Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, neunter Jahrgang 5623 (1862-1863) (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 262 (sequence 282)
- Language
- German
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262 Unkrautes unversehens zwischen der grünen Saat emporschießt. Ein namenloses Kind, mußte sie sich aber sagen, hat keine Heimat! Das einzige Eigenthum, das Christian von seinen Eltern überkommen hatte — das hatte sie ihm aus unverzeihlicher Scheu vor den Worten einer alten Frau vorenthalten! Nun wußte sie es wohl, wie sie die vermeintliche Verstocktheit und Verschlossenheit des Knaben sich zu erklären habe: das Kind hatte, als sie ihm endlich in unvermuteter Weise seinen Namen gab, erkannt, daß es bis dahin ein fremder, aus Mitleid geduldeter Gegenstand ihres Hauses gewesen war! Wäre ihr eigenes Kind, die schelmische Lea, in einem ähnlichen Falle nicht einer gleichen Umwandlung und Verschlimmerung des Gemüthes anheimgefallen? So rang sich das einfache Gemüth dieser Frau allmälig aus den Nebeln hervor, die ihr klares Fühlen bis jetzt noch umhüllt hatten; sie gewann schrittweise die Kraft und Fähigkeit, die Eigenthümlichkeiten des fremden Kindes zu erfassen und sie in Einklang zu bringen mit den Plänen für die Zukunft desselben — Gedanken und Träume, die in immer deutlicherer und faßbarerer Gestalt an sie heramraten, um nicht mehr von ihr zu weichen! Es gibt eine Kraft im Menschengemüthe, die aus unsichtbaren Quellen ihre Nahrung zieht, und oft das Schwerste verrichtet, die Kraft nämlich, vor dem Gebilde der Zukunft nicht zu erschrecken. Was wäre die Begeisterung für eine Sache, an die man sein Herzblut setzt, ohne diese geheimnißvoll wirkende Fähigkeit, die Schrecken der Gegenwart über den winkenden Sternen der Zukunft zu übersehen? Was wären alle Flammen der Liebe, was wäre das Schicksal des nach Befreiung ringenden Menschenthums? Ein Zrrwischlicht im moorigen Sumpf, ein kurzer Wintertag mit der daraus folgenden eiskalten Nacht! Nur Wenigen ist diese Kraft verliehen, und sie sind nicht die Glücklichen dieser Erde, denn sie umhüllt ein Wehe, das so alt ist, wie die Menschheit selbst, das Wehe, offene Augen zu