Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, elfter Jahrgang 5625 (1864/65) (1865)
- Date
- 1865-01-01
- Page
- Seite 303 (sequence 323)
- Language
- German
- Belongs to
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303 so zu leben und nicht zu wissen, ob sie mir gestorben ist . . und lebt dabei ..." Der Baß nahm das Geld zu sich und brachte es in sichere Verwahrung. In der „Gasse" unterhielten sich aber die Leute mit der in allen Formen einer sicher verbürgten Thatsache verbreiteten Neuigkeit, David Brod werde es von nun an nicht mehr nöthig haben, Vorbeter zu sein; David Brod könne sich nun auf seine alten Tage pflegen und gütlich thun, denn seine Tochter, die häßliche Bella, schicke ihm nun Geld, so viel als er nur brauche, und die kleine Bella sei eine große Sängerin geworden! Seltsam! wie die Leute das wußten! Sie lasen kein gedrucktes Blatt; in ihre Stuben flatterte keiner jener pa- Piernen Boten, der ihnen Kunde brachte aus der großen und kleinen Welt; die Wenigsten unter ihnen ahnten, daß es außerhalb ihres mühevoll in Drangsal und Arbeit ringenden "Lebens ein Reich der Kunst gebe . . . und doch sprachen sie die Wahrheit. Das Kind des Vorbeters war in der That eine große Sängerin geworden. In einer großen Stadt Oberitaliens war eines Abends das ganze im Theater versammelte Publicum in der furchtbarsten Aufregung; man schrie, lärmte und pfiff, der Vorhang Wollte nicht in die Höhe gehen, die Stunde des Beginns war längst vorüber. Da, als der Lärm und das Toben alle Grenzen überschritt, trat der Impresario des Theaters unter tiefen Bücklingen vor die Lampen ans Orchester und meldete mit gramumhüllter Stimme: Er habe dem hochverehrten Publicum eine bedauerliche Mittheilung zu machen, die aber Niemanden tiefer und schmerzlicher berühre, als ihn selbst.