Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, achter Jahrgang 5622 (1861-1862) (1861)
- Date
- 1861-01-01
- Page
- Seite 161 (sequence 185)
- Language
- German
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161 fremdes Eigenthum sich heranwagt, überschritt, stand vor achtzehn Zähren eine schöne Frau, die ihm mit hochgcrötheten Wangen einen zappelnden Knaben entgegenhielt, damit er sich schon aus der Ferne überzeuge, Mutter und Kind seien wohlauf und gesund. Weit und breit konnte man in ganz Böhmen »Gaffe« auf und »Gasse« nieder suchen, bis man ein schöneres und glücklicheres Paar fand. Don Anschel hieß es, er sei ein »Barjin«, wie es keinen zweiten in der Welt mehr gebe, eine jener tüchtigen und unternehmenden Naturen, denen kein Baum zu hoch und kein Graben zu tief ist, um hinauf- und hinüberzukommen. Er bewies dies am schlagendsten dadurch, daß er die Liebe seiner Frau Gudule gewann, deren Augen förmlich weltberühmt waren. Von ihnen hieß es nämlich, wer lange in diese Rügen hineinsehe, dem erscheine die Welt ganz anders! Es wurde Einem dabei ganz besonders zu Muthe, und wer sich lange nachher den gehabten Eindruck recht vergegenwärtigen wollte, war es nicht im Stande. Man konnte wirklich an nichts Böses denken, wenn man an Gudule's Augen dachte. Auch für Anschel hatten in den ersten Jahren seiner Ehe diese unergründlich braunen und treuen Augen seiner Frau, in die er länger als jeder Andere blicken konnte, den vollsten Zauber ihrer Gewalt. Später behauptete er von denselben Augen, sie wären an seinem Unglücke Schuld. Und es verhielt sich in der That so; es läßt sich mit wenigen Worten kurz erzählen. Gudule stammte nicht aus der Gemeinde, in der Anschel einheimisch war. Ihr Later war ein reicher Randar aus einem Dorfe in »Unterböhmen«, das ganz abseit von dem bewegten Treiben der großen Gemeinden lag. Dennoch war der einsame Randarhof mit seiner schönen Tochter ein Ort, wohin sich sämmtliche »Jungen« wie zu einem Stelldichein zur Beschau einsanden. Sonderbar! Niemand fand vor Gudule's Augen Gnade als der »wilde Anschel« — vor dem sie am meisten gewarnt worden war. Jahrb. f. Jsr. 1862. 11