Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, achter Jahrgang 5622 (1861-1862) (1861)
- Date
- 1861-01-01
- Page
- Seite 159 (sequence 183)
- Language
- German
- Belongs to
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159 tijerbe ich niemals ins Gesicht sehen, von mir wird er kein liebes Wort hören. Er hat unsere Mutter unglücklich gemacht, . . unsere gute, gute Mutter, er hat sich und uns um die Ehre gebracht. Das kann ich nicht vergessen, Ephraim, niemals . . niemals.« »Spricht so ein Kind?« sagte Ephraim mit bebender Stimme. »Ja, wenn sich das Kind seines Vaters zu schämen hat,« ries Veilchen. »Dann hast Du leider vergessen, was unsere Mutter aus dem Sterbebett zu Dir und mir gesagt hat. Weißt Du noch, wie ihre dünnen Lippen gezittert haben, wie sie noch einmal die Augen aufgeschlagen hat. . wie sie sich gewaltsam in die Höhe gehoben und gesagt hat: Kinder, mein ©’djug wird Euch beistehen, und auch eurem Vater. — Veilchen, hast Du das vergessen?« Es mußte eine seltsame Bedeutung in dem fremdartigen Worte für die beiden Geschwister liegen. — Wer etwa eine Stunde später in ihre Stube hätte eintreten können, dem wäre ein seltsam ergreifendes Bild entgegengekommen. Veilchen saß aus dem Schooße ihres Bruders, die Arme um seinen Hals geschlungen, während dieser mit einer Zärtlichkeit, wie sie nur ein älterer Bruder für seine Schwester in gleicher Reinheit empfindet, dieHaare des Mädchens glättete, Worte flüsternd, die zu heimlich klangen, als daß sie ein anderes Ohr als Veilchens hätten berühren können. Der Käfig am Fenster stand leer. ... In der Nacht, die diesem Sabbate folgte, blieb Ephraim bis gegen zwölf Uhr wach. Erwartete er denjenigen, für dessen Freiheit er das geliebte Canarienvögelchen seiner Schwester hingegeben hatte? Veilchen selbst schlief; aus der benachbarten Kammer konnte er die tiefen Athemzüge ihres gesunden Schlafes belauschen. Draußen in der »Gasse« waltete die tiefste Nachtruhe. Da ging Ephraim zu dem alten Schranke, der neben der Thüre stand, schloß ihn leise auf und holte ein dickes Buch hervor, das er vor sich aus den Tisch legte. Er