diesem Punkt haben die orthodoxen Itabbiuef seiner l äge klarer gesehen.' Sie haben dic- Eiuheillichkcil von jüdischer Frömmigkeit und jüdischer Form bejaht und um die alle "Form zu erhalten. . den W eg in die neue Frömmigkeit mit dem Ihuuistruhl zu verwehren geglaubt. Das wahrhaft Gcl'ähi-liehe der Diskrepanz zwischen Geist und l'oriji zei-le sich schon in der (Jeneralion nach Mendelssohn; Derjenige Teil, welcher den Wert der religiösen Form ebensowenig erkannte wie das speziell Jüdische in' Mendelssohns Geisligkeil. warf mit den alten Foni.cn das Judentum überhaupt über Ifor.l. Imifln--nieder kann nun .....I soll mau hier im den berühmten Kiusegnuugsbrief Abraham Mendelssohns . an seine Toehler Fannv erinnern, in dem' er ihr klnr. 7.11 machen sucht, daß er sie im Ghi-isteiitiim erzogen habe, weil es ..die Religion der meisten gebildeten 'Menschen sei. " Mtfh 'glaubte-eiicu <h»Wi* ii{-.er die. . Verschiedenheit der Heliuioncii hinüber eine freu: Goltcsverelu'iuig 'herbeiführen zu können, welcher die Form nichts bedeute. Daß diejenigen Männer der ersten Generalion des 1'). Jahrhunderts iihcrluuipl nicht als Mendelssohns Erben anzusehen «in.L welche die Stellung der Juden . lediglich vom'Standpunkt derstaatl'n-heii Emanzipation aus belrachlelen. braucht hier nicht besonders betont zu werden. Es ist «las gesdiichtlichc Verdienst des Hamburger Tempels und" in viel 'weiterem Maße Abraham Geigers, daß sie in voller W ürdigung der Notwendigkeit einer religiösen Form den Schrill nachgeholt haben, welchen .Meli-" ilclssolm noch nicht zu tun wagte, nicht nur den Gedanken, sondern auch die Form fortzuentwickeln. Wohin es führt, in freier Geisligkeil untf voller bürgerlicher Emanzipation starr au den Formen des Ghettos festzuhalten, dafür gibt das holländische Judentum, das ich erst kürzlich wieder beobuehtet habe, ein erschreckendes Beispiel. Kaum 7»/u der holländischen .luden hat das gesclzestrciie Judentum wirklich bei der allen Fahne halfen können: nur dieser geringe liruehteil ist es, der nicht nur mit dem Munde, sondern* im Leben wirklich noch dem alten Religi.m»- gesetz folgt. Der weitaus größte TeiF der holländischen Juden ist äußerlich und'innerlich dem Judentum völlig fremd 'geworden.; selbst die Führer der Gemeinden, die die orthodoxe Grundhaltung der jüdischen Gemeinde nicht laut genug preisen können, lehnen für ihre Person jede, auch'die geringste religiöse Hindling ab. Mau erlebt das sonderbare Schauspiel, daß Ehen, die selbst unsere konservativen Rabbiner'geschlossen haben, nicht als jüdische Ehen angesehen werden und verlangt eine Nachhohing der Trauung in Holland, andererseits aber beruft man in die Geiueiii.leleitung Männer großen geistigen Formats,,, erfüllt von jüdischer Wohltätigkeit, obwohl man weiß, daß sie nie die Synagoge besuchen* kein hebräisches Wort kennen, geschweige denn eines der Speise- oder Sabbatgesetze halten. Die Folgen zeigen sieh ..in dem , ungeheuerlichen Prozentsatz von Mischehen, die in Amsterdam 40«i/o, im Haag nicht viel weniger betrugen. Um so bedauerlicher und unverständlicher ist es, daß man dje Versuche, jüdisches Leben auf religiös-liberaler Oundlage wiederherzustellen ebenso bekämpft, " wie einst in Deutschland vor 120 Jahren die Rabbiner die Reform des Judentum» bekämpft haben. Hier hat man eben aus der Geschichte noch nichts gelernt. Ob wir Juden in Deutschland dieses Lernen aus ' der Geschichte an.uns schon, vollzogen haben, können wir auch nach den Ereignissen dieses Jahres als gewissenhafte Zeitbeobachter leider nicht unbeschränkt be-' jähen. Die Zeit ist noch zu kurz." um übersehen zu : können, ob die groß angekündigteg^bgche Renais-