Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, neunter Jahrgang 5623 (1862-1863) (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 234 (sequence 254)
- Language
- German
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234 Wolf Ungar, der Gemeindediener, wohnte übrigens in jenem Hause nicht allein; sein Nachbar unter demselben Dache war der Schustermeister Johannes Wurma, oder wie er in der Gaffe kurzweg hieß: HonLa Schuster. Auch dieser hatte Weib und Kind, aber weil er dem Trünke ergeben war, nahm er in der Achtung Wolf llngar's keine hohe Stufe ein. Oft wenn Wolf vor Tagesgrauen, wenn noch die Sterne am Himmel funkelten, aufstand, um mit seinem hölzernen Hammer die schlaftrunkene Gasse zum Gottesdienste wachzurufen, taumelte ihm der trunkene HonLa entgegen. Dann empfand der Gemeindediener ein Gefühl von Abscheu, daS einen etwas aristokratischen Beigeschmack hatte. Er wußte in diesem Augenblicke mit aller Klarheit, daß er einem „auserwählten" Volke angehöre, dem es ein Gräuel ist, .in den Wirthshäusern die Nächte durchzuschlemmen. Wolf Uügar wollte am nächsten Morgen frühe aufstehen, denn es war „Fasttag der Königin Esther", der schon mit Tagesdämmerung beginnt. Mitten in der Nacht wachte er auf, und wunderte sich darüber, denn, pflegte er später immer zu sagen, sein Hammer und sein Schlaf seien pünktlich wie eine Uhr, die nicht zu spät und zu ftühe gehe. Zn demselben Augenblicke fuhr auch seine Frau aus dem Schlummer. „Hörst Du nichts, Sarah?" rief er. „Ich Hab' gerad' meine gute Mutter gesehen, die da draußen auf dem guten Ort' liegt," meinte sie, indem sie sich in die Höhe richtete. Eine unerklärliche Ahnung nöthigte Wolf Ungar, das Bett zu verlassen; er zündete mit Hilfe eines Schwefelfadens Licht an, was eine geraume Zeit in Anspruch nahm. Beim ersten Aufflackern der Kerze schrie sein vierjähriges Töchterchen, die kleine Lea, die neben der Mutter im Bette lag, angstvoll und in Tönen, wie er fie noch niemals vernommen: