Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, elfter Jahrgang 5625 (1864/65) (1865)
- Date
- 1865-01-01
- Page
- Seite 283 (sequence 303)
- Language
- German
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283 „Sonderbar!" sagte er. „Da habe ich eben die alte Bunele getroffen, die Köchin ist bei der reichen Witwe Mindel Kollin, die ist gerade beim Rabbiner gewesen, und hat ihn gefragt, ob sie heute am Sabbat eine Henne darf schlachten lassen für ihre kranke alte Frau?" „Und was hat er darauf geantwortet?" ,,Sie soll ihn nicht erst fragen, hat er ihr sagen lassen—"' „Ausnahmen gibt es überall", meinte David Brod. „Das ist auch meine Meinung", sagte der Baß, die Hände wieder in einander reibend, „nur muß der Mensch es sich aufmerken, daß es Allsnahmen gibt." „Wie kommt da Eines zum Andern, Feiwelmann? Es kommt mir schon lang vor, Du hast Anlage zu einem Hochzeitsnarren; Du wirst noch Stiefel auf Leber reimen." „Dein Kind, David Brod, ist auch eine Ausnahme!" sagte Feiwelmann rasch, „es ist jetzt in einem Zustande, wo sein Gemüth unb seine Augen ganz anderswo sind, als hier da in Deiner feiertäglichen Stube. Wenn Du oder ich mit ihr sprechen, singt sie vielleicht innerlich ein Lied, Dll siehst nicht, daß ihre Lippen sich bewegen, und hörst keinen Laut. Und doch singt sie. Wie willst Du von ihr verlangen, daß sie genau weiß, wie ein Gelehrter, der über dem Talmud alt und grau geworden ist, was man an so einem Halbfeiertage thun oder nicht thun darf? Da hat sie ein Blatt Papier ergriffen, und hat etwas darauf geschrieben. Ich seh' eben das Kind auch wie eine Ausnahme an!" Wie alle Leute seines Schlages gab sich David Brod dieser Nutzanwendung einer Thatsache, blos weil sie ihm unerwartet kam, gefangen. In diesem Augenblicke dachte der Vorbeter gar nicht daran, daß sich gegen die kühn herbeigeführte Beweisaufstellung Feiwelmann's gar vielerlei einwenden