Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, neunter Jahrgang 5623 (1862-1863) (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 283 (sequence 303)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2609281-2609298--5263-2612613- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
283 ihren Stirnen leuchtet ein Licht, vor dem die Meisten wie vor einem geheimnißvollen, nicht zu erklärenden Schimmer scheu zurücktreten. lind Sarah kämpfte allein! Es muß übrigens gesagt werden, daß seit jenem Sabbatabend zwischen den beiden Eheleuten in Beziehung Christians niemals mehr ein Wort der Erbitterung fiel. Stillschweigend nahm Wolf von diesem Augenblicke die nicht mehr zu ändernde Thatsache hin, er war nicht beschwichtigt, viel weniger beruhigt. Er setzte Sarah keinen Widerstand entgegen, aber er unterstützte sie auch nicht. Er bewunderte ihre Ausdauer und Geduld, aber er that sich auch etwas zu gut darauf, daß er seinen Schwur hielt. Zm llebrigen hielt er fest an dem niemals wieder aus seiner Seele zu bannenden Spruche, was Sarah thue, sei gegen die Natur, und werde nicht gut endigen. Nur an dem Sterbetage der alten Babe waren die bösen Geister jenes Sabbats wieder in ihm laut geworden; die alte Frau war, ohne daß eine Krankheit vorhergegangen wäre, in das Jenseits hinüber entschlummert. Aber einige Tage vor ihrem Tode mochte sie gefühlt haben, daß ihre Lebensstunden gezählt waren, und sie hatte darum ihre letztenBerfügungen getroffen. Sie that das in einer Weise, daß eigentlich Niemand ihre Absicht errieth. Erst als sie in der kühlen Erde lag, ergab es sich, daß sie die sechsreihige Granatenschnur, die ihr höher als ein Königsschmuck gegolten, an ein anderes Enkelkind, die Tochter ihres bereits verstorbenen Sohnes, verschenkt hatte. Sarah war leer ausgegangen. AlsWolfdie müder Granatenschnur geschmückte Frau an einem der nächsten Sabbate in die Weiberschule gehen sah, kochte es in ihm wild auf und er fühlte ein Gelüste in sich, den seiner Sarah von Rechts- und Gotteswegen gehörigen Schmuck vom Halse der Verwandten hcrabzureißen. Es war nicht Neid, was ihn erfüllte, vielmehr der dunkle Gedanke, daß diese Granaten an einem fremden Leibe ihn immer wieder an die verhängnißvolle Prophezeiung der