Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, achter Jahrgang 5622 (1861-1862) (1861)
- Date
- 1861-01-01
- Page
- Seite 197 (sequence 221)
- Language
- German
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197 Mit lauter Stimme ruft der Borbeter auf dem »Almemor«, wie die in der Mitte der Synagoge angebrachte Erhöhung heißt, die Leute aus, denen die besondere Ehre angethan wird, vor die pergamentene Rolle des ans dem Sinai geoffenbarten Gotteswortes treten zu dürfen. Hie und da recken sich die Köpft höher, spitzen sich die Ohren, um zu hören, welche Opferspenden der Aufgerusene für diese oder jene Wvhlthätigkeitsanstalt gelobt hat. Denn mit lauter Stimme verkündigt der Borbeter die ihm von den Ausgeruftnen ins Ohr geflüsterten Gaben bei Heller und Kreuzer. Das Schwirren und Sumsen dauert fort, droben, wo die Frauen sitzen, hat das Kichern und Plaudern bereits einen so bedrohlichen Character angenommen, daß sich der Bethausvorsteher veranlaßt steht, mit einem grimmigen Blicke nach dem Gitter der Gallerie und einem kräftigen Schlage auf den vor ihm stehenden »Ständer« ein weithinschallendes »Scha« zu rufen, das zur Ruhe gemahnte. Jetzt ruft der Borbeter als den Dritten einen Namen, bei dessen Nennung wie aus ein gegebenes Zeichen athemloft Stille in der weiten Bethalle eintritt. Bon einem jungen Manne geleitet, in dem wir unfern Ephraim erkennen, wankt ein gebrochener alter Mann mit schneeweißen Haaren die Treppen des Almemors hinan. Mit zitternder Stimme spricht er den ersten Segensspruch über die heilige Rolle, die »Gott, unser Herr, der uns erwählt hat von allen Völkern, uns gegeben hat,« worauf der Vorbeter den dritten Theil des Wochenabschnittes zu lesen beginnt. Als er geendigt, erhebt sich wieder die zitternde Stimme und spricht den Nachsegen, der den »Herrn der Welt preist, der die Thora gegeben, darin die Wahrheit ist und der Keim des ewigen Lebens.« Noch immer die tiefste Stille! Da erhebt sich wieder die zitternde Stimme des alten Mannes mit den schneeweißen Haaren und beginnt das »Dankgebet nach iiberstandener Gefahr«. Es lautet: »Gelobt seift Du Gott, unser Herr, Herr der Welt, der sich