Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, elfter Jahrgang 5625 (1864/65) (1865)
- Date
- 1865-01-01
- Page
- Seite 296 (sequence 316)
- Language
- German
- Belongs to
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— 296 — „Lies mir das noch einmal vor. was sie über den alten Mann in der „goldenen Gasse" schreibt," sagte er. Der Baß folgte seinem Geheiß. „Merkwürdig, merkwürdig." murmelte David Brod vor sich hin, „sie weiß noch, wie ihr Vater heißt! Wie lange wird das noch dauern?" Dann stand er auf, und ging zur Laubhütte hinaus. Die Leute in der „Gasse" wußten sich den Trübsinn, der seit einiger Zeit um das Wesen ihres VorbeterS lag, nicht zu erklären! Wenn sie ihn fragten, wie es seinem Kinde in Prag gehe, so erzählte er ihnen die Geschichte von dem Gebetbuche, welches sie in der „goldenen Gasse" von einem alten Manne zum Geschenk erhalten. Er schien das Bedürfniß zu fühlen, gerade in diesem Punkte das Andenken seines Kindes von allem Verdachte frei zu bewahren! Die Leute sollten nicht glauben, seine Bella wandle bereits auf Abwegen, und immer war es die Geschichte von dem Gebetbuche, die er vorbrachte, als ob die Zukunft der künftigen Sängerin in den Zauberkreis jener Gebete eingeschlossen sei, die Bella am ersten Laubhüttentage „sich aufblatterte." Aber so seltsam geartet ist des Menschen Gemüth! Je öfters er diese Geschichte erzählte, desto weniger Eindruck machte sie auf die Leute. Merkten sie die Absicht des alten Mannes? Am Ende war es ihnen gleichgiltig, ob das gering geachtete Kind eines Vorbeters auf den althergebrachten Wegen der Gasse blieb, oder sich davon entfernte. Was wollte David Brod noch? Sein Kind stand im Schutze eines hohen Herrn — und war es nicht etwas Selbstverständliches, daß die Tochter eines Synagogensängers wider auch eine Sängerin werden sollte?